Berlinale-Tagebuch: Gute Hirten, durstige Schäfchen

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Ganz schön viele Hirten auf der Berlinale: Eine davon hütet tatsächlich Schafe, der andere beschützt ganz Amerika. Robert De Niro freute sich am dritten Festivaltag über die Begeisterung für sein CIA-Epos "The Good Shepherd"; für Tragikomik in der mongolischen Steppe sorgte "Tuyas Hochzeit" aus China.

Ist schon eine reichlich trockene Angelegenheit manchmal, die Berlinale. Nachdem in diesem Jahr offenbar kein Getränkesponsor gefunden wurde, hat man als rasender Festival-Reporter, der von Screening zu Pressekonferenz hetzt, fast schon ein bisschen Sehnsucht nach den irrwitzigen Geschmacksrichtungen, die der letztjährige Wasser-Spender an den Berlinale-Besuchern ausprobierte. Wer in diesem Jahr durstig ist, der muss kaufen, entweder billig in den Katakomben der Potsdamer-Platz-Arkaden - oder teuer bei Starbucks & Co.

Vielleicht konnte man sich auch aus diesem Grund besonders gut in den Wettbewerbsfilm "Tuyas Hochzeit" einfühlen, denn die chinesische Produktion handelt von einer jungen mongolischen Schafhirten-Frau, die ihr mit Kanistern beladenes Kamel jeden Tag meilenweit durch die windgepeitschte Wüstenei zur nächsten Wasserstelle führen muss, weil sich ihr Mann beim Graben eines eigenen Brunnens hinter dem Haus zum Invaliden gemacht hat und seitdem zu nichts mehr zu gebrauchen ist. Über kurz oder lang muss sich die zweifache Mutter Tuya einen neuen Ehemann suchen, und Bewerber gibt es genug. Die Bedingung ist jedoch: Der neue Gatte muss für das Wohl des alten sorgen - unter einem Dach. Das sorgt für allerlei Triebstau.

Der junge Regisseur Wang Quan An beschreibt in seinem zweiten Spielfilm die Notwendigkeit des menschlichen Zusammenrückens in der entlegensten chinesischen Provinz. "Tuyas Hochzeit" erinnert allein wegen seiner unvergleichlichen Naturkulisse an die vor zwei Jahren oscarnominierte "Geschichte vom weinenden Kamel" der Münchner Filmstudenten Byambasuren Davaa und Luigi Falorni - und verfügt über die gleiche tragikomische Atmosphäre.

Zwischendurch übt Wang ganz unsubtil Kritik an der marktwirtschaftlichen Öffnung Chinas: Einer der potentiellen Bräutigame, ein Ölmillionär, kommt mit einem dicken Mercedes in die Steppe gebraust und bietet Tuya ein Leben in Reichtum und Luxus. Bater jedoch, ihr verkrüppelter Ex-Mann, müsste sein restliches Leben in einem Sanatorium fristen. Klar, dass der Kapitalist den Laufpass kriegt - und Tuya mitsamt ihrer Kinder in einem riesigen, sozialistisch roten Laster das Weite sucht.

CIA-Epos über die ganz großen Themen

Ein hübscher Film, der wohlwollend beklatscht wurde, auch wenn's kein Happy End gab. Das scheint ohnehin nicht so angesagt zu sein bei der diesjährigen Festival-Auswahl, denn auch der nächste Hirten-Film des Festivals, "The Good Shepherd", Robert De Niros ehrgeiziges Epos über die Ranküne der CIA im Kalten Krieg, endet in Moll. Anhand des Yale-Absolventen Edward Wilson (Matt Damon), der im Zweiten Weltkrieg zur Schlüsselfigur des amerikanischen Geheimdienstes im zerstörten Berlin wird, erzählt der knapp dreistündige Film die Geburt jener Spionage-Agentur, die "nie 'die CIA' genannt wird, man sagt ja auch nicht 'der Gott'". Je mehr sich Edwards für das Wohlergehen seines Landes engagiert und sich auf klandestine Machtspiele mit seinem russischen Gegenspieler einlässt, desto mehr geht sein Privat- und Familienlieben vor die Hunde. Als der Film nach der Kuba-Krise 1961 endet, hat Edwards alles verloren - außer seiner Macht.

Es sind also die ganz großen Themen, die hier verhandelt werden: Patriotismus, Opferbereitschaft, Familienzusammenhalt, die Mikro-Mechanismen der amerikanischen Gesellschaft, in deren Schaltzentrale geheime Männerbünde wie "Skull & Bones" residieren, die ungebrochene Herrschaft der WASPs. De Niro, der in "The Good Shepherd" (deutsch: "Der gute Hirte") auch eine kleine, sehr feine Rolle spielt, inszenierte seine zweite Regiearbeit im Stile der großen Mafia-Epen von Francis Ford Coppola und Martin Scorsese.

Ob italienische Gangster-Familie, amerikanisch-puritanische Sekte oder staatlich eingesetzter Geheimdienst - die Gesetze der Macht, die Notwendigkeit der Unmoral, Gewalt, Geheimniskrämerei und überall lauernder Verrat – all das gibt es hier wie dort. "Der gute Hirte" ist ein konzentriert erzähltes und beeindruckend vielschichtiges Panorama-Gemälde mit einer ganzen Armada hervorragender Darsteller, allen voran Matt Damon und Angelina Jolie, John Turturro und William Hurt, Billy Crudup und Martina Gedeck, die einen aufsehenerregenden Mini-Auftritt als deutsche Übersetzerin hat.

Irre Koreaner und der irre Franz Biberkopf

Auf der Pressekonferenz heute Nachmittag, bei der es fast zu Ausschreitungen kam, weil zu viele Journalisten in den Raum im Mezzanine des Park Hyatt strömen wollten, freuten sich Robert De Niro, Matt Damon und Martina Gedeck über die begeisterte Reaktion der Journalisten und ließen sich gerne ein bisschen feiern. In den USA ist "Der gute Hirte" nämlich bereits im Kino gelaufen und spielte dort nach durchwachsenen Kritiken ("langatmig", "schläfrig") nur knapp 60 Millionen Dollar ein.

Wenig für ein Projekt, an dem Produzent Francis Ford Coppola und De Niro neun Jahre lang gefeilt haben. Vielleicht läuft es ja in Europa besser, vor allem hierzulande mag man das langsam erzählte Epos ja eigentlich, besonders, wenn es genug Melodram bietet. De Niro kündigte jedenfalls schon mal in der ihm eigenen Trockenheit an, dass er die Geschichte seines "guten Hirten" gerne noch bis in die Neuzeit erzählen würde. Man darf also auf Teil zwei und drei dieses CIA-"Paten" hoffen.

Ah, die Trockenheit! Da war sie wieder. Auch in Park Chan-wooks Wettbewerbsfilm "I'm a Cyborg, but that's ok" geht es ein bisschen ums Darben, denn der neue Film des "Oldboy"-Regisseurs erzählt eine rührende und völlig durchgeknallte Liebesgeschichte in einem Irrenhaus. Das Mädchen Young-goon hält sich für einen Roboter (engl. Cyborg), redet mit dem Getränkeautomaten und lutscht an Batterien, statt richtiges Essen zu sich zu nehmen. Das geht natürlich nicht lange gut, also denkt sich der vermeintliche Kleptomane Il-soon eine entzückende - und natürlich rein fiktive Apparatur aus, die er Young-goon "einpflanzt", damit sie profanen Reis in Energie umwandeln kann. Klingt verrückt? Spielt ja auch in der Klapse.

Ein bisschen irre ist bekanntlich auch Franz Biberkopf, Protagonist von Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" und auch der berühmten Verfilmung von Rainer Werner Fassbinder. Das 13 1/2-stündige Monumentalwerk wurde jetzt mit Bundesmitteln und Filmfördergeldern aufwendig restauriert und wird morgen in der Reihe "Berlinale Special" erstmals seit 1984 wieder gezeigt. Gestern Abend wurden die ersten beiden Teile im Rahmen einer Gala-Premiere im ebenfalls renovierten Admiralspalast gezeigt.

Für die richtige Einstimmung auf den Berserker Biberkopf im boomenden Berlin der zwanziger Jahre sorgte kongenial Max Raabe mit seinem Palast-Orchester, die Laudatio hielt Kulturstaatsminister Bernd Neumann, der sich in diesem Ambiente sichtlich wohler fühlte als am Eröffnungs-Abend mit Charlotte Roche. "Berlin Alexanderplatz" erwies sich übrigens auch in seiner "remasterten" Form (viel Tiefenschärfe, weniger Verdunklungskino) als reichlich schwere Kost. Dafür war's dann wenigstens draußen nicht mehr trocken, als man spätnachts die Friedrichstraße herunterspazierte. Da hatte nämlich längst der allabendliche Schneefall eingesetzt.

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