Berlinale-Film "Heavy Metal in Bagdad" "Sonst müsste ich Menschen töten"

Irrwitzige Riffs, mit wilder Handkamera gedreht: Der Film "Heavy Metal in Bagdad" porträtiert eine Band aus irakischen Kriegsflüchtlingen im Exil. Die Doku feiert heute auf der Berlinale Filmpremiere - einreisen durften die Musiker allerdings nicht.

Von Jasna Zajcek, Istanbul


Istanbul - Marwan, 24, Drummer der irakischen Heavy-Metal-Band "Acrassicauda", träumt nicht davon, mit seinen Kollegen über den roten Teppich der Berlinale zu schreiten. Die Träume und Probleme der Protagonisten des Berlinale-Dokumentarfilms "Heavy Metal in Bagdad", sind andere, sie haben die normalen Probleme irakischer Kriegsflüchtlinge in der Türkei. Ohne Arbeitserlaubnis oder staatliche Unterstützung, ohne Krankenversicherung, ohne festen Wohnsitz und fast ohne Geld versuchen die vier Mittzwanziger Tony Aziz, 29, Firas Al-Latif, 26, Faisal Talal, 25, und Marwan Reyad ihr Leben im Exil im Istanbul zu meistern.

Der 2006 mit wilder Handkamera unter Leitung von Spike Jonze ("Jackass") gedrehte Film begleitet die Band im Post-Saddam-Irak und in ihrem früheren Exil in Damaskus, wo es gelingt, die erste irakische Heavy-Metal-CD aufzunehmen. Er zeigt die Musiker bei dem Versuch, ihren Jugendtraum trotz widrigster Umstände weiter zu leben.

Das Dramatische, Berührende an "Heavy Metal in Bagdad" sind nicht die unter filmischen Gesichtspunkten schlechten Bilder, die oft so verwackelt sind, dass MTV-ungeübten Zuschauern schwindlig wird. Es ist der gelungene Ansatz der Regisseure Eddy Moretti und Suroosh Alvi, einer ganzen Generation von jungen, desillusionierten Irakern eine Stimme zu verleihen.

Die Band durfte nicht zur Berlinale einreisen

Doch in Berlin tatsächlich für ihre Generation zu sprechen, bleibt ihnen verwehrt. Obwohl die Festivalleitung die Band offiziell einlud und sich für Visa einsetzte, wurden diese nicht erteilt. Denn die Pässe dreier Bandmitglieder stammen aus der "S-Serie", die die irakischen Behörden ab 2004 ausstellten und die seit April 2007 von der Bundesrepublik nicht mehr anerkannt werden, da sie als nicht fälschungssicher gelten.

Dass die findigen Trendsetter Eddy Moretti und Suroosh Alvi vom hippen New Yorker Medienkonglomerat des "Vice"-Magazins, die "Acrassicauda" 2005 für sich entdeckten, nun mit dem Film über die Bandgeschichte auf der Berlinale für Rummel sorgen, berührt die Musiker kaum. Sie wollen weder Ruhm und Ehre noch vor TV-Kameras stehen, sie wollen nur weiter ihren Traum verfolgen: Heavy Metal spielen. Für immer. In den Irak zurückkehren, ihre Familien nach zwei Jahren auf der Flucht wiedersehen - diese Träume gestatten sie sich nicht, ebensowenig wie den von einem für sie in Europa ausgerollten roten Teppich.

Heavy Metal zu leben, gestaltet sich auch in Istanbul nicht einfach, denn die Miete eines Proberaumes kostet rund neun Euro. Geld, das die Band nicht hat. Und wenn sie es hätte, dann würden die Freunde Brot und Obst kaufen und für die dringend benötigte Herzoperation der Ehefrau des Bassisten Firas zusammenlegen. Das Schicksal der 26-jährigen Fatima, Mutter eines anderthalbjährigen Sohnes, bewegt die Rocker mehr als die Einreiseverweigerung.

"Während des Kriegs schliefen wir im Proberaum"

"Heavy Metal hilft, mental zumindest, sonst müsste ich Menschen töten um zurechtzukommen", erklärt Marwan, der im Irak Bildhauerei studierte und seine Drums nun in Ermangelung von Übungsmöglichkeiten nicht spielen kann. Der Autodidakt bastelte sich Drum-Pads, auf denen er täglich leise trommelt, denn um ein Tempo von bis zu 350 Beats pro Minute halten zu können, muss permanent geübt werden.

"Im Irak standen wir oft zwölf Stunden im Übungsraum, gerade im Krieg, wir schliefen dort, unsere Freunde erklärten uns für verrückt", erzählt Tony, der vielleicht schnellste Gitarrist des Zweistromlandes, der einst Arabische Literatur dozierte. Mag Heavy Metal für ungeübte Ohren wie Krach klingen, so muss man doch ausgefeilte Virtuosität beim Spiel beweisen, denn die Riffs und Rhythmen, die "Acrassicauda" komponieren, sind kompliziert und irrwitzig schnell.

Durch Konzerte, die sie unlängst in der Türkei spielten, kamen einige hundert Euro zusammen, sodass die vier einige Nächte lang in billigen Hotels schlafen konnten und nicht auf die Solidarität bessergestellter Landsleute angewiesen waren.

Nun ist "Acrassicauda" wieder mittellos, und auf die Frage, ob sie denn den Abend der Filmpremiere, wie die Regisseure und Produzenten in Berlin, feiern werden, antwortet Marwan mit versteinerter Miene in seinem stark US-amerikanisch gefärbten Englisch: "Wir sind Flüchtlinge. Wir haben nichts zu feiern."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.