Berlinale - die Bilanz Mit der Wucht der Wirklichkeit

Manchmal ist die Realität stärker als die Fiktion: Mit der Flüchtlings-Doku "Fuocoammare" gewinnt der dringlichste Film den künstlerisch eher durchwachsenen 66. Wettbewerb der Berlinale.

"Fuocoammare": Eine sehr poetische, erzählende Dokumentation
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"Fuocoammare": Eine sehr poetische, erzählende Dokumentation

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Deutschland ist kein Kinoland wie Frankreich oder die USA, Deutschland begeistert sich nicht einfach so für Kinokunst. Es braucht immer einen Verknüpfungspunkt, um sich zu interessieren - sei er politischer oder skandalöser Natur.

So gesehen ist die Berlinale mit ihrem stets geschärften Fokus auf engagiertem, relevantem Kino das perfekte deutsche Filmfestival. Und mit der italienischen Dokumentation "Fuocoammare" über die Flüchtlingskrise auf der Insel Lampedusa zeichnete die Jury dann auch einen Film mit dem Goldenen Bären aus, der mitten in die Magengrube der wichtigsten gesellschaftspolitischen Debatte nicht nur in Deutschland und Europa, sondern überall auf der Welt zielt.

Gianfranco Rosis Film ist ein guter Film, weil er zeigt, wie das Leid der Flüchtlinge und das Leben der Europäer nebeneinander herläuft. Selbst auf Lampedusa, dort, wo man sich eigentlich gar nicht mehr aus dem Weg gehen kann, herrschen Verdrängung und Ignoranz. Schon früh wurde dieser ungewöhnliche, dringliche Film im Wettbewerb gezeigt. Und schon früh wusste man, dass die Jury nicht an ihm vorbeikommen würde. Irgendetwas muss er bekommen, so lautete die einhellige Meinung unter den Kritikern, und nun bekam er sogar den Hauptpreis.

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Berlinale-Preisverleihung: Die Gewinner
Was bedeutet das für ein Filmfestival, wenn sich 16 fiktionale Filme und zwei Dokumentationen um den Goldenen Bären bewerben und am Ende das Faktische über die Fiktion siegt? Ist es nicht unfair, cineastische Äpfel mit dokumentarischen Birnen zu vergleichen?

Nur auf den ersten Blick. Denn wenn man Kino, wie Berlinale-Chef Dieter Kosslick und sein Team, als eine Kunst versteht, die über ästhetische, und unterhaltende Aspekte hinaus am politischen Diskurs teilnimmt, dann dürfen Dokumentationen wie "Fuocoammare" oder Alex Gibneys alarmierende Stuxnet-Spurensuche "Zero Days" nicht außer Konkurrenz laufen. Vielmehr muss sich das erzählende Kino an ihren Zustandsbeschreibungen der Gegenwart messen.

"24 Wochen": Ging zu Unrecht leer aus
Friede Clausz/ zero one film/ Berlinale

"24 Wochen": Ging zu Unrecht leer aus

Das gelang mal mehr, mal weniger gut in diesem Jahrgang. Herausragend war das Spielfilmdebüt des tunesischen Regisseurs Mohammed Ben Attia, der in "Hedi" auf ganz privater, sehr intimer Ebene von den großen Verwirrungen nach dem Arabischen Frühling erzählt. Zu Recht wurde dieses unauffällige, aber eindringliche Drama mit zwei Preisen ausgezeichnet.

Auch die beiden französischen Filme "L'Avenir" und "Quand on a 17 ans" erzählen mit begeisternd leichter Hand von gegenwärtigen Problemen. Der eine, von Regisseurin Mia Hansen-Løve, stellt die Frage, welche Ideen die intellektuellen Träume und Revolutionen der Sechziger ablösen anhand eines Frauenschicksals. Der andere, von Altmeister André Téchiné, zeigt das stürmische, aber auch schwierige Erwachen homosexueller Liebe.

Und auch "24 Wochen", der einzige deutsche Beitrag im Wettbewerb, der zu Unrecht leer ausging, erzählt eindringlich und konzentriert von der Qual einer jungen Frau, die sich gegen ein behindertes Kind entscheiden will. Es werden hier keine so großen Geschichten verhandelt wie die Flüchtlingskrise, es sind kleine Geschichten, aber sie werden durch die Kraft des Erzählkinos und dank hervorragender Darsteller und Darstellerinnen nachfühlbar gemacht.

Die Gegenwart verlangt dringlich nach Verarbeitung

Die Krise des erzählenden Kinos zeigte sich ebenso oft, in Danis Tanovis verkopft-verlaberten Balkan-Theaterstück "Death in Sarajevo" ebenso wie im grauenhaft verkünstelten "Cartas da Guerra" aus Portugal, im enervierend didaktischen Bourgeoise-Drama "Boris sans Béatrice" von Denis Coté. Oder im polnischen Beitrag "United States of Love", der an seinem prätentiösen Drehbuch krankt, genau dafür aber einen Silbernen Bären gewann.

Regisseur Tomasz Wasilewski forscht in seinem hübsch farbentsättigten Film in der polnischen Umbruchszeit Ende der Achtzigerjahre. Aber nicht immer führt die Suche im Vergangenen zu befriedigenden künstlerischen Antworten, schon gar nicht, wenn die Gegenwart so dringlich nach Verarbeitung verlangt wie zurzeit.

Videoquiz zur Berlinale 2016
Wenn, dann muss man es so radikal machen, wie der philippinische Regisseur Lav Diaz, der sich für seinen Trip in die revolutionären Mythen seines Landes mehr als acht Stunden Zeit nimmt und zwischen Phantasie und historischer Genauigkeit hin- und herspringt.

Wie es nicht geht, war in der überflüssigen Hans-Fallada-Verfilmung "Jeder stirbt für sich allein" zu sehen, einem bieder und einfallslos inszenierten, ganz und gar mutlosen Offenbarungseid gegenüber jeglicher intellektuellen Auseinandersetzung mit den Ereignissen der NS-Zeit. Stattdessen hätte man lieber einige der starken Dokumentationen aus der Forums-Sektion gesehen, darunter "Havarie" und "Les Sauteurs", die sich ebenfalls auf originäre Weise der Flüchtlingsthematik nähern.

Zwischen diesen Extremen bleibt ein unbefriedigendes, inhomogenes Bild dieses Berlinale-Jahrgangs zurück. Vielleicht muss das so sein in unruhigen, unbequemen Zeiten. Kino ist ein langsames Medium: Selbst der so topaktuell wirkende Siegerfilm "Fuocoammare" brauchte eineinhalb Jahre, um fertig gestellt zu werden.

Als Erfolg muss dieses Festival trotzdem gelten: Kosslick ist es erneut gelungen, dem Weltkino abseits des anglo-amerikanischen Mainstreams große mediale Aufmerksamkeit zu verschaffen. Um das zu erreichen, brachte er trotz notorisch ungünstiger Terminlage erneut erstaunliche viele internationale Stars, von George Clooney über Meryl Streep und Colin Firth bis Gérard Depardieu an den Potsdamer Platz.

Und er schaffte es, viele Flüchtlinge, denen er sein 15. Festival unter dem Motto "Das Recht auf Glück" gewidmet hatte, in die Berlinale zu integrieren, als freiwillige Helfer, als Gäste oder als Auszubildende in Trainingsprogrammen. So wurde nicht nur über sie geredet, so konnte man auch mit ihnen reden. Indem sie "Fuocoammare" auszeichnete, rundete die Jury diesen Dialog zwischen Kinokunst und akuter Realität zusätzlich ab.

Das Interesse des Publikums, das ist schon fast die beste Nachricht dieser Berlinale, scheint durchaus vorhanden für diese Art politisches Festival. Erneut wurden weit mehr als 300.000 Kinotickets verkauft.

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insgesamt 2 Beiträge
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event.staller 21.02.2016
1. Bären ratlos inmitten von Äpfeln und Birnen.
Wer sich einmal die lange Liste der vergebenen Preise ansieht, kann leicht den Überblick verlieren: Um der Vielfalt von "Äpfeln-Erzählern" und "Birnen-Dokumentaristen" gerecht zu werden, tun sich die Fachleute schon schwer. Der interessierte Zuschauer gewinnt eher den Eindruck, daß es doch mehr Börse als Festival ist.
Newspeak 28.02.2016
2. ...
Filmfestivals legitimieren sich heute durch die politischen Filme. Die Notwendigkeit zur Legitimation ist aber vor allem dadurch gegeben, daß man einen Markt bedienen möchte bzw. muß, und sich daher den Marktgesetzen unterwirft, nachdem man Werbung für sich machen muß, seine Bedeutung unterstreichen muß usw. So wird die politische Botschaft zur Heuchelei. Nachgerade revolutionär wäre es dagegen, die Macht des Films als eskapistische Kraft auszuzeichnen. Wie ein Kritiker an anderer Stelle schon bemerkte, ist der ausgezeichnete Film zur Flüchtlingsthematik vor allem einfach gestrickt, klischeebeladen, der kleinste Nenner, die bequem "unbequeme" Botschaft, die zur pseudo-politischen Filmindustrie passt, zu den Charities und den Stars, die ihre politische Botschaft medienwirksam inszenieren.
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