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Berlinale-Tagebuch: Die Begattungsoffensive

Von Lars-Olav Beier, Berlin

Bei Sonnenschein und milden Temperaturen kommen auf der Berlinale Frühlingsgefühle auf. Festival-Chef Dieter Kosslick entdeckt das Besamungsdrama, und eine hysterisierte Tilda Swinton versucht sich in "Julia" als Kindesentführerin.

Als der frühere Festivalchef Wolf Donner die Berlinale 1978 vom Sommer in den Winter verlegte, verteilte er an die Journalisten Pudelmützen, um auch die Presse für diese Idee zu erwärmen. Nun, genau 30 Jahre später, kann Dieter Kosslick bald mit T-Shirts und Berlinale-Sonnenmilch gut Wetter machen. Und dafür müsste er den Termin seiner Festspiele nicht mal verschieben.

Denn so warm und mild wie in diesen Tagen war es während der Berlinale lange nicht, es grünt und knospt überall. Auch der übliche Begleitsound der Pressevorführungen im Berlinale-Palast, intoniert von einem vielstimmmigen Schneuz-, Hust- und Röchelorchester kränkelnder Edelfedern, ist in diesem Jahr nicht zu vernehmen. Endlich Stille! Endlich kann man bei Berlinale-Filmen auch mal die Dialoge verstehen.

Berlin am Meer, heißt ein Film, der gerade in den Kinos läuft. So weit ist es noch nicht, aber die Hauptstadt ist auch klimatisch dabei, Cannes Paroli zu bieten. Deshalb nimmt Festivalchef Dieter Kosslick den Kampf mit dem schier übermächtigen Konkurrenten an der Côte d’Azur diesmal beherzt auf. Welcher Film gewann doch noch im vergangenen Jahr in Cannes? Das rumänische Abtreibungsdrama "Vier Monate, drei Wochen, zwei Tage". "Abtreibung? Wie morbid!" rief Kosslick wohl aus und blies zur großen Begattungsoffensive. Fortpflanzung, Befruchtung und Geburt sind diesmal seine Themen – im Tier- wie im Menschenreich. In diesem Jahr entdeckt Kosslick ein neues Genre: das Besamungsdrama.

In "Zuo You" von Wang Xiao Shuai muss sich ein armer Chinese mühevoll den Saft aus den Lenden pressen, denn gleich zwei Frauen wollen von ihm befruchtet werden. Seine Ex will ein weiteres Kind von ihm, weil ihre gemeinsame Tochter an Leukämie erkrankt ist und nur ein Geschwisterchen Rettung bringen könnte. Und seine zweite Frau, die eifersüchtig auf die erste ist, wünscht sich auf einmal auch nichts sehnlicher als eine Schwangerschaft.

In "Die Schwester der Königin", der am Ende des Festivals laufen wird, sucht der englische König Henry VIII. (verkörpert von Eric Bana) eine Frau, die ihm einen männlichen Thronfolger schenkt. Dafür schläft er mit den legendären Boleyn-Schwestern (Scarlett Johansson und Natalie Portman) und muss sich dann am Ende doch mit Töchtern begnügen.

Auch in dem finnischen Wettbewerbsbeitrag "Musta Jää" von Petri Kotwica schwellen die Bäuche. Da greift eine Frau der Liebhaberin ihres Mannes einmal sogar in den Schritt, um den Zustand ihrer Gebärmutter zu ertasten. Doch am Ende kommt das Kind gesund zur Welt! So zeugungsfreudig zeigte sich die Berlinale wohl noch nie. Sogar den Insekten kann man in diesem Jahr beim Vögeln zusehen, in den "Green Pornos" zeigt Isabella Rossellini sensationelle Befruchtungsorgien. "Let’s rock!" gab Dieter Kosslick für das diesjährige Festival als Devise aus. Hat er sich da vielleicht versprochen?

Nun ist es aber keineswegs so, als würde in den Berlinale-Filmen nur Nachwuchs in die Welt gesetzt und dann sich selbst überlassen. An diesem Wochenende drehten sich gleich zwei Wettbewerbs-Beiträge um die Bedrohung der Kindheit durch Gewalt und Missbrauch, brachial der eine, bewegend der andere. Erick Zonca erzählt in "Julia" die Entführung eines kleinen Jungen durch eine Alkoholikerin (Tilda Swinton) als lärmende Räuberpistole; Damian Harris beschreibt in "Gardens of the Night" ruhig und unaufgeregt, wie ein kleines Mädchen in Südkalifornien von einem onkelhaften Kidnapper (Tom Arnold) erst zu pornografischen Fotos und dann zu Sex mit Erwachsenen gebracht wird.

Schwer nachzuvollziehen ist der Anfang von Harris’ Film, wenn die siebenjährige Leslie von der Straße weg entführt wird und den Beteuerungen ihres Kidnappers, er werde sich um sie kümmern, weil ihre Eltern Probleme hätten, Glauben schenkt. Keine Fluchtversuche, keine Anstrengungen, die Eltern telefonisch zu erreichen – etwas zu gewollt lässt der Film das Mädchen in eine Abhängigkeit von ihrem sanften Peiniger geraten. Doch wenn der Film Leslie nach einem Zeitsprung von zehn Jahren als Streunerin auf den Straßen von San Diego wiederfindet, entwickelt er dank der Hauptdarstellerin Gillian Jacobs das packende Porträt einer jungen Frau, die sich scheinbar willenlos treiben lässt und dabei fast untergeht.

Von einer Frau, die von einem Mann und einem Besäufnis zum nächsten taumelt, handelt "Julia", der lose auf John Cassavetes’ Klassiker "Gloria" basiert. An Stelle von Gena Rowlands spielt Tilda Swinton eine Frau, die plötzlich für das Schicksal eines kleinen Jungen verantwortlich ist. Swinton stellt diese Figur mit großer Kraftanstregung dar, mit gewaltigem mimischen und gestischen Aufwand. Das ist, trotz aller Hysterie, zunächst mitreißend, wird aber zum Ende hin sehr ermüdend. 138 Minuten dauert Swintons emotionaler Marathon, doch man kann die Leistung eines Darstellers eben nicht am Verbrauch der Kalorien messen.

Nach "There Will Be Blood" (158 Minuten) ist "Julia" die zweite Rohschnittfassung im diesjährigen Wettbewerb, ein weiteres überlanges Werk, das sich nicht entscheiden kann zwischen krachendem Krimi und einfühlsamem Drama um einen Jungen, der gleich dreimal entführt werden soll, einmal von seiner angeblichen Mutter, dann von der an Geldnot leidenden Titelheldin, schließlich von einer Bande unrasierter Mexikaner. In einer Szene zeigt Zonca, wie Julia den Jungen, den sie in ihrer Gewalt hat, im Halbschlaf an sich zieht und er mit großen Augen ihre nackte Brust betrachtet, die vor ihm aufragt. Ein wunderbar zärtlicher Moment in einer konfusen Kolportage.

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