Berlinale-Eröffnung Schnee, der auf Zetern fällt

Zur Eröffnung der 56. Berlinale gab es Schnee: am Potsdamer Platz und auf der Leinwand, wo Sigourney Weaver eine Eistorte verputzte. "Snow Cake", der Eröffnungsfilm, war erstklassige Seelenspeise - und ein herzerwärmendes Plädoyer für die Tragikomik.

Von Daniel Haas


"Meine Tochter hat mir mal einen Orgasmus beschrieben. Es klingt wie die minderwertige Version dessen, was ich empfinde, wenn ich mir den Mund mit Schnee vollstopfe". Spricht so eine Mutter, die gerade ihr Kind bei einem Autounfall verloren hat? Nein, so redet jemand, für den die Konventionen von Wut und Trauer nicht gelten. Der in merkwürdiger Distanz zu anderen Menschen lebt und in dessen Welt kein Platz ist für Begriffe wie Schuld oder Reue.

Sigourney Weaver spielt diese Frau, eine Autistin, deren Tochter beim Trampen Opfer eines tödlichen Unfalls wird. Alan Rickman spielt den Fahrer des Wagens, der von einem Truck gerammt wird. Er überlebt, will sich bei der Mutter entschuldigen und wird zum Gast auf Zeit in deren eigensinnigem Kosmos aus Ticks und Macken, Zwängen und Ängsten.

Pünktlich zur "Snow Cake"-Pressekonferenz, dem Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale, begann es, auch in Berlin zu schneien. Doch während sich draußen die Stadt in tristes Wintergrau hüllte, erwärmte sich das Pressepublikum für die große Herzlichkeit und Konzentration, mit der Weaver
über ihre Arbeit sprach. Die Vorbereitung auf die Rolle habe sie vieles gelehrt, vor allem Dankbarkeit für die kleinen Dinge im Leben und die Lust am heiteren, zweckfreien Spiel. "Die Leute sehen Autismus immer als Handicap, ich glaube, wir müssen es als Geschenk begreifen", sagte die mehrfach oscarnominierte Darstellerin. "Außerdem ist dies kein Film über Autismus, sondern ein Porträt einer einzigartigen Frau, die eben auch
autistisch ist."

Einzigartige, starke Frauen hat Weaver schon oft gespielt. Sie ist berühmt geworden als Alien-Jägerin Ellen Ripley, der tragischsten Ikone des Horror-Kinos. In "Dave" war sie die First Lady, die ein angeschlagenes System in Gang hält, in "Gorillas im Nebel" eine mutige Forscherin. Sie zum Star der Eröffnung zu machen, passt ins Bild: Die Retrospektive der 56.
Internationalen Filmfestspiele ist den großen Filmdiven der fünfziger Jahre gewidmet; mit Charlotte Rampling hat man als Jury-Präsidentin eine reife Künstlerin verpflichtet, die europäischen Kunstsinn ebenso verkörpert wie
Glamour und Eleganz.

Vielleicht wird diese Berlinale deshalb nicht nur eine Leistungsschau des deutschen Films, der gleich mit vier Beiträgen im Wettbewerb vertreten ist, sondern auch ein Forum für die Präsentation von Weiblichkeit jenseits der
gängigen Gebote von Jugendlichkeit und Sex-Appeal. (Eine "Berlinackte" wie Bai Ling fehlt jedenfalls in der Jury)

"Snow Cake", eine britisch-kanadische Produktion, gedreht von Marc Evans, hat in dieser Hinsicht ein Zeichen gesetzt: Selten sah man eine Darstellerin so differenziert mit der Rolle des Behinderten umgehen. Der Part des psychisch oder geistig Kranken kann einen Star schnell zum schauspielerischen Muskelspiel verführen. Seht wie präsent ich bin, das
Andere, Fremde zu verkörpern. Weaver hingegen akzentuiert die komische Seite der Figur, macht sie zu jener einzigartigen Frau, deren Krankheit nicht nur Beschränkung, sondern auch Gabe ist.

Die besteht in einer faszinierenden Mischung aus Ordnungsmanie, Scharfsinn und kompromissloser Ehrlichkeit. "Sind Sie traurig über den Tod eines Menschen, den Sie gar nicht kannten?", fragt sie den Fahrer des Unglückswagens, als der weinend vor ihr zusammenbricht, und macht so das
Selbstbezügliche auch großer Gefühle deutlich. Gefragt, ob sie wisse, was ihre Tochter zur Beerdigung wolle, sagt sie lakonisch: "Sie würde leben wollen."

Diese Direktheit kommt ohne moralische Kategorien, ohne Urteile und Meinungen aus. Weavers Heldin ist entrückt - und rückt ihrer Umwelt damit umso mehr zu Leibe: als Spiegel, in dem alle Schwächen und Lügen, das ganze Zetern und Drängen des Menschlich-Allzumenschlichen auf sich selbst
zurückgeworfen werden. So gesehen ist "Snow Cake" auch eine Erzählung über den Künstler, der nicht weiß, sondern forscht; nicht erklärt, sondern fragt.

Konsequent also, wenn Matthias Glaser, der Regisseur des Berlinale-Wettbewerbers "Der freie Wille, auf dem Roten Teppich betonte, sein Film über einen Vergewaltiger handle
nicht vom Warum, er zeige nur, was ist. Die heutigen Kinokreativen wollen nicht Botschaften vermitteln ("Wenn ich eine Message hätte, würde ich sie mit der Post verschicken", hat Polanski einmal gesagt), sondern gestalten und abbilden. Der deutsche Film ist dabei, sich von den Versuchungen der
Didaktik und Meinungsbildung zunehmend zu befreien. Von Oskar Roehlers Demontage des Subjekts im Zeichen des Fetischismus ("Elementarteilchen") wird man moralische Lektionen ebenso wenig erwarten müssen wie von
Hans-Christian Schmids Porträt einer religiösen Psychotikerin ("Requiem").

Dass Festival-Leiter Dieter Kosslick auf der Eröffnungsgala erklärte, das einzig Neue bei der diesjährigen Berlinale sei die große Showtreppe, die sei noch von der Goldenen Kamera übrig geblieben, war also reine Koketterie. Neben dem Ausbau des Talent Campus, bei dem der Nachwuchs von den Altstars
des Business ein paar Kniffe lernt, und der Aufwertung des European Filmmarkets durch dessen Verlegung in den prestigeträchtigen Martin-Gropius-Bau, präsentiert die Berlinale einen deutschen Film, der dem Strampelanzug der deutschen Beziehungsklamotte endgültig entwachsen ist. Und wer weiß: Vielleicht entpuppt er sich im Lauf der kommenden Tage ja als
Schneetorte: extrem stimulierend - und erfrischend anders.



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