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Berlinale-Film "Chiko": Scorsese-Szenen im Hamburger Ghetto

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Ein kleines Gangsterfilm-Glanzlicht des deutschen Films war heute morgen auf der Berlinale zu sehen: Das von Fatih Akin produzierte Drogen- und Jugendgewaltdrama "Chiko" mit Denis Moschitto läuft in der Nebensektion Panorama.

"Chiko" ist so etwas wie die Entdeckung einer Entdeckung auf der diesjährigen Berlinale, denn der jungen Hamburger Regisseur und Drehbuchautor Özgür Yildirim wurde von Fatih Akin entdeckt, der den ersten Langfilm des Nachwuchstalents auch gleich produzierte. Heute Morgen wurde das Drama um zwei türkische Jugendliche, die als Drogendealer große Karriere machen wollen und an den harten Regeln des Gewerbes scheitern, der Presse gezeigt, Premiere ist heute Abend im Zoo-Palast.

Entdecker Akin, Regisseur Yildirim, "Chiko"-Darsteller auf der Berlinale (v.l.): Genre-Glanzstück im Panorama
DPA

Entdecker Akin, Regisseur Yildirim, "Chiko"-Darsteller auf der Berlinale (v.l.): Genre-Glanzstück im Panorama

Es ist ein kleines Stück Hamburger Kiez, das mit "Chiko" in die Hauptstadt kommt, denn der türkischstämmige Regisseur Yildirim hat den Slang der Straße, den Sound des Ghettos, in diesem Fall des Hamburger Stadtteils Dulsberg, selbst erlebt. Sein Vater arbeitete als Taxifahrer, seine Mutter in einer Änderungsschneiderei. Dass er dann am Ende trotz dieser tristen Ausgangssituation und ohne Hochschulabschluss an Hark Bohms Hamburg Media School studieren durfte, verdankte er wiederum Akin, der von Anfang an begeistert von den authentischen Geschichten war, die Yildirim seit seinem 14. Lebensjahr aufschreibt und in zahlreiche Kurzfilme umgesetzt hat.

Natürlich ist es eine große Hypothek, ein hartes Straßendrama, ein Gangsterstück unter der Ägide Fatih Akins zu realisieren, der immerhin einst mit einer ähnlichen Geschichte, "Kurz und schmerzlos", seine inzwischen internationale Karriere begründete. Doch Yildirim fehlt es nicht an Selbstbewusstsein: "Wenn ich gefragt werde, warum ich einen Film wie diesen machen wollte, über Ghettos, Kriminalität, Drogen und Gewalt, dann gibt es nur eine Antwort: Im Moment gibt es niemanden, der das besser kann als ich". Die Vorbilder, nicht nur die seines cineastischen Ziehvaters, sind schier übermächtig: Von "Mean Streets" über "Scarface" bis zu "American Gangster" hat der Mythos vom Ghettokind, das Drogenbaron wird, schon Legenden des US-Kinos zu Klassikern inspiriert.

Spirale der Gewalt

In Yildirims Film ist von übertriebenem Respekt vor diesen Ikonen kaum etwas zu spüren, was dem Film bei aller Schwere des Themas eine angenehme Direktheit verleiht. Die Story: Kleinganove Chiko (Denis Moschitto) und sein Freund Tibet (Volkan Özcan) sind wie Brüder und wollen ein besseres Leben. Sie träumen von Lowridern, tiefergelegten Zuhälter-Karossen, mit denen man angebermäßig durch den Kiez cruisen kann. Tibet träumt außerdem davon, seiner Mutter, die fast täglich zur Dialyse ins Krankenhaus muss, eine neue Niere zu spendieren. Das nötige Kleingeld und eine Karriere als Drogen-Dandy mit allen Status-Symbolen verspricht der Einstieg ins große Geschäft bei Brownie (Moritz Bleibtreu). Alles läuft prima, doch als Tibet es sich mit Brownie verscherzt und üble Blessuren davonträgt, muss sich Chiko entscheiden: Ist der Wunsch, mittels krimineller Energie und viel Koks aus dem Ghetto zu entkommen, größer als sein Stolz und die Liebe zu seinem Freund?

Yildirim beginnt seine Gangsterballade als schwungvolles Genrestück mit derben Sprüchen und vielen Gags, bevor er seinen Film in eine Spirale der Gewalt hineindreht, an deren Ende viel Blut fließt. Beeindruckend ist die Schnörkellosigkeit, mit der der junge Filmemacher erzählt, wie authentisch seine Figuren sind und wie wunderbar immun er gegen die bei deutschen Regisseuren grassierenden Hang zur Sozialpädagogik ist. Hinzu kommen hinreißende Leistungen des Schauspieler-Ensembles; vor allem Denis Moschitto und Moritz Bleibtreu als Meister und Zauberlehrling trumpfen auf. Auch Yildirims Jugendfreund Volkan Özca ist eine Entdeckung. Als Prostituierte und Liebesaffäre von Chiko ist auch die Rapperin Reyhan Sahin alias Lady Bitch Ray zu sehen.

In die aktuelle Debatte über Jugendgewalt lässt sich "Chiko" nicht so ohne weiteres einordnen, dafür folgt er zu sehr den Genregesetzen und dreht sich um die üblichen Fragen nach Ehre und Gewissen. "Die politischen Diskussionen gab es beim Dreh nicht, die waren weder geplant noch gewollt", sagte Moritz Bleibtreu auf der Berlinale-Pressekonferenz. Kriminalität kenne keine Nation, betonten Darsteller und Filmemacher mehrfach.

Wer wissen will, welche Wut in den Ghettos der deutschen Großstädte herrscht, mit welchem Frust da junge Kerle auf ihre große Chance hoffen und nicht davor zurückschrecken, eine Waffe in die Hand zu nehmen, der kann sich mit diesem kleinen Berlinale-Glanzstück einen Eindruck verschaffen. Gut für die Nebenreihe Panorama, diesen frischen deutschen Nachwuchsfilm im Programm zu haben; schade für den Wettbewerb. Den Namen Özgür Yildirim sollte man sich wohl merken.

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