Berlinale-Blog: Blutrache in Albanien, Bombenstimmung im Adlon

SPIEGEL-ONLINE-Redakteure bloggen täglich von den Tops und Flops des 61. Filmfestivals in der Hauptstadt. Heute: Andreas Borcholte über ein eindringliches Teenager-Drama in Albanien und einen explosiven Abschlussfilm, der in Berlin spielt - und die Festival-Besucher zum Jubeln brachte.

"Unknown Identity" mit Diane Kruger und Liam Neeson: Das Adlon explodiert. Zur Großansicht
Warner Bros.

"Unknown Identity" mit Diane Kruger und Liam Neeson: Das Adlon explodiert.

16 Filme konkurrieren in diesem Jahr um den Goldenen Bären, die höchste Auszeichnung der Internationalen Filmfestspiele von Berlin. Doch natürlich ist das nicht alles, was in den elf Berlinale-Tagen passiert. Die SPIEGEL-ONLINE- und SPIEGEL-Redakteure Andreas Borcholte, Christian Buß, Wolfgang Höbel, Hannah Pilarczyk, Stefan Kuzmany und Daniel Sander sind auf dem Festival unterwegs und bloggen täglich über die Höhepunkte und Flops des Wettbewerbs, die größten Stars, die kuriosesten Ereignisse, die spannendsten Filme in den Nebensektionen und den Gewinner-"Buzz". Natürlich interessiert uns auch brennend, wie Sie, lieber Leser, die Berlinale erleben, ob aus der Ferne oder direkt auf dem Festival. Diskutieren Sie in unserem Berlinale-Forum: Viel Lärm um Filme, die keiner sehen will - oder ein wichtiges Forum für politisches, engagiertes Kino?

Freitag, 18. Februar, Tag 9
Von Andreas Borcholte

Was gesehen? "Odem" ("Lipstikka") von Jonathan Sagall, "The Forgiveness Of Blood" von Joshua Marston, "Unknown Identity" von Jaume Collet-Serra, alle im Wettbewerb.

Wie war's? Kurz vor Schluss bewies die Berlinale noch einmal Kernkompetenz. Politische Konflikte, die sich im Privaten spiegeln, für solche Filme ist das deutsche A-Festival ja traditionell der beste Ort. So erzählt der in Israel lebende Regisseur Jonathan Sagall in "Odem" mit seinem kleinen, traurigen Liebes- und Vergewaltigungsdrama zweier entwurzelter Palästinenserinnen auch von den großen Verletzungen des Nahost-Konflikts. Noch besser gelingt es dem amerikanischen Regisseur Joshua Marston, der bereits mit seinem Debüt "Maria voll der Gnade" ganz tief in die Nöte einer jungen kolumbianischen Drogenkurierin eingestiegen war, Einblick in eine Gesellschaft zu nehmen, die sich selbst, der Zivilisation und dem Fortschritt im Wege steht. Sein Wettbewerbs-Beitrag "The Forgiveness Of Blood", der am Freitagmorgen der Presse gezeigt wurde, erzählt die Geschichte eines jungen Albaners und seiner Familie, die sich in eine archaische Blut- und Boden-Fehde verstricken und auseinandergerissen werden.

Der 17-jährige Nik hat große Pläne: Er postet Fotos auf Facebook, träumt von einem eigenen Internet-Café in seinem Heimatdorf und knüpft zarte Bande mit der bildhübschen Bardha. Seine Schwester Rudina ist ebenfalls weltoffen, interessiert sich für Biologie und ist die Beste in ihrer Klasse. Als sich Niks Vater Mark mit einem Nachbarn über ein Stück Feldweg streitet, das seine Familie seit Jahrzehnten mit dem Fuhrwerk befahren durfte, nun aber nicht mehr, kommt es zum Gewaltakt: Zusammen mit seinem Bruder bringt er den Streithammel um, woraufhin dessen Familie auf Rache sinnt und Marks Söhne mit dem Tod bedroht. Nach uralter Sitte, dem sogenannten Kanun, wird die Familie des Täters unter Hausarrest gestellt, bis ein langwieriges Mediations-Verfahren beginnen kann. Mark flüchtet in den Untergrund und lässt seine Kinder die Konsequenzen der Blutrache ausbaden: Rudina darf nicht mehr zur Schule, sondern muss mit Pferd und Wagen den Brotlieferdienst des Vaters übernehmen, während Nik zu Hause zum Nichtstun verdammt ist und seine Romanze alsbald zu den Akten legen kann. Klar: Welches Mädchen hat schon Lust, sich mit einem Typen einzulassen, der vielleicht mehrere Jahre nicht vor die Tür gehen kann? Und wenn er es doch tut, dann muss er damit rechnen, einfach abgeknallt zu werden. Frustriert sinnt Nik alsbald selbst nach Rache. Marston inszeniert diese anrührende Story über eine Gesellschaft im brutalen Übergang zwischen Tradition und Moderne mit ruhiger Hand und viel Gefühl für seine durchweg hervorragenden albanischen Jungdarsteller - ein echtes Highlight in diesem durchwachsenen Berlinale-Jahrgang.

Zum Abschluss lief dann noch der US-europäische Thriller "Unknown Identity", der unter deutscher Beteiligung komplett in Berlin gedreht wurde. Erzählt wird die konventionelle, aber äußerst spannende und mit zahlreichen überraschenden Wendungen versehen Geschichte des Uni-Professors Martin Harris (Liam Neeson), der in die deutsche Hauptstadt reist, um an einem Kongress über Biotechnologie teilzunehmen. Zusammen mit seiner Frau ("Mad Men"-Star January Jones) checkt er im Adlon ein, hat aber Aktentasche samt Pass am Flughafen vergessen. Auf dem Weg zurück nach Tegel baut seine Taxifahrerin (Diane Krüger) einen schweren Unfall, Harris liegt tagelang im Koma, und als er aufwacht, stellt er fest, dass ein anderer Mann seine Identität übernommen hat. Selbst seine Frau erkennt ihn nicht mehr.

Nachdem er beschlossen hat, nicht den Verstand zu verlieren, unternimmt er zusammen mit der Taxifahrerin den Versuch, im klirrend kalten Berliner Winter die ganze Sache aufzuklären - und entdeckt, dass ein Bombenanschlag in dem Berliner Nobelhotel geplant ist, an dem er vielleicht selbst nicht ganz unschuldig ist. Der spanische Regisseur Jaume Collet-Serra ("House of Wax") inszeniert diese außer Konkurrenz laufende Variation der "Bourne"-Filme mit viel Sinn für Timing und rasante Actionsequenzen. Die Verfolgungsjagd mit einem Taxi durch die Friedrichstraße, bei der auch die notorisch bemäkelten Berliner Verkehrsbetriebe ihr Fett wegkriegen, sorgte für Szenen-Applaus in der Pressevorführung. Und als die halbe obere Etage des Adlon in die Luft fliegt, war der Jubel im Publikum groß. Zehn Tage Festival im ruppigen, eisigen Berlin hinterlassen halt ihre Spuren, da freut man sich sogar, wenn ein Wahrzeichen der Stadt in Trümmer gelegt wird.

Beste Szene: Der Auftritt von Bruno "Der Führer" Ganz in "Unknown Identity" als ehemaliger Stasi-Offizier "Herr Jürgen", der Liam Neeson hilft, das Komplott aufzuklären. Die beiden treffen sich bei Ganz zu Hause, an der Wand Devotionalien aus dem Kalten Krieg. Ganz deklamiert: Vierzig Jahre habe er der Stasi gedient, "mit Stolz!". Spricht's, nimmt einen Schluck Cognac und kriegt einen spektakulären Hustenanfall. Herrlicher Slapstick mit Tiefgang.

Schlimmste Szene: Ebenfalls in "Unknown Identity", als die Taxifahrerin und illegale Einwanderin Gina (Diane Krüger) Liam Neeson vom Leid ihrer Familie in Bosnien erzählt: Es sind nur drei, vier Dialogsätze, aber unglaubwürdiger konnte man das kaum rüberbringen. Wer hat das Gerücht verbreitet, Frau Krüger sei eine gute Schauspielerin?

Star des Tages: Neben Bruno Ganz? Die junge albanische Schauspielerin Sindi Lacej in der Rolle der 15-jährigen Rudina in "The Forgiveness Of Blood": Phantastisch, wie sie sich mit sanftmütiger Miene in ihr Schicksal fügt, und sich als clevere Pragmatikerin entlarvt, als sie den Brothandel ihres Vaters in ein lukrativeres Zigarettengeschäft verwandelt und sein altes Pferd, Symbol für das mittelalterliche Brauchtum des Landes, kurzerhand verscherbelt. Der Gaul heißt übrigens "Klinsmann", und damit schließt sich der amüsante Tierkreis dieses Festivals.

Was gelernt? 1. Auch am letzten Tag können noch ganz unverhofft Höhepunkte im Wettbewerb auftauchen. 2. Ein spannender, gut gemachter Action-Thriller heitert nach zehn Tagen teils zäher, teils anstrengender Arthouse-Kunst ungemein auf, zumal, wenn er halb Berlin verwüstet.

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Forum - Keine Krise beim Kino?
insgesamt 57 Beiträge
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1. Großes „B“ an der Spree!
dextermorgan 10.02.2011
Das Panorama überzeugt dieses Jahr leider nur mit seinen Dokumentarfilmen. Meine Favoriten hier sind: -„How Are You“ Doku über die Künstler Michael Elmgreen und Ingar Dragset -„Khodorkovsky“ über den ehemaligen Öl-Oligarchen und Putin Gegner Chodorkowski -„Mondo Lux- Die Bilderwelten des Werner Schroeter“ Das Beste, wie auch in den letzten Jahren ist die Berlinale Sektion „Generation“. Mit ihrer großartigen Auswahl an „kplus“- und „14plus“-Filmen bildet sie immer den Lichtstreif an dem Festivalhorizont der Berlinale. Alle guten Filme hier zu nennen, würde den Rahmen sprengen. Hier nur ein paar Goodies: -„Red Dog“ aus Australien (14plus) -„The Dynamiter“ aus den USA(14plus) -„West is West“aus UK (14plus) -„On the Ice“, Coming of Age Drama aus Alaska (14plus) -„Jorgen +Anne=Sant“(kplus) -„De sterkste Man van Nederland“ (kplus) -„Mabul“, Jugend-Autisten-Drama aus Israel(kplus) -„ Knerten Gifter Seg“ (kplus) Den absoluten Tiefpunkt dieser Sektion markiert, wen wundert‘s, der Deutsche“ Bauer sucht Mann“- Beitrag „Stadt, Land, Fluss“! Nicht nur für die alten Cineasten unter uns sondern auch für die jungen Cineasten die wirkliche Filmkunst neu entdecken wollen bietet die Retrospektive, die diesmal Ingmar Bergmann gewidmet ist, den einen oder anderen Leckerbissen. Unbedingt mal wieder auf der großen Leinwand sehen: -„The Seventh Seal“ .“Wild Strawberries“ Da der erste Goldene Bär schon feststeht, er geht dieses Jahr an den grade 80 Jahre gewordenen Schauspieler Armin Müller Stahl, wird dieser auch mit einer Hommage geehrt. Dort kann man dann nochmal so schöne Filme sehen wie „SHINE“, Costa-Gavras „Music Box“ und Berry Levinsons „AVALON“, Jim Jarmuschs „Night on Earth und als besonderer Leckerbissen der Film Lola von Rainer Werner Fassbinder!
2. Großes „B“ an der Spree!(1)
dextermorgan 10.02.2011
Nun ist es wieder soweit! Alle Jahre wieder putzt sich Berlin zu dem Filmereignis in Deutschland heraus. Seit Anfang Februar sind am Potsdamer Platz die neuen einfallslosen Plakate der diesjährigen 61. Berlinale zu sehen, die sich wie ein „Testbild bis zum 20.02. in die Gehirne der Passanten einbrennen werden. Für die einen ist es die stilisierte japanische Kriegsflagge, vielleicht wenn man solche in Plakat lange genug anschaut tut sich ein „3D“.Logo auf(??) oder ist es, wenn man sie mit einer Spezialbrille betrachtet ein Träger einer unterschwelligen Botschaft?! Zu mindestens ist das Plakat genauso Einfallslos wie der diesjährige Wettbewerb! Am Allerschlimmsten ist allerdings, dass wieder das ewig grienend-tatschende Honigkuchenpferd des deutschen roten Festivalteppichs sein dilettantisches Unwesen treibt: Herr Dieter Kosslick. Auch dieses Jahr wird er in seinem speziellen „Kosslick-English(ähnlich dem Oettinger-English) als Gastgeber „seine“ Gäste bis in die Intimsphäre betatschen! Wäre er nicht der Festival-Chef könnte man ihn durchaus für einen Stalker halten! Nach dem letztjährigen Geburtstagsfilmfest, wo im Wettbewerb auch schon nicht die besten Filme des Festivals liefen, bestätigt sich mal wieder die Filmunkenntnis des Herrn Kosslick. Eröffnet wird die diesjährige Berlinale mit der Neuadaption des Romans durch die „Coen-Brüder“ „The True Grit“ von Charles Portis, dessen Roman den älteren Kinogängern noch unter dem Titel „Der Marshall“ mit John Wayne bekannt sein dürfte. Zugegeben hierbei handelt es sich um eine hochgradige Besetzung wie Jeff „DUDE“ Bridges, Matt Damon und Josh Brolin. Der Film an sich ist handwerklich gut gemacht und gemessen an den Detaileversessennen „Coen Brüdern“ wie immer atmosphärisch dicht und schörkellos. Man merkt sofort, dass sich die Regisseure Den Film „Der Marshal“ sehr genau angesehen haben und auswendig kennen. Also durchaus zu empfehlen! Weitere Filme, die zu sehen sich im Wettbewerb lohnt sind: Der „Finanz-Crash –Krimi“ „Margin Call“ mit Kevin Spacey, Jeremy Irons und Demi Moore. „Coriolanus“ Shakespeare-Adaption von und mit Ralph Fiennes, Gerard Butler und Venessa Redgrave. Der Bela Tarr „The Turin Horse“ Die deutschen Filme, wenn es diese heutzutage mit als Ko-produktionen eigentlich noch gibt, laufen mehrheitlich, wie die Filme der ewigen Dokumentarfilmer Herzog(„Cave of Forgotten Dreams“) und Wenders („Pina“ in 3D) außer Konkurrenz. Ansonsten sollte man sich für die „Berlinale Specials“ auch etwas Zeit nehmen. Hier warten die Filme „The Kings Speech“, mit Colin Firth, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter und 12 Oscar-Nominierungen, „Toast“, Mit Helena Bonham Carter und Kenn Scott, und als Cineastischer Leckerbissen „Taxi Driver“ mit Robert De Niro und Jodie Foster auf das Kinopublikum. Dieses Jahr kommen auch wieder die Kinogänger auf ihre Kosten, die Erstlingsfilme, Experimentalfilme und das Kino der Welt wieder entdecken wollen. Das Forum und das Panorama bieten hier wieder ein reichhaltiges Füllhorn an Filmen an, die zu gut für den Wettbewerb waren. Für das Forum empfehle ich: -„Heaven’s Story“ , japanischer 4 ½ Stünder!! -„Folge mir“, ein schwarzhumoriger Film aus Österreich -„Patang(The Kite)“ aus Indien -„Amnistia(Amnesty“) aus Albanien - „Viva Riva“ aus dem Kongo! Für Leute die es Experimental Kino lieben, den seien die Filme des sog. „Forums Expended“ ans Herz gelegt.
3. "Eisbär" fake remake als intro song
systemfeind 10.02.2011
Zitat von sysopDer Kampf geht weiter: Die Berlinale 2011 präsentiert sich erneut als Politforum. Vom Apo-Drama über Paramilitär-Thriller bis zur Transgender-Hymne ist alles dabei. Wird es große Filmkunst geben? Bleibt trotz sinkender Zuschauerzahlen in Deutschland dem Kino die Krise erspart?
http://www.youtube.com/watch?v=cTuTc_liKS4 zu dumm , es gibt Internet ; die mäßig begabte Musikgruppe zu Beginn der Dummenshow hat doch tatsächlich ein völlig versautes remake von "Eisbär" vorgedudelt . Fremdschäm .
4. große Filmkunst?!
toskana2 10.02.2011
Zitat von sysop(...) Wird es große Filmkunst geben? (...)
"True Grit" als "große Filmkunst"?! Eher ne Käsenummer!
5. Bevor sich wegen der Berlinale wieder alle überschlagen -
Stefan Herrmann 11.02.2011
eine kleine Ergänzung: "Die Internationalen Filmfestspiele Berlin sind seit 2001 Teil der "Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH". Sie werden in diesem Jahr mit 6,5 Millionen Euro aus dem Haushalt des Kulturstaatsministers gefördert. Mit 250.000 Euro unterstützt der Kulturstaatsminister außerdem in diesem Jahr den Berlinale Talent Campus. Zusätzliche Mittel in Höhe von 300.000 Euro durch die Kulturstiftung des Bundes gibt es auch für den World Cinema Fund." Es wird ja nur zu gerne unterschlagen, was das Sektglasschwenken der C-Promis den Steuerzahler kostet... Und nun feiert euch weiter!
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