Berlinale-Tagebuch Glaube, Gier und Gören

Von den rollenden Steinen zum dicksten Festival-Brocken: Am zweiten Tag der Berlinale präsentierte das Festival Paul Thomas Andersons bildgewaltiges und vielfach oscarnominiertes Ölbohrer-Drama "There Will Be Blood".

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Festival-Auftakt war gestern, heute ist schon alles Alltag. Die Berliner jedenfalls geben sich mal wieder möglichst unbeeindruckt von den ganzen Stars und - noch schlimmer - den umherirrenden Journalisten mit den bunten Taschen und abwesenden Blicken.

Exemplarisches Gespräch zweier Jugendlicher in der U2: "Nee, Berlinale ist schon janz jut" "Wieso jetze?" "Naja, dit is nich' wie ZDF-Fernsehgarten oder so, zumindest nicht, wenn richtig große Stars da sind." "Stimmt, dit hat schon was, jedenfalls besser als Goldene Kamera oder Echo. Echo ist doch voll langweilig, kriegt halt jeder einen".

Na also: Während sich die in der Minderheit befindlichen Stones-Fans wieder aus der Stadt zurückziehen und den Horden Platz machen, die angereist sind, um einen Blick auf Bollywood-Superstar Sha-Rukh Khan zu werfen, herrscht in der Hauptstadt Gelassenheit, gemischt mit einem leisen, ganz leisen Anflug von Stolz auf die gute alte Berlinale.

Durchaus zu Recht, denn mit "There Will Be Blood" hat Festivalchef Dieter Kosslick einen guten Fang gemacht. Der knapp dreistündige Film von "Magnolia"-Regisseur Paul Thomas Anderson gehört mit acht Nominierungen zu den Favoriten bei der Oscar-Verleihung, und mit Hauptdarsteller Daniel Day Lewis kam heute ein Star nach Berlin, der mit großer Wahrscheinlichkeit am 24. Februar seinen zweiten Oscar gewinnen wird. Einen bekam der Brite, der als Method Actor noch wahnsinniger sein soll als Robert De Niro, bereits vor 18 Jahren für "Mein linker Fuß".

In "There Will Be Blood" spielt er den unabhängigen Pionier und Ölförderer Daniel Plainview, der es in den Anfangstagen des 20. Jahrhunderts mit mächtigen Ölkonzernen und einer aufkeimenden Kirche zu tun bekommt. Lose basierend auf den ersten 150 Seiten von Upton Sinclairs Klassiker "Oil!", erzählen Anderson und sein Hauptdarsteller die Geschichte eines geradezu teuflisch pragmatischen Mannes, der vor lauter Gier nach noch mehr Öl und Geld nicht nur über Leichen geht, sondern sich aus purem Misstrauen gegen Neider und Konkurrenten auch noch gegen jede menschliche Zuneigung sperrt.

Archetypen am Rande des Nervenzusammenbruchs

Leidtragender ist sein adoptierter Sohn H.W., der nach einem Unfall auf einem Ölförderturm taub (und damit unbrauchbar für Plainview) wird und verstoßen wird. Gegenspieler des Ölbarons, den der hagere Day-Lewis mit verkniffenem Gesicht und humpelndem Gang verkörpert, ist ein junger Priester, der auf dem kargen Wüstensand Nordkaliforniens seine eigene Kirche baut. Doch wer zu Beginn des Films geglaubt hatte, dieser Eli Sunday (Paul Dano) sei auch nur ein Jota weniger fanatisch als Plainview, stellte bald fest, dass er vollkommen falsch lag.

Gier, Glaube, Kirche und Kapitalismus, Gewalt und Streben nach größtmöglicher Unabhängigkeit und Freiheit, egal, ob nun persönlich oder marktwirtschaftlich - das sind die Themen, die hier vor bildmächtiger Kulisse verhandelt werden. Und damit hat man die noch heute vorherrschenden Grundmotive der amerikanischen Gesellschaft grandios, zuweilen vielleicht ein bisschen zu elegisch auf den Punkt gebracht. Man könnte "There Will Be Blood" eine Meditation über Amerikas pech-, nein: ölschwarze Seele nennen.

Es muss viel Kraft kosten, so einen Brocken von Film zu drehen. Vielleicht waren Daniel Day-Lewis, Paul Gano und Regisseur P.T. Anderson deshalb eher unwillig, die Fragen der Journalisten bei der Pressekonferenz am Nachmittag zu beantworten: pure Erschöpfung! Day-Lewis jedenfalls freute sich immer, wenn er Fragen nach seiner Rollenvorbereitung oder seinem Einsatz von Method Acting maliziös lächelnd mit "Endlich wieder eine Frage, die ich nicht beantworten kann" quittierte. Und Anderson, ohnehin als schüchtern bekannt, bekam kaum noch ein Wort heraus, wenn er nach den zahlreichen Bezügen zur aktuellen Politik und zum heutigen Zeitgeschehen gefragt wurde, die sein Film fraglos hergibt. Man habe ja einfach nur versucht, genau diese Geschichte zu erzählen, das sei alles. Große Künstler sind manchmal noch größere Profis in ihrer Art, sich als Künstler zu inszenieren.

Das Vater-Sohn-Drama, das sich in "There Will Be Blood" entfaltet, passt ganz gut zu den Vaterschaftssorgen, die sich gleich zwei Männer im Wettbewerbsbeitrag "Zou You" ("In Love We Trust") des chinesischen Regisseurs Wang Xiao Shuai machen müssen. Die kleine Tochter von Mei Zhou ist an Leukämie erkrankt, und Rettung verspricht lediglich eine Rückenmarkstransplantation. Leider aber sind weder Zhou noch ihr Ex-Mann Xiao Lu geeignete Spender, so dass die beiden beschließen, ein neues Kind zu zeugen. Problem: Beide sind schon lange neu verheiratet und eine künstliche Befruchtung funktioniert nicht.

Vor welche unlösbaren Konflikte - moralisch, ethisch und emotional - einen das Ringen um Leben oder Tod stellen kann, zeigt dieser unauffällige, in tristen Farben gehaltene Film mit für chinesische Verhältnisse ungewohnter Offenheit. Die akribische Beobachtung von Gefühlsvorgängen, das langsame Erzählen, das Verharren auf Gesichtern, das manchmal quälende Ausloten von Situationen rückt Wangs bemerkenswerten Film nahe ans europäische Kino. Beziehungs-Katastrophen im chinesischen Alltag, amerikanische Archetypen am Rande des Nervenzusammenbruchs - die Welt trifft sich mal wieder in Berlin.



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