Berlinale-Blog Fahr zur Hölle, Mönch!

Religion auf die knisternde Tour: Wie man die Geschichte eines Mönchs und einer Nonne erotisch auflädt, zeigt der griechische Film "Metéora". Der philippinische Regiestar Brillante Mendoza beweist in "Captive", dass man das Thema Terror auch ohne Sinn und Verstand inszenieren kann.

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Berlinale

Zum Lockermachen fangen wir heute mal mit einem typischen Berlinale-Witz an: Ich habe heute festgestellt, dass mein lustiger roter Jutebeutel, den mir das Festival geschenkt hat, wenn ich ihn mit dem voluminösen Berlinale-Katalog fülle, trotzdem noch zweimal in die elegante schwarze Umhängetasche passt, die ich letztes Jahr in Cannes bekommen habe. Da sage noch mal einer, Cannes stecke Berlin nicht in jeder Beziehung locker in die Tasche. Naja, Sie merken schon, nach vier Tagen Filmegucken hat sich der Humor schon dem Niveau vieler Festivalbeiträge angenähert.

Aber wir wollten ja dieses Jahr nicht über Journalisten-Befindlichkeiten reden. Und Berlinale-Bashing ist eh out, spätestens seit am Samstag gleich zwei grandiose Highlights zu sehen waren: Christian Petzolds überaus gelungenes Zonendrama "Barbara" im Wettbewerb und der herrlich durchgeknallte Nazis-auf-dem-Mond-Trash "Iron Sky" im Panorama - seit seiner umjubelten Premiere am Samstagabend eigentlich das einzige Stadtgespräch neben der Kälte. Und das, obwohl Lieblingsbärin Angelina Jolie zeitgleich ihren Film "In the Land of Blood and Honey" vorstellte, danach eine rege besuchte Diskussionsrunde besuchte, dann noch in einem hippen neuen Lokal für erlesene Gäste einen Empfang abhielt und Joschka Fischer traf. Das war den Berlinern dann auch schon wieder ein bisschen egal, kein Wunder: Über Nazis lachen, das hat in der Hauptstadt etwas ganz besonders Befreiendes.

Womit wir bei den Wettbewerbsfilmen vom Sonntag angekommen wären, die sich um Gefangene unterschiedlicher Couleur drehten. Und um Glaubensfragen. Gleich morgens um neun, pünktlich zum Gottesdienst, entführte der griechische Regisseur Spiros Stathoulopoulos in eine nicht nur für Agnostiker äußerst unwirkliche Welt. Als Schauplatz für seine Parabel auf die Zerrissenheit des Menschen zwischen Frömmigkeit und Trieb dienten ihm die auf zwei sehr hohen Felsen gegenüber gelegenen "Metéora"-Klöster nahe der Stadt Kalambaka in Thessalien. In dem einen Kloster lebt der junge Mönch Theodoros, in dem anderen die ebenfalls junge (und sehr hübsche) Nonne Urania. In das Frauenkloster gelangt man nur sehr beschwerlich über eine von Hand betriebene Seilwinde, an der ein Netz zur Personenbeförderung befestigt ist; die Männer am gegenüberliegenden Hang müssen eine endlose in den Stein gewundene Treppe bewältigen.

Nonne, Mönch, Zölibat, Sie wissen schon

"Das Bild der über der Erde schwebenden Klöster ist eine Allegorie für das menschliche Wesen in seinem ständigen Schwanken zwischen spiritueller und weltlicher Existenz", schreibt der Regisseur über seine Szenerie. Zu heftigen Schwankungen im klösterlichen Alltag aus griechisch-othodoxem Hochamt und mittelalterlicher Nahrungszubereitung bei Kerzenschein kommt es dann tatsächlich, als sich Theo und Urania einmal unten, in der Ebene zwischen den Felsen, begegnen - und sich sofort ineinander verlieben. Geht aber natürlich nicht, weil: Nonne, Mönch, Zölibat, Sie wissen schon.

Geht dann aber letztlich doch. Und den beschwerlichen, selbstquälerischen Weg bis zu der Erkenntnis, dass gegen die menschliche Natur nun mal nichts zu machen ist, so sehr man sich auch geißelt (Urania: Hand in Kerze halten) oder sein Heil in der Bibel sucht (Theodoros: wirft das heilige Buch frustriert an die Wand seiner Zelle). Am Ende haben die beiden dann doch noch Sex in einer Grotte, also nahe an der Hölle, um im Bild zu bleiben. Aber beide behalten dabei schön züchtig Teile ihrer Kluft an, man will sich ja nicht ganz dem Teufel verschreiben.

Klingt nach schwierigem Kinostoff, ist aber ein durchweg unterhaltsamer Film über die Sinnlosigkeit extremer Religiosität, der mit reizenden Animationen byzantinischer Ikonenmalerei aufgelockert wird. Ach so: Nicht, dass hier der Eindruck entsteht, "Metéora", so der Titel des Films, sei kein Kunstkino: Gesprochen werden etwa zehn Sätze, und aus dem Off sagt Theodoros im Verlauf der Handlung das gesamte Vaterunser auf. Tja, das Leben ist eine endlose Prüfung. Und Filmfestivals erst! Ich könnte Ihnen da Geschichten erzählen...

Geiseln unter Paradiesvögeln

Mache ich auch, aber nur kurz. Sie müssen nämlich wissen, dass es eine Art Geheimcode der Berlinale gibt: In fünf von zehn Jahrgängen findet die Pressevorführung des Films, der am Ende den Goldenen Bären gewinnt, nämlich an genau diesem härtesten aller Termine am Sonntagmorgen um neun Uhr statt. Man tut also stets gut daran, sich entweder gleich nach der letzten Berlinale-Party oder nach sehr, sehr kurzem Schlaf wieder ins Kino zu begeben, sonst hat man womöglich am Samstagabend, wenn die Preise verliehen werden, keine Ahnung, worum es im Siegerfilm geht. Das ist letztlich natürlich aber auch eine Glaubensfrage.

"Metéora" ist aber zudem nicht nur einer der bisher besten Wettbewerbsbeiträge, er kommt auch noch aus dem kriselnden Griechenland - allein das könnte die Jury zu einer zeitgeistigen Entscheidung verleiten. Allegorien auf die Schuldenkrise finden sich im Film jedoch keine, so verzweifelt man auch versuchen mag, sie herbeizuphantasieren. In einer Szene wird zum Beispiel eine Ziege geschlachtet und ausgeblutet, was einen Kollegen heute morgen dazu veranlasste, darin eine Metapher auf den Euro-Aderlass zu sehen. Nicht schlecht. Oder erst diese beiden Felsen: wie Griechenland und Europa - durch eine tiefe Kluft getrennt. Kommen einfach nicht zusammen.

Na gut, lassen wir das. Ist und bleibt halt ein Film über Religion, und damit ging es auch im neuen Film des philippinischen Regie-Superstars Brillante Mendoza ("Kinatay") weiter. Basierend auf realen Ereignissen schildert "Captive", eine philippinisch-französisch-deutsch-britische Ko-Produktion, den Leidensweg einer Gruppe teils westlicher Christen-Missionare, die 2001 von den islamistischen Abu Sayyaf-Terroristen aus dem Ferienresort Sidapan entführt werden und ein Jahr lang unter zahlreichen Entbehrungen und gewaltsamen Übergriffen durch den Urwald geschleppt werden. Eine tolle Idee, über diesen immer noch aktuellen, politisch und religiös motivierten Konflikt auf den Philippinen einen Film zu drehen, denn neben der Kulturkampf-Dimension wirft die Taktik der Rebellen, sich durch die Lösegeld-Millionen den bewaffneten Kampf zu finanzieren, auch noch ein Schlaglicht auf die perverse Ökonomie des modernen Dritte-Welt-Terrorismus.

Madame Huppert ganz melancholisch

Doch leider ist der brillante Mendoza (pardon!) nicht der richtige Regisseur, um einen derart aufgeladenen Plot vernünftig, mit der nötigen Dramatik und hinreichenden Erklärungen lokaler Gegebenheiten auf die Leinwand zu bringen. Der Philippino, dessen Faible für Hyper-Realismus bei Festivalbesuchern gefürchtet ist, filmt stattdessen nämlich lieber allerhand Urwaldgetier und lässt am Ende sogar noch einen schreibunten, digital animierten Paradiesvogel durchs Bild flattern. Die eigentlich interessanten Beziehungen, die sich zwischen Christen und Muslimen im Verlauf der erzwungenen Gemeinschaft ergeben, die Bigotterie und Arroganz auf beiden Seiten oder auch nur die Auslotung einiger wichtiger Charaktere, all das bleibt beim Versuch, auch noch die Natur eine Rolle spielen zu lassen, auf der Strecke: zu viel gewollt und nichts richtig hinbekommen. Auch wenn Mendoza mindestens genauso gut mit der Handkamera wackeln kann: Wo ist Michael Winterbottom, wenn man ihn braucht.

Das Ärgerlichste an "Captive" ist aber die Hauptdarstellerin. Zum ersten Mal durfte Mendoza nicht nur mit europäischem Geld filmen, er bekam auch gleich noch eine Top-Europäerin als Bonus dazu. Isabelle Huppert spielt die französische NGO-Mitarbeiterin Thérèse, die dem Zuschauer eigentlich als Identifikationsfigur dienen soll, durch deren Perspektive man die verzwickte Gemengelage betrachten und bewerten kann. Klappt aber nicht, weil die ansonsten hochbegabte Madame Huppert ("Die Klavierspielerin") nahezu komplett darauf verzichtet, sich in ihre Rolle einzufinden und sich auf saure, melancholische Blicke und hysterische Schreie beschränkt - kein Wunder, so abgerissen und ungeschminkt, wie die zarte Arthouse-Ikone zwei Stunden lang herumrennen muss. Eindeutig der falsche Film für die Gute. Für uns und für das Festival aber auch.

Und was hat das jetzt alles mit Ihnen zu tun? Sie wissen jetzt, dass Sie sich von der vordergründig frommen Thematik von "Metéora" nicht abschrecken lassen dürfen, wenn der Film hoffentlich bald in die Kinos kommt. Und Sie können auf der nächsten Party schlaumeiern, dass es Brillante Mendoza ja auch nicht mehr bringt, seit er internationaler Festivalstar geworden ist. Als Kenner schätzen Sie nur sein Frühwerk. Und das zu Recht.

Außerdem gesehen:

"Cesare deve morire" ("Cäsar muss sterben") von Paolo und Vittorio Taviano: Eher überflüssiger Italienischer Alibi-Wettbewerber von zwei Regie- und Festival-Veteranen, in dem ein wilder Haufen echter Knastbrüder, darunter auch Mafiosi, Shakespeares "Julius Cäsar" einstudieren und erfolgreich aufführen. Dabei lernen sie viel über ihre eigenen Biografien. Aber der Zuschauer leider nicht viel. Ganz nett.

"Dictado" ("Diktat"; internationaler Titel: "Childish Games") von Antonio Chavarrias: Noch viel überflüssigerer Alibi-Wettbewerber aus Spanien, der einen Horrorthriller um einen Rachegeist in Form eines süßen kleinen Mädchens erzählen will, aber mehr über spanische Schluffi-Männer, die keine Kinder kriegen wollen, verrät. Öde.

"Shadow Dancer" von James Marsh, außer Konkurrenz: Konzentriertes, sehr reduziertes Melodram über einen britischen Polizisten (Clive Owen) und eine irische IRA-Helferin (toll: Andrea Riseborough), die sich gegenseitig helfen wollen, aber doch nur Marionetten in einem unlösbaren Konflikt sind. Sehr sehenswert, auch wegen des schönen "Dame, König, As, Spion"-Retro-Looks.



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Seite 1
sme3 13.02.2012
1. schmerzende Augen
Zitat von sysopBerlinaleReligion auf die knisternde Tour: Wie man die Geschichte eines Mönchs und einer Nonne erotisch auflädt, zeigt der griechische Film "Metéora". Der philippinische Regiestar Brillante Mendoza beweist in "Captive", dass man das Thema Terror auch ohne Sinn und Verstand inszenieren kann. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,814906,00.html
Ich war heute morgen in Meteora und habe mich gewundert. Die Landschaftsaufnahmen, die einen nicht unbeträchtlichen Teil des Filmes ausmachen, sahen aus, als wären sie mit einem Iphone gefilmt worden - nämlich grob unscharf. Irgendwann fangen die Augen, die ständig das Bild scharf stellen wollen, an zu schmerzen. Das es nicht am Projektor vor Ort lag, darf vermutet werden, denn die Nahaufnahmen und die animierten Passagen waren in Ordnung. Wäre dieser Film, der ansonsten ganz charmant ist, irgendeine Drittweltproduktion, die um 23 Uhr im Panorama gelaufen wäre, würde ich garnichts sagen. Wie aber eine Produktion, die handwerklich so einen störenden Fehler aufweist, in den Wettbewerb kommt, bleibt das Geheimnis der Berlinale-Veranstalter. Einen Hinweis findet man im Abspann: der Film wurde von Berlin aus produziert.
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