Berlinale-Bilanz Das richtige Festival, die falschen Preisträger

Die 62. Berlinale hatte alles, was dieses Filmfestival braucht: Starke, politische Filme von jungen, engagierten Filmemachern im Wettbewerb. So kann es Berlin locker mit Cannes und Venedig aufnehmen. Schade nur, dass die Jury unter Mike Leigh ihre Bären so konservativ vergeben hat.

Von


Das Schöne an der Berlinale ist ja: Es kommt immer anders, als man denkt. Und die Jury, das ist ihr Job, entscheidet oftmals nach anderen Kriterien als der Kritiker. In der Jury finden sich Künstler und Filmemacher, die über die Kunstwerke anderer Filmemacher richten, das ist etwas ganz anderes, als wenn man als Journalist über einen Film urteilt. Dennoch ärgert man sich oft, wenn die eigenen Favoriten am Ende leer ausgehen - und in diesem Jahr kann man sich darüber ganz besonders ärgern. Der Goldene Bär für das Gefängnis-Drama "Cesare deve morire" ("Caesar Must Die") von Paolo und Vittorio Taviani ist eine leider sehr konservative Wahl in einem Wettbewerb voller junger, engagierter und politischer Filme.

Natürlich ist nicht alles schlecht: Der silberne Regie-Bär für Christian Petzold und sein konzentriert erzähltes DDR-Drama "Barbara" ist hochverdient und sehr erfreulich. Unter den Kritikern aus aller Welt, die dieses Jahr die Berlinale besuchten, galt Petzolds Film als einer der besten Beiträge des Wettbewerbs, es ist sehr schade, dass er nicht zusätzlich den Hauptpreis bekommen hat. Auch der Grand Prix der Jury für Bence Fliegaufs eindrückliches Drama über die Verfolgung der Roma in Ungarn, "Csak a Szél", ist gut und richtig, obwohl auch Fliegauf, der seinen ebenso poetischen wie verstörenden Film unter den misstrauischen Augen der rechtsnationalen Regierung drehen musste und gleichzeitig staatliche Filmförderung erhielt, für sein mutiges Werk den Goldenen Bären verdient hätte.

Aber es sollten eben die altehrwürdigen Taviani-Brüder sein. In den siebziger und achtziger Jahren drehten die beiden Regisseure, heute über 80 Jahre alt, starke, hinreißende Filme, darunter das Vaterdrama "Padre Padrone", das mit der Goldenen Palme in Cannes belohnt wurde, und "Die Nacht von San Lorenzo" über den Widerstand gegen das faschistische Regime im Italien der vierziger Jahre. Seitdem haben die Tavianis keine besonders auffälligen Filme mehr gedreht. "Cesare deve morire" ist ein grundsolides, teils auch berührendes Drama, aber der Film erzählt ein altmodisches Thema mit altmodischen Mitteln.

Taviani-Film war einer der schwächsten Beiträge

Durch Zufall stießen die beiden Kino-Veteranen auf die regelmäßigen Theaterinszenierungen im römischen Hochsicherheits-Gefängnis Rebbibia, sie waren beeindruckt, mit welcher Hingabe die Insassen Dantes Inferno rezitierten, und beschlossen, einen Film über die Entstehung des Knast-Schauspiels zu drehen. Shakespeares "Julius Cäsar" sollte gegeben werden, regten sie an, weil die teils zu lebenslangen Haftstrafen verurteilten Mörder und Mafiosi in Rebbibia in den römischen Ehrenmännern, die zu politischen Attentätern werden, am meisten Identifikations-Potential finden würden. Tatsächlich ist es packend, wie sich die Verbrecher in Brutus, Cassius und Antonius hineinfinden, sie werden bei den Proben in ihren Zellen und auf dem Hof in strengem Schwarzweiß gefilmt. Einer von ihnen, er sitzt schon seit Jahren ein, sagt in einer Szene, seit er mit dem Theaterspiel die Kunst kennengelernt hat, komme ihm seine Zelle erstmals wie ein Gefängnis vor.

"Die Kinozuschauer sollen darüber nachdenken, dass auch ein Häftling, auf dem eine große Strafe lastet, ein Mensch ist und bleibt", erklärten die Tavianis bei der Preisverleihung am Samstagabend im Berlinale-Palast ihren Film. Das ist ein ehrenwertes und sehr humanistisches Ansinnen, ohne Frage, aber einen solchen Film hätten die alten Herren auch schon in den Sechzigern drehen können, er hat wenig mit den aktuellen Krisen und Problemen auf der Welt zu tun. Zudem bietet "Cesare deve morire" dem Zuschauer nur wenig Möglichkeiten, sich mit den Insassen wirklich zu identifizieren: Die meisten Dialoge stammen aus dem Stück, zwischen den Proben hört und sieht man von den Darstellern zu wenig, um ihre emotionalen Zustände nachvollziehen zu können.

So setzte die Jury um den britischen Sozialdrama-Spezialisten Mike Leigh, zu der unter anderem die Filmemacher Francois Ozon, Asghar Farhadi sowie die Schauspielerin und Musikerin Charlotte Gainsbourg und der Fotograf Anton Corbijn gehörten, mit ihrer Entscheidung für die Tavianis einen falschen Akzent in einem Wettbewerb, in dem "Cesare deve morire" zu den schwächsten Beiträgen gehörte.

Reaktionäres Votum der Juroren auch bei den Darstellerpreisen

Auch der Darstellerpreis und der Drehbuch-Bär für das dänische Historiendrama "En kongelig affære" ("Die Königin und der Leibarzt") passt in das eher reaktionäre Votum der Juroren. Statt ein so gediegenes, fast schon braves Mainstream-Kino über eine Liebesaffäre zwischen einem aufklärerischen Arzt am streng kirchentreuen Hofe Dänemarks gleich zweimal auszuzeichnen, hätte man eher dem griechischem Religionsspiel "Metéora" oder gar Brillante Mendozas philippinischem Entführungstrip "Captive" mit einem Preis bedenken sollen. Beide Filme stehen für einen hervorragenden Berlinale-Jahrgang, der 18 Weltpremieren von größtenteils jungen Filmemachern zeigte, darunter so ungewöhnliche Beiträge wie die Tiergarten-Parabel "Postcards from the Zoo" des indonesischen Regisseurs Edwin oder das schweizerische Prekariatsdrama "L'enfant d'en haut", das eindrücklich von sozial schwachen Menschen am Rande nobler Skiorte erzählt. Immerhin bekam Ursula Meiers zweite Regie-Arbeit den Silbernen Bären für die besondere Erwähnung der Jury.

Hauptdarstellerin Léa Seydoux, wenn nicht gar ihr junger Filmpartner Kacey Mottet Klein, hätten einen Schauspielerpreis vielleicht noch eher verdient als die mit dem Silbernen Bären ausgezeichnete Rachel Mwanza, die im kanadischen Beitrag "Rebelle" eine afrikanische Kindersoldatin spielt. Ein Alibi-Preis, denn eigentlich sind Form und Thema des Films von Kim Nguyen viel preiswürdiger als die Darstellung der in Kinshasa von Kim entdeckten Mwanza. Statt ihrer hätte man auch eine der anderen, sehr starken Frauen in diesem Wettbewerb würdigen können, darunter die Newcomerin Agathe Bonitzer, die im französischen Film "À moi seule" eindrucksvoll ein entführtes Mädchen spielt. Auch bei den Schauspielern hätte es verdientere Preisträger gegeben als den zugegeben lustigen Königs-Darsteller Mikkel Boe Følsgaard aus "En kongelig affære".

Die seltsame Mutlosigkeit der Jury ändert aber nichts daran, dass sich die in den vergangenen Jahren vielfach kritisierte Berlinale in diesem Jahr als kraftvolles und engagiertes Filmfestival präsentiert hat, das mit Filmen wie "Barbara", "L'enfant d'en haut", "Metéora", "Csak a Szél" oder "Rebelle" gezeigt hat, dass es inhaltlich mit den ewigen Konkurrenten Cannes und Venedig mithalten kann.

Nur ein US-Film im Wettbewerb - sie wurden nicht vermisst

Das Beste, was der Berlinale in ihrer schwierigen Terminlage zwischen Sundance und Oscars passieren kann, ist, dass man die amerikanischen Filme im Wettbewerb nicht vermisst, und so war es in diesem Jahr: Billy Bob Thorntons "Jayne Mansfields Car", der einzige US-Beitrag, bot grandiose Schauspieler, darunter Altstar Robert Duvall, den man auch gerne mit einem Bären gesehen hätte, und ein schweres Thema, das leichtgängig, aber intensiv inszeniert wurde - angesichts des starken europäischen und asiatischen Kinos, das zu sehen war, wirkte er jedoch fast schon ein wenig überflüssig. Das zeigt: Dieter Kosslick und sein Auswahl-Team befinden sich auf dem richtigen Weg. Viele der hier gezeigten Filme werden mit Sicherheit in den kommenden Monaten ihren Weg ins Kino oder auf andere Festivals finden, so stärkt die Berlinale ihren Einfluss und gleichzeitig das Publikumsinteresse für das internationale Arthouse-Kino.

Auch die mit drei Filmen hohe Anzahl deutscher Beiträge war in Ordnung, selbst wenn am Ende nur Christian Petzolds "Barbara" wirklich überzeugen konnte. Sich hier in den kommenden Jahren noch intensiver von den etablierten Regisseuren zu lösen, um neuen Talenten mehr Raum im Wettbewerb zu geben, wäre sicher ratsam und mutig. Es muss ja nicht gleich ein Selfmade-Berserker wie Klaus Lemke sein, aber mehr Maren Ade und Valeska Grisebach als Glasner und Schmid schadet sicher nicht.

Dieses Jahr meckern wir also fast gar nicht über das Festival, dieses Jahr meckern wir zur Abwechslung mal über die Jury - es kommt eben immer anders, als man denkt. Wir freuen uns auf die nächste Berlinale.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pförtner 19.02.2012
1. Berlinale
ich habe oftmals das gefühl, uns die wir die Filme sehen solöen, wird ein Bären aufgebunden.
guenhon 19.02.2012
2. jung, jung, jung
In dem Artikel kommt mindestens 10x das Wort "jung" vor. Wie stellt sich das der hoffentlich auch sehr junge Autor vor? Die Berlinale als Karrieredienst für natürlich ausschließlich "junge" Filmemacher? Dafür ist die Berlinale doch eine Nummer zu groß und auch zum Glück einfach zu seriös, um hier Maßstäbe wie "Alter des Filmemachers" oder "Alter des Themas" zu ernsthaften Kriterien zu machen. Was soll das sein? In anderen Ländern nennt man das zurecht Altersdiskriminierung. Und nebenbei: es gibt keine "alten" oder "jungen" Themen, sondern nur menschliche und Vittorio Taviani's Beitrag ist von einer tiefen Humanität geprägt - von einer Humanität, die einem - man muss es sagen - leicht faschistoiden Jugendkult, den man vor allem in Deutschland erlebt - leider völlig abgeht.
Lenart 19.02.2012
3. cineastisch oder konservativ?
Zitat von sysopdapdDie 62. Berlinale hatte alles, was dieses Filmfestival braucht: Starke, politische Filme von jungen, engagierten Filmemachern im Wettbewerb. So kann es Berlin locker mit Cannes und Venedig aufnehmen. Schade nur, dass die Jury unter Mike Leigh ihre Bären so konservativ vergeben hat. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,816194,00.html
Manch einer mag nicht verstehen, das Filme nicht nur wegen eines aktuellen Themas interessant sind, sondern auch wegen guter Geschichten. Wer aktuelle Themen aus aller Welt sucht, sollte dem Dokumentarfilm mehr Beachtung schenken...
andrewsaid 19.02.2012
4. Falscher Preis wegen falscher Zeit?
Sehe ich das dann auch richtig, dass Schindlers Liste damals laut SPON niemals hätte den Oscar als bester Film kriegen dürfen, weil er politisch einfach gerade nicht die Zeit wiederspiegelt? Oder ist es laut SPON-Redaktion etwa so, dass nur Filme, die gerade politisch Aktuell sind einen Preis verdienen? Nehmen wir mal den französischen Film "Ziemlich beste Freunde". Hat der Film denn nicht jedes Jahr die Chance jeden Preis abzusahnen, da soziale Minderwertigkeit, wie sie von Philippe´s Bekanntschaft zelebriert wurde auch heute noch ein sehr präsentes Thema ist? Ich finde, dass der politische Hintergrund eines Films niemals die Grundlage dafür sein sollten, welchen Preis man nun bei einer FILMverleihung bekommt. Kunst ist Kunst und Politik ist Politik. Da müssen wir diese Form der Kunst nicht auch noch mit dem politischen Müll vollstopfen. Das interessiert den Großteil alles sowieso nicht und zweitens schreiben schon genug Leute über diese Themen in genug Zeitschriften die keiner liest.
Andree Barthel 19.02.2012
5. *
Der Autor sollte sich lieber fragen, warum zwei 80-jährige sich in einem Filmgenre, das eigentlich den jungen Leute vorbehalten ist, versuchen. Die Alten machen die Experimentalfilme, während die Jungen großes Kino produzieren. Und dann behauptet der Autor gar, die Preise seien „so konservativ“ verliehen worden. Absurd.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.