Berlinale-Tagebuch Die Lady und der Trend

Schwere Themen, schöne Frauen: Am sechsten Berlinale-Tag kommt alles zusammen, was ein gutes Filmfestival ausmacht. Mit "The Messenger" und "London River" sind zwei Bären-Favoriten im Rennen, Michelle Pfeiffer begeistert als Kurtisane in "Chéri" - und es regnet endlich!

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"So voll war es dieses Jahr noch auf keiner Pressekonferenz", raunt mir ein erstaunter Kollege zu. Es ist tatsächlich sehr heiß und stickig in dem gar nicht mal kleinen Raum, den das Hyatt Hotel für die sogenannten "PKs" zur Verfügung gestellt hat. Dicht an dicht gedrängt stehen, hocken und sitzen wir, um einen Blick auf Michelle Pfeiffer werfen zu können, die wir kurz zuvor in der Pressevorführung ihres neuen Films "Chéri" bewundern durften. Bewundern deshalb, weil das 50-jährige Sex-Symbol in der Verfilmung des gleichnamigen Colette-Romans betörend ihr eigenes Altern thematisiert.

Pfeiffer spielt die allmählich verblühende Kurtisane Léa de Lonval, die ihre letzte große Affäre mit dem 19-jährigen Fred, genannt Chéri, also "Liebling", erlebt. Sechs Jahre ist sie mit dem hübschen, leider aber auch sehr einfältigen und kindischen Dandy zusammen, bis er von seiner intriganten Mutter in eine arrangierte Ehe mit einem blutjungen Mädchen getrieben wird. Das Lotterleben soll ein Ende haben, aus dem ewigen Buben endlich ein Mann und Vater werden. Doch die alternde Hure und der junge Tor können und wollen voneinander nicht lassen.

20 Jahre nach "Gefährliche Liebschaften" hat sich Michelle Pfeiffer erneut mit dem britischen Regisseur Stephen Frears und dem Drehbuchautor Christopher Hampton zusammengetan, um vor der liebevoll ausgestatteten Kulisse der ausgehenden Belle Epoque Colettes kluge Geschichte zu erzählen. Und um einerseits einen frivolen Blick auf das ödipal-amouröse Verhältnis zwischen Männern und älteren Frauen zu werfen, und um andererseits mit lustvoller Wehmut über die Flüchtigkeit jeglicher Schönheit zu klagen. Im grandiosen Schlussbild, einer langen Nahaufnahme von Michelle Pfeiffers wunderschönem, aber langsam welkenden Gesicht, sieht man all die Anstrengung, die Frauen darauf verwenden, ihre Jugend festzuhalten.

Deshalb drängelten wir uns danach alle bei der Pressekonferenz. Um zu überprüfen, ob das wirklich sein kann, ob die Michelle Pfeiffer, die einst die "Fabulous Baker Boys" und Tony "Scarface" Montana um den Verstand brachte; ob diese Michelle Pfeiffer wirklich altern könne.

Und? Sie kann, natürlich, aber sie sieht dabei umwerfend aus. Ob es stimme, dass Hollywood ältere Frauen ausgrenzt, wurde sie gefragt. Nein, lächelt Michelle Pfeiffer, "wie man sieht, gibt es ja durchaus Rollen für uns". Und solange sie Rollen bekomme, in denen sich jüngere Männer in sie verlieben, sei ohnehin alles in Ordnung.

Charmiert im Regen

Hach, wie charmant. Versöhnt eilte man zum nächsten Termin, raus aus dem Hyatt, rein in den Nieselregen, der am Dienstag erstmals seit Beginn dieser Berlinale über dem Potsdamer Platz niederging. Neben dem Hotel, an jenem Seitenausgang, wo die Stars rausgeschleust werden, drängelten sich übrigens trotz Nässe fast ebenso viele Fans wie oben Journalisten. Mehr noch als letzte Woche bei Kate Winslet. Scheint, als hätte das Festival seinen Darling gefunden. Einen silbernen Bären hat Michelle Pfeiffer bereits, 1990 wurde sie als beste Darstellerin in "Love Field" ausgezeichnet. Vielleicht ist es Zeit für einen zweiten?

Allein die Tatsache, dass man über die Bärenvergabe spekuliert, zeigt, dass Berlinale-Halbzeit ist, Zeit für eine erste Zwischenbilanz. Trotz der üblichen Gereiztheit, die sich nach einer Woche Festival-Wahnsinn unter Journalisten, Filmkäufern, Presseleuten und Servicekräften jeglicher Art breit macht, muss konstatiert werden: Es gab schon weitaus üblere Berlinalen, mit schlimmerem Wetter und katastrophalen Filmen.

Sieht man einmal von Sally Potters Pop-Art-Collage "Rage" ab, der als Kurzfilm ein interessantes Experiment gewesen wäre; und lässt man auch Lukas Moodyssons Gutmenschen-Zumutung "Mammoth" außer Acht, herrscht im diesjährigen Wettbewerb ein beeindruckend hohes Niveau.

Und auch erste Favoriten kristallisieren sich heraus: Während François Ozons phantastisches Märchen vom geflügelten Baby "Ricky" wohl zu sehr polarisiert, hält sich der mutige iranische Beitrag "About Elly" hartnäckig in den Gesprächen zwischen und nach den Filmen und wächst in der Kritikergunst, je mehr alle vom Festival gesehen haben.

Sie bringen den Tod

Am Montag allerdings gab es ernstzunehmende Konkurrenz, und das ausgerechnet aus den USA: In Oren Movermans Regie-Debüt "The Messenger" versuchen zwei vom Einsatz im Irak gezeichnete Army-Offiziere, mit ihren unterschiedlichen Traumata und Versehrungen zurecht zu kommen.

Mit boshafter Ironie spielt ihnen das Schicksal einen Job zu, der die Wunden nicht lindert, sondern erst richtig in ihnen herumwühlt: Sie müssen den Hinterbliebenen gefallener Soldaten die Todesnachricht überbringen. Nach und nach werden in dieser Extremsituation aus höchst gegensätzlichen Charakteren Kameraden und schließlich Freunde.

Der unsentimentale, sehr auf seine Geschichte konzentrierte Film, in dem sowohl Woody Harrelson als auch Nachwuchs-Talent Ben Foster ("Alpha Dog") herausragende und berührende Schauspielleistungen zeigen, erzählt vom nach Hause geholten Krieg und vom Umgang mit Verlust, Scham und dem Horror, nicht mehr derselbe zu sein, der man war, als man ausrückte.

Ein ähnlich bewegendes Thema behandelt auch der französisch-britische Film "London River", der am Dienstag auf der Berlinale seine Weltpremiere feierte und ebenfalls zum engeren Kreis der Bären-Anwärter gezählt werden muss. Nach seinem in Frankreich heftig diskutierten Kriegsdrama "Indigènes" über nordafrikanische Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland kämpften, packt der algerische Regisseur Rachid Bouchareb erneut ein unbequemes Thema an: Sein ruhiger, gänzlich unprätentiöser Film erzählt ebenfalls von zwei unterschiedlichen Menschen, die über eine gemeinsame Erfahrung zu Freunden werden.

Sie hat Angst vorm schwarzen Mann

Gegensätzlicher als Mrs. Sommers und Monsieur Ousmane können zwei Menschen allerdings schon fast nicht sein: Die vor ihrer Zeit gealterte Falklandkrieger-Witwe betreibt eine Farm auf der Kanalinsel Guernsey und sieht nicht nur so britisch aus wie eine gedrungene, dunkelhaarige Maggie Thatcher, die rundliche, resolute Dame hat auch ähnlich konservative Ansichten. Ousmane hingegen ist ein hagerer, humpelnder Afrikaner mit langen, ergrauten Rastalocken und zotteligem Bart. Seine an einen knorrigen Ast erinnernde Statur stützt er mit sorgenvoller Miene auf einen Gehstock.

Der Terroranschlag auf einen Londoner Bus am 7. Juli 2005 bringt die beiden zusammen. Mrs. Summers sorgt sich um ihre halbwüchsige Tochter Jane, die sich partout nicht meldet; Ousmane will seinen Sohn Ali finden, den er seit zehn Jahren nicht gesehen hat. Beide treibt die Angst, ihre nächsten Angehörigen könnten unter den rund 50 Toten des Attentats sein. Bald stellt sich heraus, dass Jane und Ali sich kannten, sogar befreundet waren.

Doch es dauert lange, bis sich zwischen der Lady und dem Tramp etwas entwickelt. Zunächst schildert Bouchareb durchaus nicht ohne Humor, wie Misstrauen und Vorurteile oft jede menschliche Kontaktaufnahme vereiteln. Mrs. Summers hat so viel Angst vor dem schwarzen Mann, dass sie von ihm davonläuft, gar nicht wahrnimmt, dass er die selbe Pein durchlebt wie sie.

Bouchareb bringt seine so simple wie wahre Botschaft ganz ohne große Gesten an den Zuschauer: Im Schmerz, im Leiden am sinnlosen Verlust geliebter Menschen, sind wir alle gleich, egal ob schwarz oder weiß, dick oder dünn, Rastalocke oder Regenmantel. Eines lässt sich der Franzose natürlich nicht nehmen: Ousmane und Mrs. Summers können letztlich nur deshalb überhaupt kommunizieren, weil Mrs. Summers als Inselbewohnerin Französisch spricht, die einzige europäische Sprache, die auch der Afrikaner beherrscht.

Es lohnt sich also, mit fremden Kulturen und Idiomen vertraut zu sein, um Kontakt aufzubauen, soll das heißen. Und das am besten in der Weltstadt London mit der Weltsprache Französisch. Oh, quelle folie!

Folie heißt auf Französisch übrigens nicht nur "Jux und Tollerei", sondern kann auch für "Wahnwitz" stehen. Da wären wir dann wieder beim Meta-Thema jedes Filmfestivals. Zurück ins Gedrängel!

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