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Berlinale-Tagebuch: Mutant, Megawaffe oder Messias?

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Warner Bros

Der Berlinale-Wettbewerb startet ungewohnt fantastisch: US-Filmemacher Jeff Nichols begeistert mit dem Science-Fiction-Thriller "Midnight Special", der den Zuschauer mehrfach auf die falsche Fährte lockt.

"Die Suche nach dem Glück oder das Recht auf Glück", so hatte Festivalchef Dieter Kosslick die 66. Berlinale, seinen 15. Jahrgang, überschrieben.

Damit kann man als Filmkritiker, der sich seit Donnerstagabend durch das Wettbewerbsprogramm schlägt, sofort etwas anfangen: Das Recht auf Glück, gilt das nicht, verdammt noch mal auch für uns!?, als ich aus der Pressevorführung des kanadischen Films "Boris sans Béatrice" stapfte und dachte: Von nun an kann es eigentlich nur noch besser werden.

Ich will Sie (und mich) gar nicht so lange mit diesem neuen Film von Denis Coté ("Vic + Flo haben einen Bären gesehen") aufhalten, denn er erzählt von wenig, und das auch noch so einfallslos didaktisch, wie man im Jahre 2016 noch nicht mal mehr ein Theaterstück inszenieren würde: Der Geschäftsmann Boris (James Hyndman) ist ein ebenso erfolgreicher wie rücksichtslos arroganter Kotzbrocken und vergnügt sich lieber mit seiner blonden Angestellten (oder wahlweise dem Hausmädchen) als mit seiner Ehefrau, besagter Béatrice, einer Ministerin, die aus ominösen Gründen in einen katatonischen Zustand der Melancholie verfällt.

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Berlinale-Wettbewerb: Ein Sternenkind und andere Lichtgestalten
Ein gnomenhafter Fremder (Denis Lavant) erscheint Boris in einer an David Lynch angelehnten Szene und mahnt ihn, sich besser um seine Gattin zu kümmern und sich zu ändern, sonst wird's schlimm. Das tut Boris dann auch, ohne dass der Zuschauer viel von seinen inneren Beweggründen mitbekommt - muss sich am Ende des Films bei einer Art irren Intervention mit seiner Tochter und Mutter am Küchentisch trotzdem noch das aus der griechischen Mythologie stammende Gleichnis Tantalus und seiner Qualen vom Gnom vorbeten lassen. Gott will, dass du das Richtige tust, schon klar. Das war auch schon eines der Leitmotive des Eröffnungsfilms "Hail, Caesar", mit dem großen Unterschied, dass die Coen-Brüder daraus einen ziemlich unterhaltsamen Film gemacht haben, Coté aber nur langweilt.

Das Glück ließ also erst mal ein bisschen auf sich warten, wie immer auf der Berlinale muss man es sich hart erarbeiten. Die Belohnung für Denis Cotés Kritiker-Qual folgte dann aber schon am Freitag mit dem Science-Fiction-Film "Midnight Special" von Jeff Nichols. Der US-Regisseur, der seine hervorragenden letzten beiden Filme "Take Shelter" und "Mud" in Cannes vorgestellt hatte, sorgte mit seinem Berlinale-Debüt für einen ersten Höhepunkt im Wettbewerb.

Mutant, Superwaffe oder Erlöser?

Gleich mehrfach lockt er den Zuschauer in seinem Thriller auf die falsche Fährte: Zunächst wähnt man sich in einem klassischen Roadmovie, denn der kleine Alton Meyer wurde entführt, die Bevölkerung von Texas wird in den TV-Nachrichten aufgefordert, nach dem Jungen Ausschau zu halten. Schnell wird jedoch klar, dass der Kidnapper Aldens leiblicher Vater ist, der Kleine übersinnliche Fähigkeiten besitzt und auf der Farm, wo er aufwuchs, von einer Sekte als Erlöser im kommenden Weltuntergang verehrt und festgehalten wurde.

Mit einem Muscle-Car aus den Siebzigern und einem Stapel ebenso alter "Superman"-Comics will ihn Papa Roy (Michael Shannon) seiner wahren Bestimmung zuführen. Hilfe erhält er von seinem alten Kumpel, dem State Trooper Lucas (Joel Edgerton) und Altons Mutter (Kirsten Dunst). Auch der Staat ist dem vermeintlichen Superwesen auf der Spur, vor allem der NSA-Analyst Paul Sevier (Adam Driver) will verstehen, womit er es zu tun hat und wer die Macht besitzt, einen Satelliten aus dem All über eine Tankstelle im Nirgendwo abstürzen zu lassen. Mutant, Megawaffe oder Messias? Was ist dieser Alton, der aus seinen Augen helles Licht gleißen lassen kann? Und wer will hier eigentlich das Richtige?

Viel Spielberg, ein bisschen Carpenter und mehr

Er habe einen altmodischen Film wie John Carpenters Science-Fiction-Dramolett "Starman" (1984) drehen wollen, sagt Regisseur Nichols, eine Reverenz, die sich bis ins offizielle Poster nachvollziehen lässt. Am Ende landete auch noch eine Portion reines Spielberg-Kino mit drin, "Sugarland Express" ebenso wie "Unheimliche Begegnung der Dritten Art". Nichols originäre Handschrift wird jedoch immer deutlicher: Der 37-jährige Autorenfilmer kann packende Action ebenso sicher inszenieren wie die überraschenden Sci-Fi-Schauwerte im letzten Akt und das gefühlvoll-intime Zusammenspiel seiner durchweg großartigen Darsteller.

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Eröffnung der Berlinale: Und jetzt bitte alle recht freundlich
"Take Shelter", auch mit Michael Shannon, der damals den Untergangspropheten gab, handelte von seinen Ängsten, bald Verantwortung als Familienvater übernehmen zu müssen, sagt Nichols. In "Midnight Special" gehe es nun darum, seine traumatischen Erlebnisse der Hilflosigkeit zu verarbeiten, die er hatte, als sein eigener kleiner Sohn plötzlich ins Krankenhaus musste: "Mir wurde klar, dass Vaterschaft bedeutet, einen Teil von mir ans Universum zurückzugeben." Mit welcher visuellen und dramatischen Wucht Nichols genau das in einen fantastischen, gleichzeitig aber auch sehr persönlichen Film verarbeitet hat, sehen Sie sich am besten möglichst bald selbst an. Deutscher Kinostart ist bereits am kommenden Donnerstag.

Auch in Tunesien wird das Glück gesucht

Ein Glücksfall für das Festival (und für das Publikum) ist auch das Spielfilmdebüt "Hedi" des tunesischen Regisseurs Mohammed Ben Attia, das ebenfalls am Freitag im Wettbewerb lief. Mit den belgischen Sozialdramaspezialisten Jean-Pierre und Luc Dardenne als Co-Produzenten erzählt Ben Attia eine intime Geschichte über einen jungen Handelsvertreter, der in der Provinz des krisengeschüttelten Nordafrikastaats daran scheitert, den lokalen Geschäften Peugeots zu verkaufen.

Es läuft einfach nicht, und von seiner Firma bekommt er noch nicht einmal frei, um mit seiner designierten Ehefrau in die Flitterwochen zu fahren. Ausgesucht hat er sich die Braut nicht, alles wurde von seiner allein stehenden Mutter und den Schwiegereltern in spe arrangiert. Hedi, so heißt der schon früh haarverlustige Bursche, hat Pech gehabt: Sein älterer Bruder hat sich längst nach Frankreich abgesetzt, und da hockt er nun, quasi entmündigt, und muss in eine reiche Familie einheiraten, um seiner herrischen Mutter das Auskommen zu sichern. Auf Dienstreise im Badeort Mahdia lernt er dann aber die lebenslustige Animateurin Rim kennen - und stellt plötzlich fest, dass das Leben ja noch ganz andere Dimensionen haben kann: Freiheit! Abenteuer! Außerehelicher Sex und unbefangener Spaß!

Hedi muss sich nur noch zwischen Tradition und Moderne entscheiden. Wo genau das Glück und die richtige Zukunft liegt, das ist gar nicht so leicht zu erkennen. Und das gilt natürlich auch für Tunesien und die anderen Länder nach den Aufwallungen des Arabischen Frühlings. Die von der Berlinale stets betonte politische Dimension lässt sich wie eine Folie über diese unaufdringliche, aber konzentriert inszenierte Geschichte legen - man kann "Hedi" aber auch einfach als berührendes Männermelodram eines vielversprechenden neuen Regietalents genießen.

Im Video: Der Trailer von "Midnight Special"

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