So schön hat man den Regen lange nicht gesehen, nicht einmal auf der Berlinale, obwohl die ja bekannt ist für mieses Wetter. Es gießt in Strömen in der Anfangssequenz von Wong Kar-wais "The Grandmaster", dem Eröffnungsfilm des Festivals. Aber die Wassermassen haben hier nichts Verdrießliches wie die Schneeschauer, die den Festivalbesuchern gerne mal entgegenpeitschen, sondern unterstützen die Zeitlupen-Choreografie eines Kung-Fu-Kampfes und machen die Schnelligkeit von Bewegungen sichtbar wie sonst nur gezeichnete Geschwindigkeitslinien im Comic. Ein Mann nimmt es auf einem Innenhof gleich mit mehreren Gegnern auf, mit jedem Tritt, den er austeilt, reißt er das Regenwasser mit sich, die Tropfen stieben und perlen, dass es eine Pracht ist, die Kamera zoomt an triefende Füße, Hände und Gesichter heran und hält fest, wie der Regen an der Krempe des eleganten weißen Strohhuts entlangrinnt, den der Kämpfer trägt. Ein Westernmotiv, das auch im Eastern gültig ist: Er ist der Gute. Der Held des Films.
Um es vorweg zu nehmen: Der erste realistische Martial-Arts-Film des chinesischen Kino-Poeten Wong bleibt ästhetisch auf diesem Niveau, "The Grandmaster" (Original: "Yi Dai Zong Shi") steht Meisterwerken wie "In The Mood For Love" oder "2046" visuell in nichts nach. Doch leider verheddert sich der 54-jährige Regisseur in den vielen Schichten, Strängen und Ebenen seines Epos über den legendären chinesischen Kampfkunstmeister und späteren Bruce-Lee-Trainer Ip Man, das er in Anlehnung an Sergio Leone auch "Es war einmal im Kung-Fu-Land" hätte nennen können, wie er der "Süddeutschen Zeitung" sagte.
Grandiose Geschichte mit spektakulärer Choreografie
Wong verfolgt die Schicksale von Gong und Ip in dramaturgisch gewagten Sprüngen und Flashbacks zwischen 1936 und 1952. Der Film streift die Besatzung Chinas durch die Japaner, erklärt per Off-Kommentar, wie Ip seinen Wohlstand einbüßt, seine Töchter im Krieg verliert, seine Frau verlässt und schließlich verarmt, aber nicht gebrochen, als Kung-Fu-Trainer im Hongkonger Exil von vorne anfängt - wo er auch zum Mentor der späteren Martial-Arts-Ikone Bruce Lee werden wird. Gong Er gelobt gleichzeitig, den durch einen verräterischen Schüler begangenen Mord an ihrem Vater zu rächen, obwohl der sich ausdrücklich ausbedungen hatte, dass sie ihr Leben als brave Ehefrau und in Frieden verbringen soll - und stürzt über diesen Konflikt in Drogensucht und Melancholie.
Einem Gesellschaftspanorama wie Leones "Es war einmal in Amerika" lässt sich trotz aller lokal-historischer Codierungen leichter folgen als einer Erzählung, deren Hintergrund hierzulande nur wenig bekannt ist. Dass man die Feinheiten der Dialoge wegen der notgedrungen auf Effizienz bedachten Untertitelung nicht mitbekommt, ist ein weiteres Manko. Der Genuss amerikanischer Produktionen auf Englisch gehört ja inzwischen zum guten Ton. Aber welcher Nicht-Sinologe kann schon einen Film im chinesischen Original verstehen? Dabei habe er, sagte Wong in einem Interview, bereits eine neun Minuten kürzere Fassung für den Westen erstellt, die bestimmte Nuancen ausspart, um den Film für Westler verständlicher zu machen. Ein irritierendes Vorgehen, das aber wohl vieles über den Stand der interkulturellen Verständigung zwischen West und Fernost verdeutlicht.
Kampfkunst als Code für Ehrgefühl und Benehmen
Dennoch, und das ist das Gute an "The Grandmaster", macht die genresprengende Mischung aus Geschichtsepos, Romanze, Film Noir und Martial-Arts-Spektakel durchaus Lust, sich mit Herkunft und Bedeutung der chinesischen Kampfkunst zu befassen, die - bei aller handwerklichen Finesse - vor allem ein Code für Ehrgefühl und Benehmen ist, dessen Verlust der Film subtil beklagt.
China, so beschreibt es Kollege Lars-Olav Beier im aktuellen SPIEGEL, wird mehr und mehr zum wichtigsten Player auf dem globalen Kinomarkt und beginnt bereits, Hollywood die Ästhetik und die Geschichten zu diktieren. Die Berlinale, teils notgedrungen, teils entdeckungsfreudig, widmet sich bereits seit vielen Jahren verstärkt dem asiatischen Kino. Umso symbolischer und folgerichtiger, dass nun ein China-Epos die 63. Ausgabe des Festivals eröffnet und dessen Regisseur, einer der wenigen auch international gefeierten Filmemacher Chinas, der Jury vorsitzt. Aus diesem Grund läuft "The Grandmaster" im Wettbewerb um den Goldenen Bären außer Konkurrenz. Dafür aber als internationale Uraufführung, wenn auch nicht als Weltpremiere. China hat uns auch hier etwas voraus: Dort lief der Film am 8. Januar an und gilt bereits als großer Publikumserfolg.
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