Berlinale-Premierenfeier Im Schweiße ihres Angesichts

Es ist geschafft: "The Good American" von Jochen Hick hat auf der Berlinale seine Weltpremiere gefeiert. Im letzten Eintrag seines Tagebuchs erzählt der Regisseur exklusiv für SPIEGEL ONLINE, wie seine Leinwandhelden dabei ins Schwitzen kamen - und er selbst an einem Cocktail verzweifelte.


Mein rechtes Auge ist seit Tagen entzündet. Nicht gut für Interviews. Bis kurz vor der Premiere sitze ich im Büro bei TIMM, dann gibt es einen kleinen Empfang im Hyatt Hotel, von Panorama organisiert, ein sehr freundlicher Schweizer kümmert sich um uns. Kurz bevor wir gehen, gibt es noch kleine Gläser mit Kartoffelsalat und Minibouletten. Mein Cutter ist Vegetarier, ich habe bis dahin kaum etwas gegessen. Kein großer Bahnhof, der findet hinter der Trennwand statt für "The Countess" mit Julie Delpy beim Fototermin.

Zum ersten Mal sehen sich meine Protagonisten wieder, die zum Teil nicht mehr miteinander sprechen. Alles im grünen Bereich. Um 16.30 Uhr laufen wir rüber zum Kino, ständig klingelt das Handy und jeder will noch ein Ticket für die ausverkaufte Vorstellung haben – ich habe nur 20 Stück bekommen, und die sind eigentlich schon weg. Um zwanzig vor fünf ist der Saal noch nicht sehr voll, kleine Panik. Wenige Minuten später sind die Plätze bis auf die erste Reihe besetzt.

Werde vor der Vorführung um 17 Uhr nach unten gebeten. Ich versuche mich kurz zu fassen und lade das gesamte Publikum zu unserem kleinen Empfang danach ein. Würden sie alle kommen, wären wir pleite, aber es ist mitten am Tag, da kann man so etwas riskieren. Um diese Uhrzeit kommt viel Profipublikum, die bleiben oft nur wenige Minuten und lassen sich danach Screener schicken, wenn ihnen der Anfang gefallen hat.

Erstaunlicherweise bleiben fast alle drin. Nur gut zehn von über 300 Personen gehen vorzeitig. Ich bin eine davon, denn mir bereiten Premieren eher Unbehagen. Mit dem Kinobetreuer drehen wir den Ton noch auf die richtige Lautstärke. Ist bei Festivals immer wichtig zu wissen, wo der Knopf ist und mit wem man spricht, wenn irgendetwas mit der Projektion nicht stimmt. Mit meiner Pressedame vertreibe ich mir dann die Zeit auf dem Berlinale-Gelände und bin zehn Minuten vor Schluss wieder im Kino.

Stattdessen schwitzen meine Protagonisten, die den Film zum Teil zum ersten Mal sehen, und dazu noch sich selbst auf großer Leinwand. Es ist meine erste Doku im Breitwandformat und ich bin begeistert von Farben, Auflösung und Ton. Tom Weise und seinem Partner hatte ich "The Good American" fünf Tage zuvor schon zuhause gezeigt. Immerhin dreht sich der ganze Film um ihn, und er sollte ja schon am Samstag etwas in den für Arte und TIMM gedrehten Interviews dazu sagen können.

Der Applaus ist sehr freundlich, vielleicht nicht überschwänglich, aber ich bin erleichtert. Es gibt keine Buhs, viele Leute bleiben und sind interessiert. Das Publikumsgespräch kommt erst zögerlich zustande, dauert aber dann doch gut eine halbe Stunde, eher lange für die diesjährige Berlinale. Zumindest wird auch mal anerkannt, mit welch geringem Budget der Film entstanden ist, und dass man trotzdem ein gutes Bild und guten Ton hinkriegen kann.

Danach Feedbacks einsammeln. Sehr erfreulich bis begeistert, nicht nur von meinen treuen Fans, wenn ich jemanden so bezeichnen darf. Vielleicht haben sich die großen Kritiker schon gleich aus dem Staube gemacht – das hört man dann später als Gossip oder liest es hoffentlich nicht. Nein, konstruktive Kritik macht auf jeden Fall mehr Spaß, als Artikel zu lesen, die zu 90 Prozent aus den von der Produktion bereitgestellten Pressetexten bestehen - was ja ab und zu durchaus mal vorkommt.

Mit der Response können das Team und ich jedenfalls gut leben. Am Ende kommen etwa 30 Leute in die Stadtklause, wo unser kleiner Empfang stattfindet. Es wird lange über den Film gesprochen und über Tom Weise und die Hustlaball-Parties, kein schlechtes Zeichen. Alle wollen zur großen Party nach der Mittwochsvorstellung wiederkommen.

Ich werde stündlich müder. Mit knapp zehn Leute ziehen wir noch ein paar Meter weiter ins Solar. Eine angenehme Personendichte und erträglicher Geräuschpegel dort. Zwar halten mich manche irrigerweise für abstinent, aber in meinem Cocktail ist deutlich zu wenig Alkohol. Die anderen auf der Karte seien härter, sagt man mir. Kurz vor Mitternacht sitze ich mit guten Freunden im Taxi. Mittwoch um 22.30 Uhr geht's weiter. Die zweite Vorstellung. Dann die Party. Dann schlafen.

Donnerstag habe ich mir frei genommen.


Hier geht's zum ersten Teil des Tagebuchs



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