Berlinale-Blog Fett, fetter, Franzose

5. Teil: Tag 5 - Erst der Sex, dann der Genuss


Essen, Sex und Knäste sind die Grundmotive dieser Berlinale: Im japanischen Wettbewerbsbeitrag "Caterpillar" werden die Kopulations-Szenen mit einem Kriegskrüppel zur Geduldsprobe - und in der norwegischen Komödie über einen Ex-Knacki gibt's Kompott nur gegen Körperdienste.

Von Andreas Borcholte

"Essen und schlafen, das ist alles, was Du machst". Das wirft die junge Shigeko wütend ihrem aus dem Zweiten Weltkrieg heimgekehrten Ehemann im japanischen Wettbewerbsbeitrag "Caterpillar" vor. Da könnte man als Berlinale-Besucher fast neidisch werden: Essen und schlafen ist genau das, was hier zu kurz kommt.

Zu beneiden ist der gescholtene Leutnant Kurokowa aber doch nicht. Die Bewohner seines Dorfes verehren ihn zwar als Kriegs-Gott, das Vaterland dekorierte ihn mit den höchsten Orden, aber leider verlor er beim Einsatz nicht nur Stimme und Gehör, sondern auch beide Arme und Beine. Zum Torso reduziert, fristet er sein Dasein liegend auf einer Matte oder aufrecht eingepolstert in einem Weidenkorb - und muss sich von Shigeko füttern und versorgen lassen. Die geht der Pflege ihres Mannes beflissen nach und gehorcht sogar seinem äußerst ausgeprägten Bedürfnis nach Sex.

Vor allem die verstörenden Kopulations-Szenen, bei denen weder Kurokowa, noch seine Frau, noch das Publikum sonderlich viel Erotik oder Lust verspüren, dürften von "Caterpillar" im Gedächtnis bleiben. Zwar stellt sich bald heraus, dass Shigeko früher von ihrem heldenhaften Soldatengatten misshandelt wurde und der in Wahrheit ein Vergewaltiger und Kriegsverbrecher ist. Doch Regisseur Koji Wakamatsu, ebenso bekannt für softe Pornos wie für hochpolitisches Kino, nutzt kaum die Chance, ein psychologisches Drama zu erzählen.

Dafür ist er zu sehr damit beschäftigt, dem Zuschauer mit arg plakativen Szenen von Leichen und Vergewaltigungen die Botschaft zu übermitteln, dass Krieg im Allgemeinen eine furchtbare Sache ist und man die Opfer, die allein das Bombardement von Hiroshima und Nagasaki gekostet hat, nicht vergessen sollte. Das Ansinnen ist also löblich, aber auch banal. Interessanter und letztlich aufschlussreicher wäre ein genauerer Blick auf das von Rache, Scham und Verzweiflung geprägte Verhältnis zwischen dem Versehrten und seiner zur Servilität verdammten Frau gewesen. Doch da die Kommunikation zwischen den beiden dauerhaft gestört bleibt, muss man den Konflikt aus Krüppelsex und Fütter-Übungen ableiten, was auf die Dauer redundant und damit arg anstrengend wird.

"Caterpillar" ist kein guter Film, dennoch dürfte er die bisher größten Chancen auf den Goldenen Bären haben: Frauenschicksale vor exotischer Kulisse wurden in den vergangenen Jahren immer wieder und von den unterschiedlichsten Jury-Konstellationen auserwählt, man denke nur an den letztjährigen Siegerfilm "The Milk of Sorrow" oder das Jurten-Drama "Tuyas Hochzeit", das 2008 gewann. Dazu kommt, dass die Konkurrenz bisher nicht groß ist. Außer Benjamin Heisenbergs faszinierend kaltem Blick auf seinen der Gesellschaft davon laufenden "Räuber" gab es nicht viel, was sich vom Feld der Mitbewerber absetzen konnte.

Erst Quickie, dann Kompott

Dafür werden die Grundthemen dieser Berlinale inzwischen deutlicher: Neben einem klaren Knast-Motiv, das vom "Räuber" über den Rumänen "If I Want to Whistle I Whistle" und Thomas Vinterbergs "Submarino" bis hin zu Martin Scorseses "Shutter Island" und Roman Polanskis "Ghostwriter" viele Filme dieses Jahrgangs durchzieht, gibt es einen offensichtlichen Zusammenhang zwischen Kulinarik und Sex, beziehungsweise Liebe.

Deutlicher noch als in "Caterpillar" wurde diese sinnliche Verknüpfung bei der wunderbar lakonischen norwegischen Komödie "A Somewhat Gentle Man" von Hans Petter Moland. Darin wird der Mörder Ulrik (grandios mit grauem Zopf: Stellan Skarsgard) nach 12 Jahren aus dem Gefängnis (Aha!) entlassen und will ein neues Leben anfangen. Klappt natürlich nicht. Immerhin erfreut sich der bärige, aber grau gewordene Schweigsame großer Beliebtheit bei den Frauen, wobei er auf die Zuwendung seiner geradezu grotesk unansehnlichen Vermieterin wohl lieber verzichten würde. Vor jedem Quickie auf seiner kargen Bettstatt im Keller serviert sie ihm ein leckeres Abendessen und verschlimmbessert den Anblick ihrer krampfaderigen Beine mit immer wagemutigeren Outfits. Manchmal gibt es sogar Ulriks Lieblings-Kompott. Aber vor dem Genuss steht stets der Sex.

Klingt zum Glück alles schlimmer, als es im Film ist. Regisseur Moland hatte offenbar vor, die skandinavische Variante eines Coen-Brothers-Film zu drehen, was ihm zum Teil mit absurder Komik und trockenen Dialogen sogar gelang. Aber seine sympathische Geschichte über Lust und Leid eines Ex-Knackis hat keinerlei Tiefgang, so dass man sich fragt, was sie im Wettbewerb der Berlinale zu suchen hat. Die größten und herzlichsten Lacher des Festivals konnten Hauptdarsteller Skarsgard und Regisseur Moland trotzdem für sich verbuchen.

Das ist doch auch schon mal was.

insgesamt 9 Beiträge
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Haio Forler 12.02.2010
1. .
Zitat von sysopDie 60. Berliner Filmfestspiele sind eröffnet - und die winterliche Hauptstadt zeigt sich von ihrer grimmigsten Seite. Zum Glück spendet zumindest der Eröffnungsfilm aus China ein bisschen Trost: Solange genug zu essen da ist, kann einem auch der kälteste Hauch der Historie nichts anhaben. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,677394,00.html
Allemal sehenswert. Wang Quan'an macht mehr als respektable Filme: Yue Shi (1995), Tuyas Hochzeit (2007) .
Tokamak 12.02.2010
2. Schlangestehen
Habe gerade gestern wieder mal 1 Stunde (!) in der Schlange gestanden (Vorverkauf Kino International), um Sonntag nachmittag (!) ins Kino gehen zu können, nicht etwa irgendwas Schillerndes im Wettbewerb, sondern "nur" eine Dokumentation in einer Nebensektion. Es dämpft schon etwas die Stimmung, wenn man quasi für jeden Film so lange anstehen muß, freilich ohne Gewähr, daß man dann auch wirklich Karten bekommt. Für normal Werktätige ist das alles nicht sehr praktikabel, eigentlich muß man wirklich freinehmen, wenn mal mehr als einen oder zwei Filme sehen will. Oder eben einen Presseausweis haben. So, nun bin ich aber auch schon fertig mit Meckern und dem üblichen deutschen Sozialneid - die Berlinale ist schon nett und es gibt wirklich Sachen die man sonst nie oder selten im Kino sehen kann und im Fernsehen nur nach Mitternacht.
sam clemens, 14.02.2010
3. @Tokamak
Da ist was dran, die Berlinale ist eine Veranstaltung für eine eng begrenzte Szene - so interessant und wichtig viele der Filme sind. Ich finde es bizarr, dass viele der Leute, um deren Schicksal sich die Filmemacher und das Berlinale-Publikum besonders zu sorgen scheinen - Bestatter, arme Schweine, Obdachlose, Chinesen ohne Perspektive ;) - kaum eine Möglichkeit haben, diese Filme zu sehen. Da stellt sich doch die Frage, ob es in Wirklichkeit nicht vielmehr um die "Macher" geht, als um die Werke und das Schicksal der Dargestellten.
Knighter 14.02.2010
4. lächerlich
die berlinale ist nur ein weiterer anlass damit sich die filmfutzis gegenseitig auf die schulter klopfen können, dazu zum miesesten zeitpunkt im jahr, und das nur, damit es das erste grosse filmfestival des jahres sein kann... p.s.: allein wegen der oberpeinlichen anke engelke schaue ich mir den blödsinn nicht an
Wurzbacher, 14.02.2010
5. .
Zitat von Knighterdie berlinale ist nur ein weiterer anlass damit sich die filmfutzis gegenseitig auf die schulter klopfen können, dazu zum miesesten zeitpunkt im jahr, und das nur, damit es das erste grosse filmfestival des jahres sein kann... p.s.: allein wegen der oberpeinlichen anke engelke schaue ich mir den blödsinn nicht an
Es handelt sich um ein Filmfest,was viele Leute zu interessieren scheint,denn die Eintrittskarten selbst für die abenteuerlichsten Filme sind schnell vergriffen.Verständlich und typisch deutsch ist aber das einfache Miesmachen der Festivitäten und der Freude anderer Leute,wenn man selbst ausgeschlossen von allem zu Hause vor der Glotze hockt.
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