Berlinale-Blog Fett, fetter, Franzose

Ein Schmerbauch aus Frankreich und ein Trunkenbold aus Japan: Kurz vor Schluss besinnt sich der Berlinale-Wettbewerb mit den Beiträgen "Mammuth" und "Otouto" darauf, dass auch aus den gewöhnlichsten Geschichten großartige Filme entstehen können.


Von Hannah Pilarczyk

Große Liebe kommt unerwartet. Und wenn sie ein französischer Fettsack ist oder ein japanischer Trunkenbold - dann muss man auch akzeptieren.

Nunja, vielleicht gilt das nicht fürs Leben allgemein, für den Berlinale-Wettbewerb aber in jedem Fall. Der überraschte nämlich zum Schluss im großen Stile - mit dem französischen Beitrag "Mammuth" und dem japanischen Abschlussfilm "Otouto".

In "Mammuth" führt Gérard Depardieu eine Wampe vor, für die andere physikalische Gesetze gelten müssen als für normale Leiber. Anders kann man sich nicht erklären, warum jemand mit so einem Fettwanst nicht umkippt. Zwillingschwangerschaft, mindestens. Zusammen mit einer grauenhaften blondierten Lockenmähne bringt Depardieu eine körperliche Präsenz auf, die an sich schon genug Schauwert für 90 Minuten Film böte. Aber das Regisseur- und Autoren-Paar Benoit Delépine und Gustave de Kervern hat zum Glück noch andere Sachen mit Depardieu vor. Sehr andere Sachen.

Um seine volle Rente zu erhalten, muss Schlachter Serge (Depardieu) nur noch ein paar Belege seiner vorherigen Arbeitgeber sammeln. Dann kann er es sich mit seiner Freundin Catherine (Yolande Moreau) im gemeinsamen Häuschen in der französischen Provinz gemütlich machen. Also schwingt sich Serge auf sein Motorrad, klappert seine alten Arbeitsplätze ab und absolviert damit gleichzeitig eine sentimental journey in seine Vergangenheit - wollte man meinen.

Doch hier beginnt der erste wunderbare Bruch mit den Erwartungen: Delépine und de Kervern lassen Serge nicht sein Leben gefühlig Revue passieren, sondern schicken ihn in die fürchterliche Arbeitswelt der Gegenwart. Was von Serges alten Arbeitsplätzen noch übrig ist, wird von prekär Beschäftigten geschmissen. Die haben nur noch Verachtung für ihn, der noch Anspruch auf Rente hat, übrig. Und wenn sie ihn nicht ausrauben, so schicken sie ihn zumindest beherzt zum Teufel.

Als diese Erzähllinie klar wird, biegt "Mammuth" aber wieder scharf ab und lässt plötzlich eine Reihe von skurrilen Figuren auftreten: Isabelle Adjani als tote Freundin, Miss Ming als semi-debile Nichte und nicht zuletzt Julie Delpys Vater Albert, der in einen der haaresträubendsten hand jobs der Filmgeschichte verwickelt wird.

Wie sich das zu einer unglaublich lustigen, aber gleichzeitig auch zutiefst wahrhaftigen Geschichte zusammenfindet - das muss man dann einfach gesehen haben. Vom Bauch ganz zu schweigen.

Der Clown und die kleinen Träume

Mit 126 Minuten ist der Abschlussfilm "Otouto - About Her Brother" (außer Konkurrenz) einer der längsten im Wettbewerb, doch er hat keinerlei Längen. Schwer zu beschreiben, woran es liegt, dass man nach wenigen Momenten weiß, dass diese Geschichte um das schwarze Schaf einer kleinen japanischen Familie genau diese Zeit braucht, um sich zu entfalten. Schließlich sind es unspektakuläre Bilder und bescheidene Menschen, die Regisseur Yoji Yamada zeigt.

Doch die Sicherheit, mit der er inszeniert, überträgt sich schnell auf das Publikum: In den kleinbürgerlichen Träumen der Alleinerziehenden Ginko (Sayuri Yoshinaga) und ihrer Tochter Koharu (Yu Aoi), die immer wieder vom trunksüchtigen, kindischen Onkel Tetsuro (Tsurube Shofukutei), gestört werden, wird bestimmt eine große Geschichte stecken. Und das tut sie schließlich auch.

Mit großer Geduld akzeptiert Ginko zunächst das erratische Verhalten ihres kleinen Bruders, seine Trinkexzesse, seine Unverschämtheiten, seine gescheiterte Schauspielerkarriere. Als er seine Freundin in die Schuldenfalle reißt, kommt es aber zum Zerwürfnis zwischen ihnen. Die Geschwister sehen sich über Jahre hinweg nicht. Ginko betreibt weiter ihre kleine Apotheke, Koharu zieht nach einer gescheiterten Ehe wieder bei ihr ein. Die zwei Frauen leben ein erfülltes Leben voller kleiner Aufgaben und kleiner Begegnungen.

Doch plötzlich ist darin wieder Platz für Tetsuro - und wie sich das ergibt, ist die wahrscheinlich hoffnungsvollste Geschichte dieser Berlinale: denn die Familie hat sich geändert. Nichts dramatisches ist passiert, trotzdem ist sie durchlässiger und großherziger geworden. Die Frauen lachen wieder über Tetsuros Witze und verzeihen ihm seine verzeihbaren Fehler. Eine Versöhnung, in der sich keine Seite verrät - zumindest in "Otouto" ist das tatsächlich möglich.

Der Mann auf unserer linken Seite hat als erster mit dem Schniefen angefangen. Der rechts von uns hat die letzte halbe Stunde durchgeweint.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Haio Forler 12.02.2010
1. .
Zitat von sysopDie 60. Berliner Filmfestspiele sind eröffnet - und die winterliche Hauptstadt zeigt sich von ihrer grimmigsten Seite. Zum Glück spendet zumindest der Eröffnungsfilm aus China ein bisschen Trost: Solange genug zu essen da ist, kann einem auch der kälteste Hauch der Historie nichts anhaben. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,677394,00.html
Allemal sehenswert. Wang Quan'an macht mehr als respektable Filme: Yue Shi (1995), Tuyas Hochzeit (2007) .
Tokamak 12.02.2010
2. Schlangestehen
Habe gerade gestern wieder mal 1 Stunde (!) in der Schlange gestanden (Vorverkauf Kino International), um Sonntag nachmittag (!) ins Kino gehen zu können, nicht etwa irgendwas Schillerndes im Wettbewerb, sondern "nur" eine Dokumentation in einer Nebensektion. Es dämpft schon etwas die Stimmung, wenn man quasi für jeden Film so lange anstehen muß, freilich ohne Gewähr, daß man dann auch wirklich Karten bekommt. Für normal Werktätige ist das alles nicht sehr praktikabel, eigentlich muß man wirklich freinehmen, wenn mal mehr als einen oder zwei Filme sehen will. Oder eben einen Presseausweis haben. So, nun bin ich aber auch schon fertig mit Meckern und dem üblichen deutschen Sozialneid - die Berlinale ist schon nett und es gibt wirklich Sachen die man sonst nie oder selten im Kino sehen kann und im Fernsehen nur nach Mitternacht.
sam clemens, 14.02.2010
3. @Tokamak
Da ist was dran, die Berlinale ist eine Veranstaltung für eine eng begrenzte Szene - so interessant und wichtig viele der Filme sind. Ich finde es bizarr, dass viele der Leute, um deren Schicksal sich die Filmemacher und das Berlinale-Publikum besonders zu sorgen scheinen - Bestatter, arme Schweine, Obdachlose, Chinesen ohne Perspektive ;) - kaum eine Möglichkeit haben, diese Filme zu sehen. Da stellt sich doch die Frage, ob es in Wirklichkeit nicht vielmehr um die "Macher" geht, als um die Werke und das Schicksal der Dargestellten.
Knighter 14.02.2010
4. lächerlich
die berlinale ist nur ein weiterer anlass damit sich die filmfutzis gegenseitig auf die schulter klopfen können, dazu zum miesesten zeitpunkt im jahr, und das nur, damit es das erste grosse filmfestival des jahres sein kann... p.s.: allein wegen der oberpeinlichen anke engelke schaue ich mir den blödsinn nicht an
Wurzbacher, 14.02.2010
5. .
Zitat von Knighterdie berlinale ist nur ein weiterer anlass damit sich die filmfutzis gegenseitig auf die schulter klopfen können, dazu zum miesesten zeitpunkt im jahr, und das nur, damit es das erste grosse filmfestival des jahres sein kann... p.s.: allein wegen der oberpeinlichen anke engelke schaue ich mir den blödsinn nicht an
Es handelt sich um ein Filmfest,was viele Leute zu interessieren scheint,denn die Eintrittskarten selbst für die abenteuerlichsten Filme sind schnell vergriffen.Verständlich und typisch deutsch ist aber das einfache Miesmachen der Festivitäten und der Freude anderer Leute,wenn man selbst ausgeschlossen von allem zu Hause vor der Glotze hockt.
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