Berlinale-Jugendfilme Der Charme des Schamlosen

Jugend erforscht sich: Diesem Motto folgt offenbar das Jugendprogramm der Berlinale. Nie zuvor war es so ernst und dabei so sexy. Die Filme wagen unverstellte Blicke auf junge Lebenswelten - und lassen die erwachsene Konkurrenz ganz schön alt aussehen.

Von Thomas Winkler


Nackte Haut, tastende Hände, stöhnende Leiber. Schon im Titel trägt der Film "Unmade Beds" die ungemachten Betten, durch die seine Protagonisten turnen. Das wäre nichts Ungewöhnliches für die Berlinale, für ihren Wettbewerb oder die sich ausdrücklich um schwule Themen sorgende Sektion Panorama. "Unmade Beds" aber eröffnet "14plus", eine Hälfte jener Programmschiene, die bis vor gar nicht mal so langer Zeit noch Kinderfilmfest hieß.

Doch das Kinderfilmfest gibt es nicht mehr. Es ist erwachsen geworden, lange schon. Zum dritten Mal heißt es jetzt "Generation", und niemals zuvor wohl war es so ernst, so reif und auch so sexy. Ganz selbstverständlich findet das Maryanne Redpath, die erstmals das Programm der Sektion verantwortet: "Vielleicht sind dieses Jahr tatsächlich einige wenige explizite Szenen mehr als sonst zu sehen bei uns, aber es geht nicht nur um Sex, sondern um Sexualität und Liebe, und damit um Themen, die Jugendliche und Kinder beschäftigen."

Tatsächlich deckt "Generation" mit seinen beiden Unterabteilungen "Kplus" (mit Filmen für Kinder bis 13 Jahren) und "14plus" (für Jugendliche ab 14) längst mehr ab als den klassischen Kinderfilm. Zu sehen sind Filme für und über Kinder und Jugendliche. Und das in erstaunlicher Qualität: Regelmäßige Berlinale-Besucher wissen, dass in der 1978 eingerichteten Sektion oft sehr viel weniger Ausfälle zu bestaunen sind als im Rest des Festivals.

Der Grund dafür ist simpel: Das ehemalige Kinderfilmfest hat die laschesten Richtlinien der Filmfestspiele und damit die größte Auswahl. Während im Wettbewerb allein Weltpremieren gezeigt werden dürfen, tritt "Generation" nicht einmal in direkter Konkurrenz zu den anderen beiden A-Festivals in Cannes und Venedig. Redpath und ihre Mitarbeiter können wählen aus allen Filmen, die noch nicht in Deutschland zu sehen waren, allein in diesem Jahr wurden 1100 Beiträge gesichtet.

Das Programm deckt wieder einmal ein "breites Spektrum von Bildsprachen, Thematiken, Kulturen und Geschichten ab", findet die seit 1993 für die Sektion tätige Redpath. Das beginnt beim traditionellen Kinderfilm wie der eher harmlosen Animation "Mamma Mu & Kråkan", einer schwedisch-deutsch-ungarischen Koproduktion, in der eine Kuh und eine Krähe ihre Freundschaft zueinander entdecken. Reicht über Filme, in denen aus kindlicher Sicht ein Blick auf die Welt geworfen wird, wie den tschechischen Beitrag "Kdopak by se vlka bál – Wer fürchtet sich vor dem Wolf", in dem das Rotkäppchen-Märchen verwoben wird mit einer Scheidungsgeschichte. Und gipfelt in dem düsteren niederländischen Selbstfindungsdrama "Het zusje van Katia – Katias Schwester", in dem die pubertierende Protagonistin im russischen Immigrantenmilieu damit konfrontiert ist, dass alle potentiellen Rollenmodelle ihr Geld im Rotlichtmilieu verdienen.

Drogen, Gewalt - und natürlich Sex

Ähnlich verschieden ist die Umsetzung: Während der türkische Beitrag "Mommo" in epischen, bisweilen berauschenden Breitwandbildern die herzzerreißende Geschichte eines verstoßenen Geschwisterpaares in der anatolischen Provinz in Szene setzt, beweist der Oscar-prämierte Australier Adam Elliot mit "Mary and Max", dass er seinen schwarzen Humor nicht verloren hat. Die alle Aspekte des Absurden abdeckende Brieffreundschaft der aus Knete geformten Titelhelden rührt fast weniger zum Lachen als zum Weinen.

Andere Filme führen die minderjährigen Zielgruppe zu abgelegen lebenden Maori in Neuseeland ("The Strenght of Water"), in die mongolische Steppe ("Die Stimme des Adlers") oder in ein iranisches Dorf ("Niloofar"). Es geht um den Tod, um Verbrechen, um Bürgerkrieg, um den Ungang mit Traditionen und immer wieder um Selbstfindung, Identitätssuche, sexuelle Orientierung.

Mal werden Väter verrückt ("I Know You Know"), mal stirbt die Mutter ("Glowing Stars"), mal geht die Realität verloren ("Flickan – Das Mädchen"), mal macht sich ein abchasisches Flüchtlingskind auf die Suche nach seinem verschollenen Vater ("Gagma Napiri - Das andere Ufer").

All diese Filme entsprechen ganz und gar nicht der Vorstellung, die sich viele von der Sektion machen. Vielleicht wegen des langjährigen Namens Kinderfilmfest ist bis heute – auch unter Filmjournalisten - das Vorurteil verbreitet, es handele sich um eine Art "Kindergarten der Berlinale", in dem man den Nachwuchs parkt wie im Ballbad bei Ikea. Dem ist lange nicht mehr so. "Generation" ist nicht nur das einzige Festival für Kinder und Jugendliche, das offizieller Teil eines A-Filmfestivals ist, sondern mittlerweile das weltweit renommierteste seiner Art.

Nur logisch also, dass neuerdings auch Dokumentarfilme Bestandteil des Programms sind. So erzählen in der deutschen Produktion "Teenage Response" dreizehn Jugendliche und junge Erwachsene 156 Minuten lang von den Erfahrungen mit ihrem Körper, von Drogen, von Gewalt - und natürlich von Sex.

Hier wird deutlich, wie auch in vielen anderen Beiträgen von "Generation": Das YouPorn-Zeitalter ist angekommen im Kino, zumindest in dem der westlichen Gesellschaften. Filme wie die beiden bedrückenden amerikanischen Indie-Produktionen "Afterschool" und "My Suicide" zeigen auf, wie der Umgang mit den modernen Medien das Leben Heranwachsender strukturiert und bestimmt. Und wie er ihr sexuelles Erwachen und Erleben womöglich deformiert.

Die Alternative dazu kommt aus Asien. "Miao Miao" ist eine einfühlsame, romantische und poetische Reise in die sexuelle Findungsphase dreier Teenager in Taiwan. Schwul und lesbisch, hetero oder bi, möglich scheint alles, ohne dass diese Möglichkeiten ausdrücklich diskutiert würden. Liebe ist Liebe, egal mit wem.

"Miao Miao" ist der erste Film einer geplanten Reihe von Jet Tone, die die Produktionsfirma von Hongkong-Regisseur Wong Kar Wai unter dem Schlagwort "Multisexuelle Jugend" vermarkten will. Diese neue multisexuelle Freiheit, in der die Orientierung ohne ideologische Scheuklappen und gesellschaftliche Zwänge erfolgen kann, mag in den allermeisten Gesellschaften noch eine Utopie sein. Aber dank "Generation" findet sie schon mal auf die Leinwand.

Aus dem Kinderfilmfestival ist ein Trendsetter geworden.



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