Liebesfilm "Before Midnight": Paar Excellence sagt Adieu

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"Before Midnight": Abschied von Jesse und Céline Fotos
PROKINO

Mit "Before Midnight" zeigen Richard Linklater, Julie Delpy und Ethan Hawke auf der Berlinale den Abschlussfilm ihrer Trilogie über das großartige Liebespaar Jesse und Céline. Über Jahrzehnte und Kontinente hinweg haben die beiden immer wieder zueinander gefunden. Aber ob sie glücklich werden?

Ja, er ist geblieben. Damals, in Paris, vor neun Jahren. Er, Jesse, hat seinen Flug verpasst und ist bei ihr, Céline, geblieben. Das ist das Ende von "Before Sunset", erzählt aber nicht in dem Film selbst, sondern in seiner Fortsetzung "Before Midnight", dem dritten und wohl letzten Teil der Filmtrilogie, die 1994 mit "Before Sunrise" begann.

Die Macher der drei Filme, Richard Linklater, Julie Delpy und Ethan Hawke, haben den dritten Film am Montag außer Konkurrenz auf der Berlinale vorgestellt, und wie schon bei der Weltpremiere in Sundance waren die Kritiker verzückt. Wobei sich die Begeisterung für den neuen Film sicherlich auch mit emotionaler Verbundenheit vermischt. Denn Jesse und Céline, das ist auf seine eigene, überaus holprige Art eines der beständigsten Liebespaare, das uns das Kino je geboten hat.

18 Jahren sind vergangen, seitdem sich der US-Amerikaner Jesse (Hawke) und die Französin Céline (Delpy) in einem Zug begegnet sind, spontan in Wien ausgestiegen sind und dort eine unvergessliche Nacht verbracht haben. Und neun Jahre ist es her, dass sie sich zum zweiten Mal begegnet sind, diesmal in Paris, und dort einen unvergesslichen Tag verbracht haben. Der Film endete mit einem Kameraschwenk in den Pariser Nachmittag, der langsam zum Abend wurde und in dem noch die Stimmen seiner Hauptfiguren in der Luft hingen.

"Wegen solcher Sachen trennen sich die Leute"

Aus der Vagheit dieses Nachmittags ist Sicherheit geworden. Jesse und Céline sind nicht nur zusammengeblieben, sie haben sogar Kinder bekommen. Nach zwei Jahren in New York sind sie nach Paris gezogen, wo ihre Zwillingstöchter geboren wurden und sie gemeinsan seit sieben Jahren leben. Während eines langen Sommerurlaubs in Griechenland wird aus der Sicherheit nun wieder Vagheit.

Jesses Sohn aus erster Ehe, der bei seiner Mutter in den USA lebt, hat den Sommer mit ihnen verbracht. Als Jesse den 14-Jährigen zum Flughafen bringt, wird ihm schlagartig bewusst, dass er die prägenden Highschool-Jahre seines Sohns nicht miterleben wird. Nicht mehr die Frage, was Jesse verpassen wird, wenn er nicht bei Céline bleibt, steht nun im Raum - sondern was er verpassen wird, wenn er nicht bei seinem Sohn ist. Als er Céline von seinen Bedenken erzählt, antwortet sie knapp: "So fängt es an. Wegen solcher Sachen trennen sich die Leute."

Bleiben sie zusammen? Aus dieser Ausgangskonstellation heraus haben Liebesfilme selten überzeugende Geschichten entwickeln können. Zu mächtig erscheinen der Zauber und die Hoffnung, die von ersten Begegnungen ausgehen, als dass der Alltag eines Paares dagegen ankommen könnte. Auch wenn "Before Midnight" nun eben den Alltag eines Paares zeigt - den Streit um die Aufteilung der Hausarbeit, die Eifersucht, wer mehr Aufmerksamkeit von den Kindern erhält, den Ärger mit dem Job - so beschwört letztlich auch dieser Film zuallererst die Magie des Anfangs. Jesse hat die Geschichte ihrer ungewöhnlichen Begegnungen in Bestsellern verarbeitet, beim Essen mit befreundeten Paaren müssen die beiden ihr erstes Treffen nochmals erzählen. Aber wie weit trägt ein wunderbarer Anfang? Bis in alle Ewigkeit? Oder doch nur an die Grenzen eines zermürbenden Alltags? Als Céline Jesse fragt, ob er sie jetzt, in der Gegenwart, auch noch im Zug ansprechen würde, bleibt er ihr die Antwort schuldig.

Aus innerer Notwendigkeit

In Zeiten, in denen Filmtrilogien der logistischen Einfachheit halber am Stück gedreht werden, wird die Stärke der "Before"-Filme noch augenfälliger: Linklater, Delpy und Hawke haben aus innerer, nicht ökonomischer Notwendigkeit weiter gemacht. Sie haben sich künstlerisch weiterentwickelt - Delpy hat sich als Regisseurin etabliert, Hawke hat selber Romane geschrieben und viel am Theater gearbeitet, Linklater hat experimentelle Trickfilme gedreht -, und sie haben alle Kinder bekommen. Ihre Erfahrungen haben sie in die Figuren Jesse und Céline eingespeist und ihnen zu so viel lebensgesättigter Energie verholfen, dass sich auch der dritte Film so frisch und direkt ausnimmt wie der erste.

Wieder sind es die Dialoge, die den Film dominieren. Fast noch atemloser als vorher wird hier geredet, und gäbe einen Mangel des Films zu benennen, so wäre es der Umstand, dass es nicht recht überzeugt, wenn Jesse und Céline nach neun gemeinsamen Jahren noch immer so viel und so dringlich miteinander reden wie in ihrer schicksalhaften ersten Nacht. Doch die Charaktere sind in sich zu stimmig und die Schauspieler zu gut, als dass das wirklich ins Gewicht fallen würde. Delpy bringt mittlerweile eine körperliche Komik in ihr Spiel, die ihrer Céline sehr gut steht. Hawke hat eine unaufdringliche Lässigkeit entwickelt, mit der er Jesse erdet und mit der er auch die meisten Pointen landet. Zusammen strahlen sie eine Vertrautheit aus, die dem Film seine Glaubwürdigkeit verleiht, aber auch seine Dramatik. Schaffen es die beiden wirklich nicht, zusammenzubleiben?

Die letzte Szene von "Before Midnight" legt die Antwort auf diese Frage nahe. So gesehen endet der Film weniger ambivalent als seine Vorgänger. Und dennoch bietet er das beunruhigendste Ende. Denn wenn sich die Kamera langsam von dem Café-Tisch entfernt, an dem Jesse und Céline um ihre Beziehung kämpfen, könnten das tatsächlich die allerletzten Bilder sein, die wir von diesem wunderbaren Paar sehen werden.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Spoiler!
absalem 11.02.2013
Achtung Spoiler direkt im ersten Satz ohne Warnung!!
2.
InnerPartisan 11.02.2013
Zitat von absalemAchtung Spoiler direkt im ersten Satz ohne Warnung!!
Spoiler? Bitte, was? Das ist die Ausgangssituation des Films. Tatsächlich dürfte es ziemlich schwierig sein, "Before Midnight" in sinnvoller Weise irgendwie zu besprechen, ohne diesen "Spoiler" zu bringen.
3. Sinn und Sinnlichkeit
mischamai 11.02.2013
Wie schön und sinnlich war der erste Teil 1995 (before surise),jeder Träumer mit Sinn für Romantik erkannte sich zu gerne selber in diesem schönen Film.So zärtlich,neugierig auf die Liebe,feinfühlig für Phantasien,einfach eine fast erlebte Liebe... Einige Jahre später dann der 2004 (before sunset) der zweite Teil,schön zu sehen und erleben wie sich Menschen verändern,andere Lebenswege gehen... ..und nun der dritte Teil,ganz sicher wieder eine Romanze die neugierig macht.Freue mich auf die Zwei,sicher hat sich wieder viel verändert und es entstehen Freiräume für neue Liebe. Also eine Trilogie die nur versteht wer auch die beiden ersten Teile kennt.Wer nicht,einfach mal nachsehen bei Amazon,da sind die beiden ersten(wunderbaren ) Teile noch erhältlich.
4. optional
Schlossenteiser 11.02.2013
War "Before Sunrise" nicht dieser Film wo dauernd das Mikrofon ins Bild hing?
5. Optional
pasajo 12.02.2013
Before Sunrise und Before Sunset sind 2 meiner absoluten Lieblingsfilme. Ich hatte eine weitere Fortsetzung erwartet, der 3. Teil fehlt und es passt, dass da eben einige Jahre ins Land gehen werden, aber irgendwo habe ich dennoch gehofft, dass es am Schluss ein Happy End geben wird. Aber immerhin habe ich mal wieder einen echt guten Grund ins Kino zu gehen!
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