Berlinale-Blog Blutrache in Albanien, Bombenstimmung im Adlon

"Unknown Identity" mit Diane Kruger und Liam Neeson: Das Adlon explodiert.
Warner Bros.

"Unknown Identity" mit Diane Kruger und Liam Neeson: Das Adlon explodiert.

3. Teil: Mittwoch, 16. Februar, Tag 7


Von Andreas Borcholte

Was gesehen? "A Torinói Ló" ("The Turin Horse") von Béla Tarr, "Bizim Büyük Çaresizligimiz" ("Our Grand Despair") von Seyfi Teoman, beide Wettbewerb; "Mein bester Feind" von Wolfgang Murnberger (außer Konkurrenz), "También La Lluvia" ("Even The Rain"), Panorama.

Wie war's? Glück gehabt! Der Dienstag war, pünktlich zur Halbzeit, ein guter Tag auf der Berlinale. Morgens wurde Asghar Farhadis iranisches Scheidungsdrama "Nader and Simin, A Separation" gezeigt, das seither zumindest unter den anwesenden Kritikern als bisher einzig würdiger Bären-Kandidat gilt. Nachmittags dann stand die Geduldsprobe bevor: Ein neuer Film des ungarischen Meisterregisseurs Béla Tarr, das heißt: Strenger Formwille, noch strengere Schwarzweißbilder, minimale Dramaturgie, kaum Dialoge, dafür aber umso langwierigeres Auskosten einzelner Bilder und Einstellungen.

So auch in "The Turin Horse", der damit beginnt, dass eine Stimme aus dem Off erzählt, wie Friedrich Nietzsche 1889 einem Pferd zu Hilfe eilt, das von seinem Kutscher übelst geprügelt wird, weil es sich partout nicht bewegen will. Der Sprecher erzählt, der berühmte Philosoph sei dem Gaul um den Hals gefallen, habe sich von dem Vorfall nie wieder erholt - und sei zehn Jahre später im Zustand arger Demenz verstorben. Seine letzten Worte: "Mutter, ich bin so dumm". Was aus Fuhrmann und Pferd wurde? Man weiß es nicht.

Laut Béla Tarr haust der mürrische Tierschänder in einer wüsten Ödnis, die gar nicht wie Turin aussieht, zusammen mit seiner Tochter in einem kargen Haus. Zu Beginn sehen wir, wie er die schon recht gebeutelte Mähre durch einen Sturm nach Hause treibt, alles Weitere spielt sich weitgehend im Inneren der ärmlichen Hütte ab, denn der Sturm hört einfach nicht wieder auf. Sechs Tage lang, die der Film schön geduldig nacherzählt. Aber es gibt ja Beschäftigung! Akribisch und nahezu in Echtzeit zeigt Tarr, wie die Tochter den Papi an- und auskleidet, ihm jeden Tag zwei Gläser Selbstgebrannten serviert, ihm eine schön heiße Kartoffel kocht, die er gierig und einhändig seiner Pelle beraubt und dann pustend und schmatzend verschlingt. Einmal kommen ein paar Zigeuner vorbei, werden aber vertrieben, sonst passiert eigentlich nichts.

Und das Pferd? Weigert sich standhaft, aber auch immer kränklicher, den Stall zu verlassen. Am siebten Tag legt sich dann der Sturm, aber das Licht geht leider auch aus - und die Welt ist am Ende. Eine Geduldsprobe durchaus, aber wer die zweieinhalb Stunden von Tarrs invertierter Schöpfungsgeschichte durchhält, wird mit einem filmästhetischen Meisterwerk belohnt, das mit großem Einfühlungsvermögen vom Scheitern der Menschheit an sich selbst berichtet. Tarr, 55, hatte angekündigt, dass "The Turin Horse" sein letzter Film sein soll. Eine Berlinale-Bär zum Abschied wäre da doch eigentlich eine nette Geste.

Scheitern, dieses Wort wird ja gerne benutzt auf der Berlinale, vor allem, wenn es um Wettbewerbsfilme geht. Ein schönes Beispiel dafür wurde am frühen Mittwochmorgen der Presse gezeigt: Der türkische Regisseur Seyfi Teoman scheitert recht kläglich daran, mit "Our Grand Despair" eine recht simple Geschichte über zwei vielleicht schwule, vielleicht nur eng befreundete Männer zu erzählen, die sich in dasselbe junge Mädchen verlieben. Ganz nett, die Irrungen und Wirrungen, aber Teoman vergisst über allerlei Situationskomik leider, seinem Publikum die wichtigsten Details über Plot und Beziehungsverhältnis seiner Figuren zu verraten.

Nicht ganz so ärgerlich, aber ebenso überflüssig im Programm eines großen Festivals ist die Nazi-Groteske "Mein bester Feind" des Österreichers Wolfgang Murnberger ("Der Knochenmann"). Erzählt wird eine Verwechslungskomödie um einen jüdischen Kunstsammler-Erben aus Wien (Moritz Bleibtreu) und seinen arischen Jugendfreund (Georg Friedrich), der zur SS geht, als die Nazis in Deutschland die Macht ergreifen. Im turbulenten Verwirrspiel um den Verbleib einer kostbaren Michelangelo-Zeichnung zieht der Jude die Nazi-Uniform an und lässt seinen zum Schurken gewordenen Kumpel ins Lager bringen. Mit Burlesken über Holocaust und NS-Regime muss man ja bekanntlich vorsichtig sein, und Murnberger schafft es, anders als Oskar Roehler im vergangenen Jahr mit "Jud Süß", eine Katastrophe zu umschiffen. "Mein bester Feind", im Wettbewerb außer Konkurrenz zu sehen, hat einige gewitzte Dialoge und überraschende Twists parat - und bleibt trotz ernster Kulisse und historischer Belastung die ganze Zeit ein Lustspiel, das sich vor Ernst Lubitsch und Billy Wilder verneigt. Naja, verneigen kann man sich ja mal.

Beste Szene: Das immer hysterischer werdende Kichern einiger Besucher im stockdunklen Kinosaal, als in Béla Tarrs "The Turin Horse" immer wieder der nächste Tag angekündigt wird, also kein Ende des Films absehbar ist, die Handlung aber einfach nicht voranschreiten will.

Schlimmste Szene: In "Our Grand Despair" wird Essen und die Zubereitung diverser Speisen immer wieder als Metapher benutzt, man weiß nur nicht so genau, wofür. Für Festivalbesucher, zumal morgens, also vor dem Frühstück, ist das die reine Folter. Als die beiden Hauptfiguren im letzten Drittel des Films herzhaft eine saftige Melone verspeisen, hält es einen offenbar ausgezehrten Kollegen nicht mehr auf seinem Platz: Er springt auf und verlässt den Saal - vermutlich zum nächsten Coffee-Shop.

Star des Tages: Natürlich das so erbärmliche wie hellsichtige Pferd aus "The Turin Horse": Warum sich noch von der Stelle bewegen, wenn eh draußen die Apokalypse tobt?

Was gelernt: 1. Die Höhepunkte des Wettbewerbs dürften wir mit Béla Tarrs und Asghar Farhadis Filmen hinter uns haben. 2. Die Auswahl des Berlinale-Gremiums für den Wettbewerb bleibt ein Mysterium: Warum der spanische Oscar-Kandidat "Even The Rain" (También La Lluvia), ein durchaus engagiertes Werk über Unterdrückung und Rassismus vor der Kulisse eines Filmdrehs über Christoph Columbus in Bolivien, in der Panorama-Sektion laufen musste, ist ein Rätsel, gerade angesichts solcher Beliebigkeiten wie dem heutigen türkischen Beitrag.



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dextermorgan 10.02.2011
1. Großes „B“ an der Spree!
Das Panorama überzeugt dieses Jahr leider nur mit seinen Dokumentarfilmen. Meine Favoriten hier sind: -„How Are You“ Doku über die Künstler Michael Elmgreen und Ingar Dragset -„Khodorkovsky“ über den ehemaligen Öl-Oligarchen und Putin Gegner Chodorkowski -„Mondo Lux- Die Bilderwelten des Werner Schroeter“ Das Beste, wie auch in den letzten Jahren ist die Berlinale Sektion „Generation“. Mit ihrer großartigen Auswahl an „kplus“- und „14plus“-Filmen bildet sie immer den Lichtstreif an dem Festivalhorizont der Berlinale. Alle guten Filme hier zu nennen, würde den Rahmen sprengen. Hier nur ein paar Goodies: -„Red Dog“ aus Australien (14plus) -„The Dynamiter“ aus den USA(14plus) -„West is West“aus UK (14plus) -„On the Ice“, Coming of Age Drama aus Alaska (14plus) -„Jorgen +Anne=Sant“(kplus) -„De sterkste Man van Nederland“ (kplus) -„Mabul“, Jugend-Autisten-Drama aus Israel(kplus) -„ Knerten Gifter Seg“ (kplus) Den absoluten Tiefpunkt dieser Sektion markiert, wen wundert‘s, der Deutsche“ Bauer sucht Mann“- Beitrag „Stadt, Land, Fluss“! Nicht nur für die alten Cineasten unter uns sondern auch für die jungen Cineasten die wirkliche Filmkunst neu entdecken wollen bietet die Retrospektive, die diesmal Ingmar Bergmann gewidmet ist, den einen oder anderen Leckerbissen. Unbedingt mal wieder auf der großen Leinwand sehen: -„The Seventh Seal“ .“Wild Strawberries“ Da der erste Goldene Bär schon feststeht, er geht dieses Jahr an den grade 80 Jahre gewordenen Schauspieler Armin Müller Stahl, wird dieser auch mit einer Hommage geehrt. Dort kann man dann nochmal so schöne Filme sehen wie „SHINE“, Costa-Gavras „Music Box“ und Berry Levinsons „AVALON“, Jim Jarmuschs „Night on Earth und als besonderer Leckerbissen der Film Lola von Rainer Werner Fassbinder!
dextermorgan 10.02.2011
2. Großes „B“ an der Spree!(1)
Nun ist es wieder soweit! Alle Jahre wieder putzt sich Berlin zu dem Filmereignis in Deutschland heraus. Seit Anfang Februar sind am Potsdamer Platz die neuen einfallslosen Plakate der diesjährigen 61. Berlinale zu sehen, die sich wie ein „Testbild bis zum 20.02. in die Gehirne der Passanten einbrennen werden. Für die einen ist es die stilisierte japanische Kriegsflagge, vielleicht wenn man solche in Plakat lange genug anschaut tut sich ein „3D“.Logo auf(??) oder ist es, wenn man sie mit einer Spezialbrille betrachtet ein Träger einer unterschwelligen Botschaft?! Zu mindestens ist das Plakat genauso Einfallslos wie der diesjährige Wettbewerb! Am Allerschlimmsten ist allerdings, dass wieder das ewig grienend-tatschende Honigkuchenpferd des deutschen roten Festivalteppichs sein dilettantisches Unwesen treibt: Herr Dieter Kosslick. Auch dieses Jahr wird er in seinem speziellen „Kosslick-English(ähnlich dem Oettinger-English) als Gastgeber „seine“ Gäste bis in die Intimsphäre betatschen! Wäre er nicht der Festival-Chef könnte man ihn durchaus für einen Stalker halten! Nach dem letztjährigen Geburtstagsfilmfest, wo im Wettbewerb auch schon nicht die besten Filme des Festivals liefen, bestätigt sich mal wieder die Filmunkenntnis des Herrn Kosslick. Eröffnet wird die diesjährige Berlinale mit der Neuadaption des Romans durch die „Coen-Brüder“ „The True Grit“ von Charles Portis, dessen Roman den älteren Kinogängern noch unter dem Titel „Der Marshall“ mit John Wayne bekannt sein dürfte. Zugegeben hierbei handelt es sich um eine hochgradige Besetzung wie Jeff „DUDE“ Bridges, Matt Damon und Josh Brolin. Der Film an sich ist handwerklich gut gemacht und gemessen an den Detaileversessennen „Coen Brüdern“ wie immer atmosphärisch dicht und schörkellos. Man merkt sofort, dass sich die Regisseure Den Film „Der Marshal“ sehr genau angesehen haben und auswendig kennen. Also durchaus zu empfehlen! Weitere Filme, die zu sehen sich im Wettbewerb lohnt sind: Der „Finanz-Crash –Krimi“ „Margin Call“ mit Kevin Spacey, Jeremy Irons und Demi Moore. „Coriolanus“ Shakespeare-Adaption von und mit Ralph Fiennes, Gerard Butler und Venessa Redgrave. Der Bela Tarr „The Turin Horse“ Die deutschen Filme, wenn es diese heutzutage mit als Ko-produktionen eigentlich noch gibt, laufen mehrheitlich, wie die Filme der ewigen Dokumentarfilmer Herzog(„Cave of Forgotten Dreams“) und Wenders („Pina“ in 3D) außer Konkurrenz. Ansonsten sollte man sich für die „Berlinale Specials“ auch etwas Zeit nehmen. Hier warten die Filme „The Kings Speech“, mit Colin Firth, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter und 12 Oscar-Nominierungen, „Toast“, Mit Helena Bonham Carter und Kenn Scott, und als Cineastischer Leckerbissen „Taxi Driver“ mit Robert De Niro und Jodie Foster auf das Kinopublikum. Dieses Jahr kommen auch wieder die Kinogänger auf ihre Kosten, die Erstlingsfilme, Experimentalfilme und das Kino der Welt wieder entdecken wollen. Das Forum und das Panorama bieten hier wieder ein reichhaltiges Füllhorn an Filmen an, die zu gut für den Wettbewerb waren. Für das Forum empfehle ich: -„Heaven’s Story“ , japanischer 4 ½ Stünder!! -„Folge mir“, ein schwarzhumoriger Film aus Österreich -„Patang(The Kite)“ aus Indien -„Amnistia(Amnesty“) aus Albanien - „Viva Riva“ aus dem Kongo! Für Leute die es Experimental Kino lieben, den seien die Filme des sog. „Forums Expended“ ans Herz gelegt.
systemfeind 10.02.2011
3. "Eisbär" fake remake als intro song
Zitat von sysopDer Kampf geht weiter: Die Berlinale 2011 präsentiert sich erneut als Politforum. Vom Apo-Drama über Paramilitär-Thriller bis zur Transgender-Hymne ist alles dabei. Wird es große Filmkunst geben? Bleibt trotz sinkender Zuschauerzahlen in Deutschland dem Kino die Krise erspart?
http://www.youtube.com/watch?v=cTuTc_liKS4 zu dumm , es gibt Internet ; die mäßig begabte Musikgruppe zu Beginn der Dummenshow hat doch tatsächlich ein völlig versautes remake von "Eisbär" vorgedudelt . Fremdschäm .
toskana2 10.02.2011
4. große Filmkunst?!
Zitat von sysopDer Kampf geht weiter: Die Berlinale 2011 präsentiert sich erneut als Politforum. Vom Apo-Drama über Paramilitär-Thriller bis zur Transgender-Hymne ist alles dabei. Wird es große Filmkunst geben? Bleibt trotz sinkender Zuschauerzahlen in Deutschland dem Kino die Krise erspart?
"True Grit" als "große Filmkunst"?! Eher ne Käsenummer!
Stefan Herrmann, 11.02.2011
5. Bevor sich wegen der Berlinale wieder alle überschlagen -
eine kleine Ergänzung: "Die Internationalen Filmfestspiele Berlin sind seit 2001 Teil der "Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH". Sie werden in diesem Jahr mit 6,5 Millionen Euro aus dem Haushalt des Kulturstaatsministers gefördert. Mit 250.000 Euro unterstützt der Kulturstaatsminister außerdem in diesem Jahr den Berlinale Talent Campus. Zusätzliche Mittel in Höhe von 300.000 Euro durch die Kulturstiftung des Bundes gibt es auch für den World Cinema Fund." Es wird ja nur zu gerne unterschlagen, was das Sektglasschwenken der C-Promis den Steuerzahler kostet... Und nun feiert euch weiter!
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