"Der Goldene Handschuh" bei der Berlinale Deutschland, ein Schlachthaus

Der hässlichste Serienkiller der Filmgeschichte: Fatih Akins Verfilmung von Heinz Strunks Roman löst auf der Berlinale zwar Ekel aus, aber keinen Skandal. Besser sind zwei andere deutsche Beiträge.

Der goldene Handschuh
Warner Bros.

Der goldene Handschuh


Fritz Honka hockt am Tresen. Zusammengesunken, schmierige Haare, verdrehte Augäpfel, verfaulte Zähne, verwarzte Nase. Er leckt sich die Lippen. Gerade hat er einer Frau einen Korn ausgegeben, er will sie später mit nach Hause nehmen. Aber heute wird das nichts, quer durch den "Goldenen Handschuh" grölt sie: "Einen wie den würd ich nich mal anpissen, wenn er brennen würde!"

Verrohte Sprache, verrohte Sitten. War schon klar, dass man auf der Berlinale mit Fatih Akin in eine Jauchegrube würde abtauchen müssen. Am Samstag feierte sein neuer Film hier im Wettbewerb Premiere, "Der goldene Handschuh" heißt er, eine Verfilmung von Heinz Strunks Bestseller über den realen Massenmörder Fritz Honka, der im Hamburg der Siebzigerjahre vier Frauen ermordete.

Fatih Akin hatte einen Horrorfilm angekündigt, und der war mit Spannung erwartet worden. Nicht zuletzt wegen der Frage, wie man diesen Roman überhaupt verfilmen kann. Immerhin beschreibt Strunk in seinem Buch ungeheuer widerliche Details. Wie weit würde Akin gehen?

Saufen, bis der Tod kommt: Im "Goldenen Handschuh" treffen sich die Wirtschaftswunder-Verlierer
Warner Bros.

Saufen, bis der Tod kommt: Im "Goldenen Handschuh" treffen sich die Wirtschaftswunder-Verlierer

Die Antwort ist: sehr weit. Nach dem Verlassen des Kinos möchte man sehr heiß duschen und dann intensiv mit Mundwasser gurgeln, um den Schmier und Schleim, das Blut und den Sabber, den Filz und Dreck wieder loszuwerden, mit dem dieser Film den Zuschauer überschüttet.

Ekel löst "Der Goldene Handschuh" also aus. Viel mehr leider nicht. Es wird gelitten und gestorben in diesem Film, Köpfe werden abgesägt und Frauen auf das Schlimmste erniedrigt, wobei der vom Nachwuchsdarsteller Jonas Dassler mit vollem Einsatz gespielte Honka der niedrigste Wurm von allen ist - aber bei all dem bleibt man als Zuschauer seltsam unbeteiligt.

Fatih Akin hat aus dem Roman eine Art Splatter-Kammerspiel gemacht, der überwiegende Teil spielt in Honkas Wohnung und im "Handschuh", und das Schlachten und Morden fühlt sich an, als geschehe es auf einer Theaterbühne. Der Grad der Degradation ist erstaunlich, Dringlichkeit will sich aber keine einstellen.

Das rührt auch daher, dass sich Akins eigenes Drehbuch auf Honka fixiert, während Strunk in die Romanvorlage zwei weitere, fiktionale Erzählstränge einflocht. Auch sie beschäftigen sich mit sexueller Perversion, spielen aber in anderen sozialen Milieus. Strunks Roman versucht sich an einem Soziogramm eines Jahrzehnts, in das das Kriegsende wie ein blutiger Stumpf hineinragt. Und einer Stadt, in der Profiteure und Verlierer des Wirtschaftswunders eng beieinander leben.

Fritz Honka (Jonas Dassler) hat ein neues Opfer abgeschleppt
Warner Bros.

Fritz Honka (Jonas Dassler) hat ein neues Opfer abgeschleppt

Diese Erzählebene fehlt der Verfilmung. So wie der rüde Sprachwitz des Romans. Akins Film ist ein Fest für die Teams vom Masken- und Szenenbild, aber das Blut spritzt in luftleeren Raum. Das reicht aus, Ekel auszulösen. Einen Skandal aber nicht. Und für einen Bären dürfte es diesmal, 15 Jahre nach Akins Berlinale-Erfolg mit"Gegen die Wand", auch nicht reichen.

Deutsche Familiengeschichten aus der Gegenwart

Zwei weitere deutsche Filme feierten hier bisher Premiere, zwei kontemporäre Familiengeschichten, die aber in Ton und Umsetzung unterschiedlicher nicht sein könnten.

Die junge Regisseurin Nora Fingscheidt wurde mit ihrem Langfilm-Debüt "Systemsprenger" gleich in den Wettbewerb eingeladen. Eigentlich ein Anti-Familienfilm, denn Familie ist für die neunjährige Benni nur ein Wunschtraum. Benni pendelt zwischen Kinderheim, Notaufnahme und geschlossener Psychiatrie, weil ihre unkontrollierten Wutausbrüche Sicherheitsglas zum Splittern und andere Kinder sowie sie selbst in Gefahr bringen.

"Systemsprenger": Benni explodiert regelmäßig vor Wut auf eine Welt, die ihr kein Heim bietet
Peter Hartwig/ kineo/ Weydemann Bros./ Yunus Roy Imer/ Berlinale

"Systemsprenger": Benni explodiert regelmäßig vor Wut auf eine Welt, die ihr kein Heim bietet

Ihre Mutter, die in einer toxischen Beziehung lebt, hat sie vor Jahren schon abgegeben, weil sie mit ihrer Tochter nicht fertig wurde. Wiederholt bricht sie ihr Versprechen, Benni wieder zu sich zu nehmen, und deren Verhalten wird immer explosiver. Der Sozialarbeiter Micha wagt schließlich ein Experiment und fährt mit Benni für drei Wochen in eine Hütte in die Lüneburger Heide.

"Systemsprenger" ist ein typischer Debütfilm, in der Wahl der filmischen Mittel überschwänglich, dramaturgisch mäandernd und zu lang, aber seine rohe und ungeschliffene Energie belebt den in dieser Anfangsphase reichlich behäbigen Berlinale-Wettbewerb.

Die Schauspieler sind grandios, vor allem die kleine Hauptdarstellerin Helena Zengel. In einer besonders intensive Szene probiert sie als Benni in der Heide das Echo und ruft wieder und wieder, kläglich und laut: "Mamaa! Mamaa! Mamaa!" Bis die Tränen fließen. Auf der Leinwand, aber auch bei hart gesottenen Kritikern im Berlinale-Palast.

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Ganz anders, aber nicht weniger intensiv, erzählt der Regisseur Edward Berger ("Jack", "Patrick Melrose") seine Familiengeschichte. "All My Loving" läuft in der Programmreihe Panorama und dreht sich um drei Geschwister: Pilot Stefan (Lars Eidinger) leidet an einem Tinitus und darf nicht mehr fliegen; Julia (Nele Mueller-Stöfen) hat einen Hundefimmel und bewegt sich in ihrer Beziehung mit Christian (Godehard Giese) auf dünnem Eis; und Tobias (Hans Löw) ist Vater dreier Kinder, Hausmann, und soll sich um die alternden Eltern kümmern.

Großartig seziert Berger diese drei Leben in einer Wohlstandsgesellschaft, in der es niemandem an Existenziellem fehlt und doch alle Mangel leiden. Bemerkenswert, wie hier gesprochen und doch nicht kommuniziert wird, wie jeder in seiner Echokammer feststeckt. Aber Berger belässt es nicht dabei.

Er schaut so lange und geduldig hin, bis sich etwas regt unter den Masken, bis der Schmerz sich Bahn bricht und Figuren mit einem Mal in einem ganz anderen Licht dastehen. Bergers Film lebt von naturalistischen Dialogen und Bildern, die soziale Milieus sehr genau einfangen. Fern der Verwahrlosung von Honkas Hamburg. Aber auch weit entfernt vom Glück.

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