Berlinale-Blog Fett, fetter, Franzose

4. Teil: Tag 6 - Immer Stress, immer Blut


Mit Tempo rast der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag "Shahada" am Publikum vorbei - das Episodendrama um Berliner Moslems ist völlig überladen. Dass man auch mit Leichtigkeit in die Tiefe vorstoßen kann, beweist Lisa Cholodenko mit ihrer Familienkomödie "The Kids Are All Right".

Von Hannah Pilarczyk

Sieger nach Problemen: eindeutig "Shahada". Mit einer misslungenen Abtreibung, einem versehentlich getöteten Kind, einem jungen Moslem, der seine Homosexualität nicht akzeptiert sowie einem liberalen Imam, der seine Frau durch Krebs verloren hat, und dessen Tochter zum religiösen Fanatismus findet, hält sich der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag nicht gerade mit Konflikten zurück. Diese Überladenheit mag damit zusammenhängen, dass "Shahada" ein Debütfilm ist und Erstlingsregisseure oft drehen, als dürften sie danach nie wieder ein Filmstudio betreten. Für diesen bislang unentschiedenen Wettbewerb ist die Gewalt, mit der Autor und Regisseur Burhan Qurbani auf die erzählerische Tube drückt, aber zunächst wohltuend. Mit ähnlichem Tempo verliert man aber auch wieder die Lust, Qurbani auf seiner Hetzjagd durch das Leben von drei Berliner Moslems zufolgen. Ihre Probleme wirken fast ausnahmslos nach konterintuitiven Zuspitzungsformeln berechnet, die letztlich nur einen Eindruck vermitteln: Moslem in Deutschland zu sein, bedeutet Dauerausnahmezustand - immer Stress, immer Blut.

Vor allem Maryam Zaree als ungewollt schwanger gewordene Imamtochter kann ihre Figur nicht zusammenhalten - aber wie sollte sie auch? Ebenso wie Carlo Ljubek als Polizist Ismael und Jeremias Acheampong als schwuler Koranschüler kriegt sie keinen Moment des Alltags zugestanden. Alle Szenen müssen der Geschichte dienen, nie darf es einfach mal um die Figur gehen. So dreht sich die Erzählspirale letztlich ohne die Zuschauer weiter und entschwindet irgendwann im milchig blauen Himmel von Berlin.

Biologische Vaterschaft? Geschenkt!

Die US-Amerikanerin Lisa Cholodenko arbeitet in ihrem sechsten Spielfilm "The Kids Are All Right" (außer Konkurrenz) aus der exakt entgegen gesetzten Richtung. Ihre Ausgangskonstellation erscheint auf den ersten Blick hochkomplex: Julianne Moore und Annette Bening spielen das lesbische Ehepaar Jules und Nic, das zwei Kinder vom selben Samenspender hat. Als ihre Tochter nach ihrem 18. Geburtstag zum ersten Mal Kontakt mit ihrem leiblichen Vater aufnimmt, gerät das vermeintlich stabile Familiengefüge, das sich Jules und Nic mühsam aufgebaut haben, ins Wanken. Denn Mark Ruffalo als genussvoller Restaurantbesitzer Paul nimmt zunächst seine Kinder für sich ein: Sie finden in seiner anpackenden Art Dinge wieder, die sie an ihren Müttern vermissen. Dann kommen die Frauen dran - und von denen findet eine noch viel mehr in Paul als nur ein bisschen männliche Tatkraft.

Weil Cholodenko ihren Figuren Raum zum Leben gibt, bewegt man sich bald mit dem größten Vergnügen an ihrer Seite. Man lernt ihre Schwächen kennen und kann ihre Seitenblicke deuten, man weiß, wann sie zu viel getrunken haben und wann sie sich vernachlässigt fühlen. So ergeben sich nach und nach sehr intime Einblicke in ein Familienleben, das aufgrund des lesbischen Elternpaares zunächst unkonventionell erscheinen mag. Im Grunde löst Pauls Erscheinen aber nur eine klassische Ehekrise aus. Er ist der Fremde, der eine langjährige Partnerschaft aufwirbelt - biologische Vaterschaft geschenkt. So kommt Cholodenko im Laufe des Films letztlich bei einer ganz einfachen Geschichte an.

Ihr folgt man dahin aber ausgesprochen gern, denn sie kann sich zum einen auf ein wunderbares Ensemble verlassen, in dem neben der verlässlich tollen Julianne Moore und dem umwerfenden Mark Ruffalo vielleicht Annette Bening die größte Entdeckung ist - wenn man das noch von einer Schauspielerin, die seit 24 Jahren im Geschäft ist, sagen kann.

Zum anderen hat Cholodenko zusammen mit Stuart Blumberg feinnervige Dialoge geschrieben, die so viel zum Lachen bieten, dass "The Kids Are All Right" wie schon beim Sundance Festival auch auf dieser Berlinale das Zeug zum Publikumsliebling haben dürfte. Sieger der Herzen: eindeutig "The Kids Are All Right".

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Haio Forler 12.02.2010
1. .
Zitat von sysopDie 60. Berliner Filmfestspiele sind eröffnet - und die winterliche Hauptstadt zeigt sich von ihrer grimmigsten Seite. Zum Glück spendet zumindest der Eröffnungsfilm aus China ein bisschen Trost: Solange genug zu essen da ist, kann einem auch der kälteste Hauch der Historie nichts anhaben. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,677394,00.html
Allemal sehenswert. Wang Quan'an macht mehr als respektable Filme: Yue Shi (1995), Tuyas Hochzeit (2007) .
Tokamak 12.02.2010
2. Schlangestehen
Habe gerade gestern wieder mal 1 Stunde (!) in der Schlange gestanden (Vorverkauf Kino International), um Sonntag nachmittag (!) ins Kino gehen zu können, nicht etwa irgendwas Schillerndes im Wettbewerb, sondern "nur" eine Dokumentation in einer Nebensektion. Es dämpft schon etwas die Stimmung, wenn man quasi für jeden Film so lange anstehen muß, freilich ohne Gewähr, daß man dann auch wirklich Karten bekommt. Für normal Werktätige ist das alles nicht sehr praktikabel, eigentlich muß man wirklich freinehmen, wenn mal mehr als einen oder zwei Filme sehen will. Oder eben einen Presseausweis haben. So, nun bin ich aber auch schon fertig mit Meckern und dem üblichen deutschen Sozialneid - die Berlinale ist schon nett und es gibt wirklich Sachen die man sonst nie oder selten im Kino sehen kann und im Fernsehen nur nach Mitternacht.
sam clemens, 14.02.2010
3. @Tokamak
Da ist was dran, die Berlinale ist eine Veranstaltung für eine eng begrenzte Szene - so interessant und wichtig viele der Filme sind. Ich finde es bizarr, dass viele der Leute, um deren Schicksal sich die Filmemacher und das Berlinale-Publikum besonders zu sorgen scheinen - Bestatter, arme Schweine, Obdachlose, Chinesen ohne Perspektive ;) - kaum eine Möglichkeit haben, diese Filme zu sehen. Da stellt sich doch die Frage, ob es in Wirklichkeit nicht vielmehr um die "Macher" geht, als um die Werke und das Schicksal der Dargestellten.
Knighter 14.02.2010
4. lächerlich
die berlinale ist nur ein weiterer anlass damit sich die filmfutzis gegenseitig auf die schulter klopfen können, dazu zum miesesten zeitpunkt im jahr, und das nur, damit es das erste grosse filmfestival des jahres sein kann... p.s.: allein wegen der oberpeinlichen anke engelke schaue ich mir den blödsinn nicht an
Wurzbacher, 14.02.2010
5. .
Zitat von Knighterdie berlinale ist nur ein weiterer anlass damit sich die filmfutzis gegenseitig auf die schulter klopfen können, dazu zum miesesten zeitpunkt im jahr, und das nur, damit es das erste grosse filmfestival des jahres sein kann... p.s.: allein wegen der oberpeinlichen anke engelke schaue ich mir den blödsinn nicht an
Es handelt sich um ein Filmfest,was viele Leute zu interessieren scheint,denn die Eintrittskarten selbst für die abenteuerlichsten Filme sind schnell vergriffen.Verständlich und typisch deutsch ist aber das einfache Miesmachen der Festivitäten und der Freude anderer Leute,wenn man selbst ausgeschlossen von allem zu Hause vor der Glotze hockt.
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