Berlinale-Bilanz Manche mögen's leis'

Ein Gewinnerfilm, in dem geflüstert wird, der Stummfilmklassiker "Metropolis" mit Public Viewing am Brandenburger Tor, viel Familiendrama und Naturgewalt, wenig große Gesten und Getöse - die 60. Berlinale geht mit leisen Weltkino-Entdeckungen und einem irritierenden Regie-Bären zu Ende.

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Berlinale 2010: Wo Honig zu Gold wird
Es muss schwierig für die Wettbewerbsjury gewesen sein, aus den 20 Filmen einen auszuwählen, der nun besser oder preiswürdiger sein soll als die anderen. Wirklich schlecht war keiner der Wettbewerber um den 60. goldenen Berlinale-Bären, aber eben auch nicht so richtig gut und herausragend. Am Ende entschied man sich - mal wieder - für den Film, mit dem wohl niemand gerechnet hätte: das türkische Vater-Sohn-Drama "Bal" von Semih Kaplanoglu.

Es ist ein stiller und poetischer Film, dessen Thema der Respekt vor der Schönheit und Erhabenheit der Natur ist. Erzählt wird die Geschichte eines Bienenzüchters und dessen sechsjährigem Sohn, die auf dem Weg zu den Bienenkörben durch zauberhafte Wiesen und Wälder streifen und dabei nur flüsternd miteinander sprechen - demutsvoll, als seien die Menschen nur geduldet im Reich der Pflanzen und Tiere. Doch das Idyll scheint bedroht, als eines Tages die Bienen verschwinden. Vater Yakup macht sich auf den Weg, seine Honiglieferanten wiederzufinden - und taucht ebenfalls nicht mehr auf. Nach einer Zeit des quälenden Wartens macht sich der kleine Yusuf, sprachlos in der Schule, aber beredt in und mit der Natur, schließlich allein auf die Suche.

Vielleicht hat sich Jury-Präsident Werner Herzog stark gemacht für diese beschauliche deutsch-türkische Co-Produktion. Der Regisseur von "Fitzcarraldo" und der Antarktis-Doku "Encounters at the End of the World" hat bekanntermaßen ein großes Faible für Naturgewalten und beeindruckende Landschaften. Man kann sich darüber streiten, ob der richtige oder gar der beste Film gewonnen hat; in jedem Fall darf man sich für die phantasievolle Erzählkultur des türkischen Kinos freuen, das in den vergangenen Jahren zu Recht zum Stammgast auf den großen Festivals wurde. Vielleicht erklärt sich mit Herzogs Einfluss auch die Vergabe des Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung an den russischen Beitrag "How I Ended This Summer", der das Drama zweier einsamer Männer in einer Polarstation inmitten frostiger Weite erzählt. Die beiden Hauptdarsteller Grigori Dobrygin und Sergej Puskepalis wurden ebenfalls mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet.

Das große Publikum mag auch leise und schräge Stoffe

Man kann sagen, dass diese 60. Berlinale zumindest im Wettbewerbsprogramm einen Rückzug des Festivals markiert: Die großen politischen Themen und Konflikte, seit dem Eklat um Michael Verhoevens Vietnam-Kriegs-Provokation "O.K." im Jahre 1970 ein Hauptmerkmal der Berlinale-Filme, traten in diesem Jahr in den Hintergrund - zugunsten einer Hinwendung zu den Themen Familie und Natur. Berlinale-Leiter Dieter Kosslick hatte es bereits zum Auftakt des Festivals gesagt: In Zeiten der Krise, ob wirtschaftlich oder politisch, besinnt sich der Mensch auf das Wesentliche. Und das ist natürlich die Umwelt, in der er sich bewegt, das sind die Menschen, mit denen er zusammenlebt.

So fanden sich viele besinnliche, bewegende und auch überraschend amüsante Filme über zwischenmenschliche Konflikte in diesem Wettbewerb: von Thomas Vinterbergs trister Brudertragödie "Submarino" über das von schockierenden Sexszenen geprägte japanische Kriegswitwendrama "Caterpillar" und Benjamin Heisenbergs kühler Außenseiter-Observation "Räuber" bis hin zu Hans Petter Molands launig-lakonischer Knacki-Ballade "A Somewhat Gentle Man" und dem leisen Puzzle-Drama "Rompecabezas" aus Argentinien.

Auch wenn kein Film echte Wucht entfaltete, zeigte sich die Berlinale mit diesem Wettbewerb einmal mehr als Schaufenster für das von Nachdenklichkeit und Innerlichkeit geprägte Weltkino, das vom Getöse der Blockbuster im normalen Kinobetrieb oft an den Rand gedrängt wird. Zehn Tage lang stand es in Berlin im Mittelpunkt des Geschehens - und fand auch viele branchenferne und nichtjournalistische Zuschauer: Die Kartenverkäufe waren, wie schon in den Jahren zuvor, hervorragend. Das große Publikum ist also durchaus auch für die leiseren, schrägeren und schwierigeren Stoffe zu haben.

Stummfilmklassiker am Brandenburger Tor

Aber natürlich gab es zum 60. Geburtstag auch genügend große Gesten: Als Staatsakt wurde Fritz Langs restaurierter Stummfilmklassiker "Metropolis" im Friedrichstadtpalast aufgeführt - und parallel auf einer riesigen Leinwand am Brandenburger Tor der Öffentlichkeit gezeigt. Mehr als tausend Menschen aus verschiedensten Nationen versammelten sich bei klirrender Kälte vor dem Meisterwerk der Filmkunst. Nicht alle blieben bis zum Ende, aber schöner als durch diesen trotzigen Aufstand gegen den rauen Berliner Winter konnte die Stadt dem Kino kaum seine Aufwartung machen.

Für Star-Rummel und Glamour sorgten unter anderem Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio mit ihrem grandiosen, aber unter den Berlinale-Kritikern heftig umstrittenen Psychothriller "Shutter Island". Ebenso viele leidenschaftliche Diskussionen provozierten auch Oskar Roehler mit "Jud Süß - Film ohne Gewissen" über die Entstehung des berüchtigten Nazi-Hetzfilms sowie Roman Polanski mit seinem Thriller "The Ghost Writer", den viele grandios fanden, während andere sich fragten, was er im Wettbewerb zu suchen hatte. Aber was wäre eine Berlinale ohne Kritiker im Clinch? Wenn alle sich einig sind, wird das schönste Festival langweilig.

Wirklich irritierend ist nur die Vergabe des Silbernen Regie-Bären an Roman Polanski. Er konnte seinen Preis natürlich nicht selbst abholen konnte, da die Polizei ihn in einem Schweizer Chalet verwahrt. "The Ghost Writer" ist ein handwerklich perfekter, spannender Film, der viele bekannte Polanski-Motive neu verarbeitet - aber sein bestes Werk ist die Adaption eines Robert-Harris-Krimis ganz sicher nicht.

Polanski: Während der Preisverleihung eingesperrt

Wie also soll man die Auszeichnung Polanskis verstehen? Als Ehrung fürs Lebenswerk etwa? Oder gar als Solidaritätsadresse des Festivals für den auf seinen Vergewaltigungsprozess wartenden Filmemacher? Gerade die Berlinale als eine der wichtigsten Plattformen für neue Kinotalente hätte diesen prestigeträchtigen Preis lieber einem jungen, mutigen Regie-Newcomer verleihen sollen.

Polanski immerhin bewies Humor und ließ seine Vertrauten und Produzenten Alain Sarde und Robert Benmussa ausrichten, dass er den Preis, selbst wenn er gekonnt hätte, nicht persönlich abgeholt hätte. Das letzte Mal, als er eine Trophäe entgegennahm, beim Filmfest Zürich im vergangenen September, sei er danach schließlich eingesperrt worden.

Um Gefängnisse ging es ja auch vielfach in den Wettbewerbsfilmen. Ganz konkret in "Submarino", "Der Räuber" und "A Somewhat Gentle Man" oder dem mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnetem rumänischen Jugenddrama "If I Want to Whistle, I Whistle". Aber auch um Gewissens-, Glaubens- oder Beziehungsknäste wie in "Caterpillar", dem deutschen Debüt-Film "Shahada" oder Jasmila Zbanics Paardrama "Na Putu" drehte sich vieles in diesem Berlinale-Jahrgang.

Vielleicht ist dieser rote Faden des Gefangen- oder Eingesperrtseins, natürlich auch ein Thema von "The Ghost Writer", die eigentliche, ein bisschen böse Polanski-Hommage des Festivals. Damit hätte die Berlinale, knapp vor dem Rentenalter, neben einem Händchen für interessante Filme auch noch Sinn für Humor bewiesen.



insgesamt 24 Beiträge
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Peter Sonntag 21.02.2010
1. "Ein Gewinnerfilm, in dem geflüstert wird"
Diese geflüsterten Dialoge nerven mich schon seit Jahren. Es ist Mode, also flüstern sie alle. (Wie im wirklichen Leben, da flüstern wir doch auch ständig). Eine ähnliche Unart betrifft die off-Kommentare von Dokumentarfilmen, Features etc. im Fernsehen, wenn sie von (älteren, sanften) Männern gesprochen werden. Da wird gemurmelt und künstlerisch gestaltet bis zur Unverständlichkeit. Eine Missachtung des Zuschauers.
Joshua Schneebaum, 21.02.2010
2. Skandal? Silberbär für Polanski!
Zitat von sysopEin Gewinnerfilm, in dem geflüstert wird, der Stummfilmklassiker "Metropolis" mit Public Viewing am Brandenburger Tor, viel Familiendrama und Naturgewalt, wenig große Gesten und Getöse - die 60. Berlinale geht mit leisen Weltkino-Entdeckungen und einem irritierenden Regie-Bären zu Ende. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,679293,00.html
Na, da hat der SPON doch seinen Skandal. Ein netter, kein schlechter Artikel, doch mal angenommen, der Silberbär wäre in der Tat "nur ein politisches Zeichen", na das wäre doch schon was! Dann hätte die Berlinale ihren Sinn schon erfüllt: Ein Zeichen setzen gegen bigotte Hysterie. "Skandal!", schreien die einen. "Es wird Zeit", sagen die anderen, "unaufgeregt über ein wichtiges Thema der Menschheit zu reden. Und Solidarität zu üben."
komkon2 21.02.2010
3. Robert Harris, nicht Thomas
"sein bestes Werk ist die Adaption eines Robert-Harris-Krimis ganz sicher nicht." Wahrscheinlich meinen Sie den Krimiautor Thomas Harris, den Autor von "Das Schweigen der Lämmer". Robert Harris ist am bekanntesten durch die Bücher "Fatherland", über eine Parallel-Geschichte, in der Hitler den Krieg gewann (verfilmt mit Rutger Hauer), "Enigma" (über die Codebrecher von Bletchley Park, verfilmt mit Kate Winslett) und "Archangel" (über eine politische Rechte in Russland, die Stalin klonen will, verfilmt mit Daniel Craig). Es scheint das Schicksal von Robert Harris zu sein, dass seine raffinierten Plots nur mittelmäßig verfilmt werden. Seine jüngsten Romane spielen im Römischen Reich, vielleicht werden sie mal mit Herrn Westerwelle verfilmt...
eberstein 21.02.2010
4. Anmaßung der Regie
Zitat von Peter SonntagDiese geflüsterten Dialoge nerven mich schon seit Jahren. Es ist Mode, also flüstern sie alle. (Wie im wirklichen Leben, da flüstern wir doch auch ständig). Eine ähnliche Unart betrifft die off-Kommentare von Dokumentarfilmen, Features etc. im Fernsehen, wenn sie von (älteren, sanften) Männern gesprochen werden. Da wird gemurmelt und künstlerisch gestaltet bis zur Unverständlichkeit. Eine Missachtung des Zuschauers.
Ganz meiner Meinung. Auch, dass in so vielen Filmen Szenen vorkommen, die nicht richtig ausgeleuchtet sind, finde ich eine Anmaßung der Regisseure. Warum können nicht alle Szenen an sonnigen Tagen spielen?
Bala Clava 21.02.2010
5. Leiche "Metropolis"?
Zitat von sysopEin Gewinnerfilm, in dem geflüstert wird, der Stummfilmklassiker "Metropolis" mit Public Viewing am Brandenburger Tor, viel Familiendrama und Naturgewalt, wenig große Gesten und Getöse - die 60. Berlinale geht mit leisen Weltkino-Entdeckungen und einem irritierenden Regie-Bären zu Ende. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,679293,00.html
"Public Viewing", soviel dürfte sich auch unter den hartnäckigsten Englisch-Schnackern herumgesprochen haben, bedeutet "öffentliche Leichenaufbahrung". Nie war der Begriff so falsch wie bei dem restaurierten und höchst lebendigen Stummfilmklassiker Metropolis. Was die Bahn mit ihrem "Schalter" kann, sollte auch Borcholte allmählich begreifen: Twix heißt wieder Raider.
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