Berlinale-Blog Blutrache in Albanien, Bombenstimmung im Adlon

"Unknown Identity" mit Diane Kruger und Liam Neeson: Das Adlon explodiert.
Warner Bros.

"Unknown Identity" mit Diane Kruger und Liam Neeson: Das Adlon explodiert.

6. Teil: Sonntag, 13. Februar, Tag 4


Von Daniel Sander

Was gesehen?

"Yelling to the Sky" von Victoria Mahoney, "Les Contes de la Nuit" von Michel Ocelot, "Pina" von Wim Wenders (alle im Wettbewerb)

Wie war's?

Jetzt hat der 3D-Wahn auch die internationalen Filmfestivals erreicht. Auf der Berlinale gab es heute kein Vorbeikommen an den hässlichen Spezialbrillen, aber das macht ja nichts, wenn die Filme, die man sich durch die Dinger anschaut, so schön sind wie Wim Wenders Hommage an die große Pina Bausch und Michel Ocelots animierte Liebeserklärung an das Kino an sich. Vorher gab's aber noch eine 17-Jährige auf dem Kriegspfad zu erleben, ganz altmodisch in 2D.

In dem Fall reicht das auch völlig, denn Debütregisseurin Victoria Mahoney präsentiert ihre junge Heldin Sweetness (Zoe Kravitz, die Tochter von Lenny) auch charakterlich konsequent zweidimensional: Zuerst ist das Kind einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters das hilflose und zerbrechliche Opfer, das in der New Yorker Vorstadt nirgendwo hingehört, von den Gleichaltrigen gnadenlos gemobbt wird und mit den Stimmungsschwankungen ihres gewalttätige Alkoholiker-Vaters klarkommen muss.

Nach einer Dreiviertelstunde legt sie dann etwas Make-Up auf und wandelt sich plötzlich und unerklärlich zum bösen Ghetto-Mädchen, das ihre Lieblingsfeindin (Gabourey Sidibe aus "Precious") zu Brei schlägt, Drogen verkauft und sich mit dem Vertrauenslehrer ihrer Schule auf einer Party das Koks durch die Nase zieht. Bevor sie am Schluss von ihrem Vater wieder zum guten Mädchen bekehrt wird, weil auch der eine spontane und unglaubwürdige Metamorphose zum verständnisvollen Superpapa vollzogen hat. Schade, dass die Figuren so rätselhafte Schablonen bleiben, denn sie machen einen sonst druckvolles, energiegeladenes Filmdebüt kaputt.

Michel Ocelot ("Kiriku und die Zauberin") hat in "Les Contes de la Nuit" zwar auch keine realistischen Figuren zu bieten, die erwartet in einen Trickfilm aber auch keiner. Stattdessen verbringen ein Junge, ein Mädchen und ein alter Techniker eine Nacht in einem alten Kino, um Geschichten zu suchen und zu erfinden, und sie zum Leben zu erwecken. Einfache Märchen sind das, von einem Werwolf etwa, der in die falsche Prinzessin verliebt ist; oder von einem Trommler in Afrika, der allen auf die Nerven geht bevor er mit Hilfe einer magischen Trommel sein Dorf zu Frieden und Glück führt. Ocelot erzählt sie mit Witz und viel Herz und malt dabei eine bunte, dreidimensionale Traumwelt auf die Leinwand, wie es die modernen, digitalen Zeiten eben mittlerweile zulassen. Doch die Helden selbst scheinen aus einer ganz anderen Zeit herbeigezeichnet zu sein, aus den Silhouettenfilmen von vor hundert Jahren, sie sind schwarze, kantige Schatten, während hinter ihnen die 3D-Wunderwelt blüht.

Das wurde in der Pressevorführung heute früh mit freundlichem Applaus gewürdigt, wenn auch mit etwas weniger Jubel als bei Wim Wenders' lang erwartetem 3D-Porträt "Pina" der legendären Tänzerin und Choreografin Pina Bausch. Als die im Sommer 2009 völlig überraschend an Krebs starb, schien das seit Jahren geplante gemeinsame Projekt der alten Freunde Wenders und Bausch am Ende, gerade als die Dreharbeiten beginnen sollten. Wenders hat den Film nun ohne Pina Bausch gemacht, nur flüchtig taucht sie manchmal in Archivbildern auf, oder auf Tonband, wie ein Geist, der nochmal einen Blick auf sein Leben werfen will.

An ihrer Stelle erzählen die Tänzer ihres berühmten Wuppertaler Ensembles, und sie tun es, wie sie es am besten können - tanzend. Wenders bringt Szenen aus den berühmtesten Bausch-Stücken auf die Leinwand, manche neu, manche Jahrzehnte alt, wie das berühmte "Café Müller". Und vielleicht war die 3D-Technik noch nie so sinnvoll eingesetzt wie hier. Das ist nicht einfach abgefilmtes Theater, hier hat die Bühne Raum und Tiefe, und die Tänzer sind einem dabei so nah, wie sie es in keinem Theatersaal sein könnten.

Beste Szene?

Ein Paar tanzt auf einer begrasten Verkehrsinsel in Wuppertal, über ihnen rauscht die Schwebebahn vorbei. Das Ganze dauert kaum fünf Sekunden, nur ein paar Blicke, Schritte, Schnitt - die schönste Liebesszene des bisherigen Festivals.

Schlimmste Szene?

Der Anblick von etwa fünfhundert Journalisten, die auf der überheizten ersten Etage des Cinemaxx am Potsdamer Platz nach einer halben Stunde Rumstehen auf engstem Raum zu einem wütenden Mob zusammenquellen, weil die Türen zur Pressevorführung von "Yelling to the Sky" nicht pünktlich öffnen wollen. Noch schlimmer nur: Der Geruch.

Star des Tages?

Auch wenn sie offiziell kein Berlinale-Gast ist: Madonna ist nun doch in Berlin gelandet und lenkt die gesammelte Aufmerksamkeit auf sich. Wie das eben so ihre Art ist. Dabei war bislang nicht viel von ihr zu sehen, da sie sich im edlen SoHo House regelrecht verschanzt zu haben scheint. Wer wohl die Glücklichen - oder eben nicht so Glücklichen -sind, die sich die ersten Ausschnitte aus ihrem neuen Film "W.E" ansehen dürfen? Oder schon durften? Vielleicht ja Werner Herzog, genial-wahnsinniger Meisterregisseur, der heute seinen heiß erwarteten neuen Dokumentarfilm "The Cave of Forgotten Dreams" in Berlin vorstellt, übrigens auch ein 3D-Werk. Irgendwie kann man sich die beiden ganz gut zusammen vorstellen, wie sie so da sitzen und über ihre Lieblingsfilme plaudern.

Was gelernt?

Nichts - das ist ja das Tolle. Nach Filmlektionen zu Finanzkrise, Militärdiktatur, Entwicklungshilfe und den Ghettokindern aus "Yelling to the Sky" gab es heute auf der notorisch lehrreichen Berlinale mal keine wichtigen gesellschaftspolitischen Erkenntnisse zu erlangen. Stattdessen ging es bei Wenders und Ocelot vor allem um die unendliche Magie der Bilder. Das ist ja bei einem Filmfestival auch mal ein ganz schöner Ansatz



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dextermorgan 10.02.2011
1. Großes „B“ an der Spree!
Das Panorama überzeugt dieses Jahr leider nur mit seinen Dokumentarfilmen. Meine Favoriten hier sind: -„How Are You“ Doku über die Künstler Michael Elmgreen und Ingar Dragset -„Khodorkovsky“ über den ehemaligen Öl-Oligarchen und Putin Gegner Chodorkowski -„Mondo Lux- Die Bilderwelten des Werner Schroeter“ Das Beste, wie auch in den letzten Jahren ist die Berlinale Sektion „Generation“. Mit ihrer großartigen Auswahl an „kplus“- und „14plus“-Filmen bildet sie immer den Lichtstreif an dem Festivalhorizont der Berlinale. Alle guten Filme hier zu nennen, würde den Rahmen sprengen. Hier nur ein paar Goodies: -„Red Dog“ aus Australien (14plus) -„The Dynamiter“ aus den USA(14plus) -„West is West“aus UK (14plus) -„On the Ice“, Coming of Age Drama aus Alaska (14plus) -„Jorgen +Anne=Sant“(kplus) -„De sterkste Man van Nederland“ (kplus) -„Mabul“, Jugend-Autisten-Drama aus Israel(kplus) -„ Knerten Gifter Seg“ (kplus) Den absoluten Tiefpunkt dieser Sektion markiert, wen wundert‘s, der Deutsche“ Bauer sucht Mann“- Beitrag „Stadt, Land, Fluss“! Nicht nur für die alten Cineasten unter uns sondern auch für die jungen Cineasten die wirkliche Filmkunst neu entdecken wollen bietet die Retrospektive, die diesmal Ingmar Bergmann gewidmet ist, den einen oder anderen Leckerbissen. Unbedingt mal wieder auf der großen Leinwand sehen: -„The Seventh Seal“ .“Wild Strawberries“ Da der erste Goldene Bär schon feststeht, er geht dieses Jahr an den grade 80 Jahre gewordenen Schauspieler Armin Müller Stahl, wird dieser auch mit einer Hommage geehrt. Dort kann man dann nochmal so schöne Filme sehen wie „SHINE“, Costa-Gavras „Music Box“ und Berry Levinsons „AVALON“, Jim Jarmuschs „Night on Earth und als besonderer Leckerbissen der Film Lola von Rainer Werner Fassbinder!
dextermorgan 10.02.2011
2. Großes „B“ an der Spree!(1)
Nun ist es wieder soweit! Alle Jahre wieder putzt sich Berlin zu dem Filmereignis in Deutschland heraus. Seit Anfang Februar sind am Potsdamer Platz die neuen einfallslosen Plakate der diesjährigen 61. Berlinale zu sehen, die sich wie ein „Testbild bis zum 20.02. in die Gehirne der Passanten einbrennen werden. Für die einen ist es die stilisierte japanische Kriegsflagge, vielleicht wenn man solche in Plakat lange genug anschaut tut sich ein „3D“.Logo auf(??) oder ist es, wenn man sie mit einer Spezialbrille betrachtet ein Träger einer unterschwelligen Botschaft?! Zu mindestens ist das Plakat genauso Einfallslos wie der diesjährige Wettbewerb! Am Allerschlimmsten ist allerdings, dass wieder das ewig grienend-tatschende Honigkuchenpferd des deutschen roten Festivalteppichs sein dilettantisches Unwesen treibt: Herr Dieter Kosslick. Auch dieses Jahr wird er in seinem speziellen „Kosslick-English(ähnlich dem Oettinger-English) als Gastgeber „seine“ Gäste bis in die Intimsphäre betatschen! Wäre er nicht der Festival-Chef könnte man ihn durchaus für einen Stalker halten! Nach dem letztjährigen Geburtstagsfilmfest, wo im Wettbewerb auch schon nicht die besten Filme des Festivals liefen, bestätigt sich mal wieder die Filmunkenntnis des Herrn Kosslick. Eröffnet wird die diesjährige Berlinale mit der Neuadaption des Romans durch die „Coen-Brüder“ „The True Grit“ von Charles Portis, dessen Roman den älteren Kinogängern noch unter dem Titel „Der Marshall“ mit John Wayne bekannt sein dürfte. Zugegeben hierbei handelt es sich um eine hochgradige Besetzung wie Jeff „DUDE“ Bridges, Matt Damon und Josh Brolin. Der Film an sich ist handwerklich gut gemacht und gemessen an den Detaileversessennen „Coen Brüdern“ wie immer atmosphärisch dicht und schörkellos. Man merkt sofort, dass sich die Regisseure Den Film „Der Marshal“ sehr genau angesehen haben und auswendig kennen. Also durchaus zu empfehlen! Weitere Filme, die zu sehen sich im Wettbewerb lohnt sind: Der „Finanz-Crash –Krimi“ „Margin Call“ mit Kevin Spacey, Jeremy Irons und Demi Moore. „Coriolanus“ Shakespeare-Adaption von und mit Ralph Fiennes, Gerard Butler und Venessa Redgrave. Der Bela Tarr „The Turin Horse“ Die deutschen Filme, wenn es diese heutzutage mit als Ko-produktionen eigentlich noch gibt, laufen mehrheitlich, wie die Filme der ewigen Dokumentarfilmer Herzog(„Cave of Forgotten Dreams“) und Wenders („Pina“ in 3D) außer Konkurrenz. Ansonsten sollte man sich für die „Berlinale Specials“ auch etwas Zeit nehmen. Hier warten die Filme „The Kings Speech“, mit Colin Firth, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter und 12 Oscar-Nominierungen, „Toast“, Mit Helena Bonham Carter und Kenn Scott, und als Cineastischer Leckerbissen „Taxi Driver“ mit Robert De Niro und Jodie Foster auf das Kinopublikum. Dieses Jahr kommen auch wieder die Kinogänger auf ihre Kosten, die Erstlingsfilme, Experimentalfilme und das Kino der Welt wieder entdecken wollen. Das Forum und das Panorama bieten hier wieder ein reichhaltiges Füllhorn an Filmen an, die zu gut für den Wettbewerb waren. Für das Forum empfehle ich: -„Heaven’s Story“ , japanischer 4 ½ Stünder!! -„Folge mir“, ein schwarzhumoriger Film aus Österreich -„Patang(The Kite)“ aus Indien -„Amnistia(Amnesty“) aus Albanien - „Viva Riva“ aus dem Kongo! Für Leute die es Experimental Kino lieben, den seien die Filme des sog. „Forums Expended“ ans Herz gelegt.
systemfeind 10.02.2011
3. "Eisbär" fake remake als intro song
Zitat von sysopDer Kampf geht weiter: Die Berlinale 2011 präsentiert sich erneut als Politforum. Vom Apo-Drama über Paramilitär-Thriller bis zur Transgender-Hymne ist alles dabei. Wird es große Filmkunst geben? Bleibt trotz sinkender Zuschauerzahlen in Deutschland dem Kino die Krise erspart?
http://www.youtube.com/watch?v=cTuTc_liKS4 zu dumm , es gibt Internet ; die mäßig begabte Musikgruppe zu Beginn der Dummenshow hat doch tatsächlich ein völlig versautes remake von "Eisbär" vorgedudelt . Fremdschäm .
toskana2 10.02.2011
4. große Filmkunst?!
Zitat von sysopDer Kampf geht weiter: Die Berlinale 2011 präsentiert sich erneut als Politforum. Vom Apo-Drama über Paramilitär-Thriller bis zur Transgender-Hymne ist alles dabei. Wird es große Filmkunst geben? Bleibt trotz sinkender Zuschauerzahlen in Deutschland dem Kino die Krise erspart?
"True Grit" als "große Filmkunst"?! Eher ne Käsenummer!
Stefan Herrmann, 11.02.2011
5. Bevor sich wegen der Berlinale wieder alle überschlagen -
eine kleine Ergänzung: "Die Internationalen Filmfestspiele Berlin sind seit 2001 Teil der "Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH". Sie werden in diesem Jahr mit 6,5 Millionen Euro aus dem Haushalt des Kulturstaatsministers gefördert. Mit 250.000 Euro unterstützt der Kulturstaatsminister außerdem in diesem Jahr den Berlinale Talent Campus. Zusätzliche Mittel in Höhe von 300.000 Euro durch die Kulturstiftung des Bundes gibt es auch für den World Cinema Fund." Es wird ja nur zu gerne unterschlagen, was das Sektglasschwenken der C-Promis den Steuerzahler kostet... Und nun feiert euch weiter!
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