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Berlinale-Tagebuch: Besessen von Penélope

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Ja, es ist die Berlinale der Frauen. Gestern Tilda Swinton, heute Penélope Cruz: Die spanische Schauspielerin verdreht in der Philip-Roth-Adaption "Elegy" Ben Kingsley den Kopf und wird von Regisseurin Isabel Coixet zur Ikone der Schönheit stilisiert.

Doch zunächst zu etwas ganz anderem. Kino lebt ja bekanntlich von Mythen, und so gibt es auch unter Berlinale-Journalisten genug davon. Zum Beispiel die auf einschlägigen Erfahrungen der letzten Festival-Jahre basierende These, dass der Film, der am Sonntagmorgen um neun der Presse gezeigt wird, also zum ungünstigsten aller Zeitpunkte, weil man noch mit den Auswirkungen der vorangegangenen Partynacht zu kämpfen hat, dass dieser Film nun also gewinnen wird - und die Hälfte der Kollegen ihn nicht gesehen hat. Vor zwei Jahren, beim südafrikanischen Musical "U-Carmen", war es so. Letztes Jahr allerdings nicht. "Tuyas Hochzeit" wurde erstmals am Samstag gezeigt.

Und was gab es nun heute Morgen zu sehen? Ohne jetzt als blöder Streber dastehen zu wollen, schleppte sich dieser Reporter also tapfer ins Kino - und sah den sehr unterhaltsamen iranischen Beitrag "Avaze Gonjeshk-Ha" ("The Song of Sparrows") über einen Familienvater, der versucht, alles richtig zu machen, vom Straußenwärter zum Motorrad-Taxifahrer wird, um mehr Geld zu verdienen, letztlich aber doch an den Widrigkeiten des Lebens scheitert. Majid Majidis Film ist ein teils hinreißender Abgesang auf das Patriarchat, denn am Ende wird der nichtsnutzige Karim (Reza Najie) nach einem Jähzornanfall unter einem ganzen Berg Sperrmüll begraben und muss einsehen, dass es schon in Ordnung ist, wenn der Rest der Familie, die Töchter, der rebellische kleine Sohn und die Ehefrau, mithelfen, das Schicksal zu bewältigen.

Der Film hantiert manchmal ein bisschen zu penetrant mit seinen Metaphern und Allegorien, andauernd werden Vögel frei und Fische zu Wasser gelassen, was vielleicht die Sehnsucht nach Freiheit in der restriktiv-religiösen Gesellschaft Irans symbolisieren soll. Wer weiß das schon so genau, Fakt ist, dass Regisseur Majidi ("Children of Heaven") ganz schön in die Trickkiste greifen muss, um Tabus zu umgehen.

So kommt es zu folgender sehr cleveren, aber auch total kuriosen Szene: Karim repariert auf dem Dach seines Hauses die Fernsehantenne, es ist ein milder Sommerabend. Als seine Frau, züchtig mit Kopftuch und weitem Kleid auf den Hof tritt, gerät er in Wallung und deutet an, dass die beiden doch die Kinder abends vor die Glotze setzen könnten, um auf dem Dach ein Schäferstündchen zu genießen. Sie guckt ein bisschen kokett und weist ihn darauf hin, dass ihm gleich ein Knopf vom Hemd fällt. Karim wirft das Ding komplett mit Faden zu ihr runter - und sie fängt es mit ihrer Schürze auf. Letztes Bild dieser Sequenz: Die Kamera zeigt in Großaufnahme den Knopf, der aussieht wie eine kleine schwarze Spermie, im geblümten Schürzenschoß.

Schon wären wir also wieder beim großen Begattungsthema dieser Berlinale - und bei Isabel Coixets Film "Elegy" mit Penélope Cruz und Ben Kingsley in den Hauptrollen. Die spanische Regisseurin hat damit eines der wildesten Bücher des amerikanischen Schriftstellers Philip Roth verfilmt, "Das sterbende Tier". Im Roman wie im Film verliebt sich der 62-jährige Professor Kerpesh (Kingsley) in eine 24-jährige Studentin, die kubanische Schönheit Consuela (Cruz), die ihm Atem und Sinne raubt. Zuvor lebte der alte Schöngeist ganz prima mit seiner frühzeitig gescheiterten Ehe, seiner langjährigen Sex-Partnerin, die alle paar Wochen bei ihm aufkreuzt, wenn sie geschäftlich in New York ist, und seinem Dasein als bindungsloser Zyniker, der beim Sex viel Ästhetik braucht, aber nicht auch noch Gefühle dazu.

Langsam und schüchtern entblößt sie sich für ihn

Zunächst fasziniert von Consuela, verliebt er sich in ihren Körper und lässt sich von seinem alten Dichterkumpel O'Hearn (Dennis Hopper) bestätigen, dass man zu den inneren Werten eines schönen Menschen partout nicht durchdringt, weil man ja von der Fassade dauernd abgelenkt wird. Sehr verwirrend für Kerpesh: Er verknallt sich letztlich doch in seine neue Muse und benimmt sich wie ein kontroll- und eifersüchtiger Teenager, der aber gleichzeitig penibel darauf achtet, bloß keinen Millimeter seiner eigenen Deckung aufzugeben. Das kann natürlich nicht lange gutgehen.

Coixet ("Mein Leben ohne mich"), die schon 2003 im Berlinale-Wettbewerb vertreten war, hat ein Skript von Nicholas Meyer verfilmt, dass auf die derbsten Altmännerphantasien und sexuellen Ausschweifungen aus Roths Buch verzichtet und stattdessen eine teils sehr anrührende Parabel auf die Liebe, Schönheit und deren Vergänglichkeit erzählt. Die Regisseurin habe es geschafft, am Set eine Atmosphäre zu erschaffen, die größtmögliche Intimität zuließ, erzählte Ben Kingsley auf der Pressekonferenz am Nachmittag. "Wir Schauspieler haben eine Währung, und die heißt Verletzlichkeit." Coixet habe dafür gesorgt, dass er und Cruz viel davon einsetzen konnten.

Tatsächlich lebt "Elegy" ("Klagelied") vom intensiven Zusammenspiel der beiden Hauptdarsteller, vor allem am Ende des Films, als Consuela nach zweijähriger Trennung wieder bei Kerpesh auftaucht und ihm offenbart, dass sie Brustkrebs hat und es bald vorbei sein wird mit ihrer blendenden Schönheit. Der Hobbyfotograf darf noch einmal ein paar hochästhetische Bilder von ihr machen, und wie Penélope Cruz langsam und sehr schüchtern ihre Brüste für ihn entblößt und dabei vor Traurigkeit weinen muss, ist einer der bewegendsten Momente des Films. An anderer Stelle fährt die Kamera ganz langsam an ihrer nackten Flanke entlang wie ein genießender, aber nicht voyeuristischer Betrachter.

Cruz: "Keine Angst vorm Altern"

Es geht aber um Obsessionen in Roths Roman, in dem es eine drastische Szene gibt, in der Kerpesh Consuela brutal an ihren Haaren reißend dazu zwingt, seinen Penis im Mund zu behalten. Coixet verzichtet auf solcherlei Bilder, ihr geht es nicht um die Macht der Männer - sondern um die Magie der Weiblichkeit. Das Ergebnis ist leider recht unausgegoren. Trotz vieler guter Momente pendelt er zwischen tollen Szenen voll scharfzüngiger, schnippischer Dialoge der New Yorker Intelligenzija - und einem Hang zum übermäßigen Innehalten, einer Melancholie, die immer wieder in Kitsch zu kippen droht.

Penélope Cruz, der das Kino mit diesem Film ein weiteres Denkmal gesetzt hat, wurde natürlich trotzdem frenetisch bejubelt, als sie zur Pressekonferenz erschien. Ob sie denn gar keine Angst habe, alt zu werden, wurde sie gefragt. "Nein, gar nicht", antwortete die 33-Jährige. Im Gegenteil: Sie freue sich darauf, die nächsten Jahrzehnte zu erleben, denn sie will ja schließlich jetzt noch nicht sterben. So kann man das natürlich auch mal schnell mit weiblicher Logik auf den Punkt bringen. Sie merken: Die Frauen haben hier alles in der Hand. Sie zeigen ihre Schauspielkünste, ihre Körper, besonders gerne ihren Busen - und lassen sogar den großen Ben Kingsley ein ganz klein bisschen alt aussehen.

Ach so. Ob der iranische Film nun den Goldenen Bären gewinnt? Wohl kaum. Aber wer weiß...? Der Mythos wartet auf Bestätigung.

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