Berlinale-Film "Katyn" Geschichtslektion aus Polen

Nichts und niemand hatte bisher vermocht, das "versiegelte Gedächtnis" Polens aufzubrechen. Andrzej Wajdas Weltkriegsdrama "Katyn" gelingt es. Der Film erzählt die in Polen lange tabuisierte Geschichte, wie rund 22.000 polnische Offiziere von den Sowjets ermordet wurden.

Pandastorm Pictures

Von Olaf Sundermeyer, Warschau


Für Polens Schüler war der Kinobesuch von "Katyn" obligatorisch. Im vergangenen Herbst, als der Film dort anlief, wurde zudem der Toten gedacht: Fast zwei Tage dauerte es, die Namen von rund 14.500 Offizieren im Fackelschein am Grab des unbekannten Soldaten vorzulesen. Fernsehen und Radio übertrugen live. Den ersten Namen gab Präsident Lech Kaczynski seine Stimme. Auch bekannte Journalisten und Hauptdarsteller des Films "Katyn" lasen die Namen derjenigen Toten vor, die zweifelfrei identifiziert werden konnten. Etwa 7500 fehlten auf der Liste. So auch der Name Jakub Wajda, der Vater von Andrzej, dem berühmten Regisseur, der mit seinem Weltkriegsdrama "Katyn" Bilder geliefert hat, die zweifellos das kollektive Gedächtnis der Polen prägen werden. Im Frühjahr 1940 werden in einem Birkenwald bei Katyn, einem Dorf nahe Smolensk, die meisten dieser polnischen Offiziere, allesamt Kriegsgefangene, durch Erschießung hingerichtet. Andere werden in ostpolnischen Gefängnissen durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD getötet. Die Männer wurden im Jahr zuvor beim Einmarsch der Roten Armee gefangen genommen. Das Massaker wird Hitlerdeutschland angelastet und prägt Nachkriegspolen auf Jahrzehnte. Denn mit den Offizieren stirbt zwischen den Birken auch ein großer Teil der polnischen Elite, Anwälte, Ärzte, Professoren.

An deren Stelle treten nach dem Krieg vielfach plumpe Funktionäre, deren Loyalität zu Moskau wichtiger ist als Kompetenz. Und so erklärt der Film, wie das Schicksal Polens als entmündigter Satellitenstaat nach dem Krieg seinen Lauf nehmen konnte. "In der doppelten Tragödie von Katyn haben sich Verbrechen und Lüge gepaart", sagte Wajda in einem Interview. Tatsächlich durfte die Katyn-Lüge - die Deutschen hätten das Massaker begangen, nicht die Sowjets - im Polen des Ostblocks ein halbes Jahrhundert nicht thematisiert werden; ein zweites Verbrechen nach dem ersten. Selbst die heute 30-Jährigen haben die Wahrheit nicht in der Schule erfahren. Dementsprechend riesig war der Andrang: Über drei Millionen Besucher hat der Film in Polen bislang erreicht.

Wajda selbst führt seine Reihe von Filmen fort, in denen er wichtigen Abschnitten der polnischen Geschichte ein Denkmal setzt: Vom Warschauer Aufstand ("Der Kanal") über die Solidarnosc-Bewegung, dem er mit "Der Mann aus Eisen" gedachte. Zugleich war das der letzte polnische Film, der für einen Oscar nominiert wurde. Vor 26 Jahren. "Ich möchte der Welt gerne ein Stück polnischer Geschichte zeigen", sagte Wajda, nachdem sein Werk sogar für einen Oscar nominiert wurde. Sein Film kann diesen Wunsch erfüllen.

Bisweilen gerät "Katyn" zwar arg pathetisch, etwa wenn er vom Leid der Frauen und der Familien der gefangenen Offiziere erzählt, bevor diese den Tod finden. Doch die letzten zwanzig Minuten von Wajdas "Katyn" gehören zu dem Eindrucksvollsten, das je im Kino vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs gezeigt wurde: Die Exekutionen der Offiziere, detailliert nachgestellt. Gefesselte Männer, die vom LkW gestoßen werden; in den Wald getrieben: Dann der aufgesetzte Schuss aus der Militärpistole in den Hinterkopf. Zu Dutzenden. Als leblose Körper fallen sie in die zu diesem Zweck ausgehobene Sandgrube, dumpf: Ein Massengrab, das von einer Raupe zugeschüttet wird. Die lang anhaltende Szene funktioniert ohne Dialoge, einzig untermalt von Krzysztof Pendereckis elegischem "Polnischen Requiem", das "Katyn" eine Dramatik verleiht, die lange beim Zuschauer bleibt.

Das Schweigen ist gebrochen

Kein zeithistorisches Dokument, kein literarisches Werk hatte es bislang vermocht, der Erinnerung an Katyn eine Entsprechung zu bieten. Denn die Erinnerung lag Jahrzehntelang verschüttert, unter dem "versiegelten Gedächtnis". Der auch in Deutschland viel zitierte polnische Historiker Adam Krzeminski konstatiert nun, dass "Katyn" ein Film sei, der "eine riesige klaffende Lücke schließt".

Krzeminski bezieht sich dabei auf das Verhältnis zum Nachbarn im Osten. Zwar thematisiert "Katyn" das ewige polnische Elend zwischen den beiden Aggressoren: Im Westen Deutschland, im Osten Russland. Er arbeitet aber vor allem die historische Schuld Russlands auf. Denn bei allen Schwierigkeiten mit den Deutschen: Deren Bemühen um einen angemessenen Umgang mit den eigenen Verbrechen werden in Polen anerkannt. Auf russischer Seite hat erst der ehemalige Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow 1990 die sowjetische Schuld für "Katyn" eingestanden. Trotzdem wird sie noch immer von wichtigen Kräften in Russland angezweifelt. Bis heute weigern sich die russischen Behörden, die Täter zu verfolgen oder das Massaker als Kriegsverbrechen anzuerkennen.

Daran wird auch "Katyn" nichts ändern können. Doch die reinigende Wirkung "Katyn" in Polen selbst ist unbestritten. Das Schweigen ist gebrochen. Und es ist durch keinen revanchistischen Chauvinismus ersetzt worden. Die Kaczynski-Brüder hatten vergangenen Herbst versucht, den Film für einen nationalistischen Wahlkampf zu missbrauchen. Polen erlag der Versuchung nicht.



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