Als Schriftsteller ist man auf der sicheren Seite? Von wegen. Wie man als Autor in lebensbedrohliche Situationen und moralische Kontroversen geraten kann, zeigen Polanskis Polit-Thriller "The Ghost Writer" und Robert Epsteins Ginsberg-Hommage "Howl".
Von Andreas Borcholte
Gleich zweimal geht es am Freitag in den Wettbewerbsfilmen der Berlinale nicht um auf Zelluloid gebannte Bilder, sondern um riskante Buchstaben auf Papier: In Robert Epsteins Dokufiction "Howl" wird die Kontroverse um das bahnbrechende Gedicht "Howl" des Beat-Poeten Allen Ginsberg verarbeitet - und in Roman Polanskis Thriller "The Ghost Writer" gerät Ewan McGregor als Memoirenschreiber eines ehemaligen britischen Premierministers erst in moralische Nöte und muss dann sogar um sein Leben fürchten.
"I saw the best minds of my generation destroyed by/ madness, starving hysterical naked,/ dragging themselves through the negro streets at dawn/ looking for an angry fix". Mit diesen desperaten Zeilen beginnt Allen Ginsbergs Gedicht "Howl". Verhungert, hysterisch, sich durch die Straßen schleppend, zum Glück nicht nackt… da hat man natürlich die Festival-Journalisten vor Augen, die sich frühmorgens um acht nach wenigen Stunden Schlaf in den Berlinale-Palast zur Pressevorführung kämpfen. Fast schade, dass "Howl" bereits am zweiten Tag gezeigt wurde, statt am Ende des Festivals, wenn die Nerven der Besucher nach unzähligen Filmen, hastigem Schreiben und feuchtfröhlichen Empfängen so richtig blank liegen.
Aber auch im relativ ausgeruhten Zustand entfaltet Epsteins Film seine Wirkung: Der Schauspieler James Franco ("Spider-Man") spielt Allen Ginsberg in nachgestellten Interview-Passagen, dazu werden Spielszenen aus dem Prozess gegen den "Howl"-Verleger Lawrence Ferlighetti von 1957 geschnitten. Und natürlich wird das Gedicht ausgiebig zitiert, illustriert von psychedelisch-bunten Zeichentrick-Sequenzen des Ginsberg-Weggefährten Eric Drooker, untermalt mit einem suggestiven Jazz-Score von Carter Burwell.
Flammendes Plädoyer gegen die Zensur des Andersdenkenden
1956 veröffentlichte der junge New Yorker Dichter sein Langgedicht als Hommage an seinen Freund Carl Solomon, den er während eines Aufenthalts in einem Sanatorium kennengelernt hatte. Sofort danach wurde "Howl" wegen seiner vermeintlich obszönen Sprache verboten und es kam zur Gerichtsverhandlung über den literarischen Wert des Werkes und das Recht des Künstlers auf seine eigene, wenn's sein muss eben auch deftige, provokante Sprache.
Das Befreiungs-Geheul des Beat-Poeten Ginsberg, Freund und Zeitgenosse von Jack Kerouac und Neal Cassady, war nicht nur das eindrucksvolle Outing eines homosexuellen Dichters in spießiger Zeit, sondern ein furioser Blick in die Seele jener Verlorenen der amerikanischen Nachkriegsgeneration, die sich weigerten, ihr Leben nach den engen Richtlinien der Fünfziger zu gestalten: Birth, School, Work, Death… diesem Vierklang der Anpassung widersetzten sich die Hipster und Drifter der Beat-Generation durch Free Jazz, Sex und Betäubungsmittel jeglicher Art.
"Howl" war der Schlachtruf, den die Gegenkultur Amerikas brauchte, um sich gegen das Establishment zu erheben: Pop-Art, Flower-Power, Punk, all das wäre ohne Ginsbergs Gedicht vielleicht undenkbar gewesen. Robert Epstein, eine Schlüsselfigur der amerikanischen Schwulen- und Lesben-Szene und Oscar-Gewinner für seine Dokumentation "The Times of Harvey Milk", inszenierte seinen gemeinsam mit Jeffrey Lieberman gedrehten Film als flammendes Plädoyer gegen die Zensur des Andersdenkenden.
Manch einem Berliner Tageszeitungskollegen war diese kämpferische Collage zwar zu kitschig, aber in Wahrheit funktioniert Epsteins Film wunderbar als aufregender cineastischer Genremix und als sympathische Erinnerung an einen wichtigen Moment der Verteidigung der künstlerischen Freiheit.
Polanskis "The Ghost Writer" ist ein solider Polit-Thriller
Mit solchen grundsätzlichen Überlegungen hat der von Ewan McGregor gespielte Auftragsschreiber in "The Ghost Writer" wenig am Hut. Er lässt sich von seinem Agenten überreden, die Memoiren des stark an Tony Blair erinnernden Ex-Premierministers Adam Lang (Pierce Brosnan) zu schreiben, nachdem dessen bisheriger Ghostwriter auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen ist. Die Herangehensweise des jungen Briten ist pragmatisch: Die 250.000 Dollar Honorar für die Überarbeitung eines länglichen, aber in den Grundzügen bereits fertiggestelltes Manuskript nimmt er gerne mit, ahnt aber noch nicht, worauf er sich wirklich eingelassen hat.
Dem durch seine Amerika-Treue im Irak-Krieg ohnehin unbeliebtem Ex-Premier wird plötzlich vorgeworfen, er hätte die Folter von inhaftierten Terrorismus-Verdächtigen gebilligt, was den unbedarften Schreiberling in moralische Konflikte stürzt: Darf man die Lebenserinnerungen eines Kriegsverbrechers verfassen? Zudem fühlt er sich zunehmend unwohler, je mehr er über den Tod seines Vorgängers herausfindet, der bei seiner Recherche auf ein Geheimnis in der Biographie des Politikers gestoßen war. Der Lohnschreiber wird zum Detektiv - und "The Ghost Writer" zum soliden Polit-Thriller.
Als Kulisse für den auf einem Roman von Robert Harris basierenden Film diente ein schmucker weißer Bungalow auf der amerikanischen Ostküsten-Insel Cape Cod, Zufluchtsort der Reichen und Mächtigen und wind- und wetterumtostes Exil für den in Ungnade gefallenen Ex-Premier mitsamt seiner gestrengen, aber attraktiven Assistentin (Kim Cattrall) und einer frustrierten Ehefrau (Olivia Williams), die alsbald mit dem Lohnschreiber anbändelt. Roman Polanski, inzwischen selbst in einem Schweizer Chalet festgesetzt, musste die Szenen allerdings auf Sylt und Usedom drehen, da er wegen seines drohenden Vergewaltigungsprozesses nicht in die USA einreisen durfte.
Als Londoner City-Szenerie diente ihm übrigens die Berliner Charlottenstraße. Und durch die wehen am Ende von "The Ghost Writer" munter Hunderte von Manuskriptseiten.
So bleibt am Ende von all der geschriebenen Mühe immerhin ein starkes Bild.
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