Berlinale-Tagebuch Die schwerste aller Entscheidungen

Was soll eine schwangere Frau tun, die weiß, dass sie ein behindertes Kind zur Welt bringen wird? Mit "24 Wochen" zeigt die Berlinale bewegendes Drama über einen Zwiespalt, aus dem man kaum herausfinden kann.

Friede Clausz/ zero one film/ Berlinale

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Seitdem Dieter Kosslick Berlinale-Chef ist, hat er sich alle Mühe gegeben, deutsche Produktionen in den Wettbewerb zu hieven. Er hat dabei oft ein Auge zugedrückt, manchmal sogar beide. Das war weder für die gepeinigten Zuschauer schön noch für die ausgebuhten Regisseure. Nun hat Kosslick die Qualifikationshöhe für deutsche Produktionen offenbar ein Stück angehoben. Und siehe da: Die in Erfurt geborene Regisseurin Anne Zohra Berrached kommt mit ihrem Drama "24 Wochen" locker drüber.

Berrached erzählt von der erfolgreichen Kabarettistin Astrid Lorenz (Julia Jentsch), die mit ihrem zweiten Kind schwanger ist und eines Tages erfährt, dass es mit einem Down-Syndrom zur Welt kommen wird. Wie stark das Kind behindert sein wird, können die Ärzte nicht sagen. Bis zur vierundzwanzigsten Schwangerschaftswoche hat Lorenz das Recht, es abtreiben zu lassen. Doch Astrid und ihr Freund Markus (Bjarne Mädel) beschließen, dass sie das Kind haben wollen.

Die Frage, ob man Embryos abtreiben darf, nachdem eine schwere Behinderung pränatal diagnostiziert wurde, wird gerade in Deutschland sehr emotional diskutiert. Machen wir da weiter, wo die Nazis aufgehört haben, als sie im Rassenwahn Menschen mit Behinderung ermordeten? Erheben wir uns über die Schöpfung oder, wenn wir nicht an Gott glauben, über die Natur? Oder ist es nicht vielmehr unsere moralische Pflicht zu verhindern, dass aus Embryos Menschen werden, die ein extrem leidvolles Dasein zu erwarten haben?

Mit großer Sicherheit und Kraft bewegt sich Berrached durch diese Kampfzone. In jeder einzelnen Szene könnte der Film den falschen Ton treffen, und fast immer trifft er den richtigen. "24 Wochen" ist das Gegenteil eines Thesen- oder Themenfilms. Er zieht den Zuschauer hinein in den Konflikt, in den das Paar gerät, als es erfährt, dass ihr Baby unmittelbar nach der Geburt einer schweren Herzoperation unterzogen werden muss.

"24 Wochen" ist ein ebenso packender wie bewegender Film über eine der schwierigsten Entscheidungen, die Menschen treffen müssen. In einer Szene lernen Astrid, Markus und ihre neunjährige Tochter Nele einige Kinder und Erwachsene kennen, die am Down-Syndrom leiden, alles wunderbare, liebenswerte und offenbar fröhliche Menschen. Es würde sie nicht geben, hätten ihre Eltern sie abtreiben lassen.

Julia Jentsch lässt den Zuschauer die Angst, unter einer übermenschlichen Last zusammenzubrechen, mehr und mehr teilen, das Gefühl, in einen Zwiespalt geraten zu sein, der so tief ist, dass man aus ihm vielleicht nie wieder herauskommt. Jentsch macht aus "24 Wochen" einen großen Film über ein Dilemma, über die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten, die einem beide das Herz zerreißen können.

Drei Bewährungsproben in der Liebe

Der listige Dieter Kosslick hat am Valentinstag, der in Berlin im trüben Grau versank, im Wettbewerb gleich drei Filme programmiert, in denen es um die Liebe geht, um Bewährungsproben, denen sie ausgesetzt wird, um Sehnsüchte, die sie weckt. Der Franzose André Téchiné erzählt in "Quand on a 17 ans" ("Mit 17 Jahren") von zwei jungen Männern, die sich ineinander verlieben; der Portugiese Ivo M. Ferreira in "Cartas da Guerra" ("Briefe aus dem Krieg") von einem Soldaten, der seiner Frau von der Front Briefe nach Hause schickt.

"Quand on a 17 ans" ist eine fiebrig inszenierte und ungeheuer rasant geschnittene Coming-of-Age-Geschichte, die in einem französischen Bergdorf spielt. Zwei Jungs, Damien (Kacey Mottet Klein) und Tom (Corentin Fila), gehen in dieselbe Klasse, der eine stellt dem anderen ein Bein, man prügelt sich. Das Begehren, das in den beiden wächst, findet zunächst keinen anderen Weg nach draußen als über die Fäuste.

Téchiné gibt den Zuschauern das Gefühl, live dabei zu sein, wie eine Liebe entsteht. Es gibt keine Menschen in diesem Film, von denen Damien und Tom etwas zu befürchten hätten, würden sich die zwei zu ihren Gefühlen bekennen. Es sind vielmehr die eigenen Ängste, Zweifel und Unsicherheiten, durch sie sich kämpfen müssen. Die beiden Hauptdarsteller machen daraus eine aufregende Mischung aus Duell und Duett.

"Cartas da Guerra" erzählt davon, wie die Liebe helfen kann, den Krieg zu überleben. Basis für die Textebene sind die Briefe, die der portugiesische Schriftsteller António Lobo Antunes aus seinem Einsatz im Angola-Krieg geschrieben hat. Als Militärarzt kommt er 1971 nach Südwest-Afrika, wo die portugiesische Kolonialmacht gegen Guerrilleros kämpft. In den 27 Monaten, die er dort stationiert ist, schreibt er leidenschaftliche Briefe an seine schwangere Frau, die zu Hause auf ihn wartet. Anfangs ist die Frau noch in einzelnen, fantastisch anmutenden Szenen zu sehen, später ist sie nur noch als die Stimme präsent, die Antonios Briefe vorliest. So rückt sie immer weiter in die Ferne, bis einem Zweifel kommen, ob es diese Frau wirklich gibt. Dem Regisseur Ferreira geht es um die Kraft der Phantasie.

Todschöne schwarzweiße Bilder, die meist die Eintönigkeit des Krieges zeigen und nur manchmal seine Brutalität; dazu schwelgerische Texte, die von alles verzehrenden Sehnsüchten handeln - dieses ungewöhnliche filmische Konzept kulminiert in einer wunderbaren Sequenz, in der Antonio alle schönen Dinge und Gefühle, die er kennt, in einer wilden, minutenlangen Liebeserklärung verdichtet.

Leider ermattet der Film nach der ekstatischen Szene und erholt sich bis zum Ende nicht mehr. Es ist allerdings eine der wenigen Schwächephasen in einem bislang ziemlich starken Berlinale-Wettbewerb.

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