Pornosucht-Film "Don Jon's Addiction": Viel geschüttelt, nicht gerührt

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Ist Internet-Sex der bessere Sex? Auf keinen Fall, sagt US-Schauspieler und Regie-Debütant Joseph Gordon-Levitt in seinem Berlinale-Beitrag "Don Jon's Addiction", der von einem pornosüchtigen Don Juan handelt. Eine böse Komödie über eine Welt, in der wir alle nur Objekte sind.

Voltage Pictures

Sex ist super, findet der junge Aufreißer Jon, dessen Anmach-Erfolgsquote so hoch ist, dass seine Kumpels ihn bewundernd "Don" nennen. Noch besser findet dieser moderne Don Juan aus New Jersey allerdings Sex, den er einhändig an sich selbst verrichtet, während er mit der anderen Hand nach satisfaktionsfähigen Internet-Porno-Clips sucht. So viele attraktive Frauen er auch in sein schickes Apartment lockt und zum Sex verführt - lieber ist ihm seine mehrmals täglich verrichtete Selbstbefriedigung am Laptop.

Jon, gespielt von US-Schauspieler Joseph-Gordon Levitt ("Inception", "Looper"), der mit "Don Jon's Addiction" sein Debüt als Drehbuchautor und Regisseur absolviert, ist eine amüsante Karikatur jener in den USA so zweifelhaft populären "Guido"-Charaktere aus dem Reality-TV-Trash "Jersey Shore": Seine Freizeit verbringt der prollige Barmann italienischer Abstammung im Fitnessstudio beim Pumpen von Gewichten, damit sein Körper im weißen Unterhemd absurd muskulös aussieht, seine Haare stylt er zum starren Gel-Konstrukt, und wenn er nicht z Hause spermahaltige Kleenex-Tücher produziert, ist er abends in den Clubs unterwegs, um Frauen aufzureißen und sich mit seinen Buddys munter darüber zu streiten, ob das Girl an der Bar nun eine acht oder neun auf der Bewertungsskala ist. Erklärtes Ziel ist es natürlich, einen "Dime" zu verführen, was in Anlehnung an die amerikanische Zehn-Cent-Münze die ultimative Traumfrau wäre.

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"Don Jon's Addiction": Don Juan des Sex-Videos
Die trifft Jon in Form von Barbara (grandios als lasziv-arrogante Über-Blondine: Scarlett Johansson), die sich dem erwünschten One-Night-Stand jedoch verweigert: Jon müsse erst beweisen, dass er die in ihn investierte Zeit auch wert ist. Was für Jon die tägliche Porno-Dosis, ist für Barbara die kitschige Märchenwelt von Hollywood-Romanzen, nach denen sie ihr Partnerbedürfnis gestaltet. Gewieft zwängt sie Jon in das Lover-Muster, das ihr vorschwebt, indem sie ihm ihren Traumkörper verweigert. Als sie jedoch von seinen Masturbations-Orgien erfährt, ist der Ofen schnell aus - und Jon am Boden zerstört. Trost und eine Ahnung, dass man sein Sexleben auch intimer, gefühlvoller und erfüllender gestalten kann, erfährt er von der lebenserfahrenen Esther (Julianne Moore), die den Tölpel unter ihre Fittiche nimmt und ihm zeigt, dass sowohl Barbara als auch die Pornos nur Projektionen realitätsferner Sehnsüchte sind.

Anders als Steve McQueens trist-trauriges Sex-Addict-Drama "Shame", das im vergangenen Jahr für Furore im Arthouse-Kino sorgte, ist "Don Jon's Addiction" eine hochkomische und sehr böse Farce, die sich mit stilistischen und visuellen Mätzchen an Vorbildern wie "Requiem For a Dream" orientiert und ihre Charaktere bis zur Schmerzgrenze überzeichnet. Gordon-Levitt pumpte sich für seine Titelrolle zum grotesken Michelin-Männchen auf, das mit dem archetypischen Muscle Car jeden Sonntag in die Kirche rast, um echten wie virtuellen Sex zu beichten. Die Strafe: zehn Ave-Marias und Rosenkränze für zehn benutzte Taschentücher. Verrichtet wird die Absolution dann ächzend und stöhnend beim Gewichtestemmen im Gym.

Er wollte auf unterhaltsame Art aufzeigen, "wie wir uns ständig zu Objekten machen, ob das nun die Frauen in den Pornofilmen sind, die Jon sich ansieht, oder die Männer in den romantischen Komödien, die Barbara so liebt", erklärt Joseph Gordon-Levitt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Durch Werbung, Fernsehshows oder Celebrity-Zeitschriften würden uns andauernd Rollenmodelle aufgepfropft, nach denen wir mehr und mehr unsere Leben ausrichten, statt unseren wahren Bedürfnissen und Eigenschaften zu folgen. "Ich wollte das unbedingt als Komödie drehen", sagte der 31-jährige Regie-Novize, "wenn ich etwas Schweres oder Verkopftes über ein so ernstes Thema hätte machen wollen, hätte ich ja gleich einen Essay schreiben können. Aber ich wollte, dass sich die Leute auf eine leichte Art damit beschäftigen." Wichtig sei ihm auch gewesen, Jon nicht als das Klischee des einsamen Losers, der keine Frau abkriegt, darzustellen, sondern als attraktiven Womanizer, der jede haben kann und auch bekommt - aber zu keiner realen Beziehung echte Gefühle entwickelt. "Am Ende sollte es kein Happy End, aber zumindest einen Hoffnungsschimmer geben! Ich bin ein ganz schöner Optimist."

Gründe, optimistisch zu sein, gibt es für Joseph Gordon-Levitt genug: Spätestens seit seinen Auftritten als futuristischer Auftragskiller in "Looper" und seiner Rolle als Batman-Sidekick in "The Dark Knight Rises" gilt der ehemalige TV-Kinderstar als Hollywood-Hoffnungsträger und Teenieschwarm, der aber mit seinem minimalistischen, aber sehr effektiven und sensiblen Schauspielstil auch der Kritik Respekt und Lobeshymnen abringt. In seinem Kreativpool "Hitrecord" versammelt er seit einiger Zeit Künstler und Kreative, die auf der Internetplattform experimentelle Musik, Texte, Essays oder Videos ausstellen. Mit "Don Jon's Addiction" stellt er jetzt unter Beweis, dass er auch hinter der Kamera zu den großen Talenten seiner Generation gehört und Independent-Kino ebenso wie Hollywood-Mainstream bespielen kann.

Kein Meisterwerk, aber ein gelungenes Debüt

Die Premiere des Films beim Sundance Festival im Januar wurde einhellig bejubelt, zum US-Start im Juni muss Gordon-Levitt jedoch noch einmal in den Schneideraum, um eine möglichst jugendfreie Fassung zu erstellen - obwohl er explizite Sex- oder Pornoszenen ohnehin bewusst vermieden hat. Einerseits, damit er nicht in die Falle tappen würde, seine Botschaft durch wiederum objektivierenden Voyeurismus zu verfälschen, andererseits, um dem berüchtigten R-Rating zu entgehen, das Teenager im Kino außen vor ließe.

"Don Jon's Addiction" mag kein Meisterwerk sein, aber ein durchaus gelungener Debütfilm, der ein mit viel Heuchelei belegtes gesellschaftliches Tabu komödiantisch-clever aufspießt. Das Schöne: Zwischen Jons Porno-Sucht und Romantik-Illusion macht Gordon-Levitt keinen moralisierenden Unterschied: Beide Verirrungen sind in seinem Film gleichermaßen schlimm. Vor allem aber der emotionale Rückzug in die kalte Welt der Pornografie ist ein wachsendes Problem moderner Gesellschaften: "Jeder Mann guckt Pornos", sagt Don Jon im Film, um seine Sucht zu rechtfertigen - und hat damit wahrscheinlich recht.

Popkultur und Independent-Kino spiegeln diesen Umstand und die Alltäglichkeit von Porno schon seit längerer Zeit, was sich nicht zuletzt auch im Panorama-Programm der diesjährigen Berlinale abbildet: Filme wie "Lovelace" über den Siebziger-Jahre-Porno-Blockbuster "Deep Throat" oder das indonesische Masturbations- und Entfremdungs-Drama "Something In The Way" umkreisen das Thema aus unterschiedlichsten Perspektiven. "Don Jon's Addiction" wird derjenige unter ihnen sein, der das größte Publikum anzieht und damit die Debatte weiter in die Öffentlichkeit trägt. Obwohl, oder gerade weil er am Ende doch nur eine konventionelle, im Grunde sogar recht konservative Love Story erzählt.

"Don Jon's Addiction" läuft in der Panorama-Sektion der Berlinale und hatte seine Festival-Premiere am Samstagabend.

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insgesamt 14 Beiträge
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    Seite 1    
1. Gutes Thema..
kai-ser210 10.02.2013
Ich finde es richtig, dass dieses "Problem" immer mehr thematisiert wird. Die erotische Reizüberflutung im Internet und generell in den Medien stellt ein ernstzunehmendes Dilemma dar. Viele Männer verlieren dadurch den Bezug zu Frauen und träumen von perfekt-proportionierten Frauen, deren maßlose "Versautheit" ihresgleichen sucht. Der wesentliche Blick auf andere Werte wird hierbei leider sehr getrübt. Dies schreibe ich übrigens nicht als außenstehender Gesellschaftskritiker, sondern aus der Sicht eines betroffenen "Don John". Trotz glücklicher Ehe erkenne ich bei mir sehr ähnliche Tendenzen.
2.
Bayleton 10.02.2013
Ich weiß nicht, ob man das Thema nicht etwas zu hoch hängt. Masturbiert wurde immer. Was früher ein Wandgemälde war, ist heute halt das Internet. Vielleicht hat sich das Verhältnis aus Kopfkino / explizite Darstellung etwas geändert, aber ob der durchschnittliche Jugendliche / Mann heute mehr masturbiert als in den 50er Jahren (oder 50 a.D.) wage ich zu bezweifeln. Wenn dem Ganzen jedoch wie im Beispiel des Films eine "lebensbeherrschende" Stellung zukommt, ist es natürlich ganz sinnvoll etwas dagegen zu tun - aber das sollte man bei allen Dingen tun, deren Wichtigkeit über das normale Maß heraus anwächst. Sei es Masturbieren, Essen, Shoppen oder Arbeiten.
3. hinderliche Träume
velociraptor 10.02.2013
Zitat von kai-ser210Ich finde es richtig, dass dieses "Problem" immer mehr thematisiert wird. Die erotische Reizüberflutung im Internet und generell in den Medien stellt ein ernstzunehmendes Dilemma dar. Viele Männer verlieren dadurch den Bezug zu Frauen und träumen von perfekt-proportionierten Frauen, deren maßlose "Versautheit" ihresgleichen sucht. Der wesentliche Blick auf andere Werte wird hierbei leider sehr getrübt. Dies schreibe ich übrigens nicht als außenstehender Gesellschaftskritiker, sondern aus der Sicht eines betroffenen "Don John". Trotz glücklicher Ehe erkenne ich bei mir sehr ähnliche Tendenzen.
Das "Problem" hat jedoch auch noch eine weitere Seite, die in diesem Film ja offenbar auch gezeigt wird. Nämlich bei Frauen die hyper-Idealisierung von Männern zu mega-romantischen Womanizern. (Rosamunde lässt grüßen...) Das ist das traurige Pendant zur perfekt geformten Traumfrau.
4.
ColynCF 10.02.2013
Zitat von sysopAscot Elite FilmverleihIst Internet-Sex der bessere Sex? Auf keinen Fall, sagt US-Schauspieler und Regie-Debütant Joseph Gordon-Levitt in seinem Berlinale-Beitrag "Don Jon's Addiction", der von einem pornosüchtigen Don Juan handelt. Eine böse Komödie über eine Welt, in der wir alle nur Objekte sind. http://www.spiegel.de/kultur/kino/berlinale-film-don-jon-s-addiction-don-juan-der-pornosuechtige-a-882420.html
Reiht sich nahtlos in die Anti-Sex Welle aus den USA ein, die inzwischen auch längst zu uns rübergeschwappt ist. Pornosucht ist doch nur ein neues Modethema. Hat sich doch auch an dem lächerlichen Porno-Sucht-Outing dieses Wie-heißt-er-gleich-noch im Dschungelcamp. Auch wenn das in dem Film vielleicht anders gemeint ist ("Kapitalismuskritik") wirds höchstens mal wieder in zunehmender Lustfeindlichkeit und Verboten enden.
5. Gutes Thema, einigen vl. gar nicht bewusst
derdriu 10.02.2013
Pornos sind ein Problem, wenn Jugendliche sie sehen. Denn sie haben mit echtem Sex wenig zu tun. Jungs und Mädchen -besonders wenn sie noch keinen Sex hatten- bekommen da eine völlig falsche Vorstellung und Sex wird zum Hochleistungssport. Zudem konnte nachgewiesen werden, dass Pornos süchtig machen können. Genauso können sich Mädchen nicht als hilfsbedürftige Prinzessin sehen bzw. Jungs sich nicht als Ritter. Das ist einfach nicht die Realität und auch gar nicht wünschenswert.
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