Berlinale-Film "Let it rock" Gutaussehende deutsche Nörgler

Mit ihrem Erstlingswerk "Let it Rock" haben es die Filmemacher Igor Paasch und Frank Künster auf die Berlinale geschafft. Die Dokumentation zeigt viel über die Berlin-Mitte-Bewohner: Die reden gern über sich selbst, vor allem aber schlecht über die anderen.

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Filmszene aus "Let It Rock": Typisch Mitte?
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Filmszene aus "Let It Rock": Typisch Mitte?

Berlin - Wer am Freitagabend aus dem Cinemaxx-Kino am Potsdamer Platz kam, konnte froh sein, wenn er ein Flugticket für die Ausreise aus Berlin in der Tasche hatte. Etwas mehr als 70 Minuten war ihm zuvor in der Premiere der Dokumentation "Let It Rock" erklärt worden, wie sehr sich Berlin-Mitte zum Schlechten verändert hat. Dass es mittlerweile nur noch Konsumenten statt Kreative gebe und dass doch alles sehr dem Mainstream angepasst sei. Mit dem Altern scheinbar unvermeidlich konservativ geworden, schwärmte so mancher Clubmanager aus den frühen neunziger Jahren von den alten Zeiten und merkte gar nicht, wie sehr er sich dabei selber zum alten Eisen abstempelte.

Zwei Mädchen aus der Schweiz wollten sich von davon nicht abschrecken lassen. Mit Hilfe eines auf dem Boden ausgebreiteten Stadtplans suchten sie noch vor dem Kinosaal eines der beschriebenen Epizentren des Films. Dort sollte am späteren Abend die große "Let It Rock"-Premierenfeier von Igor Paasch und Frank Künster stattfinden. Schon zu Beginn der Berlinale galt der Event als die Party der Woche, denn sich selbst kann Berlin noch immer am besten feiern.

Mit mehr als 1000 Gästen feierten die beiden Filmnovizen Paasch und Künster dann auch im letzten Szene-Exil "Cookies" direkt an der Straße Unter den Linden ihren Erfolg. Denn dass "Let It Rock" es auf Anhieb in der Kategorie Perspektive auf die Berlinale schafft, hatten beide wohl kaum erwartet. Für die zwei Berliner bietet das Festival nun die Chance, ihren Film an den Mann, sprich an einen Verleiher, zu bringen.

Was die Zuschauer im vollbesetzten Kino zu sehen bekamen, ist sicherlich die schwerste Form, die man sich als Dokumentarfilmer aussuchen kann: Ohne Stimme aus dem Off haben die beiden Filmemacher gut zwei Dutzend Berlin-Mitte-Besucher hintereinander geschnitten, und die reden sich dann vor der Kamera um Kopf und Kragen: Sie palavern über die angebliche Mitte-Uniform, die aus dem beckentiefen Hosen bei Mädchen und den Out-of-bed-Ponys bei den Jungs besteht - matürlich sehen sie auch so aus. Den Potsdamer Platz finden sie alle fürchterlich - und trotzdem fehlen sie auf keiner der Premierenfeiern mit Freigetränken. Lediglich einige Zwischentitel trennen die Zitate, im Hintergrund plätschert ein leise Musik.

Seit mehr als einem Jahr waren Künster und Paasch unterwegs in Berlin. Immer wieder stellten sie ihre Video-Kamera an einen neuen Ort auf und befragten Menschen, die nachts viel ausgehen, selber im Nachtleben arbeiten oder es einfach nur beobachten. Lange suchen mussten die beiden nicht. Als ehemaliger Mitbesitzer eines Mitte-Clubs und Türsteher einer Kneipe kennt Künster seine Kunden und sie kennen ihn. Gern waren viele bereit, Auskunft zu geben und sich mal so richtig auszulassen über die Touristen in Mitte oder das aufgeblasene Gehabe vieler selbsternannter Szene-Jünger.

Genau an diesen Stellen wird der Film immer wieder interessant und unfreiwillig komisch. Denn um so versierter die Jungs und Mädchen über die aufgesetzte Art aufregen, umso schöner entlarven sie sich selbst als Sünder in der gleichen Sache und als deutsche Nörgler im schlechtesten Sinne. Fast noch ulkiger sind die beiden Mädchen, die in langen Auslassungen beweisen, wie gut sie sich im Ausland auskennen. Umso heftiger sie ihre Versiertheit in Sachen New York und London ausleben, desto schöner kann man über sie lachen. Gefälliger - und vor allem gelassener - kommt da schon eher die Edelfeder Moritz von Uslar rüber, der sich freut, dass die Menschen in Berlin-Mitte so viele "Zeitverschwender" gibt. Oder der erfolgreiche Partymanager Cookie, der Mitte einfach lieb hat und nur das Wetter und die Polizisten noch ein bisschen verbessern will.

Die Aufnahme als Perspektive-Teilnehmer bei der Berlinale täuscht jedoch nicht über so manche Schwäche des Films hinweg. So fehlt dem Film schlicht eine stringente Dramaturgie. Weder gibt es ein Intro, in dem der Zuschauer erfährt, worum es eigentlich gehen soll. Die Szenen aus dem "Cookies", dem Cafe "103" oder anderen Zentren des Lebens in Berlin-Mitte kommen dann erst am Schluss und man fragt sich warum. Wiederholungen und Brüche machen es dem Zuschauer nicht leichter. Wer jedoch weiß, dass die beiden Film-Novizen mehr als 120 Stunden Original-Material hatten, mag damit gnädiger umgehen.

Trotz des ganzen Geredes über das kulturelle und spirituelle Ende des Bezirks wird der Film aber die meisten Zuschauer eher anlocken als abschrecken. Und wer die Interviewten mal dabei beobachten möchte, wie sie sich wirklich benehmen, der kommt natürlich nach Berlin-Mitte. Und umso weiter der Film von Berlin selbst gezeigt wird, desto besser wird er wohl ankommen. Besonders deshalb ist es den beiden Machern zu wünschen, dass sich nach der Berlinale ein Verleiher aus dem Ausland meldet. Vielleicht sollten einige der Interviewten auch mal eine Weile aus der Hauptstadt weg ziehen. Ihre ziemlich verkrampfte Einstellung zum Bezirk würde das vielleicht wieder ein bisschen entspannen.



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