Berlinale-Auftakt mit "The Grandmaster": All die schönen Schläge

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Tritte und Schläge zum Berlinale-Beginn: "The Grandmaster" von Wong Kar-wai erzählt das Leben jenes Kung-Fu-Meisters, der als Mentor der Martial-Arts-Legende Bruce Lee gilt. Ein Kampfkunst-Epos mit Schwächen, aber als Eröffnungsfilm passend - denn China könnte bald das neue Hollywood sein.

So schön hat man den Regen lange nicht gesehen, nicht einmal auf der Berlinale, obwohl die ja bekannt ist für mieses Wetter. Es gießt in Strömen in der Anfangssequenz von Wong Kar-wais "The Grandmaster", dem Eröffnungsfilm des Festivals. Aber die Wassermassen haben hier nichts Verdrießliches wie die Schneeschauer, die den Festivalbesuchern gerne mal entgegenpeitschen, sondern unterstützen die Zeitlupen-Choreografie eines Kung-Fu-Kampfes und machen die Schnelligkeit von Bewegungen sichtbar wie sonst nur gezeichnete Geschwindigkeitslinien im Comic. Ein Mann nimmt es auf einem Innenhof gleich mit mehreren Gegnern auf, mit jedem Tritt, den er austeilt, reißt er das Regenwasser mit sich, die Tropfen stieben und perlen, dass es eine Pracht ist, die Kamera zoomt an triefende Füße, Hände und Gesichter heran und hält fest, wie der Regen an der Krempe des eleganten weißen Strohhuts entlangrinnt, den der Kämpfer trägt. Ein Westernmotiv, das auch im Eastern gültig ist: Er ist der Gute. Der Held des Films.

Um es vorweg zu nehmen: Der erste realistische Martial-Arts-Film des chinesischen Kino-Poeten Wong bleibt ästhetisch auf diesem Niveau, "The Grandmaster" (Original: "Yi Dai Zong Shi") steht Meisterwerken wie "In The Mood For Love" oder "2046" visuell in nichts nach. Doch leider verheddert sich der 54-jährige Regisseur in den vielen Schichten, Strängen und Ebenen seines Epos über den legendären chinesischen Kampfkunstmeister und späteren Bruce-Lee-Trainer Ip Man, das er in Anlehnung an Sergio Leone auch "Es war einmal im Kung-Fu-Land" hätte nennen können, wie er der "Süddeutschen Zeitung" sagte.

Erzählt wird die Geschichte Ips, einem Sohn reicher Kaufleute aus Südchina, der in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts ein bewunderter Kung-Fu-Meister ist. Norden und Süden des Landes stehen sich jedoch zu jener Zeit nicht nur durch gesellschaftliche Gegensätze feindselig gegenüber, auch die Kung-Fu-Gemeinde ist gespalten durch verschiedene Ausprägungen der Kampfkunst. Ip, gespielt von Wongs Dauerdarsteller Tony Leung, soll Kung-Fu-Statthalter des Südens werden und muss daher gegen den dominanten Großmeister aus dem Norden antreten. Wie viel die alte chinesische Kunst der Selbstverteidigung und Körperbeherrschung jedoch mit Philosophie und Geist zu tun hat, wird deutlich, als sich die Kontrahenten nicht stundenlang mit Techniken und Tritten traktieren, sondern sich über das kunstvolle und politisch höchst symbolische Zerbrechen eines kleinen Kuchens messen.

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Berlinale: Das ist die Jury
Ip gewinnt, doch Gong Er (Zhang Ziyi), die Tochter des Großmeisters, sinnt darauf, die Familienehre wiederherzustellen und fordert nun ihrerseits zum Duell - in einem Bordell, das als Kampfkünstler-Hangout genutzt wird. Einen so zärtlichen Kampf, der doch eher ein Balztanz ist, hat wohl selbst das asiatische Kino lange nicht gesehen. Da es im Kung-Fu um Präzision gehe, so Ip, habe derjenige verloren, der beim Kampf Schaden an der Einrichtung anrichtet. Schon stürzen und stoßen sich die beiden durch Räume voller Zierrat, schweben durch Treppenhäuser - bis Ip verliert, weil er eine hölzerne Treppenstufe zerbröselt. Doch da geht es längst nicht mehr um den Sieg, sondern um das Entstehen einer auf Respekt und Romantik beruhenden Liebe, die leider unerfüllt bleiben muss.

Grandiose Geschichte mit spektakulärer Choreografie

Wong verfolgt die Schicksale von Gong und Ip in dramaturgisch gewagten Sprüngen und Flashbacks zwischen 1936 und 1952. Der Film streift die Besatzung Chinas durch die Japaner, erklärt per Off-Kommentar, wie Ip seinen Wohlstand einbüßt, seine Töchter im Krieg verliert, seine Frau verlässt und schließlich verarmt, aber nicht gebrochen, als Kung-Fu-Trainer im Hongkonger Exil von vorne anfängt - wo er auch zum Mentor der späteren Martial-Arts-Ikone Bruce Lee werden wird. Gong Er gelobt gleichzeitig, den durch einen verräterischen Schüler begangenen Mord an ihrem Vater zu rächen, obwohl der sich ausdrücklich ausbedungen hatte, dass sie ihr Leben als brave Ehefrau und in Frieden verbringen soll - und stürzt über diesen Konflikt in Drogensucht und Melancholie.

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Berlinale: Diese Stars kommen nach Berlin
Ein grandiose Geschichte, gewürzt mit spektakulären, präzise inszenierten Kampf-Choreographfien. Leider aber auch eine grandiose Geschichte, die man als westeuropäischer Zuschauer nur mühevoll durchdringt - teils wegen der verwirrenden Sprünge und Episodenhaftigkeit, teils, weil wichtige Figuren wie Ips Ehefrau oder ein mysteriöser Liebhaber Gong Ers zu schnell wieder verschwinden. Aber auch schlicht deshalb, weil wir mit der Geschichte und Kultur Chinas meist nicht so vertraut sind wie beispielsweise mit der amerikanischen.

Einem Gesellschaftspanorama wie Leones "Es war einmal in Amerika" lässt sich trotz aller lokal-historischer Codierungen leichter folgen als einer Erzählung, deren Hintergrund hierzulande nur wenig bekannt ist. Dass man die Feinheiten der Dialoge wegen der notgedrungen auf Effizienz bedachten Untertitelung nicht mitbekommt, ist ein weiteres Manko. Der Genuss amerikanischer Produktionen auf Englisch gehört ja inzwischen zum guten Ton. Aber welcher Nicht-Sinologe kann schon einen Film im chinesischen Original verstehen? Dabei habe er, sagte Wong in einem Interview, bereits eine neun Minuten kürzere Fassung für den Westen erstellt, die bestimmte Nuancen ausspart, um den Film für Westler verständlicher zu machen. Ein irritierendes Vorgehen, das aber wohl vieles über den Stand der interkulturellen Verständigung zwischen West und Fernost verdeutlicht.

Kampfkunst als Code für Ehrgefühl und Benehmen

Dennoch, und das ist das Gute an "The Grandmaster", macht die genresprengende Mischung aus Geschichtsepos, Romanze, Film Noir und Martial-Arts-Spektakel durchaus Lust, sich mit Herkunft und Bedeutung der chinesischen Kampfkunst zu befassen, die - bei aller handwerklichen Finesse - vor allem ein Code für Ehrgefühl und Benehmen ist, dessen Verlust der Film subtil beklagt.

China, so beschreibt es Kollege Lars-Olav Beier im aktuellen SPIEGEL, wird mehr und mehr zum wichtigsten Player auf dem globalen Kinomarkt und beginnt bereits, Hollywood die Ästhetik und die Geschichten zu diktieren. Die Berlinale, teils notgedrungen, teils entdeckungsfreudig, widmet sich bereits seit vielen Jahren verstärkt dem asiatischen Kino. Umso symbolischer und folgerichtiger, dass nun ein China-Epos die 63. Ausgabe des Festivals eröffnet und dessen Regisseur, einer der wenigen auch international gefeierten Filmemacher Chinas, der Jury vorsitzt. Aus diesem Grund läuft "The Grandmaster" im Wettbewerb um den Goldenen Bären außer Konkurrenz. Dafür aber als internationale Uraufführung, wenn auch nicht als Weltpremiere. China hat uns auch hier etwas voraus: Dort lief der Film am 8. Januar an und gilt bereits als großer Publikumserfolg.

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
ssommerf 07.02.2013
Zitat von sysopTritte und Schläge zum Berlinale-Beginn: "The Grandmaster" von Wong Kar Wai erzählt das Leben jenes Kung-Fu-Meisters, der als Mentor der Martial-Arts-Legende Bruce Lee gilt. Ein Kampfkunst-Epos mit Schwächen, aber als Eröffnungsfilm passend - denn China könnte bald das neue Hollywood sein. Berlinale-Eröffnung "The Grandmaster": China-Epos von Wong Kar Wai - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/berlinale-eroeffnung-the-grandmaster-china-epos-von-wong-kar-wai-a-882068.html)
Ob China das neue Hollywood sein könnte vermag ich nicht zu sagen. Aber es ist schonmal eine "phänomenale" Leistung den mittlerweile 4 Film zu/über Ip Man in knapp 4 Jahren (IpMan, IpMan 2, IpManZero + dieser hier) zu präsentieren. Sonst passiert nichts im Reich der Mitte?
2. Wenn die Chinesen eines...
Thomas Schenk45 07.02.2013
...von Hollywood gelernt haben, dann wie man fehlende Innovationskraft dadurch kompensiert, dass man die selbe Geschichte innerhalb weniger Jahre gleich zwei mal verfilmt. :) Dennoch sieht der Trailer sehr gelungen aus, auch wenn die Szenen mit Matrix-highlighting und slow motion Bewegungen etwas komisch aussehen.
3. Wong Kar-Wai ist der Malick Asiens
flaschengeist00 07.02.2013
Und nimmt sich dementsprechend viel Zeit, um seine Filme abzudrehen. "The Grandmaster" war schon seit vielen Jahren in Arbeit und wurde etwa zeitgleich mit dem allerersten Ip Man-Film angekündigt. Lieber also mal die Hausaufgaben machen, bevor man peinliche Kommentare abgibt.
4.
kaitou1412 07.02.2013
Keine Sorge, es gibt wahrlich genug chinesische Produktionen, die nicht mit Ip Man zu tun haben … -_- http://chinesemov.com/AZ/2012-china-movies.html Auf jeden Fall haben China (da vor allem Hong Kong) und Südkorea mMn die ich nenn sie mal "echter wirkenden" Filme und Japan die besseren Serien (Anime! animierte Filme ebenso) als das was aus Hollywood (die ein oder anderen Blockbuster sind aber unterhaltsam) kommt. Natürlich gibts überall Ausnahmen.
5.
andra85 08.02.2013
Zitat von sysopTritte und Schläge zum Berlinale-Beginn: "The Grandmaster" von Wong Kar Wai erzählt das Leben jenes Kung-Fu-Meisters, der als Mentor der Martial-Arts-Legende Bruce Lee gilt. Ein Kampfkunst-Epos mit Schwächen, aber als Eröffnungsfilm passend - denn China könnte bald das neue Hollywood sein. Berlinale-Eröffnung "The Grandmaster": China-Epos von Wong Kar Wai - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/berlinale-eroeffnung-the-grandmaster-china-epos-von-wong-kar-wai-a-882068.html)
Ein in Teilen sehr sehr anrührender Film, der in unsere schwierige Zeit der gesellschaftlichen Verwahrlosung sehr gut hineinpaßt. Traumhafte Bilder. Knappe und starke Dialoge, Kein ausuferndes Gerede, sondern große Präzision. Überwältigend zum Schluss die mit intensiven Bildern untersetzte (oder übersetzte) Musik aus "Once upon a time in America". Und das Rätsel des Kungfu ... vertikal oder horizontal. Mich regt dieser Film auch dazu an, mich mit der chinesischen Kultur und Geschichte doch noch intensiver zu beschäftigen. Ein großes Land ...
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