Berlinale-Bilanz Eine Feier für das Kino

Sind die Zeiten schlecht, geht es dem Kino gut. Die Filme der 59. Berlinale boten junges, engagiertes, phantasievolles, unbequemes Weltkino - der Goldene Bär ging zu Recht nach Peru. Jetzt müssen nur noch die Zuschauer folgen.

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Es gab in diesen zehn Tagen voller Bilder eines, das ganz besonders eindrucksvoll war. Es war fast jeden Morgen zu sehen, wenn man gegen halb neun mit hochgeschlagenem Kragen und Kaffeebecher in der Hand zum Berlinale-Palast eilte, um die erste Pressevorführung des Tages zu sehen. Während man sich selbst schon für reichlich tapfer hielt, für ein vielleicht ungenießbares Stück Kino so früh aufgestanden zu sein, standen viele Kinofans und Filmfreunde bereits seit einer Stunde oder länger fröhlich in den eisigen Fallwinden am Potsdamer Platz, um ein Ticket für eine der Vorführungen zu ergattern. Die Berlinale, das zeigte sich auch in diesem Jahr wieder, ist ein Publikumsfestival. 270.000 Tickets, das sind 30.000 mehr als 2008, wurden zur 59. Ausgabe des Festivals verkauft, hieß es am Samstag, das ist ein neuer Rekord.

Anlass zur Sorge gibt es also kaum für Dieter Kosslick und seinen Berlinale-Dampfer, der von Jahr zu Jahr wächst: Mehr Sektionen, mehr Programme, mehr akkreditierte Journalisten, mehr Zuschauer - der große, böse Eisberg namens Wirtschafts- und Finanzkrise war noch nicht in Sicht in diesem Februar.

Selbst auf dem European Film Market, der Verkaufsbörse des Festivals gab es mehr Abschlüsse als erwartet, meldete das Branchenblatt "Blickpunkt: Film". Allerdings gehen sogenannte High Quality Projects, Filme, die mit großen Stars und aufwendiger Ausstattung wuchern können, zurzeit besser als Nischenprojekte.

Auf den Wettbewerb der diesjährigen Berlinale bezogen heißt das: Internationale Co-Produktionen wie Tom Tykwers "The International", der vielfach Oscar-nominierte "Vorleser" oder das Epochendrama "Chéri" von Stephen Frears werden ihren Weg in die Kinos finden. Engagierte Filme von noch unbekannten Regisseuren wie der iranische Beitrag "Darbareye Elly", Maren Ades schmerzhaft konzentriertes Beziehungsdrama "Alle anderen" oder der Siegerfilm "La teta asustada" hingegen haben es schon immer schwer gehabt, einen Verleiher zu finden und werden es folglich in diesem Jahr kaum leichter haben.

Glamour und Filmkunst

Die Entscheidung der Jury, gerade diese Filme vorrangig auszuzeichnen ist daher umso wichtiger. Denn während der cinephile Zuschauer, der auf der Berlinale für den einen oder anderen Beitrag kein Ticket mehr bekommen hat, manchmal bis zu zwei Jahre lang warten muss, bis der Film mit einer Handvoll Kopien ins Kino kommt, können die mit silbernen und goldenen Bären geehrten Regisseure, Schauspieler und Drehbuchautoren dank der erlangten Aufmerksamkeit arbeiten, Finanzierungen sammeln und neue Projekte anschieben. Das Prinzip dieses immer noch politischsten Festivals der A-Liga war es immer, die beiden essentiellen Aspekte des Kinos zusammenzubringen: Den Glamour, den große Stars und opulente Erzählfilme verströmen - und die experimentelle, ambitionierte Filmkunst, die neue Bildsprachen ausprobiert und ungeschminkt vom sozialen Alltag berichtet. Berlin ist es in diesem Jahr erneut gelungen, diese Rechnung aufgehen zu lassen.

Natürlich kann man immer streiten: Ist der goldene Bär für den etwas esoterischen, eher schwer zugänglichen peruanischen Beitrag wirklich gerechtfertigt? Hätte die Jury unter Vorsitz der Schauspielerin Tilda Swinton nicht eigentlich den in seiner Alltagsschilderung iranischer Lebenswirklichkeit radikal offenen "Darbareye Elly" auszeichnen müssen, statt lediglich Regisseur Asghar Farhadi mit einem silbernen Bären zu ehren? Oder hätte nicht auch die wunderbar simpel erzählte Parabel einer möglichen kulturellen Weltverständigung, Rachid Boujarebs "London River", mehr verdient als nur den Darstellerpreis für den 72-jährigen Sotigui Kouyaté? Und warum hat eigentlich "Alle anderen" nur den Großen Preis der Jury bekommen, und warum ging "Sturm", der zweite deutsche Wettbewerbsfilm, gänzlich leer aus?

Berlinale-Preisträger

Kategorie Preisträger
Goldener Bär "La Teta Asustada"
Großer Preis der Jury "Alle Anderen"/"Gigante"
Beste Regie "Alles über Elly
Beste Schauspielerin Birgit Minichmayr
Bester Schauspieler Sotigui Kouyate
Herausragende künstlerische Leistung Gábor Erdélyi/Tamás Székely
Bestes Drehbuch "The Messenger"
Bester Erstlingsfilm "Gigante"
Alfred-Bauer-Preis "Gigante"
Natürlich gibt es keine befriedigenden Antworten auf diese Fragen, es ist aber auch egal. Denn einen aus so vielen passablen und gelungenen Filmen herausragenden Beitrag gab es in diesem Jahr im Wettbewerb nicht, so dass die Jury das einzig Richtige getan hat: Paritätisch und nach - oftmals einstimmingen - Gusto Preise verteilt. Sogar zwei mehr als vorgesehen, denn sowohl beim Alfred Bauer Preis für herausragende künstlerische Leistungen, als auch beim Großen Preis der Jury gab es zwei Preisträger. Davon hat vor allem der argentinische Debütfilm "Gigante" profitiert, der mit insgesamt drei Auszeichnungen eigentlicher Sieger des Festivals ist: Der junge Regisseur Adrián Biniez bekam zusätzlich auch noch den Preis für das beste Erstlingswerk.

Sein Film erzählt die Geschichte eines Sicherheitsbeamten, der sich in eine Mitarbeiterin verliebt, sich aber nicht traut, sie anzusprechen. Mit wachsender Obsession beobachtet er die Angebetete über die Überwachungskameras des Supermarkts, in dem beide arbeiten - und richtet sein ganzes Leben nach dem Alltag der Fremden aus. Es sind solche Miniaturen über das Zusammenleben ganz normaler Menschen, die unauffällig wirken, aber großen Eindruck hinterlassen und tiefe Wahrheiten beinhalten. Ob "Gigante", "La teta asustada", "London River" oder "Alle anderen": Um Filmen wie diesen inmitten des Getöses um Eventmovies und Blockbuster-Sequels Aufmerksamkeit zu verleihen und Zuschauer zuzuführen, gibt es Festivals wie die Berlinale.

Und solange es ein Publikum gibt, dass sich morgens um acht bei Wind und Wetter in eine lange Schlange stellt; nicht um "Harry Potter" oder "Keinohrhasen" zu sehen, sondern um sich kleine, fremde, engagierte Filme in Spanisch, Farsi oder Polnisch anzusehen, kann von Krise keine Rede sein. "Wir haben in den letzten Tagen das Kino gefeiert und wir haben die Stars gefeiert", hat Berlinale-Chef Kosslick, immer ein Freund der einfachen Worte, bei der Abschlussgala gesagt. Das kann man so mal stehenlassen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
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autocrator 15.02.2009
1. Kinokrise nicht, aber Kinoschwierigkeiten
Zitat aus dem artikel: "Und solange es ein Publikum gibt, dass sich morgens um acht bei Wind und Wetter in eine lange Schlange stellt; nicht um "Harry Potter" oder "Keinohrhasen" zu sehen, sondern um sich kleine, fremde, engagierte Filme in Spanisch, Farsi oder Polnisch anzusehen, kann von Krise keine Rede sein." - ich fürchte, da ist der autor des artikels woh etwas zu oprtimistisch: Sicher, zu megaevents wie der Berlinale pilgern die leute, vielleicht weil's auch ein bißchen chic ist, am glaz und gamour der kinowelt teilzuhaben und man vielleicht auch mal den einen oder anderen star life sehen kann. Doch wo sind die kleinen programmkinos in den städten heute? Wieso ist es so, dass 'abschlüsse für nischenprojekte besser gehen', 'engagierte filme es schwer haben, einen verleiher zu finden', oder man für manche Berlinale-filme "manchmal bis zu zwei Jahre lang warten muss, bis der Film mit einer Handvoll Kopien ins Kino kommt"? In einer krise steckt das kino wohl nicht. Aber m.E. doch schon in schwierigkeiten. - Ähnlich dem fernsehen. Das angebot ist da, sender wie phoenix, arte, 3sat sind von jedermann empfangbar - und doch machen RTL, Sat1 und Pro7 das rennen.
tagent 15.02.2009
2. dem komentar von autocrator schliesse ich mich völlig an
ob das kino in einer krise oder in schwierigkeiten steckt, ist nur eine andere umschreibung der gleichen tendenz (siehe auch spiegel online vom 14.2.): ... es scheint mir nichts langweiliger als nur 'die grossen stars zu feiern' (zitat Berlinale-Chef Kosslick bei der preisverleihung), wie sich deutlich dann zeigt, wenn es keinen besonders herausragenden Beitrag mehr im Wettbewerb gibt, und da scheint sich eine grundlegende tendenz abzuzeichnen (die speigel online in den jahren zuvor treffend reflektiert hatte): das kino - nicht der film - verliert seine inhalte - wie es scheint - und damit wird es auch die stars verlieren (denn erst der film und sein inhalt macht den star zum star, und nicht das kino). und wen feiern wir dann? vielleicht die Macher der Berlinale, wie wir es bereits gestern im Fernsehen (arte, zdf) sehen konnten...
philoron 15.02.2009
3. Zweischneidig
Zitat von sysopSind die Zeiten schlecht, geht es dem Kino gut. Die Filme der 59. Berlinale boten junges, engagiertes, phantasievolles, unbequemes Weltkino - der Goldene Bär ging zu Recht nach Peru. Jetzt müssen nur noch die Zuschauer folgen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,607680,00.html
Ich bin was die Preise angeht zweigeteilter Meinung. Einerseits finde ich den Ansatz, ein anspruchsvolles Kontrastprogramm zu den Nebelmaschinen-Produktionen aus Hollywood zu bieten, sehr nobel und wurde auch zu recht ausdrücklich in den Dankesreden gewürdigt. Andererseits sollte man auch darauf achten, das man das breite Publikum im Auge behält, damit die Berlinale nicht zu einem unbeachteten Alternativkino für idealistische Studenten mutiert. Kate Winslet ist keinesfalls eine schlechtere Darstellerin als die Preisträgerin, und ich bin mir nicht sicher, ob es richtig ist, Stars bei den Preisen völlig auszuklammern. Man darf bei der ganzen Aktion nicht ausser Acht lassen, das die Jury einige Alternativ-Protagonisten enthielt und die Verteilung der Preise quer durch alle Kontinente macht doch sehr den Eindruck idealistischer ethnologischer Sozialromantik. Ob man damit gleichfalls auch die beste Leistung würdigt, wage ich angesichts des Trägers des Goldenen Bären zu bezweifeln. Letztlich bin ich aber dennoch über die erreichte Aufmerksamkeit für solche Filme erfreut. Und die Dankesrede von Sotigui Kouyate war natürlich an sich preisverdächtig.
Der Markt, 15.02.2009
4. Erdrückt
Nun ist es leider schwierig, diese teils herrlichen kleinen Filmperlen außerhalb großer Events wie der Berlinale zu sehen zu bekommen. Leider bestimmen nach wie vor Blockbuster die Szene. Gestern aber konnte man den Gewinnerfilm der letzten Berlinale , Tuyas Hochzeit, sogar im TV sehen.
alfons mumm, 15.02.2009
5. Was läuft?
Neal Gabler Das Leben, ein Film Die Eroberung der Wirklichkeit durch das Entertainment Die Fülle des Lebens ist so verwirrend, daß der italienische Semiotiker Umberto Eco angesichts der alles verschlingenden Gier der Massenmedien behauptete, wir können im Verständnis dieser Sache nur weiterkommen, wenn wir einen ganz neuen kognitiven Ansatz zur Realität fänden. "Wir müssen noch einmal ganz von vorne anfangen, uns zu fragen, was läuft". also meine Herrschaften der Filmkunst, dann fangen sie mal an.
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