Berlinale-Blog Das Krasse kurz vor Schluss

Auf den letzten Metern zeigte sich der Berlinale-Wettbewerb noch einmal von seiner aufwühlendsten und politischsten Seite: Im ungarischen Film "Just the Wind" wird vom tödlichen Schicksal einer Roma-Familie erzählt, der kanadische Film "Rebelle" porträtiert das Leid einer afrikanischen Kindersoldatin.

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Jetzt wird es langsam spannend. Nach zehn Tagen Festival steht bei der Berlinale am Samstag die Vergabe der Bären auf dem Programm. Am Abend werden die silbernen und eine goldene Trophäe für die herausragenden Leistungen dieses Jahrgangs verliehen. Zusätzliche Schwierigkeit für die Jury: Am Donnerstag und Freitag, kurz vor Schluss also, reihten sich noch zwei überzeugende Kandidaten für den Hauptpreis in die Favoritenriege ein.

Die Berlinale ist ein politisches Filmfestival, seine Stärken lagen schon immer im engagierten Weltkino, das von Missständen auf der ganzen Welt in mehr oder weniger packenden, mal kunstvoll ästhetisierten, mal schonungslos dokumentarischen Geschichten erzählt. Insofern stehen Bence Fliegaufs Film "Czsak a szél" ("Just the Wind") und Kim Nguyens "Rebelle" ("War Witch") in bester Berlinale-Tradition: Sie verzichten auf professionelle Schauspieler und pflegen einen handwerklich schroffen, unverkünstelten Stil - und sie berichten von menschlichen Schicksalen in gesellschaftlichen Extremsituationen.

"Czsak a szél" handelt von einer Mordserie an Roma-Familien in Ungarn, die sich zwischen 2008 und 2009 tatsächlich ereignet hat, zurzeit wird noch gegen die Täter ermittelt. 55 Menschen wurden bei den Attacken mit Schrotflinten und Molotow-Cocktails verletzt, fünf starben. Regisseur Benedek "Bence" Fliegauf ("Womb"), ein aufstrebendes Talent des ungarischen Kinos, gründet seinen Film auf öffentlich zugänglichen Materialien über die rassistisch motivierten Vorfälle, betont aber, dass seine Darstellungen keinen dokumentarischen Wert haben.

Geschildert wird der letzte Tag einer Roma-Familie, bevor sie den Attentätern zum Opfer fällt. Es sei ihm wichtig gewesen, die Roma abseits der gängigen Klischees zu zeigen, also nicht als singendes, tanzendes, chaotisches Volk, sondern als Einzelpersonen. Deshalb wird jedes Familienmitglied allein in seinem Alltag porträtiert. Die Mutter pflegt ihren bettlägerigen Vater, geht dann Müllsammeln an der Autobahn, später Putzen in derselben Schule, in der ihre Teenager-Tochter Mari den Unterricht besucht. Ihr kleiner Sohn schwänzt die Schule und kümmert sich stattdessen lieber um den Ausbau eines Verstecks im Wald, fast als ahne er bereits, dass Unheil naht.

Denkbar schlechtester Ort für verfolgte Minderheiten

Was Fliegaufs Film zu einem so eindrücklichen Erlebnis macht, ist sein Bemühen um Objektivität: Zwar bezieht der Regisseur durchaus Position, allein eines der Schlussbilder, in dem mit Mutter, Tochter und Großvater gleich drei Generationen in der Leichenhalle aufgebahrt liegen, ist eine lakonische Anklage gegen die jahrhundertelange Verfolgung des Romani-Volkes. Aber er zeigt eben auch ohne Beschönigung die teils erbärmlichen Lebensverhältnisse der Roma in Ungarn, den Schmutz in den ärmlichen Häusern, die aus Lethargie oder Ignoranz geborene Verwahrlosung, das Saufen und In-den-Tag-Hineindösen der Männer, während die Frauen den Unterhalt verdienen oder sich um Bildung bemühen. Maris Vater ist bereits in Toronto, um dort den Umzug der ganzen Familie zu organisieren. Doch das Schicksal gönnt ihnen nicht die Flucht, sie sterben in Europa, wie Angehörige ihres Volkes schon immer in Europa gestorben sind, ermordet und verfolgt von Rassisten mit Gewehren.

Die gesellschaftlichen Umstände wie auch die Motivation der Täter thematisiert Fliegauf höchstens am Rande. Nur in einer Szene, als sich zwei Polizisten im Haus einer zuvor umgebrachten Roma-Familie unterhalten, wird die Verachtung gegenüber den "Gypsys" in Ungarn deutlich: Wie dumm sich die Mörder angestellt hätten, wundert sich der Dienstältere, ausgerechnet Leute abzuknallen, die gearbeitet haben und nicht weiter auffällig gewesen seien. Er hätte ihnen genau die Häuser zeigen können, wo die Diebe und Herumstreuner leben, deren Ermordung wäre in der Bevölkerung wahrscheinlich sogar auf Wohlwollen gestoßen.

"Czsak a szél" erklärt die Pogromstimmung in einem Land, das unter sozialen Spannungen und der rechtsnationalen Politik von Ministerpräsident Viktor Orbán zum denkbar schlechtesten Ort für verfolgte Minderheiten geworden ist. Einen Mini-Eklat gab es bei der Pressekonferenz am Donnerstag, als die ungarische Regierung Flugblätter verteilen ließ, auf denen betont wurde, dass es sich bei Fliegaufs Film um "reine Fiktion" handele, auch wenn er auf realen Ereignissen beruhe. Der Regisseur zeigte sich verwundert und sagte, eine solche Aktion seiner Regierung sei kontraproduktiv, aber auch typisch für die Situation in seinem Land zurzeit. Er wüsste nicht, warum sich jemand von seinem Film bedroht fühlen sollte, er sei "keine Generalisierung über Ungarn, sondern über die Mechanismen des Rassismus überall auf der Welt". Ironischerweise wurde "Czsak a szél" unter anderem mit Mitteln der ungarischen Kulturförderung finanziert, ein Teil der Produktionsgelder für den mit Laiendarstellern gedrehten Film kam auch aus Deutschland.

Schlaglicht auf schier unmenschliche Herausforderungen

Verfolgt wird auch die zwölfjährige Hauptfigur aus "Rebelle", dem neuen Film des bereits mehrfach ausgezeichneten Kanadiers Kim Nguyen. Komona (Rachel Mwanza) lebt mit ihren Eltern in einem afrikanischen Dorf. Gedreht hat Kim in der Demokratischen Republik Kongo, im Film wird der Schauplatz jedoch bewusst anonym gehalten. Rebellen überfallen den Ort, um Nachwuchskräfte zu rekrutieren, auch Komona wird auserwählt. Um zu beweisen, dass sie tauglich ist, muss sie ihre Eltern mit einer Kalaschnikow erschießen. Wenn nicht, würde der Rebellenkommandeur sie mit der Machete zerhacken. Komona schießt - und lernt im Busch, wie ein Profi mit der AK47 umzugehen. Als sie als einzige Kindersoldatin ein Scharmützel mit Regierungstruppen überlebt, glauben die Rebellen, sie habe magische Kräfte und ernennen sie zur "War Witch", zur Kriegszauberin des Anführers "Great Tiger".

Doch der Tod lauert auch in Komonas gehobener Stellung auf Schritt und Tritt, also beschließt sie zusammen mit dem 15-jährigen Albino-Afrikaner, Magician genannt, zu fliehen. Sie verlieben sich ineinander, heiraten und lassen sich im Dorf seines Onkels nieder. Es scheint, als hätten sie den Krieg gegen ein kleines Liebes- und Lebensglück eingetauscht, doch der "Great Tiger" will nicht auf seine Hexe verzichten und lässt Komona ausfindig machen. Die kurze Phase des Friedens und der Hoffnung geht in Gewalt und einer ungewollten Schwangerschaft unter.

Es sei ihm darum gegangen, die Ausdauer und Belastbarkeit von Menschen zu zeigen, die unter so widrigen Bedingungen doch immer wieder neuen Mut finden, weiterzumachen, ihr Glück zu suchen. Seine Hauptdarstellerin entdeckte Kim auf den Straßen von Kinshasa. Auch die anderen Schauspieler sind größtenteils Laien, woraus der Film viel dokumentarische Wucht erhält und ein Schlaglicht auf die schier unmenschlichen Herausforderungen wirft, mit denen sich Kinder im Chaos instabiler afrikanischer Staaten konfrontiert sehen. Kein Wunder, dass sie ihr Heil in Schamanentum und Aberglauben suchen.

Zusammen mit "Czsak a szél" gehört "Rebelle" damit zu den stärksten Anwärtern auf den Goldenen Bären. Viele Filme dieser Art, darunter Michael Winterbottoms afghanisches Flüchtlingsdrama "In This World" oder Jasmila Žbanis Bosnienkriegsdrama "Grbavica" gewannen in den vergangenen Jahren den Hauptpreis des Festivals. Man darf gespannt sein, ob die Jury unter Leitung des britischen Sozialdrama-Regisseurs Mike Leigh dieser Berlinale-Tradition folgt oder sich für ein weniger dokumentarisches, kunstvolleres Erzählkino entscheidet.

Die Kritiker haben sich unterdessen längst auf Christian Petzolds überaus gelungenes und ebenfalls sehr politisches DDR-Drama "Barbara" geeinigt, doch es könnte sein, dass der international besetzten Jury das Thema zu deutsch ist. Auch "L'enfant d'en haut", Ursula Meiers Prekariatserzählung aus dem Schatten von Schweizer Skiorten, könnte gute Chancen auf den Bären haben, und natürlich das griechische Mönch-liebt-Nonne-Bergspiel "Metéora", das die vielleicht universellste Aussage des Festivals macht: Zwischen dem menschlichen Streben nach ideologischer Reinheit und seinen natürlichen Trieben liegen Abgründe. Mal sehen, für welchen sich die Jury entscheidet.

Außerdem gesehen:

"Gnade": Sehr deutsches und allzu versöhnliches Beziehungs- und Vergebungsdrama von Matthias Glasner ("Der freie Wille") vor malerischer Polarkreis-Kulisse. Dritter deutscher Wettbewerbsfilm, aber leider nur Rosamunde Pilcher mit Autorenkino-Appeal (eine Ausführliche Kritik lesen Sie hier).

"En kongelig Affære" ("Die Königin und der Leibarzt", "A Royal Affair"): Der Aufklärung verschriebenes Historien- und Liebesdrama aus dem 18. Jahrhundert vom dänischen Regisseur Nikolaj Arcel im Wettbewerb. Mit Mads Mikkelsen und dem talentierten Berlinale-"Shooting Star" Alicia Vikander. Durchaus sehenswerter als der in derselben Epoche spielende Eröffnungsfilm "Les adieux à la reine".



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Usambaras 18.02.2012
1. Korrektur
Kurze Korrektur: der Film heißt "Csak a szél" im Original.
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