Berlinale Tagebuch (7) Hype mit Haken

Über mangelndes Interesse braucht sich Regisseur Costa-Gavras auf der Berlinale nicht zu beklagen. Seine Verfilmung von Rolf Hochhuths NS-Drama "Der Stellvertreter" erregt die Gemüter der Pflichtbetroffenen, bleibt als Kino-Erlebnis aber seltsam flach. Auch Wes Andersons Familienfarce "The Royal Tenenbaums" wird dem drumherum produzierten Hype nicht gerecht.

Von Cristina Moles Kaupp


Skandal-Plakat: Über das Artwork zum Costa-Gavras Film "Amen." empörte sich ganz Berlin und natürlich auch die Kirche
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Skandal-Plakat: Über das Artwork zum Costa-Gavras Film "Amen." empörte sich ganz Berlin und natürlich auch die Kirche

Die 1800 Plätze des Berlinale-Palastes waren restlos besetzt, auch bei der Pressekonferenz heilloses Gedränge: Das Interesse an "Amen.", Costa-Gavras Verfilmung von Rolf Hochhuths Theaterstück "Der Stellvertreter" war unübersehbar. Und das sicher nicht nur, weil der nun 69-jährige Regisseur Geburtstag hatte und am Abend die Goldene Berlinale-Kamera für seine Verdienste um den politisch engagierten Film überreicht bekam.

Die Frage der Mitschuld der Kirche an den Gräueltaten der Nazis ist nicht neu, aber noch immer so brisant, dass sie noch fast 60 Jahre nach Kriegsende Menschen erregt, aufregt und zu Kontroversen anregt. So geschehen auch in der anschließenden Pressekonferenz, zu der nicht nur die am Film Beteiligten, sondern auch Rolf Hochhuth erschienen war. Sie begann mit einem Eklat: Ein westdeutscher Journalist wirft Costa-Gavras wütend einen zweiten Verrat an den Opfern und Juden vor, habe er doch in seinem Film alles viel zu sehr relativiert, sich mehr mit der opulenten Ausstattung befasst als mit den historischen Charakteren und der zentralen Frage.

Regisseur Costa-Gavras: Politisch immer korrekt
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Regisseur Costa-Gavras: Politisch immer korrekt

Das folgende Gemurmel im Saal spricht weder klar gegen den Einwand noch dafür. So verteidigt Autor Hochhuth empört die "hervorragende und mutige" Costa-Gavras-Verfilmung, einer Arbeit, an die sich offensichtlich nie ein Deutscher gewagt habe. Darauf empört sich ein Vertreter von "Radio Vatikan", wieso Costa-Gavras sich heute noch mit solch speziellen, tendenziösen Auslegungen der Schuldfrage befasse, statt mit "echter Geschichte". Jetzt sind die Buh-Rufe lauter und eindeutiger.

Die Stimmung zeigt das Debakel: Fast alle wissen um die historische Dimension des Themas und seine Brisanz. Es gibt unendlich viele richtige und wichtige intellektuelle Gedanken zum Thema und somit auch zum Film, aber allem schwingt ein Hauch jener bemühten Pflichtschuldigkeit gegenüber der Geschichte mit, zu der man sich als Deutscher nun einmal berufen fühlt. Man muss sich doch empören, aber worüber bloß?

Mathieu Kassovitz als Jesuitenpater Ricardo: Gegen die Ignoranz der Kirche
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Mathieu Kassovitz als Jesuitenpater Ricardo: Gegen die Ignoranz der Kirche

Der gebürtige Grieche Costa-Gavras hat die Rollen der SS-Offiziere mit den deutschen Schauspielern Ulrich Mühe als hochintelligenten, gnadenlosen und gerissenen SS-Arzt Mengele und Ulrich Tukur als SS-Offizier Gerstein hervorragend besetzt. Auch Mathieu Kassovitz überzeugt als Jesuitenpater Ricardo und Verbündeter Gersteins im aussichtslosen Kampf gegen den Holocaust. Präzise inszeniert der geübte Polit-Regisseur ("Z", "Vermisst") die Geschichte dieses verzweifelten Ringens zweier mutiger Männer gegen die Tötungsmaschinerie der Nazis und die Ignoranz der Kirche, insbesondere die des Papstes. Klar wird auch, dass alle anderen, die Alliierten inklusive, davon wussten, und dass niemand etwas unternahm.

Ganz im Gegensatz zum vorjährigen Eröffnungsfilm, Annauds "Enemy at the Gates", ist "Amen." historisch und politisch immer korrekt, ein mutiger und richtiger Film - dennoch kein mitreißender. Warum? Mit der Personifizierung des Widerstandes in Gestalt von Gerstein und Ricardo gibt es zwar fassbare Identifikationsfiguren, doch sie funktionieren nicht so recht - man bleibt seltsam unberührt. Mit den Augen des sachlichen Betrachters verfolgt man die Handlung mit Aufmerksamkeit und Empörung über das Gesagte und Gesehene. Angesichts eines so emotionalen Themas ist sachliche Richtigkeit unverzichtbar. Aber eigentlich kann Film doch so viel mehr, denn er hat er Zugriff auf unser Gefühl. Und eben da bleibt das Lob für diesen anspruchsvollen, guten Film stecken: "Amen." interessiert, packt aber nicht.

Familienkomödie ohne Subtext

Ulrich Tukur als SS-Offizier Gerstein: Kampf gegen die Tötungsmaschine
DPA

Ulrich Tukur als SS-Offizier Gerstein: Kampf gegen die Tötungsmaschine

Letzteres gelingt auch dem nächsten Wettbewerbsbeitrag nur in Maßen - "The Royal Tenenbaums" von Wes Anderson. Wieder handelt es sich um eine Familiengeschichte, sie spielt in New York. Dort hausen in einem verwinkelten Gemäuer die Tenenbaums. Fast jeder von ihnen verspürt den Drang nach Großem. So entdeckt Sohn Chas (Ben Stiller) bereits als Knirps sein Händchen für Finanzen, Richie (Luke Wilson) wird zum Tennis-Ass und Margot (Gwyneth Paltrow) glänzt mit schriftstellerischem Talent. Ihre Mutter Etheline (Angelica Huston) wird als Archäologin gefeiert, nur das Schlitzohr Daddy Royal (Gene Hackman) schlägt etwas aus der Art. Des Sippen-Kults um Perfektion und Genie überdrüssig, wendet sich der egozentrische Charmeur anderen Schönheiten zu und setzt sich ab.

Ein Trauma, das die Kinder nie überwinden, denn nach anfänglichen Höhenflügen auf ihren Terrains stürzen sie ab: Richie dümpelt, stark an Björn Borg erinnernd, auf einem Kutter über die Weltmeere, innerlich düster umwölkt, denn seit Kindertagen liebt er Schwester Margot. Die wiederum hat sich zur heimlichen Raucherin entwickelt, das Schreiben und sich aufgegeben. Mit einem Ersatzdaddy verheiratet, schiebt sie Frust auf der ganzen Linie. Bleibt noch Chas, der seine beiden Bengel abgöttisch liebt. Doch seit seine Frau bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, lebt er in ständiger Panik und Alarmbereitschaft. Wie wandelnde Feuermelder zischen er und seine Jungs in Trainingsanzügen durch die Gegend, stets den Notausgang im Blick.

"The Royal Tenenbaums": Ohne Lärm und Peinlichkeit

"The Royal Tenenbaums": Ohne Lärm und Peinlichkeit

Nach und nach finden sie sich alle wieder bei Mama ein, die inzwischen von ihrem schwarzen Steuerberater umworben wird. Als der mittlerweile verarmte Royal davon erfährt, packt ihn die Eifersucht, aber auch Sehnsucht nach seiner Familie. Nur nimmt ihm die keiner mehr ab. Erst als er vorgibt, unheilbar krank zu sein, öffnet sich die familiäre Haustür wieder, einen Spalt breit zumindest. Versöhnung will gelernt sein; das Chaos ist perfekt.

Als beschauliche Komödie hat Wes Anderson seine "Royal Tenenbaums" verpackt, ohne Lärm und Peinlichkeit. Changierend in braun-beigen Schatten der Siebziger und zentnerweise mit Referenzen an Zeitgeist und Popkultur ausstaffiert, gelingt ihm zwar ein schräges und unerwartet versöhnliches Familienporträt. Allerdings fehlen die subversiven Zwischentöne, bislang ein Markenzeichen Andersons ("Rushmore"). Nett erzählt, gewiss auch perfekt arrangiert und großartig besetzt - unterm Strich jedoch beliebig.

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