Berlinale-Gewinner "Körper und Seele" So schön schief kann die Liebe gehen

Ein versehrter Körper trifft auf eine versehrte Seele - und das auch noch im Schlachthof. Der Berlinale-Siegerfilm "Körper und Seele" ist eine Liebesgeschichte, bei der nichts passt und doch alles stimmt.

Alamode

Von Jan Künemund


Stehen da zwei Tiere, Hirsch und Hirschkuh, im Wald. Schnee fällt auf ihr Fell, ihre Nasen berühren sich wie zufällig, synchron schrecken sie bei einem Geräusch auf. Gefilmt sind sie wie in einer Liebesszene, im Bild zentriert, Schnitt, Gegenschnitt, aber das ist vielleicht nur der Reim, den wir uns auf den Beginn von "Körper und Seele" machen sollen.

Dann sind wir bei anderen Tieren, Rindern, dicht gedrängt auf gefliestem Boden, mit begrenztem Ausblick nach draußen, wo ausschnittsweise Menschen zu sehen und zu hören sind, Hände, ein Overall, Sprachfetzen. Der Film schaut mit den Augen der Tiere auf die Menschen. Dabei sind wir im Schlachthof.

Hier beginnt nun eine andere Erzählung, der Schlachthof ist ein moderner Arbeitsplatz in Budapest, der schwitzende Personalchef stellt junge Metzger ein, der nicht mehr ganz so junge Finanzdirektor Endre (Géza Morcsányi) überprüft die Entscheidungen. Eine neue Qualitätskontrolleurin (Alexandra Borbély) kommt, eine, die nicht mit den anderen Kaffee trinkt, das "Fräulein Doktor", eine Klugscheißerin, man darf sie auf keinen Fall beim Vornamen nennen: Mária.

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"Körper und Seele": Der Mann ihrer Träume

Endre und Mária, so könnte der Film ab jetzt auch heißen. Aber immer wieder kommen der Hirsch und die Hirschkuh ins Bild, in ihrem verschneiten Wald, und schauen. Und stehen schief in diesem Film, der überhaupt einen unglaublichen Sinn für schiefe Bilder hat.

Endre hat einen gelähmten Arm, der verkrampft am Körper hängt. Mária schaut niemanden an. Das Neonlicht der Schlachthofkantine scheint durch sie hindurch, so weiß und blond ist sie, die Arbeiter nennen sie "Schneewittchen", was auch heißt: Die gehört nicht hierher.

Hirsch und Hirschkuh stehen im Wald

Kalt, klinisch und rein, das ist die Welt, die sich die Qualitätskontrolleurin ausgesucht hat. Ihre Wohnung sieht nicht so anders aus als die Kühlhalle des Schlachthofs, und wenn dort das Blut spritzt, die Knochen zersägt werden, die schönen Tiere auseinanderbrechen, sitzt Maria vor dem weißen Licht des Laptops, trägt die Millimeterzahl der Fleischfettschicht ein. Zwei bis drei Millimeter zu viel heißt leider "zweitklassig", Vorschrift ist für Maria Vorschrift. Spätestens jetzt muss Endre nach unten, in den Kühlraum von Maria, die ihn nicht ansehen kann. Zwei haben sich gefunden. Und Hirsch und Hirschkuh stehen im Wald.


"Körper und Seele"
Ungarn 2017

Buch und Regie: Ildikó Enyedi
Darsteller: Géza Morcsányi, Alexandra Borbély, Zoltán Schneider, Ervin Nagy, Tamás Jordán
Verleih: Alamode Film
FSK: ab 0 Jahren
Länge: 116 Minuten
Start: 21. September 2017


Ildikó Enyedi hatte man eigentlich seit ihrem 1989 in Cannes gefeierten Debütfilm "Mein 20. Jahrhundert" nicht mehr auf dem Schirm des europäischen Autorinnen- und Autorenkinos. Plötzlich gewann dieser merkwürdige Liebesfilm den Berlinale-Wettbewerb, und Filmkritikerinnen schwärmten von Hirschkühen.

Nicht dass Erzählungen von zwei Außenseitern, die langsam zueinanderfinden, im Kino so ungewöhnlich wären. Der gehemmte Endre, der mit den Frauen schon abgeschlossen hat, und die zwangsneurotische Mária, die die Männer erst entdecken muss, sind wie füreinander geschaffen. Aber die poetische Schieflage dieses Films, seine fragmentierten Alltagsbilder, schließlich seine Ausflüge in die rätselhaft bleibende Perspektive der Tiere, setzen diese klassische Kinoliebesgeschichte in ein neues Licht. Eines, das buchstäblich immer wieder schräg auf Maria und Endre fällt.

Sinnlichkeit im Kartoffelpüree

Was Hirsch und Hirschkuh in diesem Film zu suchen haben, wird relativ schnell aufgeklärt. Bei einer psychologischen Routineuntersuchung der Schlachthofmitarbeiter, die zwischen Blutfontänen und Laptops ihrer Arbeit nachgehen, stellt sich heraus, dass Endre und Maria jede Nacht den gleichen Traum haben, in dem sie sich als Hirsch und Hirschkuh begegnen.

Dass zwei Fremden so etwas passieren kann, widerspricht jeglicher psychologischen Expertise, erfreut sich aber als sogenanntes Shared-Dream-Phänomen in esoterischen Kreisen großem Interesse. Für Enyedi ist das einfach ein Wendepunkt, nach dem der Finanzdirektor, der nie nach unten in die Schlachthalle geht, und die Kontrolleurin, die nie nach oben zum Kaffeetrinken kommt, nicht mehr anders können, als sich auch außerhalb ihrer Träume aufeinander zuzubewegen.

Die Schieflage der Tierbilder im Film ist damit aufgelöst - aber der Film selbst kommt jetzt, zum Glück, nicht mehr in die Waagerechte: Die Kontrolleurin entdeckt ihre Sinnlichkeit, indem sie ins Kartoffelpüree greift, dem gehandicapten Chef fliegt beim Versuch eines ordentlichen Abendessens das Formfleisch vom Brot. Auf der Suche nach einem Liebeslied für Maria setzt Enyedi ausgerechnet einen tieftraurigen Song von Laura Marling ein und lässt dabei auf eine Deckenlampe zoomen. Die schöne Schräge von "Körper und Seele" ist nirgends auf den billigen Witz ausgerichtet, sie ist vielmehr integraler Bestandteil seiner Sicht auf die Welt. Schief geht hier nur das, was gerade werden soll.

Nach einem Arbeitstag im Schlachthof, wenn das Blut weggewischt ist und das klare Wasser auf die Fliesen tropft, wenn die Kontrolleurin wieder einmal versucht hat, ihr sorgfältig einstudiertes Liebeswerben über die Lippen zu bekommen, wenn der Chef wieder einmal beschlossen hat, zu seinem einsamen Leben zurückzukehren, wenn Maria und Endre sich schließlich doch wieder zum gemeinsamen Träumen verabreden, kehrt die Kamera zu den Rindern in der Schlachthalle zurück, die ins Dunkle schauen. Vielleicht haben wir ja die gesamte Liebesgeschichte zweier Menschen aus der Perspektive von Hirsch und Hirschkuh gesehen.

Im Video: Der Trailer zu "Körper und Seele"

Alamode
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