Berlinale-Tagebuch Lachen bitte nur draußen

In "Kollektivet" machen sich Neu-Kommunarden nackig, die Doku "Zero Days" zeigt die Zukunft des Cyberkriegs. Zum Glück gibt es auf der Berlinale aber auch noch was zu lachen.

Ola Kjelbye/ Berlinale

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Vielleicht können wir uns den Trick von Spike Lee klauen. Der lässt in seinerAgit-Prop-Revue "Chi-raq" vor einem Arsenal, in dem sich drei Dutzend Frauen für ihren Sexstreik verschanzt haben, große Lautsprecher auffahren. Daraus tönt sinnlicher R'n'B, während ein Haufen gut gebauter Männer in knappster Uniform den Hintern schwingt. Und schon bald kommen die Frauen auf ganz andere Gedanken.

Ganz ähnliches sollte man versuchen, wenn die Auswahlkommission für den Berlinale-Wettbewerb tagt. Ihren Sitzungsraum mit durchgeknalltem Pop beschallen und sich vor den Fenstern die Glieder verrenken. Vielleicht machen sie sich dann auch mal locker und laden einen lustigen Film in den Wettbewerb ein. Bislang dominiert dort nämlich die verbissene Ernsthaftigkeit. Selbst die Witze der Kabarettistin aus dem deutschen Film "24 Wochen" sind so flach, dass sie sogar Derek Zoolander lamé gefunden hätte.

Immerhin verbindet Thomas Vinterberg in "Kollektivet" ("Die Kommune", deutscher Kinostart: 21. April) mehrere Tonalitäten. Ganz leichtfüßig beginnt der Däne seinen autobiografisch geprägten Film über eine Kommune im Kopenhagen der Siebzigerjahre. Weil sie mehr Austausch mit anderen Menschen möchte, bringt Nachrichtensprecherin Anna (Trine Dyrholm) ihren Mann Erik (Ulrich Thomsen) und ihre Tochter Freja (Martha Hansen) dazu, die geerbte Großstadtvilla nicht zu verkaufen, sondern mit einer Hand voll Freunden einzuziehen.

Es wird viel getrunken und auch mal - so viel Skandinavien muss sein - kollektiv nackt gebadet. Über die Hausordnung wird ab und zu gestritten, und gefragt, wie es denn einem so gerade geht, wird tatsächlich viel zu oft. Doch insgesamt verläuft das Leben in der Villa-WG ausgesprochen harmonisch. Bis sich Erik in eine Studentin verliebt. Plötzlich liegt es an Anna zu entscheiden, wie alternativ es wirklich in der Kommune zugehen kann.

Anders leben, anders leiden

Kein Klamauk über Hippie-Marotten, aber auch keine Abrechnung mit den 68er-Glücksversprechen: Mit "Die Kommune" versucht Thomas Vinterberg vielmehr eine unaufgeregte Bestandsaufnahme alternativer Lebensentwürfe. Die Kommune, so die Deutung von Vinterberg und seinem angestammten Co-Autor Tobias Lindholm ("Die Jagd", "Submarino"), fungiert wie eine Art Prisma. Es bündelt das Licht und strahlt es in einem bunten Spektrum in alle Richtungen aus. Für manche bringt das Gemeinschaftsleben nie gekannten Zusammenhalt, für andere zersetzt es ihr Glück. Wem es wie ergeht, ist nicht absehbar. Auch wenn am Ende von "Die Kommune" viel geweint wird: Undramatischer und undogmatischer hat sich schon lange kein Film mehr den Siebzigern genähert.

Gar nicht gelacht, ja, noch nicht einmal gesprochen, wird zunächst in Alex Gibneys neuem Dokumentarfilm. Kein Kommentar, dazu kann ich nichts sagen, streng geheim, selbst wenn ich etwas wüsste, würde ich es nicht sagen: "Zero Days" beginnt mit lauter Experten, die mit trügerischem Grinsen bedauern, in der Sache leider nichts sagen zu können. Die Sache, das ist die Cyberattacke auf das iranische Programm zur Urananreicherung im Jahr 2010. In den Medien setzte sich "Stuxnet" als Name für den eingesetzten Computerwurm durch. Doch intern, wie eine schließlich doch auskunftsfreudige Quelle Gibneys verrät, hieß die Operation OG - Olympic Games.

Einen globalen Wettkampf der Nationen, allerdings grob unsportlich mit den unregulierten Mitteln des Cyberkriegs geführt: Das sieht Gibney (Oscar 2007 für "Taxi to the Dark Side") als Konsequenz von Stuxnet. Äußerst sorgfältig trägt der US-Amerikaner die Beweise dafür zusammen, dass die USA und Israel hinter dem digitalen Angriff auf Iran standen. Dabei stellt er die Bedrohung, die die israelische Regierung von Iran ausgehen sieht, nicht grundsätzlich in Frage. Doch wenn er Barack Obama zeigt, wie er den historischen Durchbruch bei den Verhandlungen über Irans Atomprogramm im Spätsommer 2015 verkündet, macht Gibney klar, dass er Diplomatie für den richtigen Weg hält. Doch wie viele Chancen hat Diplomatie noch in Zeiten nach Stuxnet?

In kleinteiligen Interviews mit IT-Experten fächert Gibney die Besonderheiten des Stuxnet-Wurms auf, seine Raffinesse und seine Aggressivität. Das stärkt zum einen das Verständnis auch von Laien, wie diese spezielle Malware funktioniert und wie genau sie die Zentrifugen in der iranischen Atomanalage Natans angreifen konnte. Zum anderen zeigt sich so aber auch allgemeiner, was im Rahmen von Cyberattacken mittlerweile möglich ist - vom Stilllegen einzelner Zentrifugen bis zum Aussetzen der Wasserversorgung eines gesamten Landes anscheinend alles. Das Datum, ab wann das alles möglich ist, trägt Gibneys Film im Titel: "Zero Days". Das ist der Fachbegriff für: sofort.

Ground control an Philippe Mars

Von Alex Gibney auf den Weltuntergang eingestimmt, kam Dominik Molls neuer Spielfilm "Des nouvelles de la planète Mars" (Neuigkeiten vom Mars) noch mal besser zupass, als es die charmante Komödie auch ohne Maximalkontrast schon getan hätte. Mars meint hier den Familienvater und IT-Fachmann Philippe Mars (François Damiens). Der lebt eigentlich äußerst bodenständig, in der Firma wird seine Arbeit geschätzt, mit seiner Ex-Frau teilt er sich das Sorgerecht um die zwei Kinder vergleichsweise reibungsfrei auf. Trotzdem scheint ihm der direkte Zugriff auf sein Leben abhanden gekommen zu sein: In seinen Träumen schwebt er als einsamer Astronaut über seiner Heimatstadt Paris.

Als sich in Brüssel die Eurokrise zuspitzt, und seine Exfrau, eine Fernsehjournalistin, die Kinder bei ihm ablädt, weil sie von den Gipfeltreffen berichten muss, setzt auch bei Philippe die Krise ein. Dass ein abgeschnittenes Ohr, mehrere Dutzend Frösche sowie Vegetarismus dabei eine entscheidende Rolle spielen, muss als Beleg, wie schön irre es schnell auf dem "Planeten Mars" zugeht, reichen - mehr würde zu viel über die wunderbar gemächliche Eskalation der Ereignisse verraten.

In seinem fünften Spielfilm hält der gebürtige Deutsche Moll ("Harry meint es gut mit dir") beständig die Balance zwischen grotesker Handlung und zärtlicher Figurenzeichnung. Mit aktuellen deutschen Komödien hat das natürlich nichts zu tun - aber auch nichts mit den französischen Humor-Blockbustern, die sich am Multikulturalismus abarbeiten. Am meisten verbindet "Des nouvelles de la planète Mars" noch mit der belgischen Hit-Komödie "Das brandneue Testament", die ebenso gekonnt Satire und Sozialkritik unter einen Hut brachte.

Klingt insgesamt nach einem Kandidaten auf die Bären? Gott bewahre - "Des nouvelles de la planète Mars" läuft natürlich außer Konkurrenz und kommt deshalb für keinen Preis in Frage. Es wird wirklich höchste Zeit für ein Tänzchen vor den Fenstern der Auswahlkommission.

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