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17. Februar 2013, 07:50 Uhr

Berlinale-Bilanz

Bären für 17.000 Euro und ein paar Laien

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Ein rumänisches Familienporträt und ein bosnisches Sozialdrama mit Laiendarstellern sind die großen Gewinner der 63. Berlinale. Aufregendes Kino aus Osteuropa dominiert den Wettbewerb des Festivals - und sticht den enttäuschenden deutschen Film aus.

Zu meckern gibt es immer viel: Der Eröffnungsfilm "The Grandmaster" von Jurypräsident Wong Kar-wai lief schon drei Monate in China regulär im Kino, bevor er auf der Berlinale seine "internationale Premiere" außer Konkurrenz feierte? Blöd. Der Fracking- und Heimatfilm "Promised Land" von Matt Damon und Gus Van Sant? Pfff, auch keine Weltpremiere, läuft schon in den USA. Und Steven Soderberghs vielleicht letzter Film, der clevere, aber überladene Pharmazie-Thriller "Side Effects"? Schock: Auch er hatte nicht in Berlin seine Uraufführung.

Klar, so etwas ist unglücklich für ein Filmfest, das seit einigen Jahren darum kämpfen muss, seinen Rang als A-Festival neben Cannes, Venedig und Toronto zu behaupten. Man kann darüber nun dauerhaft klagen und zetern und Festivalchef Dieter Kosslick dafür kritisieren, aber ändern lässt sich nichts an der terminlichen Notlage, die dazu führt, dass immer weniger Weltpremieren nordamerikanischer Filme in Berlin stattfinden.

Die Preis-Saison der Amerikaner beginnt immer früher, was die Berlinale als Schaukasten uninteressant macht. Das Sundance-Festival schnappt sich Ende Januar alles, was noch nicht zuvor in Toronto war und nicht schon von Cannes-Chef Thierry Fremaux für sein sonniges Filmfest an der Côte d'Azur optioniert wurde. Verschieben kann man die Berlinale allerdings auch nicht, das würde den florierenden Filmmarkt, ein wichtiger Motor des Festivals, empfindlich stören.

Aber Jammern hilft auf Dauer eben auch nicht weiter. Dieter Kosslick und sein Auswahlteam haben es geschafft, die Berlinale in den vergangenen Jahren behutsam neu auszutarieren, Schwerpunkte zu verschieben und eher nach interessanten Filmen aus Asien und Osteuropa zu suchen, als sich - zumeist vergeblich - nach den wenigen Perlen des klassisch-europäischen Autorenfilms und der begehrten amerikanischen Ware zu strecken.

Ganz ohne Glamour auf dem roten Teppich geht es aber auch nicht, daher lädt man pragmatisch internationale Stars wie Matt Damon oder Catherine Deneuve ein und zeigt ihre Filme dann eben nicht als Uraufführung. Im Wettbewerb der Berlinale, das zeigte dieser 63. Jahrgang, spielt der tradierte Festivalfilm keine wichtige Rolle mehr: Die wenigen US-Beiträge, Soderberghs "Side Effects", Fredrik Bonds Debüt "The Necessary Death Of Charly Countryman" und David Gordon Greens schönes, aber letztlich belangloses Buddy-Movie "Prince Avalanche", gehörten zu den Enttäuschungen des Festivals. Und auch der Koreaner Hong Sangsoo ("Nobody's Daughter Haewon") und der Belgier Bruno Dumont ("Camille Claudel 1915"), beide internationale Festival-Schwergewichte, lieferten in Berlin nur Lauwarmes ab.

17.000 Euro und ein Laiendarsteller

Der Fokus dieser Berlinale lag dafür umso mehr auf engagierten und aufregenden Filmen aus Osteuropa, die am Samstag folgerichtig von der Jury mit Silbernen und dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurden: Der Gewinnerfilm "Pozitia Copilului" ("Child's Pose") von Regisseur Calin Peter Netzer erzählt eindrucksvoll verwackelt von der erstickenden Macht einer überambitionierten Mutter - und wirft nebenbei ein Schlaglicht auf die sozialen Spannungen zwischen reichem und armem Rumänien. Im Teddy-prämierten polnischen Drama "W Imie…" ("In The Name Of…") bildet Regisseurin Malgoska Szumowska das ergreifende Schicksal eines schwulen Priesters ab - und konfrontiert gleichzeitig die katholische Kirche mit ihrer eigenen Bigotterie. Der russische Film "Dolgaya schastlivaya zhizn" ("A Long And Happy Life") erzählt in nur 77 Minuten weitaus packender von Landenteignung und Farmer-Not als "Promised Land" in zwei Stunden.

Herausragend aus dieser Reihe starker Filme und zu Recht mit dem Großen Preis der Jury prämiert ist der bosnische Beitrag "Epizoda u zivotu beraca zeljeza" ("An Episode In The Life Of An Iron Picker") von Oscar-Gewinner Danis Tanovic ("No Man's Land"). Aufgrund eines Zeitungsartikels, der ihn zutiefst empörte, reiste der Filmemacher mit nur 17.000 Euro Budget, Mini-Team und digitaler Handkamera in ein bosnisches Roma-Dorf, um den Ausschnitt aus dem harten Leben einer Familie zu einem berührenden Spielfilm zu machen: Nazif ernährt seine Frau Senada und seine beiden kleinen Töchter mühsam, indem er auf Müllhalden Metall sammelt und es dem örtlichen Schrotthändler zum Verkauf anbietet. Der Film eröffnet mit einer eindrücklichen Sequenz, in der Nazif und ein Freund ein Auto in seine Einzelteile zerlegen - mit bloßen Händen, einer Axt und einem Hammer.

Als die erneut schwangere Senada eine Fehlgeburt erleidet und droht, innerlich zu verbluten, wird er nach stundenlanger Fahrt im Krankenhaus abgewiesen: keine Krankenversicherung, kein Geld, keine Behandlung. Verzweifelt mobilisiert Nazif Freunde, Familie und letztlich sogar einige Hilfsorganisationen, um das Leben seiner Frau mit dem kleinen, aber dennoch zu teuren Routineeingriff retten zu können. Um größtmögliche Authentizität zu schaffen, ließ er die echten Personen sich selbst spielen. Nazif Mujic gelang das so anrührend, dass er den Silbernen Bären erhielt.

17.000 Euro und ein Laiendarsteller reichen aus, um millionenschwere Arthouse-Produkte auf einem großen Filmfestival auszustechen, wenn eine bewegende Geschichte formal und ästhetisch hochwertig erzählt wird. Das ist die Botschaft dieser Berlinale-Jury an all die Filmemacher in den von Cannes und Venedig oft missachteten Regionen Osteuropas, deren Bevölkerungen mit den sozialen Verwerfungen des Postkommunismus kämpfen. Ein gutes und wichtiges Signal, das einem neuen Selbstbewusstsein des Festivals entgegenkommen könnte.

Hallo, Amerika, ihr bekommt sogar Preise!

Denn die Berlinale hat wie kein anderes Festival die Möglichkeit, politisch relevante und gesellschaftlich reflektierende Filme einem großen Publikum zugänglich zu machen. Anders als in Cannes oder Venedig bleiben die Wettbewerbsfilme nicht den Einkäufern und Journalisten vorbehalten, sondern können noch während des Festivals von interessierten Kinofans gesehen werden, die nicht abwarten, ob und wann die Filme einen Verleih finden und regulär ins Kino gelangen - ein großartiges Alleinstellungsmerkmal der Berlinale.

Einen Kritikerfavoriten wie das chilenische Frauendrama "Gloria", dessen charmante Hauptdarstellerin Paulina García mit dem Silbernen Bären als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, abseits des Festivalzentrums bei einer der beliebten Publikumsvorführungen der Reihe "Berlinale goes Kiez" sehen zu können, so viel Nähe und Austausch mit dem Normalbürger-Publikum gibt es nur in Berlin. So erhält auch ein politisches Statement wie die Wettbewerbsteilnahme des in Iran mit Berufsverbot belegten Regisseurs Jafar Panahi mit seinem grandios minimalistischen Selbstporträt "Pardé" ("Closed Curtain") schnell viel berechtigte Aufmerksamkeit. Die Jury zeichnete Panahis in einem entlegenen Ferienhaus gedrehten und klandestin außer Landes geschmuggelten Film mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch aus.

Auf diese Kompetenz, Öffentlichkeit für interessante, kleine, humanistisch motivierte und künstlerisch ambitionierte Filme zu schaffen, sollte die Berlinale auch in Zukunft setzen. Dann gibt es auch nichts zu meckern.

Außer vielleicht, dass der verschenkte Regie-Bär für David Gordon Green, dessen "Prince Avalanche" das Remake eines isländischen Films ist, als allzu durchschaubares Lockangebot ans US-Kino zu deuten ist: Bringt Eure Filme bitte-bitte nach Berlin; Ihr bekommt dann sogar Preise!

Ein paar Worte zum Drama des deutschen Films

Und das deutsche Kino auf der Berlinale? Zwei deutsche Wettbewerbsfilme gab es, den furchtbar unterkühlten und erschreckend hüftsteifen Berliner-Schule-Western "Gold" von Thomas Arslan und das ärgerlich überkonstruierte Südafrika-Gewaltdrama "Layla Fourie" von Pia Marais - so dürftig präsentierte sich der deutsche Film selten in den vergangenen Berlinale-Jahren, während interessantere Produktionen wie Oskar Roehlers Westdeutschland-Panorama "Quellen des Lebens" außen vor blieben. Warum nicht auch hier mehr Mut zeigen und Outsider wie Klaus Lemke in den Wettbewerb einladen? Warum der hervorragenden Nachwuchsschmiede "Perspektive Deutsches Kino", dem Forum oder dem Panorama die ganzen kleinen, einheimischen Perlen überlassen?

Ansonsten aber hat das Berlinale-Team alles richtig gemacht. Und der berüchtigte Berlinale-Schneeregen peitschte dieses Jahr auch nur ganz selten um den Potsdamer Platz. Umso turbulenter war's im Kino.

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