Berlinale-Blog Blutrache in Albanien, Bombenstimmung im Adlon

"Unknown Identity" mit Diane Kruger und Liam Neeson: Das Adlon explodiert.
Warner Bros.

"Unknown Identity" mit Diane Kruger und Liam Neeson: Das Adlon explodiert.

2. Teil: Donnerstag, 17. Februar, Tag 8


Von Stefan Kuzmany

Was gesehen? "Un Mundo Misterioso" ("Rätselhalfte Welt") von Rodrigo Moreno, "Saranghanda, Saranghaji Anneunda" ("Kommt Regen, kommt Sonnenschein") von Lee Yoon-ki und "Wer wenn nicht wir" von Andreas Veiel (alle Wettbewerb)

Wie war's? Lang. Und schweigsam.

In "Un Mundo Misterioso" wird Boris (Esteban Bigliardi) von seiner Freundin hinausgeworfen, zieht in ein Hotel, kauft sich ein Auto, fährt herum, geht auf eine Party, knutscht dort ein wenig, fährt ein wenig mit dem Bus, läuft durch Buenos Aires, fährt wieder Bus. Und noch mal Auto. Liegt auf dem Bett. Raucht. Dann geht das Auto kaputt und kommt in die Werkstatt. Boris reist mit einer Fähre nach Uruguay, da ist aber niemand, der ihn vom Hafen abholt. Also fährt er wieder zurück. Holt sein Auto ab. Fährt umher. Liegt auf dem Bett. Raucht.

Sollten Sie sich jetzt fragen, wann die eigentliche Handlung beginnt, dann geht es Ihnen wie dem Publikum. Allein: es beginnt keine. Während die Kamera Boris dabei zusieht, wie er seine Zeit totschlägt, kann man sich also schön seine eigenen Gedanken machen: über die eigene Beziehung zum Beispiel, die hoffentlich nicht so langweilig ist wie die von Boris und Ana (Cecilia Rainero). Oder über die Stadt Buenos Aires, die trotz des blauen Himmels erstaunlich hässlich wirkt in diesem Film. Oder über Argentinien, einer, wie es im Programmheft zum Film heißt, paralysierten und vom wirtschaftlichen Ruin bedrohten Gesellschaft. Diese Paralyse erfasst langsam aber sicher auch den Zuschauer: Nach einer Stunde hat man jede Hoffnung aufgegeben, dass sich noch etwas tun würde im Leben des Boris. Warum sich zwischendurch doch die eine oder andere Frau für ihn zu interessieren scheint (einer davon ist er nachgelaufen, weil eine andere, der er vorher nachgelaufen ist, in einem Hauseingang verschwunden ist und sie gerade zufällig als nächste vorbei kommt), bleibt ebenso rätselhaft wie der gesamte Film.

Auch in "Saranghanda, Saranghaji Anneunda" wird die Geschichte einer gescheiterten Beziehung erzählt, auch hier macht die Frau (Lim Soo-jeong) gleich in der ersten Szene Schluss. Sie will aus dem gemeinsamen Haus und zu einem anderen Mann ziehen, aber draußen regenet es in Strömen, deshalb verzögert sich alles. Und so verbringen die beiden Namenlosen einen letzten gemeinsamen Tag. Es gibt keinen Streit, der Mann (Hyun Bin) scheint sich mit der Situation abgefunden zu haben. Zu sagen haben sie sich wenig. Sie bittet ihn, die Balkontür zu schließen, es regnet hinein, seltsamerweise kommt sie schon seit Jahren nicht mit der Balkontür zurecht, er erklärt ihr, wie es geht, draußen regnet es weiter. Zwischendurch läuft dem Noch-Paar ein durchnässtes Kätzchen zu, später kommen die Nachbarn vorbei, fragen nach dem Tier und bleiben noch ein wenig, setzen sich auf das Sofa, das Fernsehgerät läuft. Man sucht das Kätzchen, das Kätzchen taucht nicht auf, die Nachbarn gehen wieder. Das war der Action-Höhepunkt des Filmes. Später werden noch Nudeln gekocht. Paarroutine über 105 Minuten. Auch dieses Werk lässt den Zuschauern viel Zeit, über das eigene Leben nachzudenken, denn auf der Leinwand findet keines statt.

Vergleichsweise verstörend aufregend der dritte Film: Nachdem in den letzten Jahren sämtliche Hauptfiguren der Studentenrevolte und RAF medial mehrfach nach- und auserzählt wurden, nimmt sich "Wer wenn nicht wir" von Andreas Veiel einer Nebenhandlung an: der Beziehung der späteren Terroristin Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis) mit dem jungen Schriftsteller Bernward Vesper (August Diehl), mit dem sie ein Kind hatte, bevor sie Andreas Baader (Alexander Fehling) kennen lernte und in den Untergrund ging. "Wer wenn nicht wir" ist handwerklich sauber gemacht, Lauzemis und Diehl sind überzeugend inszeniert, und auch der Hintergrund der Politisierung der beiden Studenten wird lehrreich aufbereitet - wer wusste schon, dass Ensslin mit dem Sohn des Nazi-Schriftstellers Will Vesper liiert war und sich in sehr jungen Jahren gemeinsam mit diesem bemühte, dessen Blut-und-Boden-Schwulst im eigens gegründeten Verlag ganz groß heraus zu bringen? Der Wille zur Belehrung verdirbt jedoch schnell den Spaß: Immer wieder wird die streng linear erzählte Handlung von dokumentarischen Zwischenspielen unterbrochen, Kennedy berlinert an der Mauer, die Atombombe wird getestet, man fühlt sich bald wie im Grundkurs Geschichte am Gymnasium und wartet auf das Ende der Schulstunde, die mit 125 Minuten deutlich zu lange geraten ist.

Beste Szene: Wie sich Sebastian Blomberg (als Schriftsteller Klaus Roehler) in "Wer wenn nicht wir" mit einem Streichholzschachteltrick in der Küche Vespers und Ensslins eine Zigarette ansteckt - die cool gemeinte Geste entlarvt den Besucher elegant als Aufschneider. Schön auch, wie Esteban Bigliardi als der verlassene Boris in "Un Mundo Misterioso" an der Wand lehnt, nichts mit sich anzufangen weiß und sämtliche Klingeltöne auf seinem Mobiltelefon durchprobiert - ein treffendes Bild für die sinnlose Zeitverschwendung des Einsamen.

Schlimmste Szene: Nach gefühlten fünf Stunden "Un Mundo Misterioso" geht das Auto der Hauptfigur kaputt und muss zur Reparatur. Der Mechaniker gibt Boris Anweisungen für den Motortest: Jetzt Gas geben. Jetzt runter vom Gas. Jetzt Gas geben. Jetzt runter vom Gas. Jetzt wieder Gas geben. Spätestens hier hat man das Gefühl, dieser Film würde niemals enden. Das ist kein schönes Gefühl.

Star des Tages: Lena Lauzemis, die mit ihrem Spiel den Weg der sich selbst bestrafenden Pastorentochter Gudrun Ensslin zur weltbestrafenden RAF-Terroristin glaubhaft nachvollziehbar macht. Und selbstverständlich die kleine, nasse Katze in "Saranghanda, Saranghaji Anneunda" - man ist ihr als Zuschauer zutiefst dankbar für ihr handlungsstiftendes Auftauchen.

Was gelernt: Terrorist und CSU-Politiker, das muss sich rein äußerlich nicht ausschließen: Alexander Fehling erinnert als Andreas Baader streckenweise frappant an einen jüngeren und schlankeren Markus Söder.



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dextermorgan 10.02.2011
1. Großes „B“ an der Spree!
Das Panorama überzeugt dieses Jahr leider nur mit seinen Dokumentarfilmen. Meine Favoriten hier sind: -„How Are You“ Doku über die Künstler Michael Elmgreen und Ingar Dragset -„Khodorkovsky“ über den ehemaligen Öl-Oligarchen und Putin Gegner Chodorkowski -„Mondo Lux- Die Bilderwelten des Werner Schroeter“ Das Beste, wie auch in den letzten Jahren ist die Berlinale Sektion „Generation“. Mit ihrer großartigen Auswahl an „kplus“- und „14plus“-Filmen bildet sie immer den Lichtstreif an dem Festivalhorizont der Berlinale. Alle guten Filme hier zu nennen, würde den Rahmen sprengen. Hier nur ein paar Goodies: -„Red Dog“ aus Australien (14plus) -„The Dynamiter“ aus den USA(14plus) -„West is West“aus UK (14plus) -„On the Ice“, Coming of Age Drama aus Alaska (14plus) -„Jorgen +Anne=Sant“(kplus) -„De sterkste Man van Nederland“ (kplus) -„Mabul“, Jugend-Autisten-Drama aus Israel(kplus) -„ Knerten Gifter Seg“ (kplus) Den absoluten Tiefpunkt dieser Sektion markiert, wen wundert‘s, der Deutsche“ Bauer sucht Mann“- Beitrag „Stadt, Land, Fluss“! Nicht nur für die alten Cineasten unter uns sondern auch für die jungen Cineasten die wirkliche Filmkunst neu entdecken wollen bietet die Retrospektive, die diesmal Ingmar Bergmann gewidmet ist, den einen oder anderen Leckerbissen. Unbedingt mal wieder auf der großen Leinwand sehen: -„The Seventh Seal“ .“Wild Strawberries“ Da der erste Goldene Bär schon feststeht, er geht dieses Jahr an den grade 80 Jahre gewordenen Schauspieler Armin Müller Stahl, wird dieser auch mit einer Hommage geehrt. Dort kann man dann nochmal so schöne Filme sehen wie „SHINE“, Costa-Gavras „Music Box“ und Berry Levinsons „AVALON“, Jim Jarmuschs „Night on Earth und als besonderer Leckerbissen der Film Lola von Rainer Werner Fassbinder!
dextermorgan 10.02.2011
2. Großes „B“ an der Spree!(1)
Nun ist es wieder soweit! Alle Jahre wieder putzt sich Berlin zu dem Filmereignis in Deutschland heraus. Seit Anfang Februar sind am Potsdamer Platz die neuen einfallslosen Plakate der diesjährigen 61. Berlinale zu sehen, die sich wie ein „Testbild bis zum 20.02. in die Gehirne der Passanten einbrennen werden. Für die einen ist es die stilisierte japanische Kriegsflagge, vielleicht wenn man solche in Plakat lange genug anschaut tut sich ein „3D“.Logo auf(??) oder ist es, wenn man sie mit einer Spezialbrille betrachtet ein Träger einer unterschwelligen Botschaft?! Zu mindestens ist das Plakat genauso Einfallslos wie der diesjährige Wettbewerb! Am Allerschlimmsten ist allerdings, dass wieder das ewig grienend-tatschende Honigkuchenpferd des deutschen roten Festivalteppichs sein dilettantisches Unwesen treibt: Herr Dieter Kosslick. Auch dieses Jahr wird er in seinem speziellen „Kosslick-English(ähnlich dem Oettinger-English) als Gastgeber „seine“ Gäste bis in die Intimsphäre betatschen! Wäre er nicht der Festival-Chef könnte man ihn durchaus für einen Stalker halten! Nach dem letztjährigen Geburtstagsfilmfest, wo im Wettbewerb auch schon nicht die besten Filme des Festivals liefen, bestätigt sich mal wieder die Filmunkenntnis des Herrn Kosslick. Eröffnet wird die diesjährige Berlinale mit der Neuadaption des Romans durch die „Coen-Brüder“ „The True Grit“ von Charles Portis, dessen Roman den älteren Kinogängern noch unter dem Titel „Der Marshall“ mit John Wayne bekannt sein dürfte. Zugegeben hierbei handelt es sich um eine hochgradige Besetzung wie Jeff „DUDE“ Bridges, Matt Damon und Josh Brolin. Der Film an sich ist handwerklich gut gemacht und gemessen an den Detaileversessennen „Coen Brüdern“ wie immer atmosphärisch dicht und schörkellos. Man merkt sofort, dass sich die Regisseure Den Film „Der Marshal“ sehr genau angesehen haben und auswendig kennen. Also durchaus zu empfehlen! Weitere Filme, die zu sehen sich im Wettbewerb lohnt sind: Der „Finanz-Crash –Krimi“ „Margin Call“ mit Kevin Spacey, Jeremy Irons und Demi Moore. „Coriolanus“ Shakespeare-Adaption von und mit Ralph Fiennes, Gerard Butler und Venessa Redgrave. Der Bela Tarr „The Turin Horse“ Die deutschen Filme, wenn es diese heutzutage mit als Ko-produktionen eigentlich noch gibt, laufen mehrheitlich, wie die Filme der ewigen Dokumentarfilmer Herzog(„Cave of Forgotten Dreams“) und Wenders („Pina“ in 3D) außer Konkurrenz. Ansonsten sollte man sich für die „Berlinale Specials“ auch etwas Zeit nehmen. Hier warten die Filme „The Kings Speech“, mit Colin Firth, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter und 12 Oscar-Nominierungen, „Toast“, Mit Helena Bonham Carter und Kenn Scott, und als Cineastischer Leckerbissen „Taxi Driver“ mit Robert De Niro und Jodie Foster auf das Kinopublikum. Dieses Jahr kommen auch wieder die Kinogänger auf ihre Kosten, die Erstlingsfilme, Experimentalfilme und das Kino der Welt wieder entdecken wollen. Das Forum und das Panorama bieten hier wieder ein reichhaltiges Füllhorn an Filmen an, die zu gut für den Wettbewerb waren. Für das Forum empfehle ich: -„Heaven’s Story“ , japanischer 4 ½ Stünder!! -„Folge mir“, ein schwarzhumoriger Film aus Österreich -„Patang(The Kite)“ aus Indien -„Amnistia(Amnesty“) aus Albanien - „Viva Riva“ aus dem Kongo! Für Leute die es Experimental Kino lieben, den seien die Filme des sog. „Forums Expended“ ans Herz gelegt.
systemfeind 10.02.2011
3. "Eisbär" fake remake als intro song
Zitat von sysopDer Kampf geht weiter: Die Berlinale 2011 präsentiert sich erneut als Politforum. Vom Apo-Drama über Paramilitär-Thriller bis zur Transgender-Hymne ist alles dabei. Wird es große Filmkunst geben? Bleibt trotz sinkender Zuschauerzahlen in Deutschland dem Kino die Krise erspart?
http://www.youtube.com/watch?v=cTuTc_liKS4 zu dumm , es gibt Internet ; die mäßig begabte Musikgruppe zu Beginn der Dummenshow hat doch tatsächlich ein völlig versautes remake von "Eisbär" vorgedudelt . Fremdschäm .
toskana2 10.02.2011
4. große Filmkunst?!
Zitat von sysopDer Kampf geht weiter: Die Berlinale 2011 präsentiert sich erneut als Politforum. Vom Apo-Drama über Paramilitär-Thriller bis zur Transgender-Hymne ist alles dabei. Wird es große Filmkunst geben? Bleibt trotz sinkender Zuschauerzahlen in Deutschland dem Kino die Krise erspart?
"True Grit" als "große Filmkunst"?! Eher ne Käsenummer!
Stefan Herrmann, 11.02.2011
5. Bevor sich wegen der Berlinale wieder alle überschlagen -
eine kleine Ergänzung: "Die Internationalen Filmfestspiele Berlin sind seit 2001 Teil der "Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH". Sie werden in diesem Jahr mit 6,5 Millionen Euro aus dem Haushalt des Kulturstaatsministers gefördert. Mit 250.000 Euro unterstützt der Kulturstaatsminister außerdem in diesem Jahr den Berlinale Talent Campus. Zusätzliche Mittel in Höhe von 300.000 Euro durch die Kulturstiftung des Bundes gibt es auch für den World Cinema Fund." Es wird ja nur zu gerne unterschlagen, was das Sektglasschwenken der C-Promis den Steuerzahler kostet... Und nun feiert euch weiter!
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