Berlinale-Tagebuch Erst leblos, dann tot

Emma Thompson und Brendan Gleeson können die Hans-Fallada-Verfilmung "Jeder stirbt für sich allein" leider nicht vor dem Untergang bewahren.

X Filme Creative Pool/ Christine Schröder/ Berlinale

Von Lars-Olav Beier


Nach dem fulminanten Auftakt der Berlinale musste es wohl so kommen. Das Wetter wird mieser, die Filme lassen nach, und die Journalisten fangen an zu riechen. Man fragt sich, warum so viele Filmkritiker Probleme mit der Körperpflege haben.

Gut, es gibt Kollegen, die großen Wert auf Hygiene legen, die alle fünf Tage die Unterwäsche wechseln und jeden Abend im Kino die Schuhe ausziehen, um die Socken ordentlich auszulüften. Doch nicht jeder ist so umsichtig. Wie wäre es, wenn Dieter Kosslick der Journaille frische T-Shirts statt der traditionellen Berlinale-Tasche spendieren würde? Das wäre ein Anfang.

Man muss allerdings zugeben, dass der schlechte Geruch ganz gut zu dem chinesischen Wettbewerbsbeitrag "Chang Jiang Tu" von Yan Chao passte. Denn der Film spielt auf einem maroden und muffigen Lastkahn, der durch die trüben Fluten des Jangtsekiang dümpelt. Der junge Kapitän Gao (Qin Hao) muss zum einen dafür sorgen, dass die Seele seines verstorbenen Vaters Frieden findet, zum anderen sucht er eine Frau. Da Frauen in China rarer sind als in anderen Ländern (als Folge der Einkindpolitik), dauert die Suche etwas länger. Gao fährt den sehr, sehr langen Fluss immer weiter hoch.

Für diesen Film braucht man vermutlich eine große Leidenschaft für Binnenschifffahrt. Es kommt hinzu, dass der Regisseur dem Kutter des Helden viel bedeutungsschweren Symbolismus auflädt. Es werden die Verse eines unbekannten Dichters zitiert, es raunt von Ufer zu Ufer, eine mysteriöse Flussjungfrau taucht auf und wieder ab. Man ahnt, es geht um die Suche nach Identität und Heimat. Eine Zeitlang ist das durchaus faszinierend, doch bald verliert sich der Film in Wiederholungen des Immergleichen. Am Ende fühlen sich die Zuschauer, als wären sie den Jangtsekiang bis zur Quelle gerudert.

Europa - Hotel oder Pudding?

An Symbolen herrscht auch in Danis Tanovics Film "Smrt u Sarajevu" ("Tod in Sarajevo") kein Mangel. Der Film spielt im Sommer 2014 in der bosnischen Hauptstadt, im "Hotel Europa", das natürlich nicht umsonst so heißt. Auf der Berlinale-Pressekonferenz zu dem Film war viel von politischer Architektur und wackligen Fundamenten die Rede. Wenn die Hotelangestellten im Film über die Flure eilen, steht viel auf dem Spiel. Sie sind rund um die Uhr damit beschäftigt, einen Empfang zum 100. Jahrestag des Attentats von Sarajevo vorzubereiten, das als Auslöser für den Ersten Weltkrieg gilt. Tanovic packt sein Hotel vom Keller bis aufs Dach voll mit hundert Jahren europäischer Geschichte.

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Berlinale-Wettbewerb: Jeder verhunzt für sich allein
Unten in der Wäscherei wird der Aufstand geplant. Die Hotelangestellten wollen streiken, weil sie seit zwei Monaten nicht bezahlt worden sind. Es bleibt aber etwas unklar, was das mit dem Streitgespräch zu tun hat, das eine bosnische Journalistin auf der Dachterrasse mit einem serbischen Wutbürger führt, oder mit dem französischen Laberkopf, der in seiner Suite an seiner Rede feilt. Klar, irgendwie hängt alles mit allem zusammen. Aber wie? Man gewinnt mehr und mehr den Eindruck, dass Tanovic das Hotel als Symbol überfordert. Weil in der Politik dann doch alles komplizierter ist, weil zum Beispiel gerade niemand weiß, was Europa Stabilität verleihen könnte.

Wie schwer es ist, in Europa auf ästhetischer Ebene so etwas wie Einheit zu erreichen, zeigt "Jeder stirbt für sich allein", die jüngste Adaption des 1947 von Hans Fallada veröffentlichten Romans, der in jüngster Zeit zum Bestseller im angloamerikanischen Raum wurde. Ein deutscher Stoff, ein Schweizer Regisseur, ein britischer Star, ein irischer Star, eine internationale Kraftanstrengung. Der Ire Brendan Gleeson spielt den Berliner Schreiner Otto Quangel und spricht Englisch, während er deutsche Zeitungen liest. Er spricht auch Englisch, während er Postkarten auf Deutsch schreibt.

Otto und Anna Quangel (Emma Thompson) verlieren ihren einzigen Sohn im Frankreich-Feldzug. Daraufhin fängt Otto an, Postkarten zu schreiben, die zum Widerstand gegen das Nazi-Regime aufrufen, und diese heimlich in der Stadt auszulegen. Der Gestapo-Mann Escherich (Daniel Brühl) macht Jagd auf den anonymen Rebellen, obwohl sich weit und breit kein Widerstand regt. Im Gegenteil, ordentliche Deutsche bringen die Postkarten brav zur Polizei. Der Film hat, könnte man sagen, eine ziemlich deprimierende Prämisse.

Weil es erstaunlich lange dauert, bis Escherich Otto auf die Spur kommt, hat der Film auch ein echtes Spannungsproblem. Ottos Kampf bringt nichts, doch akute Gefahr droht ihm erst mal auch nicht. Leider filmt Regisseur Vincent Perez die Geschichte über weite Strecken so brav wie ein adrettes Kostümdrama, ständig muss die aufgedonnerte Musik von Alexandre Desplat künstlich Dramatik erzeugen. Emma Thompson, Brendan Gleeson und Daniel Brühl sind allesamt großartige Schauspieler. Leider bekommen sie in diesem Film viel zu wenig Gelegenheit, ihre Figuren mit Leben zu füllen.

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