Von Wolfgang Höbel
Das Handwerk des Kriminalfilms und die Kunst, in klugen Essays über den Lauf der Welt nachzusinnen, sind sich eigentlich spinnefeind, denkt man. Die Filmemacherin Pia Marais spannt sie trotzdem zusammen - und das auf erst einmal eindrucksvoll beklemmende Weise. Wenn es Nacht wird in ihrem Berlinale-Wettbewerbsfilm "Layla Fourie", der in Südafrika spielt und eine junge, schwarze Frau zur Heldin hat, dann sieht man in panisch geweitete Augen und hört röhrende Alarmanlagen. Wenn zwei Menschen sich hier begrüßen, dann entstellt das Misstrauen ihre Gesichter zu verklemmten Grimassen. Und wenn zwei Scheinwerfer im Rückspiegel eines Autos auftauchen, dann verwandelt sich eine gewöhnliche Überlandfahrt in eine Verfolgungsjagd.
Doch die Phasen der Spannung wechseln mit Momenten der kühlen, fast teilnahmslosen Menschenbeobachtung, weshalb man schnell merkt: Der Krimi, der hier erzählt wird, ist zugleich ein Essay über das Leben in einem Zustand massiver Bedrohung, über 1001 moderne Spielarten der Angst.
Die Schauspielerin Rayna Campbell spielt die Titelheldin Layla. Stolz und sichtlich auf der Hut thront sie zu Beginn des Films in den Kabeln und Drähten eines Lügendetektors. Mit ruhiger Stimme gibt sie Auskunft über ihre Vergangenheit. Es ist Laylas Abschlussprüfung. Ein Jahr lang hat sie eine Ausbildung als Lügendetektor-Fachkraft gemacht, jetzt soll sie die Bewerber in einem Spielcasino-Resort auf deren Eignung und deren mögliches kriminelles Vorleben prüfen. Einer der Typen, die bald auf ihren Lügen-Stuhl geschnallt werden, ist ein halbnett verwahrloster Weißer, dargestellt von August Diehl. Und schon an der Art, wie die beiden sich beäugen, wird klar, dass da ein gefährliches Spiel aus Abneigung und Anziehung beginnt.
Der Luxus der deutschen Sicherheit
Klingt leicht bizarr? Stimmt. Marais, Jahrgang 1972, geht es auch in "Layla Fourie" nicht um eine wirklich plausible Geschichte, sondern um eine Versuchsanordnung. Die hat sie sich zusammen mit dem Drehbuchautor Horst Markgraf zurechtgebastelt. Ihre Heldin Layla ist jenseits ihrer Arbeit am Lügendetektor die alleinerziehende Mutter eines kleinen Sohns. Der Junge wird zum Mitwisser, als sie während einer nächtlichen Autofahrt einen älteren weißen Mann totfährt und das Unglück vertuscht. Nur leider fühlt sich Layla magisch angezogen ausgerechnet von Eugene, dem Schluffi, den August Diehl spielt: Der Kerl sucht seinen nach einem Autocrash spurlos verschwundenen Vater.
In der grausamsten und schönsten und klarsten Szene des Films streichelt die Hand der Heldin über das Fell eines sterbenden Tiers. Oft aber stolpert "Layla Fourie" nur so vor sich hin, auf gar nicht mal unsympathische Weise. Jäh tauchen immer wieder Erinnerungsbilder auf, die dem Zuschauer schon wieder ein paar verblüffende Neuigkeiten über Laylas Unfallnacht verraten. Parbleu.
Vielleicht sind die allzeit von panischer Anspannung gezeichneten und deshalb doch oft maskenhaften Gesichter der Schauspieler Schuld daran, dass viele Berlinale-Zuschauer gegen Ende, mit im Zuschauerraum hörbarem Unmut, die Geduld verloren mit "Layla Fourie". Vielleicht ist das Arsenal aus Überwachungskameras und Bewegungsmeldern, Sperrgittern und Lügendetektor-Gekabel dafür verantwortlich, dass der Film gegen Ende mehr und mehr schulmeisterlich wirkt.
Tatsache ist: Es gibt tolle Symbolbilder in "Layla Fourie". Wie zum Beispiel eines, in dem Layla mit ihrem kleinen Sohn auf einer Stahlbrücke herumkraxelt, um ihm eine rettende Hand zu reichen. Aber am Ende bleibt der Befund: Dieser Film ist wunderbar erdacht - doch leider nie zum Leben erwacht.
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