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Berlinale-Tagebuch: Blabla und Botox

Von Daniel Haas

Schade, dass es für Filme keine Abwrackprämie gibt. Dann könnte man Werke wie "Deutschland 09", ein Episodenfilm zur Lage der Nation, gegen politisch versiertes Kino eintauschen. Ein Bericht von der Schmerzgrenze, kurz vor Berlinale-Schluss.

Von mehreren Regisseuren gedrehte Episodenwerke nennt man im Jargon Omnibusfilme. Sie ziehen an einem vorbei, und in den verschiedenen szenischen Fenstern tauchen immer neue Gesichter und Geschichten auf. "Deutschland 09", ein deutscher Beitrag, der auf der Berlinale außer Konkurrenz gezeigt wird, hat die gefühlte Länge eines ICEs, der im Schneckentempo zwei thematische Schienen verfolgt: Deutschland, ein Überwachungsstaat. Deutschland, die Heimat krankhafter Spießer.



13 Miniaturen reiht der von Arte und NDR coproduzierte Film aneinander, lediglich drei ergehen sich nicht in dumpfer Agitation, politischer Naivität oder kunstsinniger Unverständlichkeit. Da ist "Feierlich reist", Tom Tykwers Skizze über den flexibilisierten Arbeitnehmer, dessen globale Beweglichkeit letztlich Stillstand auf Höchstgeschwindigkeit bedeutet. Benno Fürmann spielt den Vielflieger und Dauerhotelgast als postmodernen Nomaden, dessen kulturelle Identität im Bestellen des immer gleichen Starbuck's-Drinks besteht.

Dani Levy steuert mit "Joshua" eine Minisatire über Deutschland als Land der Schwarzseher und Kulturpessimisten bei. Gegen die politische und soziale Verrohung hilft dem Helden, von Levy selbst gespielt, nur ein Psychopharmakum mit phantastischer Wirkung. Schöne Pointe: Beim Psychiater, der das Wundermittel verschreibt, sitzt auch Angela Merkel auf der Couch.

Und Romuald Karmakar sichtet in einem schlichten Interviewporträt die Schattenseiten der bürgerlichen Milieus. Er lässt einen iranisch-stämmigen Puffbesitzer aus Berlin seine Klientel beschreiben - ein schauriger Bericht aus der Mittelschicht mit ihren Enthemmungsritualen.



Wirklich neu sind allerdings auch diese Ideen nicht. Dass der Bürger die Sublimierungszwänge auf säuische Weise umgeht und der Angestellte zwischen Laptop, Handy und Videokonferenz ein Stück Persönlichkeit einbüßt, zieht keinen kulturkritischen Fisch vom Teller. Die restlichen Episoden aber sind von derart ideologischer Verstocktheit, dass man sich lieber zehnmal "Deutschland im Herbst", das Vorbild von 1978, ansehen wollte, als dieses Agitpropkino durchzusitzen.

Damals reflektierten elf Filmemacher, darunter Rainer Werner Fassbinder, Alexander Kluge und Volker Schlöndorff, die politische und gesellschaftliche Lage der Nation im Schatten des RAF-Terrors.

Die groben Episoden

In "Deutschland 09" bedauert nun beispielsweise Dominik Graf die Entsorgung miefiger Nachkriegsarchitektur und singt das nostalgische Hohelied auf hässliche Innenstädte. Man wüsste gerne, wo der Regisseur wohnt. Vermutlich in einem gentrifizieren Stadtteil im endsanierten Altbau. Wolfgang Becker schwelgt in einer Verrottungsphantasie, die Deutschland zum Krankenhaus erklärt; eine Satire auf Sketchniveau, nur leider ohne Humor.

Nicolette Krebitz bringt Susan Sontag und Ulrike Meinhof ins Gespräch und macht die beiden zu Gesinnungsschwestern. Das hat vor allem Sontag, die politisch redliche Denkerin nicht verdient. Während Meinhof erst zum Lautsprecher, dann zum Opfer ihrer RAF-Genossen wurde, schärfte sich Sontags politisches Profil von Jahr zu Jahr mehr. Zwischen der Amerikanerin, die mit den Opfern des serbischen Bombardements in Sarajevo Theaterstücke inszenierte, und der Parteigängerin eines Killerkommandos liegen Welten.

Dass man dies hier klarstellen muss, ist schon skurril. Dass es den Machern der Berlinale nicht klar zu sein scheint, mehr als befremdend. Dies ist also das Deutschland-Bild, das man international vermitteln will: Wir sind ein faschistoider Überwachungsstaat - so stellen es auch Christoph Hochhäuslers "Séance" und Hans Weingartner in "Gefährdet" dar -, bevölkert von Amok laufenden Spießern, die für die Abschaffung der Fraktur-Schrift bei der "FAZ" schon mal eine ganze Redaktion abknallen ("Fraktur" von Hans Steinbichler).

Abwrackkino der Gag-Veteranen

Was ist eigentlich mit den vielen relevanten Themen, für die man nur eine Tageszeitung aufschlagen oder ins Internet gehen muss? Jugendgewalt, Migration und Integration, Armut, Arbeitslosigkeit, Finanzkrise? In diesem Omnibus finden sie keinen Platz.

Wäre man zynisch, könnte man jetzt hinüber zeigen, zu den USA, ins Mutterland des Kino-Entertainments, und sagen: Die sind noch viel schlimmer. Und es stimmt ja auch: "Pink Panther 2", noch ein Wettbewerbsfilm außer Konkurrenz, der ebenfalls am Freitag gezeigt wurde, ist die filmische Bankrotterklärung gleich einer ganzen Generation von Darstellern.

Steve Martin und Jean Reno: zwei Botox-Zombies, die drittklassige Kalauer abfeiern. Andy Garcia und Jeremy Irons: Knallchargen des Typentheaters, peinlicher als eine Mario-Barth-Show.

Natürlich haben alle diese Darsteller längst ihren Platz im Pantheon der Kinogeschichte. Sie haben die kulturelle Imagination beflügelt, das Publikum begeistert und die Kritik herausgefordert. Leute wie Susan Sontag zum Beispiel. Gut, dass ihr dieser "Panther" erspart bleibt.

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