Berlinale-Tagebuch Darauf eine Kochbanane!

Am achten Festivaltag acht Stunden Dauersitzung im philippinischen Wettbewerbsfilm? Anstrengend! Aber auch ein Vergnügen. Wenn man sich von Regisseur Lav Diaz auf eine meditative Reise durch den Revolutionsmythos des Landes mitnehmen lässt.

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Und was haben Sie heute so gemacht? Ich saß die meiste Zeit im Kino, klar, ist ja Berlinale. Es gab aber nur einen einzigen Film zu sehen. Die Festivalleitung, wie stets sehr weise und besonnen, hatte den rund achtstündigen Wettbewerbsfilm des philippinischen Regisseurs Lavrente Indico Diaz am Ende des Festivals platziert und die Journalisten dazu verdonnert, sich am frühen Morgen des Vortags auch noch ein Extra-Ticket für die einzige Vorführung zu besorgen, die gleichzeitig die Premiere mitsamt Crew und Publikum sein würde. Man hat ja noch nicht genug Stress.

Am Donnerstagmorgen blieben die hässlichen Szenen vor dem Berlinale-Palast dann aus, eine Revolution gegen die Tortur der Festivalleitung fand nicht statt. Auch das wissen Dieter Kosslick und seine Leute: Nach acht Tagen Dauerkino macht's am Ende auch nicht mehr viel aus, wenn man die drei, vier Filme, die man täglich ohnehin sehen muss, in einem Rutsch absitzt. Augen auf, so gut es geht, und durch.

Dem Revolutionsführer auf der Spur

Die Revolution fand dann, in strengem Schwarzweiß und 4:3-Digitalformat, auf der Leinwand statt. Thema des international gefeierten Regisseurs, der sich kurz Lav Diaz nennen lässt, ansonsten aber durchaus zur Länge neigt (sein bisher ausschweifendstes Werk ist elf Stunden lang), ist der philippinische Befreiungskampf von 1896, der zwar letztlich scheiterte, die 300 Jahre währende spanische Kolonialherrschaft zu beenden, aber immerhin die vielen unterschiedlichen Volksgruppen des Inselstaats im Pazifik erstmals einte und zur Ausrufung der ersten philippinischen Republik führte.

Um die Frage, was damals eigentlich passiert ist, dreht sich Diaz' Film.

Man muss "Hela Sa Hiwagang Hapis" allerdings schon bis zu Ende ansehen, um diesem kunstvoll verschachtelten, zwischen Krimi, Phantasterei, Mythologie und echter Historie changierenden Film auf die Spur zu kommen - eine Suche nach der philippinischen Seele, wie eine der Hauptfiguren in ihrem Schlussmonolog offenbart.

Schabernack treibende Zauberwesen

Nach und nach ergibt sich ein bisweilen spannendes Kunstfilm-Puzzle, bei dem man mal der einem Roman von José Rizal entnommenen Handlung um die Studenten Isagani und Basilio sowie dem verräterischen Geschäftsmann Simuon und dem schurkischen Capitan General des spanischen Regimes folgt, die meiste Zeit aber mit einer Gruppe Frauen durch den Urwald streift, auf der Suche nach Bonifacios Leichnam, dem Revolutionsführer.

Zu dieser Kriegswitwen-Truppe gehören dessen Witwe Oryang, die Dorfschönheit Caesaria, die ein dunkles Geheimnis mit sich trägt und Hule, eine Mutter, die ihre beiden Söhne in den Revolutionswirren verloren hat. Aja, und ein allerlei Schabernack treibendes Zauberwesen aus der philippinischen Mythologie, der sogenannte Tikbalang, spielt auch noch mit, es wird von gleich drei Charakteren repräsentiert, die beide Handlungsstränge, den literarischen und den historischen transzendieren: ein Mann, eine Frau und eine eher androgyne Gestalt.

Kino als Zen-Übung

Diaz versteht es, sein formal herausforderndes Arthouse-Monstrum, das in seiner Ästhetik sowohl philippinische Comic-Kunst als auch deutschen Expressionismus und Noir-Kino zitiert, immer wieder durch grausame Scherze aufzulockern. Nach ungefähr der Hälfte, als das Publikum ungeduldig die Pause herbeisehnt, widmet sich der Film nach längerer Urwald-Exkursion mal wieder den Romanfiguren, die sich gerade wieder treffen. Diaz bezeichnet seine Filme übrigens gerne als Zen-Übung.

Zugute halten muss man ihm und seinen Darstellern, darunter die Filipino-Megastars John Lloyd Cruz und Piolo Pascual, dass sie diese extremistische Berlinale-Premiere zusammen mit uns allen im Saal verbrachten. Sollte er am Samstagabend für den ebenso politischen wie künstlerischen "Hela Sa Hiwagang Hapis" den Goldenen Bären gewinnen, muss er da nochmal durch - bis in den frühen Morgen hinein. Und die Gala-Gäste auch. Damit wäre das Kritikervolk gerächt. Also bitteschön, liebe Jury!

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
alohas 18.02.2016
1.
Acht Stunden sind schon einigermaßen martialisch, thematisch würde mich der Film aber dennoch interessieren. Vielleicht nicht im Kino wg. Sitzfleisch, sondern eher als DVD für daheim, wo man pausieren kann, wenn man mag.
murksdoc 19.02.2016
2. Hä?
Ich nehme an, das "Hela Sa Hiwagang Sapis" der Filmtitel in einer der Nationalsprachen Waray-Waray oder Tagalog ist (beide 1937 eingeführt) und die Akteure nicht die von den Revolutionären bevorzugte, bis 1901 als "Lingua Franca" geltende Landessprache, "Spanisch" sprechen. Dass in dem Film die von 1901-1937 gesprochene Landessprache Englisch vorkommt, lässt der Filmtitel ebenfalls nicht vermuten. Man muss also davon ausgehen, dass der Autor der obigen Rezension, der weder des Waray-Waray noch des Tagalog mächtig sein dürfte, acht Stunden lang auf irgendwelche Untertitel gestarrt hat, um keinen der komplizierten und ineinander verwobenen Handlungsstränge, die, wie er selber feststellt, keinerlei Logik folgen (und wenn, dann wird diese durch drei androgyne Clowns oder Komiker wieder aufgelöst), zu verpassen. Was man dann für ein "ZEN"-Erlebnis ostasiatischer Meditationskultur hält, ist in Wirklichkeit die Tatsache, dass man durch 8-stündiges Starren auf einen flimmernden Schwarz-Weiss-Bildschirm inzwischen blind geworden ist, 3 epileptische Anfälle hinter sich gebracht hat und die Wary-Wary-Dialoge, die man noch hören kann, fälschlicherweise als transzendentale meditative Erleuchtung verortet.
From7000islands 19.02.2016
3. Zeit wie Sand
8 Stunden! Typisch für Filipinos, dass sie oft die Zeit ignorieren. Erholsam wenn wir dort Ferien machen. Zum Leben auf den Philippinen sind wir Europäer eigentlich nicht gemacht. Irgendwann explodiert man wegen der Dinge, die nie ankommen, die nicht gemacht werden, der Pläne die ständig geändert werden und dann der Kampf gegen die Natur. Die Dschungelbilder in diesem Streifen sind eigentlich stilisierte Wohnzimmergemälde und haben mit der Realität in den Philippinen nicht so viel zu tun. Man schaue sich die Lebenserwartung der Filipinos an: die niedrigste in Asien, obwohl von den USA befreit und dabei mit 1 Million getöteten Filipinos durch die Amerikaner eigentlich in eine sichere schön amerikanisch gefärbte Welt geschossen sein sollten. Aber wie üblich - nach dem Chaos ziehen die USA sich zurück aus den zerstörten Ländern und hinterlassen verbrannte Erde und verbrannte Seelen oder beides. Der Regisseur umschreibt das Ganze als "Befreiungskampf der Filipinos" Hat er amerikanische Geldgeber?
alohas 20.02.2016
4.
Zitat von From7000islands8 Stunden! Typisch für Filipinos, dass sie oft die Zeit ignorieren. Erholsam wenn wir dort Ferien machen. Zum Leben auf den Philippinen sind wir Europäer eigentlich nicht gemacht. Irgendwann explodiert man wegen der Dinge, die nie ankommen, die nicht gemacht werden, der Pläne die ständig geändert werden und dann der Kampf gegen die Natur. Die Dschungelbilder in diesem Streifen sind eigentlich stilisierte Wohnzimmergemälde und haben mit der Realität in den Philippinen nicht so viel zu tun. Man schaue sich die Lebenserwartung der Filipinos an: die niedrigste in Asien, obwohl von den USA befreit und dabei mit 1 Million getöteten Filipinos durch die Amerikaner eigentlich in eine sichere schön amerikanisch gefärbte Welt geschossen sein sollten. Aber wie üblich - nach dem Chaos ziehen die USA sich zurück aus den zerstörten Ländern und hinterlassen verbrannte Erde und verbrannte Seelen oder beides. Der Regisseur umschreibt das Ganze als "Befreiungskampf der Filipinos" Hat er amerikanische Geldgeber?
Der Film spielt im Jahre 1896, deshalb ist das Setting auch nicht unbedingt mit den heutigen Philippinen zu vergleichen. Zudem handelt es sich ganz offensichtlich um einen Kunstfilm und nicht um eine Doku. Der Befreiungskampf des Jahres 1896 wurde noch gegen die Spanier geführt, die Amerikaner griffen erst zwei Jahre später im Rahmen des Spanisch-Amerikanischen Kriegs ein. Doch anstatt den von der spanischen Herrschaft befreiten Filipinos die Unabhängigkeit zu geben, wie etwa Kuba 1903, behielten die USA die Philippinen einfach als Kolonie bis 1935 bzw. 1946.
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