Berlinale-Tagebuch Auf verlorenem Posten

Helden, die die Stellung halten, obwohl sie kaum eine Chance haben: Solche Figuren bestimmten den aktuellen Berlinale-Tag. Das Scheitern auf der Leinwand war allerdings ein Glück - für den Zuschauer.

Von Daniel Haas


Was haben israelische Soldaten im ersten Libanon-Krieg, ein schwuler Südstaaten-Dandy in Washington und eine ostdeutsche Buchhalterin nach der Wende gemeinsam? Vielleicht, dass sie die Stellung halten - als Helden aussichtloser Kriege, die mal mit Raketen, mal mit Smalltalk, mal mit Phantasie geführt werden.


In Paul Schraders "The Walker" bestehen die Gefechte aus Konversationen. In der Welt von Carter Page III (Woody Harrelson) bekriegt man sich mit Gerüchten, Unterstellungen, Andeutungen. Carter ist ein so genannter Walker, einer, der die Frauen von Finanzmogulen und Politikern in die Oper oder zum Canasta-Spiel begleitet. Als Spross einer reichen Südstaatenfamilie gilt er in Washington als oberste Instanz in Fragen des guten Geschmacks.

Dandy und Ritter

Carter ist ein Wiedergänger des "American Gigolo", jenem Luxus-Callboy, den Richard Gere 1980 spielte und der zur Kino-Ikone der Yuppie-Ära wurde. Nur dass der homosexuelle Bonvivant in die Jahre gekommen ist und dementsprechend nicht seine Haut, sondern seinen Esprit zu Markte trägt. Wie in Schraders "Gigolo" wird auch dieser Held in eine Intrige verwickelt, bei der es eine High Society-Diva zu schützen gilt. Die Senatorengattin (Kristin Scott Thomas) hat eine Affäre mit einem Finanzmakler; der wird ermordet, Carter schweigt hartnäckig und steht am Ende selber unter Mordverdacht.

Woody Harrelson spielt die Figur als Quersumme aus Truman Capote und Oscar Wilde, als Snob mit großem Vermögen und noch größerem Herzen. Denn die Kehrseite all seiner Bonmots und Sentenzen, der delikaten Anekdoten und raffinierten Komplimente, mit der er seine Klientel unterhält, ist eine moralische Ritterlichkeit, die im Politdschungel von Washington keinen Platz zu haben scheint. "In diesem Anzug siehst du aus wie ein mittelalterlicher Ritter", sagt sein Liebhaber (Moritz Bleibtreu) einmal zu ihm. Und genau das ist er: ein Recke, attackiert von Karrieristen und Intriganten, der die Stellung hält im Namen der Courtoisie.

Auch Yella (Nina Hoss) harrt aus: in einem Lebenstraum, der eigentlich ein Nachtmar ist, so elend und schäbig ist ihre Rolle darin. Buchhalterin aus Wittenberge, nimmt sie einen Job in Hannover an. Ihre Ehe: so kaputt wie die Stadt aus der sie kommt, ein Opfer der Wendepolitik, heruntergewirtschaftet und kaum mehr als eine Ruine. Yellas Mann steht vor dem Bankrott, will seine Frau nicht gehen lassen - aber sie muss weg, in den Westen, wo vielleicht eine Zukunft wartet. Die besteht aus einer Affäre mit dem Finanzmakler Philipp (Devid Striesow), der seine Kunden im großen Stil betrügt und Yellas Hilfe nur zu gut gebrauchen kann.

Korrupte Träume

Regisseur Christian Petzold ("Die innere Sicherheit", "Gespenster") serviert am Ende eine Pointe, die die Erzählung von Yellas Liebesglück und -unglück im kältesten, weil kritischsten Licht erscheinen lässt. Man darf nicht verraten, wo sich das kurze Abenteuer von Buchhalterin und Makler wirklich abspielt, aber soviel sei gesagt: Selten wurde die Korruption des Menschen bis in seine Träume hinein so schonungslos bloßgestellt wie in Petzolds großartigem, nach der Hauptfigur benannten Film. Die Stellung halten, im falschen Leben, zu dem es sowieso nie eine Alternative gab - das lässt sich sehen und gleichzeitig schwer ertragen.

Die Soldaten in Joseph Cedars Kriegsfilm kämpfen auf verlorenem Posten - ein Konflikt von weltpolitischer Bedeutung, der in der Festungsanlage Beaufort eine symbolträchtige Kulisse fand. Hier, hoch über dem Fluss Litani im Südlibanon, hielt die israelische Arme 18 Jahre lang die Stellung, um am Ende das unter großen Opfern eroberte Fort in die Luft zu jagen.

"Beaufort" erzählt von den letzten Tagen des Stützpunkts, von Liraz (Oshri Cohen) und seiner Einheit, die sich weg wünschen von dem Leidensort und mit dem sie doch - durch die Geschichte, die Politik, ihre Vorfahren - zutiefst verbunden sind. Es gibt ein Happy End für die Helden, aber man weiß, wie die Geschichte weiterging. Auf den ersten folgte der zweite Libanon-Krieg; wieder eroberten die Israelis Gebiete und mussten sie später räumen. Der Wunsch nach Sicherheit für das Land hat sich bis heute nicht erfüllt.

Am sechsten Berlinale-Tag zeigte sich das Festival von seiner traditionell stärksten Seite: Es machte politische Strukturen deutlich, spiegelte Macht- und Ohnmachtsverhältnisse im Einzelschicksal und öffnete zugleich das Private aufs Gesellschaftliche hin. Im Ansturm eines auf Marktkalkül abgestellten Mainstreamkinos sind es diese Werke, die Stellung beziehen - und die Stellung halten für eine kritische Film-Kunst.



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