Berlinale-Tagebuch Julia und die Glühwürmchen

Halbzeit der Berlinale mit zwei stimmungsvollen Familiendramen: "Fireflies in the Garden" von Dennis Lee und Doris Dörries' "Kirschblüten - Hanami" überzeugten mit großen Gefühlen.

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Die Präsidentensuite im Hotel Adlon war schon für sie reserviert. Aber Julia Roberts ist dann doch lieber zu Hause in Los Angeles geblieben und nicht ins sonnige Berlin gereist zur Weltpremiere von "Fireflies in the Garden", ihrem neuen Film, der außer Konkurrenz im Wettbewerb der Berlinale läuft.

Schade eigentlich, denn "Fireflies in the Garden" ("Glühwürmchen im Garten", benannt nach einem Gedicht von Robert Frost), die erste US-Produktion von Senator Entertainment und zugleich das Spiefilmdebüt von Kurzfilm-Oscar-Gewinner Dennis Lee, ist ein durchaus stimmungsvolles Familiendrama. Auch bei "Fireflies" gilt der berühmte erste Satz aus Tolstois "Anna Karenina": "Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Art."

Das Unglück der Famile Taylor heißt Charles, berzeugend gespielt von Willem Dafoe ("Platoon", "Spider-Man"), ein strenger Patriarch, der seinen zehnjährigen Sohn Michael brutal unterdrückt. Michaels Mutter Lisa (Julia Roberts) versucht immer wieder, den Streit zu schlichten und ihren Mann zu mäßigen, meist vergeblich.

Schnitt - und ein Zeitsprung in die Gegenwart. Michael (Ryan Reynolds) ist mittlerweile Anfang 30 und ein erfolgreicher Schriftsteller. Gerade hat er seinen neuen Roman fertig, eine autobiographische Abrechnung mit dem Vater. Nur widerwillig reist der junge Autor für eine Familienfeier in die alte Heimat, doch kurz bevor er dort ankommt, stirbt Mutter Lisa bei einem Autounfall. Der alte Vater-Sohn-Konflikt geht nun selbst während der Trauerfeier in eine neue Runde.

Sehnsuchtsland Japan

Ein wenig wie eine Beerdigung erster Klasse wirkte auch der Premierenempfang zu "Fireflies" in der Nacht zum Montag. Der aseptische Festsaal des Hotel de Rome am Gendarmenmarkt, mit weißen Lilien dekoriert, erinnerte an eine Aussegnungshalle. Die sakrale Atmosphäre wurde noch verstärkt durch die sanfte Eso-Musik, die der DJ auflegte, während die Gäste ihre Müdigkeit mit Champagner bekämpfen durften.

Wer trotzdem durchhielt, konnte um kurz nach zwei Uhr morgens den gutgelaunten Willem Dafoe beobachten, außerdem den "Leaving Las Vegas"-Regisseur Mike Figgis (im T-Shirt mit Micky-Maus-Aufdruck), den ARD-Clown Oliver Pocher sowie die Schauspieler Thomas Kretschmann ("King Kong") und Udo Kier. Letzterer guckte im Blitzlichtgewitter der Fotografen, als probe er für einen neuen Vampir-Film.

Ein weiteres Familiendrama, in dem plötzlich die Frau und Mutter stirbt und ihre Familie damit in dumpfe Trauer stürzt, erwartet die Festivalbesucher am Montagabend: "Kirschblüten-Hanami" von Doris Dörrie mit Elmar Wepper und Hannelore Elsner, einer von zwei deutschen Filmen im Wettbewerb um den Goldenen Bären. Wepper spielt darin den Witwer Rudi, der nach dem Tod seiner Frau nach Japan reist, ihr Sehnsuchtsland, das sie nie selbst gesehen hat. Wenn Rudi durch Tokio irrt und dabei sich selbst entdeckt, entwickelt der Film eine unerwartete Poesie und bisweilen sogar eine leise Komik à la "Lost in Translation".

Vielleicht werden auch ein paar japanische Journalisten Dörries Film gucken - fast 70 Mitarbeiter japanischer Medien, von "Fuji Television" bis zur "Tokyo Shimbun", sind bei der Berlinale akkreditiert. Und da Julia Roberts nicht in der Stadt ist, sind jetzt sicher auch ein paar Kapazitäten frei für "Kirschblüten".



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