Sex ist super, findet der junge Aufreißer Jon, dessen Anmach-Erfolgsquote so hoch ist, dass seine Kumpels ihn bewundernd "Don" nennen. Noch besser findet dieser moderne Don Juan aus New Jersey allerdings Sex, den er einhändig an sich selbst verrichtet, während er mit der anderen Hand nach satisfaktionsfähigen Internet-Porno-Clips sucht. So viele attraktive Frauen er auch in sein schickes Apartment lockt und zum Sex verführt - lieber ist ihm seine mehrmals täglich verrichtete Selbstbefriedigung am Laptop.
Jon, gespielt von US-Schauspieler Joseph-Gordon Levitt ("Inception", "Looper"), der mit "Don Jon's Addiction" sein Debüt als Drehbuchautor und Regisseur absolviert, ist eine amüsante Karikatur jener in den USA so zweifelhaft populären "Guido"-Charaktere aus dem Reality-TV-Trash "Jersey Shore": Seine Freizeit verbringt der prollige Barmann italienischer Abstammung im Fitnessstudio beim Pumpen von Gewichten, damit sein Körper im weißen Unterhemd absurd muskulös aussieht, seine Haare stylt er zum starren Gel-Konstrukt, und wenn er nicht z Hause spermahaltige Kleenex-Tücher produziert, ist er abends in den Clubs unterwegs, um Frauen aufzureißen und sich mit seinen Buddys munter darüber zu streiten, ob das Girl an der Bar nun eine acht oder neun auf der Bewertungsskala ist. Erklärtes Ziel ist es natürlich, einen "Dime" zu verführen, was in Anlehnung an die amerikanische Zehn-Cent-Münze die ultimative Traumfrau wäre.
Anders als Steve McQueens trist-trauriges Sex-Addict-Drama "Shame", das im vergangenen Jahr für Furore im Arthouse-Kino sorgte, ist "Don Jon's Addiction" eine hochkomische und sehr böse Farce, die sich mit stilistischen und visuellen Mätzchen an Vorbildern wie "Requiem For a Dream" orientiert und ihre Charaktere bis zur Schmerzgrenze überzeichnet. Gordon-Levitt pumpte sich für seine Titelrolle zum grotesken Michelin-Männchen auf, das mit dem archetypischen Muscle Car jeden Sonntag in die Kirche rast, um echten wie virtuellen Sex zu beichten. Die Strafe: zehn Ave-Marias und Rosenkränze für zehn benutzte Taschentücher. Verrichtet wird die Absolution dann ächzend und stöhnend beim Gewichtestemmen im Gym.
Gründe, optimistisch zu sein, gibt es für Joseph Gordon-Levitt genug: Spätestens seit seinen Auftritten als futuristischer Auftragskiller in "Looper" und seiner Rolle als Batman-Sidekick in "The Dark Knight Rises" gilt der ehemalige TV-Kinderstar als Hollywood-Hoffnungsträger und Teenieschwarm, der aber mit seinem minimalistischen, aber sehr effektiven und sensiblen Schauspielstil auch der Kritik Respekt und Lobeshymnen abringt. In seinem Kreativpool "Hitrecord" versammelt er seit einiger Zeit Künstler und Kreative, die auf der Internetplattform experimentelle Musik, Texte, Essays oder Videos ausstellen. Mit "Don Jon's Addiction" stellt er jetzt unter Beweis, dass er auch hinter der Kamera zu den großen Talenten seiner Generation gehört und Independent-Kino ebenso wie Hollywood-Mainstream bespielen kann.
Kein Meisterwerk, aber ein gelungenes Debüt
Die Premiere des Films beim Sundance Festival im Januar wurde einhellig bejubelt, zum US-Start im Juni muss Gordon-Levitt jedoch noch einmal in den Schneideraum, um eine möglichst jugendfreie Fassung zu erstellen - obwohl er explizite Sex- oder Pornoszenen ohnehin bewusst vermieden hat. Einerseits, damit er nicht in die Falle tappen würde, seine Botschaft durch wiederum objektivierenden Voyeurismus zu verfälschen, andererseits, um dem berüchtigten R-Rating zu entgehen, das Teenager im Kino außen vor ließe.
"Don Jon's Addiction" mag kein Meisterwerk sein, aber ein durchaus gelungener Debütfilm, der ein mit viel Heuchelei belegtes gesellschaftliches Tabu komödiantisch-clever aufspießt. Das Schöne: Zwischen Jons Porno-Sucht und Romantik-Illusion macht Gordon-Levitt keinen moralisierenden Unterschied: Beide Verirrungen sind in seinem Film gleichermaßen schlimm. Vor allem aber der emotionale Rückzug in die kalte Welt der Pornografie ist ein wachsendes Problem moderner Gesellschaften: "Jeder Mann guckt Pornos", sagt Don Jon im Film, um seine Sucht zu rechtfertigen - und hat damit wahrscheinlich recht.
Popkultur und Independent-Kino spiegeln diesen Umstand und die Alltäglichkeit von Porno schon seit längerer Zeit, was sich nicht zuletzt auch im Panorama-Programm der diesjährigen Berlinale abbildet: Filme wie "Lovelace" über den Siebziger-Jahre-Porno-Blockbuster "Deep Throat" oder das indonesische Masturbations- und Entfremdungs-Drama "Something In The Way" umkreisen das Thema aus unterschiedlichsten Perspektiven. "Don Jon's Addiction" wird derjenige unter ihnen sein, der das größte Publikum anzieht und damit die Debatte weiter in die Öffentlichkeit trägt. Obwohl, oder gerade weil er am Ende doch nur eine konventionelle, im Grunde sogar recht konservative Love Story erzählt.
"Don Jon's Addiction" läuft in der Panorama-Sektion der Berlinale und hatte seine Festival-Premiere am Samstagabend.
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