Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Berlinale-Tagebuch: Festtage für Masochisten

Von

Spaß für Journalisten hat die Berlinale im grauen Februar selten parat. Doch außer von bösen Pressedamen wird der Kritiker von vielen Wettbewerbsfilmen streng rangenommen: dem Sozialmärchen "Ricky", dem iranischen Frauendrama "About Elly" und dem Kriegsverbrecherthriller "Sturm".

Das Beste an der Berlinale ist der Neid der Daheimgebliebenen. Ist doch ein Superjob, so als Berlinale-Berichterstatter, kriegt man Jahr für Jahr zum Beispiel von den fernen Redaktionskollegen zu hören: Ganze Tage und halbe Abende lümmelt ihr euch in gepolsterte Kinosessel, zwischendurch haut ihr ein paar Zeilen in den Computer und nachts schmeißt ihr euch auf tollen Parties Kate Winslet und Clive Owen, Heike Makatsch und Christoph Schlingensief an den Hals.

In Wahrheit sind diese Filmfestspiele nur für Masochisten der schiere Genuss. Das liegt zum einen daran, dass es ziemlich präzise geschätzte 3000 andere Berlinale-Berichterstatter gibt, die einem beim Im-Kino-Herumlümmeln, In-den-Computer-Hacken und Kate-Winslet-Bezaubern keinen rechten Spaß gönnen wollen; jedenfalls knuffen, schubsen, treten sie einen ohne Unterlass und brabbeln dazu auf einen ein, dass man allerhand zu leiden hat.

Im Folterkeller des schlechten Benehmens

Die andere Quelle der Pein ist die, wie ich finde, härteste, böseste, unhöflichste Presseabteilung der Welt. Von der werden die jedes mal noch mehr Berlinale-Berichterstatter nämlich weniger betreut als geschuriegelt und übel gezüchtigt. Wer in das in einem Luxushotel neben dem Berlinaleplast untergebrachte Pressebüro eintritt, lässt alle Hoffnung fahren. Denn er merkt sofort, dass sich hier die Temperatur um gefühlte 15 Grad abkühlt; und er wird sich nie wieder über die französische Arroganz in Cannes oder das heitere italienische Larifari in Venedig beklagen. Es ist schlimm genug, wenn man nur seinen Ausweis abholen will. Mit maximaler Unfreundlichkeit und preußischem Sachbearbeitergriesgram wird man zur Zahlung der Akkreditierungsgebühr verdonnert und bekommt dann wortlos seinen Ausweis hingepfeffert.

Schlimmer ist es, wenn man irgendetwas versäumt oder nicht ausgefüllt hat und die Damen der Presseleitung um Hilfe bittet. Ihr Lächeln ist ein Zähnefletschen. Sie blicken dich an, wie man aus sehr hoher Höhe eine Wurm betrachtet, den man gleich zertreten wird. Dann wird man, kaum hat man seine Bitte vorgetragen (genau so ist es mir ergangen), auf eine derart ekelhafte Weise angeschnauzt, abgekanzelt, stumpfsinnig belehrt und auf einen späteren Anruf verwiesen (welche natürlich nicht mal angenommen wird), dass man sich vornimmt, diesen Folterkeller des deutschen schlechten Benehmens und der hysterisch miesen Laune nie wieder zu betreten.

Im Kino wird die Hölle mit anderen Mitteln weiterzelebriert. In "Ricky", dem Wettbewerbsbeitrag des französischen Regisseurs Francois Ozon, spielt nämlich Alexandra Lamy eine alleinerziehende Mutter und Fabrikarbeiterin namens Katie, die fast so gehässig, totalgefrustet und überfordert dreingucken kann wie die Damen im Berlinale-Pressebüro. Immerhin hat sie aber, scheint's, noch ein bisschen Spaß mit der Sexualität. Wir sehen Katie mit ihrer kleinen Tochter in einem hässlichen Sozialwohnungsghetto mit Ententeich hausen und auf dem Motorrad zur Schule knattern, bevor sie am Fließband mit Chemikalien hantiert und auf der Fabriktoilette mit einem spanischen Arbeitskollegen vögelt.

Ätzend reales Sozialmärchen vom geflügelten Baby

Der ist offenbar ganz nett, ruckzuck ist Katie schwanger und hat neben ihrer Tochter den spanischen Kerl, er heißt Paco, und das Baby Ricky im Haus. Leider aber entdeckt die Mutter eines Tages Blutergüsse auf den Schulterblättern des Kleinen und beschuldigt Paco der Säuglingsmisshandlung. Der Vater sucht empört (oder schuldbewusst?) das Weite.

Bis hierher erzählt Ozon ein ganz normales, ätzend reales Sozialdrama. Plötzlich aber foltert uns sein Film mit schwarzer Märchenmagie. Das Baby ist nämlich nicht geschlagen worden, sondern aus seinem Rücken wachsen Flügel. Erst flattert es im Kinderzimmer herum und rummst gegen die Schrankwand, dann schwebt es durch den Supermarkt und wird zur Medienattraktion, schließlich entfleucht das Wunderbaby vor laufenden Fernsehkameras über den Ententeich in Gottes freie Natur.

Man kann Ozons Film als Fantasie von Katies kleiner Tochter, als Nachtmahr einer strapazierten Mutter oder als Kritik an medialer Wundergeilheit lesen, besser wird "Ricky" dadurch nicht. Die Kühle, die das Konzeptkino dieses Regisseurs in "Swimming Pool" (2003) oder "Die Zeit, die bleibt" (2005) auszeichnete, ist diesmal stumpfe Kälte, die Darsteller sind einem herzlich egal, die Bilder vom flatternden Baby sorgten im Kino für viel ratloses Gepruste und Hohngelächter.

Da geht der iranische Regisseur Asghar Farhadi in "About Elly" schon fürsorglicher mit seinen Figuren um. Farhadi zeigt einer Freundesgesellschaft aus Teheran bei einem fröhlichen Ausflug ans Meer, wo man sich mit Kindern und Sack und Pack in einer unbewohnten Villa am Meer einrichtet, weil das versprochene Quartier besetzt ist. Im Mittelpunkt des Interesses und vieler Frotzeleien stehen Ahmad, der eigentlich in Deutschland lebt (Shabab Hosseini), und Elly, eine Kindergärtnerin (Taraneh Alidousti), die mit klaren Absichten eingeladen worden ist: Aus dem von einer deutschen Frau geschiedenen Ahmad und Elly soll ein Paar werden.

"About Elly" zeigt schöne, sympathische, großstädtische Menschen, die ein kindisches Kuppel-Spiel spielen. Bis die Sache mit einem Schlag in die Katastrophe kippt. Ein kleiner Junge schwimmt leblos im Meer, Männer und Frauen werfen sich verzweifelt in die aufgewühlten graue Flut, um sein Leben zu retten. Und Elly ist mit einem Mal verschwunden.

Es ist ein bisschen langatmig, wie "About Elly" nun ein paar Lebenslügen der Titelheldin aufdeckt, wie man der Feriengesellschaft beim Schreien, Weinen und moralisch Daherwispern zuschauen muss. Man versteht nicht ganz, welche merkwürdigen Maßstäbe für weibliche Untadeligkeit in der von Mullahs überwachten iranischen Gesellschaft gelten und ob der Regisseur diese Maßstäbe nun kritisiert oder gutheißt; aber man sieht und spürt die Qual der plötzlich gar nicht mehr so schönen Menschen, die sich mit kleinen und großen Lügen das Leben zur Hölle machen.

Ein liebender Vater und Massenvergewaltiger

In Hans Christian Schmids "Sturm" ist der Balkankrieg der Auslöser aller Schrecken. Die Schauspielerin Kelly Fox spielt in dieser in englischer Sprache gedrehten, dänisch-niederländisch-deutschen Koproduktion eine Anklägerin am Uno-Tribunal in Den Haag, die einen serbischen Schlächtergeneral hinter Gitter bringen will. Der Film beginnt ziemlich gerissen mit einer Familienszene am Strand, in der ein Vater zärtlich mit seinen beiden Töchtern albert; bald darauf sieht man, wie der Kerl von der Polizei aus dem Bett gerissen wird: Der scheinbar so liebe Papa ist der für Mord, Folter und Massenvergewaltigung verantwortliche Kriegsherr, dem hier der Prozess gemacht wird.

Schmid hat sich durch Filme wie "Crazy" (2000) und "Lichter" (2003) den Ruf eines eigensinnigen, manchmal ein bisschen biederen Erzählers raufgeschafft. In "Sturm" gelingt ihm ein bei aller Langsamkeit packender, aber auch peinigender Thriller, in dem auf sehr intelligente Weise über Recht und Gerechtigkeit gegrübelt wird. Die Anklägerin Hannah will das Richtige, aber sie tut öfter mal das Falsche. So hadert sie mit einem unzuverlässigen Zeugen, der sich bei einem Lokaltermin im serbisch okkupierten Teil von Bosnien-Herzogowina als Lügner erweist, und reagiert so sauer, dass der verstörte Mann Selbstmord begeht.

Es ist verblüffend und deprimierend und sehr präzise, wie Schmid die Arbeit der Uno-Ermittler schildert, ihre Ohnmacht gegenüber Kriegsverbrechern und mafiösen Paten, ihre merkwürdigen Kompromisse mit Politikern in Brüssel und Serbien. Die Anklägerin Hannah stößt schließlich auf die Schwester des toten Zeugen, eine junge in Berlin lebende Mutter, die offenbar auf schrecklichste Art über Wochen und Monate misshandelt wurde.

Die Schauspielerin Anamaria Marinca spielt diese von Angst und mörderischen Erinnerungen heimgesuchte Frau sensationell eindringlich, mit wachen Augen und nervösen Ticks in einem frischen Gesicht unter kurzgeschorenen blonden Haaren; vor allem ihre Kunst ist es, die Schmids Film zu einem peinigenden Ereignis macht.

Am Ende widerfährt dem von Marinca dargestellten Opfer keineswegs Genugtuung: Ein schaler Deal mit der Politik hat Vorrang. Die Geschichte von "Sturm" nimmt einen so mit, dass man als Zuschauer mit einem großen Groll aus dem Kino geht. Der richtet sich allerdings nicht gegen die Filmfestspiele, sondern gegen die Folterknechte dieser Welt wie Schmids Serben-Kamerilla: gegen scheinbar ganz normale Kerle, die imstande sind, ihren Mitmenschen einen solchen Horror anzutun.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Berlinale: Fliegende Babys und iranische Tristesse

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: