Berlinale-Blog Fett, fetter, Franzose

6. Teil: Tag 4 - Mein Herz schlägt wie eine Dschungeltrommel!


Superkünstler Banksy nimmt in "Exit Through the Gift Shop" sehr clever den eigenen Ruhm auf die Schippe, ein junger Taiwanese erobert die rauen Berliner Zuschauergemüter und ein junger Deutscher überrascht mit gelungenen Banküberfällen.

Von Wolfgang Höbel

Ob so ein Riesenfilmfest wirklich gesund ist für den menschlichen Körper, der ohnehin zerrüttet ist vom deutschen Winter, vergiftet durch diverse Festivalumtrünke und noch dazu voller blauer Flecken wegen des fortwährenden Geschubses unter den übereifrigen Berlinale-Berichterstattern? In Benjamin Heisenbergs Wettbewerbsfilm "Der Räuber" begegnet man einem Helden, der fast immer einen Pulsmesser um die Brust geschnallt trägt und im komischsten Moment des Films nachguckt, wie sein Herz während eines von ihm selbst verübten Banküberfalls schlug: Da lachten selbst die Griesgrämigen und Komatösen unter den Gästen der Pressevorführung am grauen Berliner Montagmorgen.

Im wirklichen Leben mag Herzrasen oft ein Krankheitssymptom sein, im Kino ist es fast immer ein Qualitätsbeweis. "Der Räuber" beginnt mit bleichen, wie tot wirkenden Menschen, die sich hinter Zäunen und in engen Räumen bewegen und kaum reden. Also ziemlich genau mit der Sorte Kino, die man von einem Regisseur aus dem Umkreis der so genannten Berliner Schule erwartet. Die ist dafür berüchtigt, dass sie gern in stummen Endlos-Einstellungen dem Fallobst beim Schimmeln zusieht. Das Überraschende an Heisenbergs Film aber ist, wie toll er uns Zuschauer dann doch ein paar mal in echte, fiebernde Thrillerspannung versetzt.

"Der Räuber" beginnt im Knast. Dort läuft ein schmallippiger Mann namens Rettenberger (Andreas Lust) ein paar Runden im Gefängnishof und trainiert in seiner Zelle auf dem Laufband weiter. Dann darf er raus, weil er seine Strafe, sechs Jahre für einen versuchten Banküberfall, abgesessen hat. Heisenberg zeigt einen radikalen Eigenbrötler, der immer davonläuft und doch nicht von der Stelle kommt. Rettenberger zieht knallhart seinen Plan durch. Er trumpft beim Marathonlaufen auf und raubt reihenweise Banken aus. Bis ihm die sehr gemächlich in Fahrt kommende Liebe zu einer jungen Frau (Franziska Weisz) in die Quere kommt. Ein typischer Kinoschurke eben.

Echten Wumm geben diesem trotz einiger Opernmusik-Einsätze eher lahmen Krimi nur die Banküberfälle selbst. Da läuft plötzlich ein herrenloser Hund durch die Schiebetüren eines Sparkasseneingangs, während der Held ein Dutzend Bankkunden mit dem Maschinengewehr in Schach hält. Was jetzt? Wird das Tier sich auf ihn stürzen? Muss er schießen? Während unser Puls hämmert in einer ärztlich wirklich nicht empfohlenen Frequenz, wendet sich der Hund ab und trottet gemütlich zurück ins Freie.

Amélies chinesischer Bruder

Noch mehr Mörderstoff fürs Herz, aber von ganz anderem Kaliber bietet "Au Revoir Taipei", ein Film im Berlinale-Forum, von dem die dort Verantwortlichen vorab diskret herumschwärmten, weil es ja sonst nicht viel zum Dahinschmelzen gibt bei so einem sibirisch ernsten Filmfestival. Die Geschichte von einem liebeskranken jungen Mann, dessen Freundin nach Paris abgeschwirrt ist, von ein paar doofen Gangstern und einer tanzbegabten schönen Buchhändlerin ist ein zuckersüßer Spaß und zeigt Taiwans Hauptstadt Taipeh in Farben, als laufe hier ein chinesischer Bruder von Audrey Toutous Amélie durch eine wunderbare Welt im fernen Osten. Das Berliner Publikum jauchzte und jubelte und erkor den jungen Regisseur Arvin Chen sofort zu einem Liebling dieses Jubiläumsfestivals.

Die Fachjournalisten aus aller Welt dagegen stürzten sich mit maximalem Adrenalinpegel, japsend, drängelnd, völlig mit den Nerven am Ende auf ein Phantom namens Banksy. Wie nicht gescheit presste sich das Pressepack in die Vorführungen von "Exit Through The Gift Shop", dem Regiedebüt des ominösen Londoner Künstlers. Angeblich weiß keiner, wie Banksy aussieht, auf Filmaufnahmen versteckt er sein Gesicht meistens in einer Kapuze, seine Kunst heißt Street Art und besteht aus Sprühgemälden und kurios auseinander gewuchteten und neu zusammengesetzten Telefonzellen, die andere in seinem Namen verkaufen. Angeblich weiß auch keiner, ob Banksy ein Genie ist, ein gerissener Geschäftemacher oder nur ein schlechter Witz.

Würde man das nun in Berlin klären? Würde Banksy gar höchstpersönlich, verhüllt oder unverhüllt, in Erscheinung treten und eine Weltsensation auf den Potsdamer Platz brettern? Als die Pressevorführung schon mindestens zehn Minuten hätte laufen sollen, als also die Spannung echt nicht mehr auszuhalten war und ein paar Kollegen schon nach Luft japsten, trat eine Frau in glänzenden schwarzen Stiefeln vor die Leinwand, stolzierte in die Bühnenmitte und balancierte ein Mikrofon in ihren Händen. Schockschwerenot! Ist Banksy eine schöne Frau? Mein Herz schlägt like a jungle drum! Unfassbar!

Aber nein, die Frau stellte sich als Pressechefin der Berlinale vor und verkündete, Mister Banksy könne leider nicht selber kommen, habe dafür immerhin eine Videobotschaft aus London geschickt, die nun vor dem Film zu sehen sei.

Seufz, nix Sensation!

In der Botschaft erscheint dann Banksy, das Kapuzen-Phantom, vor einem Graffiti-verzierten Lieferwagen sitzend, und warnt uns: "Manche Leute werden behaupten, dieser Film sei ein Schwindel. Das ist ein Hohn. Denn "Exit Through The Gift Shop" ist einer der ehrlichsten Filme, die ihr je sehen werdet."

Tatsächlich beginnt "Exit Through The Gift Shop" als aufrechte, wackelige, brav belehrende Dokumentation über die Anfänge und die wichtigen Künstler der Steeet Art. Wir lernen einen Franzosen kennen, der in Los Angeles lebt und angeblich Thierry Guetta heißt. Seit 1999 filmt der Mann spontane und oft verbotene Kunstaktionen im Großstadtalltag. Er präsentiert uns im Stil von Amateuraufnahmen Pioniere des Genres wie Space Invader und den spätestens durch sein Obama-Logo weltberühmt gewordenen Shepard Fairey. Er zeigt, wie sie ihre Bilder auf Hauswände, Bürgersteige und Friedhofsmauern zaubern. Er berichtet, wie er dem geheimnisvollen Banksy in London näherkam und ihn filmen durfte.

So weit, so mittelinteressant. Ein paar schiefe Bilder von der Flucht vor der Polizei gibt's auch, wenn die Künstlerfreunde bei Sprüh- und Malaktionen gemeinsam mit dem Voyeur Thierry plötzlich abhauen müssen.

Wirbel von Zeichen und Bedeutungen

Zum großen, intelligenten Spektakel wird Banksys Pseudodokumentarfilm, wenn sich dessen Erzählung nun plötzlich gegen Thierry Guetta wendet. Wir sehen, wie Guetta, bislang der Beobachter, plötzlich selber zum Künstler beziehungsweise zum Street-Art-Millionär werden will. Er nennt sich "Mr. Brainwash", kurz MBW, und er kopiert und variiert die Kunstwerke seiner Freunde aus der Szene. Mit einer spektakulären Riesenausstellung in Los Angeles schafft er es dann wirklich, zum Shooting Star der internationalen Kunstwelt ausgerufen zu werden.

Sind Guetta und Mr. Brainwash Erfindungen von Banksy? Ist der reale Rummel um MBW ein weiterer Sieg seiner Subversionsarbeit? Ist alles ganz anders gelaufen? Oder ist die Story über den Mitläufer und Scharlatan der Street Art in groben Zügen wahr (und der Film also eine brutale Abrechnung mit dem realen Guetta)?

"Exit Through The Gift Shop" ist ganz sicher keine Enthüllung über den Kunstbetrieb. Er deckt nichts auf. Er ist ein verrückter, böser, lustiger Wirbel von Zeichen und Bedeutungen wie der Kunstbetrieb selber.

Der Clou an Banksys oft wunderbar komischem Film ist, dass er uns Zuschauer mit einer Menge kaum zu klärender Fragen zurücklässt. Fragen nach der Kunst, nach dem Kino, nach einem Ausnahme-Ereignis in einem Berlinale-Wettbewerb, über das man sich stundenlang alles mögliche heiß diskutieren kann: die Köpfe zum Beispiel und die rasenden Herzen.

insgesamt 9 Beiträge
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Haio Forler 12.02.2010
1. .
Zitat von sysopDie 60. Berliner Filmfestspiele sind eröffnet - und die winterliche Hauptstadt zeigt sich von ihrer grimmigsten Seite. Zum Glück spendet zumindest der Eröffnungsfilm aus China ein bisschen Trost: Solange genug zu essen da ist, kann einem auch der kälteste Hauch der Historie nichts anhaben. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,677394,00.html
Allemal sehenswert. Wang Quan'an macht mehr als respektable Filme: Yue Shi (1995), Tuyas Hochzeit (2007) .
Tokamak 12.02.2010
2. Schlangestehen
Habe gerade gestern wieder mal 1 Stunde (!) in der Schlange gestanden (Vorverkauf Kino International), um Sonntag nachmittag (!) ins Kino gehen zu können, nicht etwa irgendwas Schillerndes im Wettbewerb, sondern "nur" eine Dokumentation in einer Nebensektion. Es dämpft schon etwas die Stimmung, wenn man quasi für jeden Film so lange anstehen muß, freilich ohne Gewähr, daß man dann auch wirklich Karten bekommt. Für normal Werktätige ist das alles nicht sehr praktikabel, eigentlich muß man wirklich freinehmen, wenn mal mehr als einen oder zwei Filme sehen will. Oder eben einen Presseausweis haben. So, nun bin ich aber auch schon fertig mit Meckern und dem üblichen deutschen Sozialneid - die Berlinale ist schon nett und es gibt wirklich Sachen die man sonst nie oder selten im Kino sehen kann und im Fernsehen nur nach Mitternacht.
sam clemens, 14.02.2010
3. @Tokamak
Da ist was dran, die Berlinale ist eine Veranstaltung für eine eng begrenzte Szene - so interessant und wichtig viele der Filme sind. Ich finde es bizarr, dass viele der Leute, um deren Schicksal sich die Filmemacher und das Berlinale-Publikum besonders zu sorgen scheinen - Bestatter, arme Schweine, Obdachlose, Chinesen ohne Perspektive ;) - kaum eine Möglichkeit haben, diese Filme zu sehen. Da stellt sich doch die Frage, ob es in Wirklichkeit nicht vielmehr um die "Macher" geht, als um die Werke und das Schicksal der Dargestellten.
Knighter 14.02.2010
4. lächerlich
die berlinale ist nur ein weiterer anlass damit sich die filmfutzis gegenseitig auf die schulter klopfen können, dazu zum miesesten zeitpunkt im jahr, und das nur, damit es das erste grosse filmfestival des jahres sein kann... p.s.: allein wegen der oberpeinlichen anke engelke schaue ich mir den blödsinn nicht an
Wurzbacher, 14.02.2010
5. .
Zitat von Knighterdie berlinale ist nur ein weiterer anlass damit sich die filmfutzis gegenseitig auf die schulter klopfen können, dazu zum miesesten zeitpunkt im jahr, und das nur, damit es das erste grosse filmfestival des jahres sein kann... p.s.: allein wegen der oberpeinlichen anke engelke schaue ich mir den blödsinn nicht an
Es handelt sich um ein Filmfest,was viele Leute zu interessieren scheint,denn die Eintrittskarten selbst für die abenteuerlichsten Filme sind schnell vergriffen.Verständlich und typisch deutsch ist aber das einfache Miesmachen der Festivitäten und der Freude anderer Leute,wenn man selbst ausgeschlossen von allem zu Hause vor der Glotze hockt.
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