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Berlinale-Blog Fett, fetter, Franzose

10. Teil: Eröffnung - Filme futtern gegen die Kälte

Von Andreas Borcholte

Da wären wir also wieder. Berlin, Potsdamer Platz, pendelnd zwischen Berlinale-Palast, Grand-Hyatt-Hotel und Cinemaxx-Kino, schlotternd und schlitternd im winterlichen Eishauch der Hauptstadt, Taschen, Handschuhe, Mobiltelefone und Kaffeebecher balancierend, auf dem Weg von einem Film zum anderen. 26 werden es am Ende sein, zählt man nur den Wettbewerb mitsamt einigen außer Konkurrenz gezeigten Produktionen. Zehn Tage lang ist Berlin, zum 60. Mal, wieder internationale Kinostadt.

Das Schöne an der Berlinale ist ja, dass sie im Gegensatz zu den anderen beiden A-Festivals, Cannes und Venedig, ein echtes Großstadt-Festival ist. Und die Berliner wissen es jedes Jahr aufs Neue zu schätzen, dass die aus aller Herren Länder angereiste Cineasten-Clique hier nicht unter sich bleibt, sondern alle teilhaben können, alle mitschauen und mitdiskutieren können, wenn Autorenfilme gezeigt werden, die selten oder nie den Weg ins reguläre Kino finden. So waren die Menschenschlangen an den öffentlichen Ticketverkaufsstellen in den Arkaden am Potsdamer Platz am Donnerstag schon wieder bis zu 30 Meter lang. Erstaunlich und erfreulich angesichts eines Wettbewerbs- und Nebenprogramms, dass in den vergangenen Jahren unter der Regie Dieter Kosslicks Abstand genommen hat vom publikumswirksamen Staraufgebot à la Cannes - und dafür mehr und mehr die politische Kompetenz des Festivals stärkt.

So werden zwar am Wochenende internationale Stars wie Pierce Brosnan, Ewan McGregor und Leonardo DiCaprio über den roten Teppich flanieren - und das ist auch gut so, denn zum Filmgeschäft gehört immer auch ein bisschen Flitter. Aber im Mittelpunkt dieses Winterfestivals, das sich in diesem Jahr mit Schneeschauern und glatten Bürgersteigen von seiner grimmigsten Seite zeigt, stehen die unbequemen, in ihrer Verkopftheit und Nachdenklichkeit manchmal auch quälenden, meistens aber interessanten Filme, die über der conditio humana brüten und den Zustand der Gesellschaft reflektieren. "Gritty" nennt man diese Art der Grobkörnigkeit, die sich abseits des Glamours in den schmuddeligen Ecken verbirgt. Und das passt dann ganz gut zu dem braunen, wie getrockneter Kot aussehenden Rollsplitt, den die streusalzarme Stadt hier überall ausgestreut hat.

Weil in Berlin nichts ohne historischen Bezug geht

Aber wie gesagt, die Berliner machen all das gerne mit, weil sie es gewohnt sind, dass ihre Stadt grau und abweisend ist. Warum soll dann ausgerechnet das Kino hier wärmende Erbauung statt kalte Realität abbilden. So werden sich wahrscheinlich am Freitagabend, wenn der restaurierte Fritz-Lang-Klassiker "Metropolis" als Staatsakt im Friedrichstadtpalast und als Volks-Event open air am Brandenburger Tor gezeigt wird, mehr Berliner in der Eiseskälte vor ihrem Stadtwahrzeichen versammeln, als man bei diesen schneidenden Minus-Temperaturen vermuten würde. Zur Not packt man sich eben bei den Händen, mampft eine Currywurst und singt gemeinsam ein trauriges russisches Lied. Warum ausgerechnet russisch? Weil in Berlin nichts ohne historischen Bezug geht.

Diesem Credo folgend wurde wohl auch der Eröffnungsfilm der Geburtstags-Berlinale ausgesucht: "Tuan Yuan" ("Apart Together") heißt der und wurde von dem jungen Pekinger Regisseur Wang Quan'an in Shanghai gedreht. Es ist die Geschichte einer Familienzusammenführung, die unter anderen Vorzeichen auch in der lange geteilten deutschen Hauptstadt spielen könnte. Als China 1949 zur Volksrepublik wurde, flüchteten viele der im Bürgerkrieg auf der Seite der Antikommunisten kämpfenden Soldaten auf die dem Festland vorgelagerten Insel, die zur Republik Taiwan wurde. 50 Jahre später dürfen die Veteranen endlich wieder nach China einreisen, darunter auch Liu Yansheng, der in Shanghai seine ehemalige Verlobte aufsucht, um vielleicht doch noch sein spätes Glück zu finden.

Ein romantischer Plan, doch Qiao Yu'e, inzwischen gestandene Großmutter, hat einst, alleingelassen in den Wirren von Maos Kulturrevolution, einen Unteroffizier der kommunistischen Truppen geehelicht und mit ihm mehrere Kinder gezeugt. Liu platzt in diese Großfamilie wie ein Fremdkörper, doch vor allem von Yu'es Mann, ebenfalls im Rentenalter, wird er mit geradezu überbordender Herzlichkeit aufgenommen. Überraschender noch: Er scheint gar nichts dagegen zu haben, dass der Onkel aus Taiwan seine Frau in ein neues, anderes Leben entführen will. Leider regt er sich über die bevorstehende Veränderung seines Lebens so auf, dass er einen Schlaganfall erleidet. Und Yu'e muss sich zwischen dem Gewohnten und dem Ersehnten entscheiden.

Geist der Veränderung

Alles an diesem kleinen, aber sehr herzlichen Film atmet den Geist der Veränderung: Seine ehemalige Geliebte, die sofort wieder für ihn entflammt, erkennt Liu gerade noch wieder, aber die Boomtown Shanghai ist ihm, der die Hafenstadt Jahrzehnte zuvor verließ, fremd und unbekannt. Doch so wie die südchinesische Metropole in ein neues, kapitalistisch-kommunistisches Zeitalter aufbricht, brechen eben auch private Verhältnisse auf, werden Lebenswege neu entworfen und vielleicht sogar gegangen - selbst im fortgeschrittenen Alter.

Ganz im Sinne des großen Kino-Kulinarikers Dieter Kosslick dürfte es sein, dass in "Tuan Yuan" eigentlich am laufenden Band gegessen wird. Ständig hockt die Familie in wechselnder Konstellation vor reichlich gedeckten Tafeln, und der Reiswein fließt in Strömen. Die Liebe der Chinesen zur ausdauernden Mahlzeit ist ja hinlänglich bekannt, aber Yu'es Ehemann bringt es auf den Punkt: "Wenn du nicht mehr isst, ist alles vorbei", sagt er am Ende dieses beschwingt melancholischen Films, in dem übrigens auch viel gesungen wird. Mögen die wirtschaftlichen Verhältnisse auch kippen, mag die Historie auch Kapriolen schlagen - Essen hält Leib, Seele und letztlich auch die Familie zusammen. Und auf die, das betonte auch Kosslick am Donnerstagabend bei seiner Eröffnungsrede bei der wie immer arg tantenhaften Gala im Berlinale-Palast, reduziert sich in Krisenzeiten schließlich alles.

Damit wären wir dann wieder im Berliner Festivalalltag angekommen. Wir merken uns also für die nächsten zehn Tage: Immer schön futtern - und vor allem viel trinken - dann kann einem hoffentlich weder grimmiger Winter noch grausamer Wettbewerbsfilm etwas anhaben.

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insgesamt 9 Beiträge
Haio Forler 12.02.2010
Allemal sehenswert. Wang Quan'an macht mehr als respektable Filme: Yue Shi (1995), Tuyas Hochzeit (2007) .
Zitat von sysopDie 60. Berliner Filmfestspiele sind eröffnet - und die winterliche Hauptstadt zeigt sich von ihrer grimmigsten Seite. Zum Glück spendet zumindest der Eröffnungsfilm aus China ein bisschen Trost: Solange genug zu essen da ist, kann einem auch der kälteste Hauch der Historie nichts anhaben. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,677394,00.html
Allemal sehenswert. Wang Quan'an macht mehr als respektable Filme: Yue Shi (1995), Tuyas Hochzeit (2007) .
Tokamak 12.02.2010
Habe gerade gestern wieder mal 1 Stunde (!) in der Schlange gestanden (Vorverkauf Kino International), um Sonntag nachmittag (!) ins Kino gehen zu können, nicht etwa irgendwas Schillerndes im Wettbewerb, sondern "nur" [...]
Habe gerade gestern wieder mal 1 Stunde (!) in der Schlange gestanden (Vorverkauf Kino International), um Sonntag nachmittag (!) ins Kino gehen zu können, nicht etwa irgendwas Schillerndes im Wettbewerb, sondern "nur" eine Dokumentation in einer Nebensektion. Es dämpft schon etwas die Stimmung, wenn man quasi für jeden Film so lange anstehen muß, freilich ohne Gewähr, daß man dann auch wirklich Karten bekommt. Für normal Werktätige ist das alles nicht sehr praktikabel, eigentlich muß man wirklich freinehmen, wenn mal mehr als einen oder zwei Filme sehen will. Oder eben einen Presseausweis haben. So, nun bin ich aber auch schon fertig mit Meckern und dem üblichen deutschen Sozialneid - die Berlinale ist schon nett und es gibt wirklich Sachen die man sonst nie oder selten im Kino sehen kann und im Fernsehen nur nach Mitternacht.
sam clemens 14.02.2010
Da ist was dran, die Berlinale ist eine Veranstaltung für eine eng begrenzte Szene - so interessant und wichtig viele der Filme sind. Ich finde es bizarr, dass viele der Leute, um deren Schicksal sich die Filmemacher und das [...]
Da ist was dran, die Berlinale ist eine Veranstaltung für eine eng begrenzte Szene - so interessant und wichtig viele der Filme sind. Ich finde es bizarr, dass viele der Leute, um deren Schicksal sich die Filmemacher und das Berlinale-Publikum besonders zu sorgen scheinen - Bestatter, arme Schweine, Obdachlose, Chinesen ohne Perspektive ;) - kaum eine Möglichkeit haben, diese Filme zu sehen. Da stellt sich doch die Frage, ob es in Wirklichkeit nicht vielmehr um die "Macher" geht, als um die Werke und das Schicksal der Dargestellten.
Knighter 14.02.2010
die berlinale ist nur ein weiterer anlass damit sich die filmfutzis gegenseitig auf die schulter klopfen können, dazu zum miesesten zeitpunkt im jahr, und das nur, damit es das erste grosse filmfestival des jahres sein kann... [...]
die berlinale ist nur ein weiterer anlass damit sich die filmfutzis gegenseitig auf die schulter klopfen können, dazu zum miesesten zeitpunkt im jahr, und das nur, damit es das erste grosse filmfestival des jahres sein kann... p.s.: allein wegen der oberpeinlichen anke engelke schaue ich mir den blödsinn nicht an
Wurzbacher 14.02.2010
Es handelt sich um ein Filmfest,was viele Leute zu interessieren scheint,denn die Eintrittskarten selbst für die abenteuerlichsten Filme sind schnell vergriffen.Verständlich und typisch deutsch ist aber das einfache Miesmachen [...]
Zitat von Knighterdie berlinale ist nur ein weiterer anlass damit sich die filmfutzis gegenseitig auf die schulter klopfen können, dazu zum miesesten zeitpunkt im jahr, und das nur, damit es das erste grosse filmfestival des jahres sein kann... p.s.: allein wegen der oberpeinlichen anke engelke schaue ich mir den blödsinn nicht an
Es handelt sich um ein Filmfest,was viele Leute zu interessieren scheint,denn die Eintrittskarten selbst für die abenteuerlichsten Filme sind schnell vergriffen.Verständlich und typisch deutsch ist aber das einfache Miesmachen der Festivitäten und der Freude anderer Leute,wenn man selbst ausgeschlossen von allem zu Hause vor der Glotze hockt.
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