Berlinale-Tagebuch: Damenwahl deluxe

Von Daniel Haas

Wenn Darstellerinnen in die Jahre kommen, zeigt ihnen das Kino oft die kalte Schulter. Die Berlinale leistet Wiedergutmachung: Mit Renée Zellweger und Angela Bassett sind zwei weitere reife Frauen zu bestaunen. Mögen die Filme schwach sein: Ihre Stars spielen exzellent.

Hollywood meint es nicht gut mit reifen Frauen. Legendär ist Sharon Stones Satz, 40 zu werden sei im Filmgeschäft ähnlich schlimm, wie an Lepra zu erkranken. In den letzten Jahren verschwanden immer mehr Charakterdarstellerinnen von der Leinwand und tauchten dafür im Fernsehen auf. Exzellente Fernsehserien wurden zum neuen Zuhause von einstigen Kinogrößen wie Sally Field, Glenn Glose oder Holly Hunter.



Bei der Berlinale kann man den Eindruck kriegen: Sie bekommen noch mal eine Chance, die weiblichen Stars der Generation plus minus 40. Da becircte Michelle Pfeiffer, 50, Publikum und Kritik in der Romanze "Cheri". Demi Moore, 46, und Parker Posey, 40, überzeugten im Familiendrama "Happy Tears", und Naomi Watts, 40, sorgte in "The International" für Thrill bei der Eröffnung.

Mit Angela Bassett, 50, und Renée Zellweger, 39, sind zwei weitere Stars im Wettbewerb vertreten, deren Stern im Sinken begriffen schien. Bassetts große Auftritte in Filmen wie "Strange Days" oder "Warten auf Mr. Right" liegen Jahre zurück, und selbst die erst 2003 mit dem Oscar ausgezeichnete Zellweger machte zuletzt vor allem durch private Dramen auf sich aufmerksam. Oder sie wurde - wie von der Satirikerin Tracy Ullman - in Fernsehshows als Schnütchen ziehende Zicke verballhornt.

Leinwand-Bemutterung

Ein Schnütchen zieht Zellweger auch im Berlinale-Beitrag "My One And Only" (Regie: Richard Loncraine). Da spielt sie die Künstlergattin und Lebedame Anne Deveraux. Sie hat zwei Teenager-Söhne, einen untreuen Ehemann und den festen Willen zur Unabhängigkeit. Die ist, so die Logik der genusssüchtigen Lady, nur an der Seite eines reichen Mannes zu finden. Ein schönes Paradox, und Zellweger verkörpert es mit Eleganz, Raffinesse und Humor.



Dass dieser weibliche Dandy am Ende, nach zahlreichen Pleiten mit chaotischen Männern (ein cholerischer Offizier, ein geisteskranker Unternehmer, ein verlogener Millionär), in der Mutterrolle aufgeht, während die Söhne Filmkarriere machen, das ist der ideologische Schnitzer in einem einem ansonsten runden Film.

Angela Bassett tritt ebenfalls in einer Mutterrolle an: Im HipHop-Film "Notorious" über den Rapper Christopher Wallace alias Notorious B.I.G. spielt sie die Matriarchin, die versucht, den Sohn von der Straße fernzuhalten. Der wurde jedoch bekanntlich weder Arzt noch Anwalt (oder gar Präsident), sondern erst Dealer und dann Popstar. Bassett gibt in George Tillmans Biopic die alleinerziehende Mutter, die sich mit wertkonservativem Stolz gegen die Gefahren ihres Milieus behauptet.

Auf den Straßen Brooklyns toben Drogenkriege; in den Chefetagen der Plattenfirmen, wo Wallace vermarktet wird, sind die brutalen Verteilungskämpfe des Popgeschäfts im Gange. Notorious B.I.G. wurde Mitte der Neunziger zur Galionsfigur des Ostküsten-HipHop ausgerufen, während sein ehemaliger Freund Tupac Shakur als Anführer der Westküste herhalten musste. Eine brisante Konstellation, die von den Medien zur Feindschaft hochgejazzt wurde - mit tödlichen Folgen: Beide Rapper starben im Kugelhagel.

Die Geschichte zeige, wie viel man aushalten könne und dass man die Chance habe, immer wieder auf die Beine zu kommen, erklärte Basset in der Pressekonferenz. Diese grundlegende Zuversicht treibt auch Zellwegers Figur in "My One and Only" an. Frauen sind in beiden Werken die moralischen Zentren, auf die sich Männer beziehen können.

Sie dürfen dabei letztlich nicht mehr sein als Ergänzung und Korrektiv, aber das liegt an der Dramaturgie der Filme. Die Darstellerinnen selbst ringen ihren Rollen so viel Würde, Charme und Grandezza ab als irgend möglich. Ein großes Comeback wäre beiden Stars zu wünschen.

Ins Gesicht geschrieben

Dass das Kino von weiblichen Ikonen lebt, ist ein Gemeinplatz. Aphoristisch auf den Punkt gebracht hat ihn François Truffaut, der meinte, Filme zu drehen bedeute, schöne Frauen schöne Dinge tun zu lassen. Erweitert man den Schönheitsbegriff ins Abstrakte, gilt das für drei Viertel aller Filme. Das Kino ist ein voyeuristischer Ort und die Frau nach wie vor das lukrativste Objekt des Blicks.

"La Teta Asustada" ("The Milk of Sorrow"), der spanisch-peruanische Wettbewerbsbeitrag, folgt dieser Idee - und bricht mit ihr. In der Geschichte von Fausta, einer jungen Frau, deren Mutter vergewaltigt wurde und die deshalb selbst schwer traumatisiert ist, wird das Gesicht von Darstellerin Magaly Solier zur Landschaft, zum Erfahrungsraum.

Ein wunderschönes Antlitz, das den Zuschauer bannt, aber auch zurückweist. Erst ganz am Ende scheint sich etwas zu regen in dieser Maske, da hat die Heldin und mit ihr das Publikum aber bereits einen langen, schmerzhaften Weg der Selbstannahme durchlaufen.

Das Werk von Regisseurin Claudia Llosa ist wie sein Wettbewerbskonkurrent "Katalin Varga", in dem ebenfalls Vergewaltigung und ihre verheerenden Folgen das Thema sind, ein spröder Film, eine Herausforderung für den Kinogänger. Und auch dieser Hauptdarstellerin wünscht man eine lange Karriere - mit vielen großen Momenten auf der Leinwand.

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