Krimi-Serie "Top of the Lake": Verrückte Frauen übernehmen das Dorf

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Mit der TV-Serie "Top of the Lake" zeigt Oscar-Gewinnerin Jane Campion ein ungewöhnliches Format auf der Berlinale. "Mad Men"-Star Elisabeth Moss spielt in dem Krimi-Mehrteiler eine Polizistin, die sich dem Verbrechen an einer Zwölfjährigen stellen muss. Spannend ist das kaum. Aber stimmungsvoll.

Konzentriert schreitet die Polizistin in den See. Das eiskalte Wasser dringt in ihre Kleidung ein, bald reicht es der jungen Frau bis zur Brust, die Kälte muss betäubend sein. Doch plötzlich packen sie ihre Lebensgeister wieder, sie kämpft sich zum Ufer zurück.

Vor wenigen Wochen ist hier die zwölfjährige Tui in den See gegangen. Sie wollte sterben, erst eine Lehrerin hat sie gerettet, sie in der Schule ausgezogen, ihr trockene Kleidung anziehen wollen und dabei entdeckt, dass sich der dürre Kinderkörper in der Mitte wölbt. Wenige Tage später ist das schwangere Mädchen spurlos verschwunden. Viele aus dem abgelegenen Dorf am See suchen nach ihr, doch die Polizistin tut es am verzweifeltesten. So verzweifelt, dass ihr der Gang in den See schließlich als einzige Möglichkeit erscheint, dem Mädchen noch einmal nahe zu kommen.

Zwei versehrte Frauen stehen im Mittelpunkt von Jane Campions sechsteiliger Miniserie "Top of the Lake", die am Sonntag auf der Berlinale Europapremiere hatte und am Freitag erneut am Stück zu sehen sein wird. Die schwangere Tui (Jacqueline Joe), die mit dünner Stimme sagt, sie wüsste nicht einmal, wie das Kind "da rein gekommen sei". Und die resolute Polizistin Robin (Elisabeth Moss, "Mad Men"), die in Sydney arbeitet, aber auf Besuch in ihrem neuseeländischen Geburtsort den dortigen Kollegen sogleich Befehle erteilt. Wie viel die beiden Frauen verbindet, zeigt sich erst langsam im Verlauf der über 350 Minuten. Ein Netz aus Gewalt und Verrat spannt sich über den Ort, und Tui und Robin sind nicht die einzigen, die in ihm verfangen sind.

Ganz weit weg von Peggy Olsen

Für sie sei die Serie wie ein langer Film, hat Jane Campion in Berlin gesagt. Die Oscar-Preisträgerin hat keine Berührungsängste vorm Fernsehen, sie hat vor ihrer Kinokarriere Serien und TV-Filme gedreht. Warum sie sich trotzdem von dem Medium abgrenzt, erschließt sich schon durch die ersten Einstellungen von "Top of the Lake": Die Bilder, die Kameramann Adam Arkapaw von ihrer neuseeländischen Heimat einfängt, gehören auf die Leinwand. Seen liegen wie glänzende Messerklingen in der Landschaft, schroffe Berge ziehen vertikale Schnitte durch die Panoramen. Die Waffen und die Wunden der Menschen, sie scheinen ihre Entsprechung in der Natur zu haben.

Ganz vom Genre der TV-Serie kann sich "Top of the Lake" dennoch nicht lösen. Oder besser gesagt: von einer überkommenen Vorstellung des Genres. Wenn Campion und ihr Co-Autor Gerard Lee auf die Krimi-Ebene zurückkehren, wird es nämlich arg konventionell. Was sie an Wendungen im Schicksal von Tui und an Enthüllungen in der Vergangenheit von Robin parat halten, sind kaum mehr als stereotype Versatzstücke.

Das schmerzt insbesondere bei der Figur der Robin. Elisabeth Moss hält sie gekonnt in einer merkwürdigen Balance zwischen körperlicher Sinnlichkeit und emotionaler Verschlossenheit. Als würde sie mit jeder Folge mehr von ihrer Paraderolle der Peggy Olsen mit ihren hochgeschlossenen, steifen Kleidern abstreifen wollen, legt sie als Robin immer mehr Haut frei und hat immer gierigeren Sex mit ihrer Jugendliebe Johnno (Thomas M. Wright). Doch das Vertrauen zwischen den beiden ist brüchig, winzige Gesten bringen sie schon gegeneinander auf.

Wie sich das Verhältnis zwischen Robin und Johnno entwickelt, gehört zu den intensivsten und faszinierendsten Momenten der Serie. Um ihre Paar-Dynamik angemessen einzufangen, braucht es wirklich die gesamten sechs Stunden. Dagegen fällt die klischierte Zeichnung von Robin als Polizistin umso stärker ab. Sie geht ihrer Arbeit nur so engagiert nach, weil sie selbst einst Opfer eines Verbrechens geworden ist. Frau und Opfer, das wird hier synonym verhandelt. Dabei gibt es mittlerweile eine neue Generation von Ermittlerinnen - etwa Sarah Lund aus "Kommissarin Lund" oder Saga Norén aus "Die Brücke" - die ihren Job aus Überzeugung machen und nicht zur Traumatherapie.

Männerclan gegen Frauencamp

Das heißt aber nicht, dass "Top of the Lake" eindimensional oder humorlos wäre. Im Gegenteil, besonders das Frauencamp, das eines Tages plötzlich am See entsteht, ist Schauplatz irrwitziger Szenen. Angeführt wird das Ü-40-Hippie-Camp von der kauzigen Guru-Frau GJ (Holly Hunter, Oscar-Gewinnerin mit Campions "The Piano"). Ihr zu Füßen liegt ein Grüppchen fast genauso schräger Frauen, die begeistert aufnehmen, was GJ an geknurrten Weissagungen von sich gibt. Als GJ einmal in die Runde blickt und nur verzückte Gesichter sieht, bellt sie wütend: "Das hat hier ja alles keinen Zweck. Ihr seid ja verrückter als je zuvor!"

Der Spaß ist aber trügerisch. Am anderen Ende des Dorfes tobt Gangsterboss Matt Mitcham (Peter Mullan), weil ihm die Frauen das begehrte Stück Land an der Bucht weggeschnappt haben. Mitcham ist der gar nicht so heimliche Herrscher des Dorfes - und der Vater von Tui. Von seinem Geld und seiner Gnade hängen viele Bewohner ab, selbst Robins Boss Al (David Wenham, "Herr der Ringe") steht in seiner Schuld. Wenn Matt befiehlt, wird gehorcht. Sonst helfen seine Söhne nach.

Doch das Frauencamp steigt langsam zum Gegengewicht zu Matts Männerclan auf. Tui flieht hierhin, bevor sie ganz verschwindet. Ihr tun es immer mehr Dorfbewohner gleich, selbst Robin sucht bei den Frauen Schutz, als ihre Beziehung zu Johnno in die Brüche geht.

Wie behutsam und präzise "Top of the Lake" die psychologische Kräfteverschiebung - sei es zwischen Robin und Johnno oder zwischen Matts Männern und GJs Frauen - erzählt, ist die große Stärke der Serie. Ob ein Kinofilm das leisten könnte? Vermutlich nicht. Wenn Campion und Lee aber nach rund sechs Stunden zu einem unplausiblen und sensationalistischen Showdown ansetzen, stellt sich schon die Frage, ob eine TV-Serie wirklich das passende Format für sie ist. Solange aber reizvolle Experimente wie "Top of the Lake" entstehen, ist es vielleicht auch gut, dass es darauf noch keine eindeutige Antwort gibt.


"Top of the Lake" läuft am Freitag, 15.2., ab 18 Uhr im CineStar Event.

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