Berlinale-Bilanz Fasst uns an!

Ein gewagter Gewinnerfilm krönt die Berlinale 2018, starke deutsche Filme gingen dagegen leer aus: Die Juryentscheidungen waren so widersprüchlich wie das Festival. Ist das schon der erhoffte Aufbruch?

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In "Touch Me Not", dem Gewinnerfilm der diesjährigen Berlinale, gibt es eine Szene, die sehr schön das verspannte Verhältnis zwischen Festival-Filmen und ihrem Publikum illustriert. Ein sanft sprechender Verhaltenspsychologe versucht, die 50-jährige Laura anzufassen. Sie leidet unter Berührungsphobie und sieht Männern lieber beim Masturbieren zu, statt selbst mit ihnen intim zu werden. Leichte Schläge aufs Brustbein und den Solarplexus steckt sie locker weg, aber als der Therapeut sie mit eindeutig erotischer Intention in der Bauchgegend berührt und sie an sich ziehen will, brüllt Abwehr aus ihr heraus. Sie stößt ihn weg.

Das Regiedebüt der rumänischen Filmemacherin Adina Pintilie ist ein unbequemer, ein herausfordernder Film. Formal versucht er die Balance zwischen dokumentarischen Szenen und Spielhandlung, inhaltlich verhandelt die Regisseurin das Thema Intimität - wie man für sie eigene Regeln formulieren kann und wie man Lust und Schönheit abseits der Normen findet.

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Berlinale 2018: Die Gewinner in Bildern

Man könnte das auch für die Agenda eines neugierigen Kinos an sich formulieren: Her mit den eigenen Regeln, den eigenen Normen! Trotzdem verließen auch viele Kolleginnen und Kollegen die Pressevorführungen von "Touch Me Not". Weil ihnen der Film zu nah kam. Weil sie nicht aushielten, wie der körperlich schwer beeinträchtigte Christian Bayerlein, ein Web-Designer aus Koblenz, in einem BDSM-Club Sex mit seiner "normal" gestalteten Ehefrau hat. Dabei muss man gerade ihn beneiden um den freien Umgang mit seiner eigenen Sexualität.

Eine schmerzliche Fehlentscheidung

In den Kritikerspiegeln bekam "Touch Me Not" einige der schwächsten Wertungen; und vor den Kinosälen wurde erhitzter über Pintilies kühnes Experiment diskutiert als über die meisten anderen Filme in diesem Berlinale-Wettbewerb. Insofern lag Jurypräsident Tom Tykwer absolut richtig, als er vor der Verkündung der Preisträger sagte, die Entscheidungen würden zur einen Hälfte überraschen, zur anderen Hälfte nicht. Mit dem Gewinnerfilm hatte wirklich keiner gerechnet, mit den eher durchwachsenen sonstigen Preisträgern schon eher.

Brillantes Handwerk wie das Schauspiel von Franz Rogowski (sowohl in "Transit" als auch "In den Gängen") oder die Drehbücher zu "Dovlatov" und "In den Gängen" ließ die Jury dagegen links liegen, formal an die Grenzen Gehendes wie "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot", Philip Grönings dreistündiger Clash von Heidegger und "Bonnie und Clyde", ebenso. Den Film komplett zu ignorieren, der beides - Handwerk und Wagemut - in Perfektion verband, nämlich Christian Petzolds "Transit", war da schon fast konsequent. Eine schmerzliche Fehlentscheidung bleibt es trotzdem.

Die widersprüchlichen Signale, die von den Juryentscheidungen ausgehen, passen andererseits gut zur Berlinale 2018 an sich. Denn endlich zeichnete sich die Programmierung des Wettbewerbs mal wieder durch Furchtlosigkeit aus: "Mein Bruder heißt Robert…" und "Touch Me Not" sind genau die filmischen Herausforderungen, die so lange nicht mehr vom Festival an sein Publikum gestellt wurden. Genau diese braucht es aber dringend, um gehaltvolle Debatten über die Freiheiten des Kinos anzustoßen.

Aufbruch im deutschen Kino

Dass viele Zuschauer während der Vorstellungen der zwei Filme gingen und es am Ende etliche Buhrufe gab, sollte die Berlinale nicht entmutigen. Im Gegenteil, in solchen Fällen muss sie sich schützend vor ihre Filme stellen und ihre Linie 2019 mit einer ähnlich furchtlosen Programmierung bekräftigen. Die Neugier, was der Wettbewerb als nächstes bereithält, ist mit diesem Jahr jedenfalls sprunghaft angestiegen. Und die Zuversicht, dass es mit dem deutschen Kino bergaufgeht auch: So vielfältig und kraftvoll präsentierten sich heimische Filmschaffende schon lang nicht mehr im Wettbewerb.

Gleichwohl legt der Gewinnerfilm auch die strukturellen Probleme der Berlinale offen: Den wichtigsten Sektionen des Festivals - Wettbewerb, Panorama, Forum - ist die Trennschärfe abhandengekommen. Mit seinem hybriden Erzählmodus aus Spiel- und Dokumentarszenen hätte "Touch Me Not" nämlich ebenso gut ins experimentelle Forum gepasst wie mit seiner Botschaft gegen normative Körperideale ins queer-affine Panorama. Dass der Film letztlich im Wettbewerb landete, ist daher ein buchstäblich unerklärlicher Glücksfall.

Der Druck, am programmatischen Fokus der Sektionen zu arbeiten, ist mit dem Jahrgang 2018 in jedem Fall gewachsen. Das betrifft vor allem das Panorama, das im ersten Jahr nach dem Abschied vom langjährigen Leiter Wieland Speck wenig Akzente jenseits seiner kraftvollen Musikfilme setzen konnte. Insgesamt stärkere Arbeiten konnte dagegen das Forum aufweisen. Doch wenn unter dem angestammten Namen "Forum des jungen Films" hauptsächlich Filme von Altmeisterinnen und Altmeistern wie Corneliu Porumboiu, Ruth Beckermann oder Gerd Kroske gezeigt werden, entbehrt das nicht einer gewissen Komik.

Wie gut die Filme der genannten Regisseure - allesamt Dokumentarfilme - bei Publikum und Kritik ankamen und wie viel Gesprächsstoff sie jeweils boten, deutet zugleich an, wohin es für die Berlinale allgemein gehen könnte: hin zu mehr dokumentarischen Stoffen und hin zu mehr Raum für Diskussionen. Der Bedarf für beides ist offensichtlich da - und der Wille, sich mindestens zur Hälfte überraschen zu lassen, auch.

Die Gewinner der 68. Berlinale

Goldener Bär für den besten Film:
"Touch Me Not" von Adina Pintilie

Großer Preis der Jury - Silberner Bär:
"Twarz" von Magorzata Szumowska

Alfred Bauer Preis für neue Perspektiven - Silberner Bär:
"Las herederas" von Marcelo Martinessi

Beste Regie - Silberner Bär:
Wes Anderson für "Isle of Dogs - Ataris Reise"

Beste Darstellerin - Silberner Bär:
Ana Brun in "Las herederas" von Marcelo Martinessi

Bester Darsteller - Silberner Bär:
Anthony Bajon in "La prière" von Cédric Kahn

Bestes Drehbuch - Silberner Bär:
Manuel Alcalá und Alonso Ruizpalacios für "Museo" von Alonso Ruizpalacios

Silberner Bär für herausragende künstlerische Leistungen:
Elena Okopnaya für Kostüme und Produktionsdesign in "Dovlatov" von Alexey German Jr.

Preis für den besten Dokumentarfilm:
Ruth Beckermann für "Waldheims Walzer"

Mitglieder der internatiolen Jury waren: Tom Tykwer (Präsident), Cécile de France, Chema Prado, Adele Romanski, Ryichi Sakamoto und Stephanie Zacharek

Eine Übersicht über alle weiteren Preise der Berlinale 2018 finden Sie auf der Website des Festivals.

Die Berlinale-Highlights unserer Kritiker in der Kurzkritik

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Berlinale 2018: Die besten Filme des Festivals
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Sportzigarette 25.02.2018
1. wer will das sehen?
Gut, bei der Berlinale geht es nicht um Unterhaltung, sondern um Kundst, Politik, Gesellschaft etc. aber ich frage mich immer wieder, wer will sowas sehen? Wieviel Menschen gehen in diese Filme? Ich tippe, von der "normal arbeitenden Bevölkerung" die einfach gern nur mal unterhalten werden will, niemand. Da bin ich aber froh, dass es dieses unterbelichtete Hollywood gbt, die wissen wenigstens was Spass macht und unterhält!
chico 76 25.02.2018
2. Starke deutsche Filme?
Das ist was neues. Unabhängig davon, ein Filmfestival das sich politisch begreift hat schon verloren, Unterhaltung heisst das Zauberwort.
habu 25.02.2018
3. Und das falsche Englisch im Titel des Siegerfilms?
Will uns das auch eine Botschaft vermitteln, die mir verborgen blieb? Oder hat's nur nicht zu mehr gereicht im rumänischen Fremdsprachenunterricht?
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