16 Filme konkurrieren in diesem Jahr um den Goldenen Bären, die höchste Auszeichnung der Internationalen Filmfestspiele von Berlin. Doch natürlich ist das nicht alles, was in den elf Berlinale-Tagen passiert. Die SPIEGEL-ONLINE- und SPIEGEL-Redakteure Andreas Borcholte, Christian Buß, Wolfgang Höbel, Hannah Pilarczyk, Stefan Kuzmany und Daniel Sander sind auf dem Festival unterwegs und bloggen täglich über die Höhepunkte und Flops des Wettbewerbs, die größten Stars, die kuriosesten Ereignisse, die spannendsten Filme in den Nebensektionen und den Gewinner-"Buzz". Natürlich interessiert uns auch brennend, wie Sie, lieber Leser, die Berlinale erleben, ob aus der Ferne oder direkt auf dem Festival. Diskutieren Sie in unserem Berlinale-Forum: Viel Lärm um Filme, die keiner sehen will - oder ein wichtiges Forum für politisches, engagiertes Kino?
Freitag, 18. Februar, Tag 9
Von Andreas Borcholte
Was gesehen? "Odem" ("Lipstikka") von Jonathan Sagall, "The Forgiveness Of Blood" von Joshua Marston, "Unknown Identity" von Jaume Collet-Serra, alle im Wettbewerb.
Wie war's? Kurz vor Schluss bewies die Berlinale noch einmal Kernkompetenz. Politische Konflikte, die sich im Privaten spiegeln, für solche Filme ist das deutsche A-Festival ja traditionell der beste Ort. So erzählt der in Israel lebende Regisseur Jonathan Sagall in "Odem" mit seinem kleinen, traurigen Liebes- und Vergewaltigungsdrama zweier entwurzelter Palästinenserinnen auch von den großen Verletzungen des Nahost-Konflikts. Noch besser gelingt es dem amerikanischen Regisseur Joshua Marston, der bereits mit seinem Debüt "Maria voll der Gnade" ganz tief in die Nöte einer jungen kolumbianischen Drogenkurierin eingestiegen war, Einblick in eine Gesellschaft zu nehmen, die sich selbst, der Zivilisation und dem Fortschritt im Wege steht. Sein Wettbewerbs-Beitrag "The Forgiveness Of Blood", der am Freitagmorgen der Presse gezeigt wurde, erzählt die Geschichte eines jungen Albaners und seiner Familie, die sich in eine archaische Blut- und Boden-Fehde verstricken und auseinandergerissen werden.
Der 17-jährige Nik hat große Pläne: Er postet Fotos auf Facebook, träumt von einem eigenen Internet-Café in seinem Heimatdorf und knüpft zarte Bande mit der bildhübschen Bardha. Seine Schwester Rudina ist ebenfalls weltoffen, interessiert sich für Biologie und ist die Beste in ihrer Klasse. Als sich Niks Vater Mark mit einem Nachbarn über ein Stück Feldweg streitet, das seine Familie seit Jahrzehnten mit dem Fuhrwerk befahren durfte, nun aber nicht mehr, kommt es zum Gewaltakt: Zusammen mit seinem Bruder bringt er den Streithammel um, woraufhin dessen Familie auf Rache sinnt und Marks Söhne mit dem Tod bedroht. Nach uralter Sitte, dem sogenannten Kanun, wird die Familie des Täters unter Hausarrest gestellt, bis ein langwieriges Mediations-Verfahren beginnen kann. Mark flüchtet in den Untergrund und lässt seine Kinder die Konsequenzen der Blutrache ausbaden: Rudina darf nicht mehr zur Schule, sondern muss mit Pferd und Wagen den Brotlieferdienst des Vaters übernehmen, während Nik zu Hause zum Nichtstun verdammt ist und seine Romanze alsbald zu den Akten legen kann. Klar: Welches Mädchen hat schon Lust, sich mit einem Typen einzulassen, der vielleicht mehrere Jahre nicht vor die Tür gehen kann? Und wenn er es doch tut, dann muss er damit rechnen, einfach abgeknallt zu werden. Frustriert sinnt Nik alsbald selbst nach Rache. Marston inszeniert diese anrührende Story über eine Gesellschaft im brutalen Übergang zwischen Tradition und Moderne mit ruhiger Hand und viel Gefühl für seine durchweg hervorragenden albanischen Jungdarsteller - ein echtes Highlight in diesem durchwachsenen Berlinale-Jahrgang.
Zum Abschluss lief dann noch der US-europäische Thriller "Unknown Identity", der unter deutscher Beteiligung komplett in Berlin gedreht wurde. Erzählt wird die konventionelle, aber äußerst spannende und mit zahlreichen überraschenden Wendungen versehen Geschichte des Uni-Professors Martin Harris (Liam Neeson), der in die deutsche Hauptstadt reist, um an einem Kongress über Biotechnologie teilzunehmen. Zusammen mit seiner Frau ("Mad Men"-Star January Jones) checkt er im Adlon ein, hat aber Aktentasche samt Pass am Flughafen vergessen. Auf dem Weg zurück nach Tegel baut seine Taxifahrerin (Diane Krüger) einen schweren Unfall, Harris liegt tagelang im Koma, und als er aufwacht, stellt er fest, dass ein anderer Mann seine Identität übernommen hat. Selbst seine Frau erkennt ihn nicht mehr.
Nachdem er beschlossen hat, nicht den Verstand zu verlieren, unternimmt er zusammen mit der Taxifahrerin den Versuch, im klirrend kalten Berliner Winter die ganze Sache aufzuklären - und entdeckt, dass ein Bombenanschlag in dem Berliner Nobelhotel geplant ist, an dem er vielleicht selbst nicht ganz unschuldig ist. Der spanische Regisseur Jaume Collet-Serra ("House of Wax") inszeniert diese außer Konkurrenz laufende Variation der "Bourne"-Filme mit viel Sinn für Timing und rasante Actionsequenzen. Die Verfolgungsjagd mit einem Taxi durch die Friedrichstraße, bei der auch die notorisch bemäkelten Berliner Verkehrsbetriebe ihr Fett wegkriegen, sorgte für Szenen-Applaus in der Pressevorführung. Und als die halbe obere Etage des Adlon in die Luft fliegt, war der Jubel im Publikum groß. Zehn Tage Festival im ruppigen, eisigen Berlin hinterlassen halt ihre Spuren, da freut man sich sogar, wenn ein Wahrzeichen der Stadt in Trümmer gelegt wird.
Beste Szene: Der Auftritt von Bruno "Der Führer" Ganz in "Unknown Identity" als ehemaliger Stasi-Offizier "Herr Jürgen", der Liam Neeson hilft, das Komplott aufzuklären. Die beiden treffen sich bei Ganz zu Hause, an der Wand Devotionalien aus dem Kalten Krieg. Ganz deklamiert: Vierzig Jahre habe er der Stasi gedient, "mit Stolz!". Spricht's, nimmt einen Schluck Cognac und kriegt einen spektakulären Hustenanfall. Herrlicher Slapstick mit Tiefgang.
Schlimmste Szene: Ebenfalls in "Unknown Identity", als die Taxifahrerin und illegale Einwanderin Gina (Diane Krüger) Liam Neeson vom Leid ihrer Familie in Bosnien erzählt: Es sind nur drei, vier Dialogsätze, aber unglaubwürdiger konnte man das kaum rüberbringen. Wer hat das Gerücht verbreitet, Frau Krüger sei eine gute Schauspielerin?
Star des Tages: Neben Bruno Ganz? Die junge albanische Schauspielerin Sindi Lacej in der Rolle der 15-jährigen Rudina in "The Forgiveness Of Blood": Phantastisch, wie sie sich mit sanftmütiger Miene in ihr Schicksal fügt, und sich als clevere Pragmatikerin entlarvt, als sie den Brothandel ihres Vaters in ein lukrativeres Zigarettengeschäft verwandelt und sein altes Pferd, Symbol für das mittelalterliche Brauchtum des Landes, kurzerhand verscherbelt. Der Gaul heißt übrigens "Klinsmann", und damit schließt sich der amüsante Tierkreis dieses Festivals.
Was gelernt? 1. Auch am letzten Tag können noch ganz unverhofft Höhepunkte im Wettbewerb auftauchen. 2. Ein spannender, gut gemachter Action-Thriller heitert nach zehn Tagen teils zäher, teils anstrengender Arthouse-Kunst ungemein auf, zumal, wenn er halb Berlin verwüstet.
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