Berlinale-Blog: Und was hat das mit Ihnen zu tun?

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Von einem Filmfestival zu berichten, ist riskant: Plaudert man zu viel über Filme, die erst in ein paar Monaten ins Kino kommen, wird's schnell langweilig. Redet man zu viel übers Wetter, ist's auch öde. Mal sehen, ob wir es auch anders hinkriegen.

Berlinale-Filme: Aujourd'hui extremely seule Fotos
WARNER BROS.

Sie sitzen jetzt hoffentlich warm und gemütlich zu Hause in Hamburg, München oder Erkenschwick und genießen das Wochenende. Wahrscheinlich erholen Sie sich von einer anstrengenden Arbeitswoche und drücken sich davor, den Großeinkauf zu machen oder verschieben im Geiste gerade die fällige Steuererklärung auf kommenden Sonntag, dann aber wirklich! Währenddessen rennen schon seit Donnerstag ein paar tausend Filmeinkäufer und Journalisten in Berlin um den Potsdamer Platz herum und gucken den ganzen Tag Filme. Es ist mal wieder Berlinale.

Das haben Sie bisher vor allem daran gemerkt, dass kein Tag vergeht, an dem nicht über Angelina Jolie berichtet wird. Das geht auch noch bis Dienstag so weiter, so lange ist die Hollywood-Schöne nämlich hier, um, erstens, am Samstag ihr Regiedebüt "In The Land of Blood and Honey" vorzustellen, und, zweitens, am Montag einen Preis für ihr Engagement als Uno-Botschafterin auf der "Cinema for Peace"-Gala entgegenzunehmen, die übrigens nichts mit der Berlinale zu tun hat, aber immer gleichzeitig stattfindet, weil die Stars dann praktischerweise schon in der Stadt sind und weil sich die Berlinale-Macher immer so schön über die Konkurrenzveranstaltung ärgern.

Aber ich schweife ab. Was hat das alles nun mit Ihnen zu tun, außer, dass Sie sich vielleicht gerne Bilder von Angelina Jolie in diversen Abendroben ansehen? Erstmal nicht viel, denn die 18 Filme, die im Berlinale-Wettbewerb um den Goldenen Bären konkurrieren, um die es hier also eigentlich geht, firmieren fast alle unter dem gefürchteten Label "Arthouse". Sie locken, wenn sie denn irgendwann in den nächsten Jahren mal ins Kino kommen, zwischen 10.000 und 30.000 Zuschauer an und gelten als kopflastig, übertrieben kunstvoll und langatmig. Und dass es in der Hauptstadt zur Berlinale immer fies kalt ist, wir alle hier spätestens Montag vergrippt sind und immer schlechtere Laune kriegen, weil wir uns diese Filme freiwillig ansehen, viele davon aber Murks sind, haben Sie schon tausendmal gelesen.

Warum eigentlich Filme gucken?

Wie stelle ich es also an, diese Berlinale-Kolumne nicht für Journalisten-Kollegen interessant zu machen, sondern auch für Sie? Ich spare mir das Gerede über die wirklich ekelhafte Kälte und andere Befindlichkeiten - und erzähle ihnen trotzdem was über diese Filme, die Sie vielleicht nie zu sehen bekommen.

Und warum? Gegenfrage: Warum sehen wir uns überhaupt Filme an? Drei Gründe: Wie in jedem Kunstwerk möchten wir uns selbst darin spiegeln, unseren persönlichen Erfahrungshorizont damit in Einklang bringen, emotional stimuliert werden. Zweitens: Wir möchten unseren Erfahrungshorizont erweitern. Sprich, wir wollen Menschen, die andere, vielleicht extremere Dinge als wir tun oder erleben, verstehen, uns in sie hineinfühlen. Drittens: Wenn der Film aus einem fremden Land stammt, lernen wir vielleicht etwas über die andere Kultur und Mentalität.

Manche Künstler machen dies dem Betrachter leicht, andere nicht. Für letztere Variante ist "Aujourd'hui", der dritte Spielfilm des franko-afrikanischen Regisseurs Alain Gomis ein schönes Beispiel. Der amerikanische Rap-Poet Saul Williams spielt darin einen jungen Senegalesen, der morgens aufwacht und weiß, dass er am Ende dieses Tages sterben wird. Drama, Hektik, carpe diem? Keineswegs: Satché, so heißt der Bursche, vertändelt und verschlendert seinen letzten Tag auf Erden, bis er abends nach Hause zurückkehrt. Dort lässt er sich von seiner Frau anschmollen, spielt ein bisschen mit seinen kleinen Kindern - und macht dann die Augen zu.

Wichtigste Information, die der Film allerdings nur am Rande erwähnt: Satché hat in den USA studiert, sich dann aber entschlossen, in seine Heimat zurückzukehren. Was er in der Ferne verklärt hat, entpuppt sich daheim als ganz schön banaler Alltag mit jeder Menge Egoisten. Trotzdem ist's der Heimkehrer zufrieden.

Das Buffet ist weg

Williams gibt diese afrikanische Jesus-Figur mit großer Konzentration und vielen feucht-fiebrigen Blicken, und man hat während zahlreicher übertrieben langer Einstellungen und Szenen viel Zeit, sich zu überlegen, was das alles vielleicht über Senegals Schicksal und den African Way of Life aussagen will. Leider aber packt einen der Film mit seinem fatalistischen Thema zu keiner Zeit an der Gurgel, im Gegenteil, Satchés Phlegma überträgt sich auf ungute Weise auf den Zuschauer, und am Ende ist er einem fast so egal wie den Gästen des eigens für ihn angerichteten Festakts im Rathaus: Als Satché ankommt, ist das Buffet schon leergefressen, nur ein paar Funktionäre harren noch aus, um ihm pflichtschuldig die Hand zu schütteln.

In einer ähnlichen Falle befindet sich auch Gaëlle, die sich allerdings in "À moi seule" nach acht Jahren Gefangenschaft aus dem Kellerverließ ihres Kidnappers befreien kann. Ähnlich wie der Österreicher Markus Schleinzer in seinem Pädophilen-Psychogramm "Michael", versucht auch Frédéric Videau in seinem zweiten Spielfilm zu ergründen, was für eine Art besonderes Verhältnis zwischen Entführer und Opfer entsteht, wenn beide mehrere Jahre lang extrem aufeinander fixiert sind - Vorbild und Motivation war auch für Videau der reale Fall Natascha Kampusch. Dank seiner ausdrucksstarken Hauptdarstellerin Agathe Bonitzer gelingt es ihm tatsächlich, das vorgefasste Moral-Konstrukt des Zuschauers zu durchbrechen und Einblick in die Dynamik dieser perversen Beziehung zu geben.

Gaëlle, die als Kind entführt wurde, übernimmt, je älter sie wird, immer mehr die Kontrolle über das Machtgefüge. Als sie ihrem Peiniger Vincent (Reda Kateb) schließlich aus freien Stücken Sex anbietet, bricht dessen Vision seiner allkontrollierenden Alleinerziehung völlig zusammen - das Mädchen, gerade 18 geworden, steht vor einem neuen Leben mit Maßstäben, die wenig mit unseren gewöhnlichen Vorstellungen von Liebe und Partnerschaft zu tun haben. Die Wucht dieses eindrucksvollen Films liegt nicht in Thriller-Suspense und Gewalt, Elemente, auf die Videau größtenteils verzichtet, sondern vielmehr in dem Schock der Erkenntnis, dass Menschen auch in der monströsesten Situation ein Arrangement finden können, das Zuneigung, wenn nicht Zärtlichkeit beinhalten kann.

Extrem laut, unglaublich erbauend

Monströs ist auch die Lage, in der sich Oskar Schell in "Extremely Loud and Incredibly Close" am 11. September 2001 wiederfindet: Sein über alles geliebter Vater (Tom Hanks) ist beim Anschlag auf das New Yorker World Trade Center ums Leben gekommen, und der hochbegabte Oskar, noch unfähig, diese Tatsache zu akzeptieren, macht sich auf eine akribische Suche nach dem Geheimnis eines Schlüssels, der eine letzte Botschaft seines Daddys verheißt. Der neue Film von Stephen Daldry ("Der Vorleser") läuft im Berliner Wettbewerb außer Konkurrenz - "Extrem laut und unglaublich nah" startet am 16. Februar in deutschen Kinos. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman des US-Schriftstellers Jonather Safran Safran Foer und bietet klassisches, wunderschön gefilmtes Hollywood-Erbauungskino.

Das heißt, ohne hier zu viel zu verraten, dass am Ende alles gut wird, ein versponnener kleiner Junge Selbstvertrauen fasst - und der Familienzusammenhalt auch über den tragischsten Verlust obsiegen kann. Pathos und Kitsch halten sich hier zum Glück mit einigen lustigen, aus dem Buch übernommenen Schrägheiten die Waage, außerdem gehören die Szenen zwischen dem nervig-naseweisen Hyperaktivling Oskar (Thomas Horn) und seinem stummen Großvater (Max von Sydow), der ihn auf seiner Odyssee durch die fünf Boroughs von New York begleitet, zu den rührendsten Road-Movie-Szenen seit "Paper Moon". Und dass New York einen geheimen, etwas morbiden sechsten Stadtteil hat, wusste zumindest ich noch nicht.

"Extremely Loud and Incredibly Close" gehört zu den neun "Bester Film"-Kandidaten bei der Oscar-Verleihung in zwei Wochen und dient hier auf der Berlinale als Star-Lieferant (neben Tom Hanks spielt auch Sandra Bullock mit) sowie als Gegengewicht zu Filmen wie "À moi seule" und "Aujourd'hui", deren Abbildung der Wirklichkeit viel weniger verzuckert, dafür aber wahrhaftiger ist.

Wenn Sie bis hierher gelesen haben, was ich natürlich hoffe, dann ist folgendes passiert: Statt sich mit Banalitäten wie Einkauf oder Steuererklärung zu beschäftigen, haben Sie sich Gedanken über Elementares gemacht: den Tod, eine unmögliche Liebe - und Hoffnung im Angesicht größter Katastrophen. Wenn Sie jetzt immer noch glauben, das hat nichts mit Ihnen zu tun, dann müssen Sie zur Strafe zehnmal laut den Nachnamen des Hollywood-Stars und Berlinale-Jurors Jake Gyllenhaal aussprechen. Aber bitteschön richtig, das kann nämlich noch nicht mal Anke Engelke, wie sie am Donnerstagabend bei der Eröffnungsgala unter Beweis stellte. Hier gibt "Mr. Brokeback Mountain" höchstpersönlich eine Anleitung.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Kaum ein Berlinale Film kommt in Kinos
Kurt Kaiser 11.02.2012
Zitat von sysopWARNER BROS.Von einem Filmfestival zu berichten, ist riskant: Plaudert man zuviel über Filme, die erst in ein paar Monaten ins Kino kommen, wird's schnell langweilig. Redet man zuviel übers Wetter, ist's auch öde. Mal sehen, ob wir es auch anders hinkriegen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,814656,00.html
Filmverleihtechnisch gesehen ist die Berlinale bedeutungslos. Selbst prämierte Film kommen nicht ins Kino oder wenigsten auf DVD. Beispiele sind die 2010 Filme "Bal" (Goldener Bär) und "If I want to whistle, I whistle" (Großer Preis der Jury) Was nicht gesehen werden kann, hat seine Bestimmung verloren. Schade, dass die Berlinale nicht mehr Einfluss auf den Verleih hat, denn die Prämierungen sind oft sehr interessant und mutig.
2.
Peter Werner 11.02.2012
Zitat von Kurt KaiserFilmverleihtechnisch gesehen ist die Berlinale bedeutungslos. Selbst prämierte Film kommen nicht ins Kino oder wenigsten auf DVD. Beispiele sind die 2010 Filme "Bal" (Goldener Bär) und "If I want to whistle, I whistle" (Großer Preis der Jury) Was nicht gesehen werden kann, hat seine Bestimmung verloren. Schade, dass die Berlinale nicht mehr Einfluss auf den Verleih hat, denn die Prämierungen sind oft sehr interessant und mutig.
Ich sehe dies eher anders herum: dass die in Berlin prämierten Filme keine Verleiher finden, liegt nicht am Verleiher, sondern an den Filmen: - Ein iranisches Frauendrama (Preisträger 2011) - Ein Drama über einen anatolischen Bienenzüchter (Preisträger 2010) - Ein peruanisches Frauendrama (Preisträger 2009) - Ein brasilianisches Drama üer die Zustände der dortigen Militärpolizei (Preisträger 2008) - Ein chinesisches Hirtendrama (Preisträger 2007) Und so weiter und so weiter. Wenn ich mich über anatolische Bienenzüchter oder über die Lage der Frauen im Iran informieren möchte, lese ich ein entsprechendes Buch, schaue eine Dokumentation oder gehe auf entsprechende Seiten im Internet. Ich sehe mir hierzu ganz gewiss keinen Spielfilm an, bei welchem die Grenze zwischen Realität und Fiktion unklar ist. Filme sind für mich primär ein Unterhaltungsmedium. Wenn dabei noch der ein oder andere Denkanstoß sein sollte, schön.
3. Bal !?
Usambaras 13.02.2012
Zitat von Kurt KaiserFilmverleihtechnisch gesehen ist die Berlinale bedeutungslos. Selbst prämierte Film kommen nicht ins Kino oder wenigsten auf DVD. Beispiele sind die 2010 Filme "Bal" (Goldener Bär) und "If I want to whistle, I whistle" (Großer Preis der Jury) Was nicht gesehen werden kann, hat seine Bestimmung verloren. Schade, dass die Berlinale nicht mehr Einfluss auf den Verleih hat, denn die Prämierungen sind oft sehr interessant und mutig.
Ich will nicht kleinkariert sein, aber Bal lief sowohl im Kino als auch lässt er sich als DVD erwerben. Dass sich die Zuschauer- bzw. Verkaufszahlen in Grenzen halten, dürfte außer Frage stehen. Aber das ist bei Arthouse-Filmen ja fast immer so. Man denke nur an den tiefbewegenden "Sturm" von Hans-Christian Schmid.
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