Berlinale-Programm: Fassbinder, Frankreich, Feinkost

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Die Berlinale setzt in diesem Jahr eigenwillige Schwerpunkte. Auch außerhalb des Wettbewerbs versprechen die 57. Internationalen Filmfestspiele reichlich Augenschmaus: mit neuen Filmreihen, Jubiläen und internationalen Gästen. Kleine Enttäuschung für die Damen: George Clooney bleibt zu Hause.

Berlin - Nicht genug, dass sich Kochbücher besser verkaufen denn je, oder man beim Zappen ständig über Brat- und Brutzelshows stolpert: Der hartnäckige Kochtrend hat nun also auch die Kunst erobert. Die Documenta wird im Juni einen katalanischen Koch als Künstler feiern, und die diesjährige Berlinale ruft Kinogänger auf: "Eat, Drink, See Movies". Unter dem Titel "Kulinarisches Kino" haben die Veranstalter eine neue Filmreihe im Programm verankert.

Regiestar Fassbinder: Jubilar mit restauriertem Klassiker
DPA

Regiestar Fassbinder: Jubilar mit restauriertem Klassiker

Das Berlinale-Team rund um Festivalleiter Dieter Kosslick hatte sich am Dienstag auf einem Podium in scharlachrote Drehsessel geworfen und war bester Laune. Entspannt präsentierten sie das Programm der 57. Berlinale (8. bis 18. Februar). Fast 400 Filme laufen in den verschiedenen Sektionen, davon sind fast 100 Weltpremieren.

Neben dem Wettbewerbsprogramm, das bereits vor einigen Tagen bekannt gegeben wurde, stellten die Organisatoren das üppige Programm der anderen Sektionen vor (unter anderem "Panorama", "Forum", "Perspektive deutsches Kino"). Das "Panorama" zeigt in diesem Jahr 50 Filme, unter denen die Festivalveranstalter zwei Grundthemen erkennen: "Jugendliche Identitätsfindung" und "Staatsparanoia".

Auffallend viele Werke stammen von Regisseuren, die eigentlich vor der Kamera stehen, etwa Regiearbeiten von Antonio Banderas oder Julie Delphi. Eine Neuerung im Festivalprogramm: Die bisherige Filmreihe "Panorama Kurzfilm" wird ausgekoppelt und geht erstmals in einer eigenen Sektion ("Kurzfilmwettbewerb") auf. Eine Antwort der Berlinale-Veranstalter auf den Kurzfilm-Boom soll die die neue Reihe sein - noch nie sei es so preiswert und einfach gewesen, einen Film zu drehen.

Fünfzehn Stunden Fassbinder

Doch auch das andere Extrem, das freudvolle Dauerschauen, soll nicht zu kurz kommen. Zum 25. Todesjahr von Rainer Werner Fassbinder wird sein Klassiker "Berlin Alexanderplatz" wiederauferstehen, und zwar als 15-Stunden-Happening in der Berliner Volksbühne. "Rainer Werner Fassbinder remastered", so der offizielle Titel. "Im Gegensatz zur Originalversion wird man den Alexanderplatz endlich sehen können", launt Kosslick, denn der neue Film ist "um zwei Blenden heller". Fassbinders Verfilmung von Alfred Döblins gleichnamigen Romans wurde 1980 als Vierzehnteiler im Fernsehen ausgestrahlt und jetzt für die Berlinale digital aufpoliert.

Im Wettbewerbsprogramm der 57. Internationalen Filmfestspiele Berlin werden 26 Filme gezeigt, davon laufen vier außer Konkurrenz (wie etwa die Comic-Verfilmung "300" von Zack Snyder und Clint Eastwoods "Letters from Iwo Jima"). Die übrigen 22 konkurrieren um die Berlinale-Trophäen Goldener und Silberner Bär. Stark im Wettbewerb sind in diesem Jahr Frankreich und die USA vertreten, unter anderem werden die neuen Filme von François Ozon, Jacques Rivette und André Techiné gezeigt. Eröffnet werden die Internationalen Filmfestspiele im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz mit dem französischen Film "La vie en rose" von Olivier Dahan über das Leben der Chansonsängerin Edith Piaf.

Gab es im vergangenen Jahr gleich drei Bären für den deutschen Film, treten im diesjährigen Wettbewerb lediglich zwei heimische Produktionen an. Dieter Kosslick sieht das pragmatisch: "Der deutsche Film ist in allen Sektionen stark vertreten", sagt er und betont, dass ein Dutzend deutsche Schauspieler in internationalen Produktionen zu sehen sein werden, darunter Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck und die letztjährige Preisträgerin Julia Jentsch. "Ich denke, die deutsche Filmindustrie kann sehr zufrieden sein", so Kosslick.

Jurypräsident in diesem Jahr ist die US-amerikanische Regie-Legende Paul Schrader ("American Gigolo"). Flankiert wird der Regisseur unter anderem von Mario Adorf oder Willem Dafoe, die ebenfalls über die Bären-Vergabe mitentscheiden.

"Es gibt einfach zu viele Filme"

Dass die Filme in diesem Jahr vergleichsweise spät ausgewählt und bekannt gegeben wurden, liegt laut Kosslick an der regelrechten Einsendeflut - über 5000 Werke standen zur Auswahl. "Es gab einfach zu viele Filme", sagt Kosslick, "und Sie können sich vorstellen, jeder von den 5000 Filmemachern meldet sich jeden Tag einmal". Doch trotz Telefonierens und E-Mail-Beantwortens in der Endlosschleife freue er sich natürlich über so viel "audiovisuelle Zuwendung".

Ein Highlight der Filmfestspiele dürfte auch die Sektion "Magnum in Motion" werden, die mit Ausstellungen, Fotos und Filmen den 60. Geburtstag der ersten unabhängigen Fotoagentur zelebriert.

Worauf sich Dieter Kosslick am meisten freut, sind die internationalen Leinwand-Legenden: "Schön, dass Clint Eastwood mal vorbei kommt", flapst der Festivalchef. Viele andere Stars werden den roten Teppich schmücken, etwa Cate Blanchett, Matt Damon, Ben Kingsley, Jennifer Lopez, Lauren Bacall und Robert De Niro. Aber auch wenn George Clooney in Steven Soderberghs Film "The Good German" die Hauptrolle spielt, wird er Berlin in diesem Jahr fernbleiben - er arbeitet schon wieder an einem anderen Filmprojekt.

Und noch ein Wermutstropfen bleibt: Leider ist das offizielle Plakat misslungen. Prangte noch im vergangenen Jahr der Berlinale-Bär zentral im Bild, umziert von haribobunten Farbquadraten, versprüht der diesjährige Entwurf den Charme eines Studentenparty-Flyers: Neon-Blockbuchstaben auf grauem Grund, im Hintergrund ein schemenhaftes Bärchen. Doch sei der Ausrutscher verziehen - die nächste Berlinale kommt bestimmt.

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