Berlinale-Tagebuch Die schwerste aller Entscheidungen

Was soll eine schwangere Frau tun, die weiß, dass sie ein behindertes Kind zur Welt bringen wird? Mit "24 Wochen" zeigt die Berlinale bewegendes Drama über einen Zwiespalt, aus dem man kaum herausfinden kann.

Friede Clausz/ zero one film/ Berlinale

Von Lars-Olav Beier


Seitdem Dieter Kosslick Berlinale-Chef ist, hat er sich alle Mühe gegeben, deutsche Produktionen in den Wettbewerb zu hieven. Er hat dabei oft ein Auge zugedrückt, manchmal sogar beide. Das war weder für die gepeinigten Zuschauer schön noch für die ausgebuhten Regisseure. Nun hat Kosslick die Qualifikationshöhe für deutsche Produktionen offenbar ein Stück angehoben. Und siehe da: Die in Erfurt geborene Regisseurin Anne Zohra Berrached kommt mit ihrem Drama "24 Wochen" locker drüber.

Berrached erzählt von der erfolgreichen Kabarettistin Astrid Lorenz (Julia Jentsch), die mit ihrem zweiten Kind schwanger ist und eines Tages erfährt, dass es mit einem Down-Syndrom zur Welt kommen wird. Wie stark das Kind behindert sein wird, können die Ärzte nicht sagen. Bis zur vierundzwanzigsten Schwangerschaftswoche hat Lorenz das Recht, es abtreiben zu lassen. Doch Astrid und ihr Freund Markus (Bjarne Mädel) beschließen, dass sie das Kind haben wollen.

Die Frage, ob man Embryos abtreiben darf, nachdem eine schwere Behinderung pränatal diagnostiziert wurde, wird gerade in Deutschland sehr emotional diskutiert. Machen wir da weiter, wo die Nazis aufgehört haben, als sie im Rassenwahn Menschen mit Behinderung ermordeten? Erheben wir uns über die Schöpfung oder, wenn wir nicht an Gott glauben, über die Natur? Oder ist es nicht vielmehr unsere moralische Pflicht zu verhindern, dass aus Embryos Menschen werden, die ein extrem leidvolles Dasein zu erwarten haben?

Mit großer Sicherheit und Kraft bewegt sich Berrached durch diese Kampfzone. In jeder einzelnen Szene könnte der Film den falschen Ton treffen, und fast immer trifft er den richtigen. "24 Wochen" ist das Gegenteil eines Thesen- oder Themenfilms. Er zieht den Zuschauer hinein in den Konflikt, in den das Paar gerät, als es erfährt, dass ihr Baby unmittelbar nach der Geburt einer schweren Herzoperation unterzogen werden muss.

"24 Wochen" ist ein ebenso packender wie bewegender Film über eine der schwierigsten Entscheidungen, die Menschen treffen müssen. In einer Szene lernen Astrid, Markus und ihre neunjährige Tochter Nele einige Kinder und Erwachsene kennen, die am Down-Syndrom leiden, alles wunderbare, liebenswerte und offenbar fröhliche Menschen. Es würde sie nicht geben, hätten ihre Eltern sie abtreiben lassen.

Julia Jentsch lässt den Zuschauer die Angst, unter einer übermenschlichen Last zusammenzubrechen, mehr und mehr teilen, das Gefühl, in einen Zwiespalt geraten zu sein, der so tief ist, dass man aus ihm vielleicht nie wieder herauskommt. Jentsch macht aus "24 Wochen" einen großen Film über ein Dilemma, über die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten, die einem beide das Herz zerreißen können.

Drei Bewährungsproben in der Liebe

Der listige Dieter Kosslick hat am Valentinstag, der in Berlin im trüben Grau versank, im Wettbewerb gleich drei Filme programmiert, in denen es um die Liebe geht, um Bewährungsproben, denen sie ausgesetzt wird, um Sehnsüchte, die sie weckt. Der Franzose André Téchiné erzählt in "Quand on a 17 ans" ("Mit 17 Jahren") von zwei jungen Männern, die sich ineinander verlieben; der Portugiese Ivo M. Ferreira in "Cartas da Guerra" ("Briefe aus dem Krieg") von einem Soldaten, der seiner Frau von der Front Briefe nach Hause schickt.

"Quand on a 17 ans" ist eine fiebrig inszenierte und ungeheuer rasant geschnittene Coming-of-Age-Geschichte, die in einem französischen Bergdorf spielt. Zwei Jungs, Damien (Kacey Mottet Klein) und Tom (Corentin Fila), gehen in dieselbe Klasse, der eine stellt dem anderen ein Bein, man prügelt sich. Das Begehren, das in den beiden wächst, findet zunächst keinen anderen Weg nach draußen als über die Fäuste.

Téchiné gibt den Zuschauern das Gefühl, live dabei zu sein, wie eine Liebe entsteht. Es gibt keine Menschen in diesem Film, von denen Damien und Tom etwas zu befürchten hätten, würden sich die zwei zu ihren Gefühlen bekennen. Es sind vielmehr die eigenen Ängste, Zweifel und Unsicherheiten, durch sie sich kämpfen müssen. Die beiden Hauptdarsteller machen daraus eine aufregende Mischung aus Duell und Duett.

"Cartas da Guerra" erzählt davon, wie die Liebe helfen kann, den Krieg zu überleben. Basis für die Textebene sind die Briefe, die der portugiesische Schriftsteller António Lobo Antunes aus seinem Einsatz im Angola-Krieg geschrieben hat. Als Militärarzt kommt er 1971 nach Südwest-Afrika, wo die portugiesische Kolonialmacht gegen Guerrilleros kämpft. In den 27 Monaten, die er dort stationiert ist, schreibt er leidenschaftliche Briefe an seine schwangere Frau, die zu Hause auf ihn wartet. Anfangs ist die Frau noch in einzelnen, fantastisch anmutenden Szenen zu sehen, später ist sie nur noch als die Stimme präsent, die Antonios Briefe vorliest. So rückt sie immer weiter in die Ferne, bis einem Zweifel kommen, ob es diese Frau wirklich gibt. Dem Regisseur Ferreira geht es um die Kraft der Phantasie.

Todschöne schwarzweiße Bilder, die meist die Eintönigkeit des Krieges zeigen und nur manchmal seine Brutalität; dazu schwelgerische Texte, die von alles verzehrenden Sehnsüchten handeln - dieses ungewöhnliche filmische Konzept kulminiert in einer wunderbaren Sequenz, in der Antonio alle schönen Dinge und Gefühle, die er kennt, in einer wilden, minutenlangen Liebeserklärung verdichtet.

Leider ermattet der Film nach der ekstatischen Szene und erholt sich bis zum Ende nicht mehr. Es ist allerdings eine der wenigen Schwächephasen in einem bislang ziemlich starken Berlinale-Wettbewerb.

Mit einem orangefarbenen Chevrolet in der Wüste und einem umwerfend gut aussehenden Kommissar (Amir Jadidi, links) am Steuer beginnt der furiose Genre-Cut-up von "Ejheda Vared Mishavad!"(Wettbewerb) des Iraners Mani Haghighi. Es soll der 22. Januar 1965 sein, der iranische Premierminister ist soeben erschossen worden, einer der vielen politischen Gefangenen, die in die tiefsten Weiten Irans verbannt wurden, hat sich in einem verlassenen Schiff aufgehängt. Kaum hat der Kommissar die seltsame Behausung zu untersuchen begonnen, erschüttert ein Erdbeben das Schiff. Oder ist doch die Prophezeiung des Bauern eingetroffen, dass sich der Schlund der Erde öffnet, wenn ein Mensch begraben wird? Im Sprung zwischen den Ebenen und den Zeiten setzt sich langsam ein psychedelisches Puzzle der iranischen Vor-Revolutionsperiode zusammen. Paranoia liegt in der Luft, und auch der schöne Kommissar atmet sie tief ein - bis er, wie die Zuschauer auch, von Haghighis strahlend buntem Bilderstrudel in den Abgrund gerissen wird. Hannah Pilarczyk

Wir hatten schon vorab vermutet, dass Anja Plaschg in "Die Geträumten" (Forum) toll sein würde. Doch das ist nur ein Viertel der Wahrheit. Ohne ihren männlichen Gegenpart Laurence Rupp, das dramaturgisch überaus exakte Drehbuch von Ruth Beckermann und Ina Hartwig und nicht zuletzt Beckermanns kluge Inszenierung wäre dieses Genre-sprengende Kunstwerk nicht möglich. In einem Hörfunkstudio lesen Plaschg und Rupp im Wechsel die Liebesbriefe von Ingeborg Bachmann und Paul Celan vor. Unterbrochen sind die Lesungen von Szenen aus den Pausen, in denen sich Rupp und Plaschg platonisch annähern. Sie werden zu Resonanzkörpern für die Texte, als fernes Echo wiederholt sich zwischen ihnen das komplizierte Geflecht von künstlerischer und persönlicher Beziehung, das auch Celans und Bachmanns Beziehung so einzigartig machte. Hannah Pilarczyk

Roman Polanski hat es mit "Rosemary's Baby" 1968 vorgemacht: Eine schwangere Frau wähnt sich von einem Satanskult verfolgt, und es bleibt bis kurz vor dem Abspann unklar, ob Rosemary sich das alles einbildet oder nicht. David Farrs Filmdebüt "The Ones Below" (Panorma) nimmt den Ball von Polanski auf, schon die Titelmusik ist eine direkte Reminiszenz an das große Vorbild. Der subtile Psychothriller erzählt von einer jungen Mutter (großartig gespielt von Clémence Poésy), die den Verdacht hegt, ihre Nachbarn würden sich an ihrem neugeborenen Sohn vergreifen wollen. Dauergeschrei und Schlafentzug tun ihr übriges, Kates Wahrnehmung – und eine andere haben wir über weite Strecken des Films nicht – wird unzuverlässig. Bis kurz vor Schluss liegt die Entscheidung, ob man ihre zunehmende Angst als berechtigte Sorge oder als Paranoia sieht, beim Zuschauer. Die Auflösung aber ist dann schmerzvoll eindeutig. Benjamin Moldenhauer

Ja, man muss Lav Diaz' achtstündigen Film "Hela Sa Hiwagang Hapis" (Wettbewerb) wirklich von Anfang bis Ende ansehen, um diesem kunstvoll verschachtelten, zwischen Krimi, Phantasterei, Mythologie und echter Historie changierenden Film auf die Spur zu kommen - eine Suche nach der philippinischen Seele, wie eine der Hauptfiguren in ihrem Schlussmonolog offenbart. Nach und nach ergibt sich so ein Kunstfilm-Puzzle, bei dem man mal der einem Roman von José Rizal entnommenen Handlung um die Studenten Isagani und Basilio sowie dem verräterischen Geschäftsmann Simuon und dem schurkischen Capitan General des spanischen Regimes folgt, die meiste Zeit aber mit einer Gruppe Frauen durch den Urwald streift, auf der Suche nach Bonifacios Leichnam, dem Revolutionsführer. Diaz bezeichnet seine Filme übrigens gerne als Zen-Übung. Andreas Borcholte

Der 19-jährige Brad (Ben Schnetzer, links) wird von zwei Männern zusammengeschlagen und ausgeraubt. Physisch wieder hergestellt, aber psychisch lädiert, besucht er wenig später nicht nur dasselbe College wie sein älterer Bruder (Nick Jonas), sondern auch dieselbe Studentenverbindung. Wer hier mitmachen will, muss leiden: Der junge Regisseur Andrew Neel verwendet viel Zeit darauf, das Aufnahmeritual zu schildern. Die Kandidaten werden gedemütigt und malträtiert, Neel zitiert die Folterbilder aus Guantanamo und Pasolinis "Die 120 Tage von Sodom". Im Zentrum des von James Franco produzierten Films steht Brads Versuch, die Traumatisierung durch den Raubüberfall mittels eines bewusst gesuchten Gewaltrituals wieder aus seinem Körper herauszubekommen: Männlich sein heißt, das alles auszuhalten. "Goat" (Panorama) hat eine massive Wucht und macht klar, dass so ein Versuch nur scheitern kann. Benjamin Moldenhauer

Für eine effektive Dystopie muss man nur konsequent zu Ende denken, was in der Gegenwart als Möglichkeit enthalten ist. In der finsteren Zukunft der australisch-neuseeländischen Serie "Cleverman" ist die Gettoisierung abgeschlossen und die Gesellschaft in "Humans" und "Subhumans" unterteilt. Letztere, auch "Hairies" genannt, sind am massiven Haarwuchs zu erkennen und werden gezwungen in einer abgeriegelten Zone zu leben. Die Serie nimmt den Ball von "True Blood" auf: Etablierte verfolgen Außenseiter, und zwischen den Welten wandern die Grenzgänger. Hier aber ist die Welt ins Totalitäre gekippt, die "Subhumans" werden deportiert und gefoltert. Das Gesellschaftsbild, das entsteht, ist komplex, und es bleibt abzuwarten, ob "Cleverman" sich in seinen zahlreichen Verästelungen nicht doch noch verliert. Der Auftakt jedenfalls ist furios. Benjamin Moldenhauer

Kein einziges schönes Bild gestehen der chinesische Regisseur Yang Chao und sein Kameramann Mark Lee Ping-Bing in "Chang Jiang Tu" dem Jangtse-Fluss zu. Ausgestellte Pixeligkeit nimmt der Landschaft den Pathos, Rost und Verfall von Häfen und Schiffen werden betont. Und trotzdem ist die mehrwöchige Fahrt, die der junge Kapitän (Qin Hao) bis zur Quelle des Jangtse unternimmt, eindrücklich und ergreifend wie nur weniges im Wettbewerb. Über die Bilder legen sich Liebesgedichte, die als Text eingeblendet werden, gleichzeitig dringen von unten Politik und Geschichte Chinas an die Oberfläche – etwa als das Schiff die gigantische Drei-Schluchten-Talsperre durchquert, für deren Bau über eine Million Menschen zwangsumgesiedelt wurde. So entstehen Bilder, die flüchtig und für die Ewigkeit zugleich sind. Hannah Pilarczyk

Filme über Armut scheitern oft an ihrem anmaßenden Blick von außen. Maximilian Feldmann, Absolvent der Ludwigsburger Filmakademie, und Luise Schröder machen es besser. Ihr Diplomfilm ist ein rührend warmherziger, nicht aber verklärender 51-Minüter aus Europas größter Roma-Siedlung am Rande der mazedonischen Hauptstadt Skopje. Der Trick dabei: Die Filmemacher lassen die zehnjährige "Valentina" erzählen, ein hellwaches Mädchen mit schlitzohrigem Witz. Sie selbst stellt ihre zwölfköpfige Familie vor, erzählt von drei Schwestern, die ins Heim gesteckt wurden, vom Alltag in der kargen Einzimmerhütte, auf Müllhalden, wo man nach Verwertbarem sucht, und beim Betteln auf der Straße. In Schwarzweiß-Bilder gebannt, entsteht so ein erstaunlich lebensfrohes Bild einer nicht sehr fernen, doch fremden Welt. Kaspar Heinrich

Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Deutschen namens "Liebmann" (Perspektive deutsches Kino). Gerade erst hat er (Godehard Giese) seinen Urlaub in einem französischen Dorf begonnen, doch er kommt nicht recht zur Ruhe, ist fahrig und angespannt. Die Essenseinladung der Nachbarn nimmt er nur widerwillig an, persönlichen Fragen weicht er aus. Zu schlafen scheint er gar nicht, hört stattdessen nächtelang Radio und betrinkt sich. Die Frage, was dieser Mann wohl verbergen will, stellt sich mit steigender Dringlichkeit. Hat er etwas mit den Toten zu tun, die seit einiger Zeit in einem nahe gelegenen Waldstück gefunden werden? Und warum legen sich immer wieder Farbfilter auf die Bilder? In ihrem verhalten erzählten Langfilmdebüt spielt Jules Herrmann geschickt mit dem Kopfkino des Zuschauers und hält so die Neugier bis zur finalen Auflösung wach. Kaspar Heinrich

Griechische Komödie als HipHop-Musical: Spike Lees "Chi-Raq" (Wettbewerb, außer Konkurrenz) ist eine Art "West Side Story" für die Rap-Generation, die beherzt für Liebe, Humanismus und Gerechtigkeit plädiert und gleichzeitig so fett, dynamisch und groovy wie ein Club-Track wirkt. Als Folie dient die Geschichte der Lysistrata. Bei Lee ist diese antike Powerfrau eine foxy lady (Teyonah Parris), die ihrem Lover, dem Rapper und Gang-Leader Chi-Raq (Nick Cannon), Sex verweigert und ihre Sisters in Chicagos Southside auffordert, es ihr gleich zu tun: "No peace, no pussy!" Auch Anklagen gegen Rassismus und Polizeibrutalität werden effektvoll platziert, im Vordergrund steht aber der Impetus, dass die schwarze Gemeinschaft sich solidarisieren muss, um die Abwärtsspirale der Gewalt zu durchbrechen. Es wird gesungen und lasziv getanzt, dass es nur so knistert - und die gereimten Dialoge ergeben ein faszinierendes Hybrid aus klassischer Dichtung und Rap. So fiebrig, unterhaltsam und humorvoll, dass man glatt an Lees Utopie glauben möchte. Andreas Borcholte

Der älteste Regisseur im Wettbewerb legt den besten Film über junge Leute vor: In "Quand on a 17 ans" verbinden sich die dynamische Inszenierungsart des 72-jährigen André Téchiné mit dem großartigen Gespür seiner Co-Autorin Céline Sciamma ("Girldhood") für das, was in den Köpfen und in den Körpern junger Menschen vorgeht, zu einer mitreißenden Erzählung. Vor schroffer südfranzösischer Berglandschaft, die die sinnlich-physischen Qualitäten der Geschichte verstärkt, begegnen sich die Mitschüler Tom (Corentin Fila, im Bild) und Damien. Freunde, Verliebte, Rivalen um die Gunst von Damiens Mutter (Sandrine Kiberlain)? Bei Téchiné und Sciamma darf jede Figur mal das eine, mal das andere und mal einfach alles auf einmal sein. Ein Film, der vor Leben birst. Hannah Pilarczyk

"Ich bin bereit für die Mutterschaft!", erklärt die Mittdreißigerin Maggie ihren Freunden und Freundinnen in New York. Einen Mann braucht sie dafür nicht, es reicht ein Samenspender, der in ihrem Freundeskreis auch schnell gefunden ist. Doch als sie gerade zur Tat schreitet, steht ein Mann in ihrer Tür, der angetan ist, ihre negative Auffassung von langfristigen Bindungen zu erschüttern. Ethan Hawke hat dafür das Potenzial, keine Frage, aber wer Greta Gerwigs Figuren aus ihren Filmen mit Noah Baumbach (zuletzt "Mistress America") gesehen hat, weiß nicht so recht, ob er ihr die Idee der Mutterschaft abnehmen soll. Das verleiht"Maggies Plan" (Panorama) seine Spannung und Komik, mehr als die Tatsache, dass Hawkes Ehefrau von Julianne Moore mit skandinavischem Akzent hart an der Grenze zur Karikatur gespielt wird. Frank Arnold

Bilder von einer Rettungsaktion vor Lampedusa gibt es in Gianfranco Rosis Wettbewerbsfilm "Fuocoammare", Bilder von Toten gibt es auch. Sie sind eindringlich, sie sind unmittelbar. Doch sie kommen viel später, als man es von einem Dokumentarfilm über die italienische Insel erwartete, die über die letzten Jahre hinweg zum Anlaufpunkt von rund 400.000 Flüchtlingen wurde. Samuele, ein zwölfjähriger italienischer Junge, steht stattdessen im Mittelpunkt, und mit ihm entfaltet sich das Drama der Flüchtlingskrise darin auf so kluge Weise neu, dass sich Rosi mit "Fuocoammare" umstandslos in den Favoritenstatus für den Goldenen Bären 2016 katapultiert. Rosis brillante Bilder, die weder bei Nacht noch unter Wasser an Klarheit einbüßen, machen deutlich, dass dieser Film nicht nur inhaltlich, sondern auch ästhetisch zwingend ist. Hannah Pilarczyk

"Wer ist Oda Jaune?" fragt Kamilla Pfeffers Dokumentarfilm (Perspektive deutsches Kino), und er begnügt sich nicht mit der Antwort: "die Witwe von Jörg Immendorff". Dessen Name fällt spät, denn längst hat sich die 1979 in Sofia geborene Jaune selbst in der Kunstwelt etabliert, als Schöpferin verrätselter, mitunter verstörender Gemälde voller Symbolkraft. Die Faszination des Films liegt im krassen Gegensatz zwischen der drastischen Körperlichkeit dieser Werke und dem ätherischen Wesen der Malerin. In Interviewsequenzen haucht sie ihre Sätze, strahlt dazu ein kindliches Lächeln in die Kamera. Dass viel Angst in ihrem Werk steckt, vermutet derweil ihr Galerist. Zu Wort kommen auch bekennende Jaune-Fans wie Lars Eidinger oder Thomas Ostermeier sowie Jonathan Meese. Für ihn ist Oda Jaune so gar nicht leise, sondern vielmehr laut - "in der Kunst." Kaspar Heinrich

Es war die große Liebe, die Mario Röllig zur versuchten Republikflucht veranlasste – die Liebe zu einem Mann aus dem Westen. Doch der Versuch endete 1987 an einem ungarischen Grenzzaun. Zwei Jahre später aus der DDR-Haft von der Bundesrepublik freigekauft, erlebte er in Berlin (West) eine herbe Enttäuschung, denn der Angebetete präsentierte sich hier als treusorgender Ehemann und Vater einer Familie, die von seinem Doppelleben nichts wusste. 25 Jahre später kann Röllig davon mit einem Lächeln erzählen. Er ist inzwischen Mitglied der CDU, wo er wegen seiner sexuellen Orientierung entsprechende Kämpfe auszufechten hat. Als Vortragender vor Schulklassen oder in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen hält er die Erinnerung an DDR-Unrecht lebendig, das führt ihn einmal sogar zu einem Auftritt in den USA, wo er sich mit seinem wenig diskussionsfreudigen Parteikollegen Kurt Biedenkopf konfrontiert sieht – eine der stärksten Szenen in Jochen Hicks Porträtfilm "Der Ost-Komplex"(Panorama), der ganz von seinem einzigartigen Protagonisten lebt. Frank Arnold

Die Filmgeschichte kennt Dutzende korrupte Cops, aber die zwei hier spielen in der allerersten Liga: Bob (Michael Peña) und Terry (Alexander Skarsgård) saufen ab Dienstbeginn, beleidigen Kollegen, überfahren Verdächtige, schieben Informanten Koks unter und ziehen es sich dann gleich vor Ort durch die Nase. "War on Everyone" (Panorama) setzt auf hohe Reizdichte und erzählt von Anfang an in Hochgeschwindigkeit. Der sehr, sehr aggressive Humor funktioniert so gut, weil der Film voller Elan über der Meta-Ebene kurvt: Regisseur John Michael McDonagh zitiert sich einmal quer die Geschichte der Buddy Movies. Gegen Ende verdüstert es sich, aber die erschütternde Wucht von „Calvary“, McDonaghs vorangegangenen Film, bleibt aus. Trotzdem aller Voraussicht nach einer der der unterhaltsamsten Filme der 66. Berlinale. Benjamin Moldenhauer

Eine junge Frau im Prag der Siebziger Jahre kommt der Welt mehr und mehr abhanden. Die erdrückend gefühlskalte Mutter verschreibt Medikamente, in der Jugendpsychiatrie kommt es zu gewalttätigen Übergriffen. Nach ihrer Entlassung zieht sich Olga Hepranová (großartig: Michalina Olszanska) in eine einsame Hütte zurück. Bald geht es mit zunehmender Geschwindigkeit Richtung Abgrund. "Ich bin eine Psychopathin, aber eine erleuchtete", sagt Olga. "Es kommt die Zeit, da werdet ihr für euer Gelächter und für meine Tränen büßen müssen." Die Regisseure Petr Kazda und Tomás Weinreb haben den realen Fall, der ihrem Spielfilmdebüt zugrundeliegt, detailliert recherchiert. "Já, Olga Hepnarová" (Panorama) kommt seiner Figur in präzise komponierten Schwarzweißeinstellungen unheimlich nahe und vermeidet zugleich jede eindeutige Diagnose. Zurück bleibt eine unerwartet heftige Beklemmung. Benjamin Moldenhauer

Gleich mehrfach lockt "Midnight Special" (Wettbewerb) den Zuschauer auf die falsche Fährte: Zunächst wähnt man sich in einem klassischen Roadmovie, denn der kleine Alton Meyer (Jaeden Lieberher) wurde entführt, die Bevölkerung von Texas wird in den TV-Nachrichten aufgefordert, nach dem Jungen Ausschau zu halten. Schnell wird jedoch klar, dass der Kidnapper der leibliche Vater ist und der Kleine übersinnliche Fähigkeiten besitzt. Mutant, Megawaffe oder Messias? Was ist dieser Alton, der aus seinen Augen helles Licht gleißen lassen kann? Und wer will hier eigentlich das Richtige? Autor und Regisseur Jeff Nichols kann packende Action ebenso sicher inszenieren wie die überraschenden Sci-Fi-Schauwerte im letzten Akt und das gefühlvoll-intime Zusammenspiel seiner durchweg großartigen Darsteller. Andreas Borcholte

Mike ist einer dieser Menschen, die man an den Schultern greifen und seine Trägheit aus ihm herausschütteln möchte. Ambitionen kennt er nicht, ihm reicht die Arbeit als Pizzabote, lädt man ihn zu einer Party ein, so steht er da stumm und reglos in der Ecke, zwischendurch trottet er mit hängenden Schultern durch die winterlichen Straßen von New York. Wird alles anders, als er für einen ehemaligen Schulfreund zeitweise dessen Wohnung und Job als Stadtführer in Philadelphia übernimmt? Soll man lachen oder weinen, wenn er sich mit einem Schlafplatz auf dem nackten Küchenfußboden begnügt? Die tragikomischen Ereignisse nehmen ihren (langsamen) Lauf. "Short Stay" (Forum) ist nach fünf Kürzestfilmen der erste (kurze) Langfilm des US-Indie-Filmemachers Ted Fendt. Er lädt den Zuschauer ein, in seiner minimalistischen Erzählweise den Reichtum der Details, der Sprechweisen und Gesten, oder auch die Körnigkeit des 16mm-Filmmaterials zu entdecken. Frank Arnold

Seine Vergangenheit ist ausgelöscht, als dem 30-jährigen Angestellten Tom eines Tages in der Londoner City ein Metallteil auf den Kopf fällt. Nach einer langen Genesungszeit plötzlich um 8,5 Millionen Pfund Abfindung reicher, nutzt er das Geld, um sein früheres Leben zu rekonstruieren. Dafür heuert er eine Reihe von Menschen an, die ihm Rituale des Alltags vorspielen, was oft zu absurden Situationen führt, zumal wenn Tom - wie ein exzentrischer Filmregisseur - dabei äußerste Präzision einfordert. Andererseits gibt es auch eine konkrete Bedrohung durch zwei Männer, die offenbar mehr wissen über Toms Vergangenheit und vor Mord nicht zurückschrecken. "Remainder" (Panorama), das Langfilmdebüt des Videokünstlers Omer Fast, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Tom McCarthy (dt: "8 1/2 Millionen") ist ein ungewöhnlicher Psychothriller mit Zügen des Paranoiakinos. Der Regisseur ist bei der diesjährigen Berlinale außerdem mit dem gerade erst fertig gestellten "Continuity" in der Sektion Forum Expanded vertreten. Frank Arnold

Im tunesischen Wettbewerbsfilm "Hedi" erzählt Mohamed Ben Attia vom antriebslosen Handelsvertreters Hedi (Majd Mastoura), der kurz vor seiner Hochzeit auf Dienstreise in einem Badeort die lebenslustige Animateurin Rim (Rym Ben Messaoud) kennen - und feststellt, dass das Leben ja noch ganz andere Dimensionen haben kann: Freiheit! Abenteuer! Hedi muss sich nur noch zwischen Tradition und Moderne entscheiden. Wo genau das Glück und die richtige Zukunft liegt, das ist gar nicht so leicht zu erkennen. Und das gilt natürlich auch für Tunesien und die anderen Länder nach den Aufwallungen des Arabischen Frühlings. Die von der Berlinale stets betonte politische Dimension lässt sich wie eine Folie über diese unaufdringliche, aber konzentriert inszenierte Geschichte legen - man kann "Hedi" aber auch einfach als berührendes Männermelodram eines vielversprechenden neuen Regietalents genießen. Andreas Borcholte

"Wer ist Oda Jaune?" fragt Kamilla Pfeffers Dokumentarfilm, und er begnügt sich nicht mit der Antwort: "die Witwe von Jörg Immendorff". Dessen Name fällt spät, denn längst hat sich die 1979 in Sofia geborene Jaune selbst in der Kunstwelt etabliert, als Schöpferin verrätselter, mitunter verstörender Gemälde voller Symbolkraft. Die Faszination des Films liegt im krassen Gegensatz zwischen der drastischen Körperlichkeit dieser Werke und dem ätherischen Wesen der Malerin. In Interviewsequenzen haucht sie ihre Sätze, strahlt dazu ein kindliches Lächeln in die Kamera. Dass viel Angst in ihrem Werk steckt, vermutet derweil ihr Galerist. Zu Wort kommen auch bekennende Jaune-Fans wie Lars Eidinger oder Thomas Ostermeier sowie Jonathan Meese. Für ihn ist Oda Jaune so gar nicht leise, vielmehr laut. "In der Kunst." Kaspar Heinrich

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